Hannah ist tot

Hannah (Hera) vom Theelshof    9.7.2004 – 15.1.2018

In der Weihnachtswoche wollte sie zwei Tage lang nicht so richtig fressen. Ich ahnte schon, dass das bei dem alten Hund Ungutes verheißt. Am dritten Tag entwickelte sie eine massive Gelbsucht. Tierklinik. Im Ultraschall sah die Leber unauffällig aus, kein Tumor zu sehen. Aber katastrophale Leberwerte, jenseits dessen, was das Analysegerät im Labor messen kann. Ab dann alle zwei Tage hochdosiert Cortison als Entzündungshemmer und Vitamin B gespritzt. Die anfängliche Befürchtung, dass Hannah die Feiertage nicht überstehen würde, traf nicht ein, sie schien sie sich nochmal zu rappeln. Fraß wieder, forderte ihr Personal zu Spaziergängen auf. Es ließ sich aber nicht leugnen, dass der Hund rasant abbaute, auch muskulär. Damit begann die beschissen schmerzhafte Zeit, da man weiß, dass bald eine sehr schwere Entscheidung ansteht.

Topfit bis ins hohe Alter: Dieses Bild ist einen Monat vor Ausbruch ihrer Erkrankung aufgenommen worden. Foto: SE

Man schaut seinen klapprig gewordenen geliebten alten Köter an und fragt sich, ob man ihm jetzt ein schlechter Herr ist, weil man ihn aus Sentimentalität und Egoismus noch länger leben lässt. Den Hund kann man ja nicht fragen, wie es ihm geht. Also fragt man die Leute in der Tierklinik: Wir glauben nicht, dass der Hund starke Schmerzen hat. Solange das so bleibt und er frisst und rumläuft, lass ihn leben. Die Tierärztin meines Vertrauens sagt ungefähr dasselbe. Solange sie noch teilnimmt und Lebensfreude hat, lass sie. Wenn Du Hannah zu früh einschläferst, wirst du dir später auch Vorwürfe machen. Dass du sie abgeschoben hast, als es unbequem wurde.

Hannah als Welpe auf dem Theelshof: An dem charakteristischen Muster der braunen Platten auf dem Rücken immer gut zu erkennen. Foto: privat

Es ist alles vereinbart. Hannah wird nicht in der Klinik oder der Tierarztpraxis sterben müssen. Die Tierärztin meines Vertrauens kommt hierher, jederzeit, auch nachts. Anruf genügt. Es lässt sich immer weniger verdrängen, dass die Entscheidung ansteht. Zunächst frisst Hannah wieder ganz gut, wird aber trotzdem immer dünner. Wahrscheinlich kann sie die zugeführte Nahrung kaum mehr verstoffwechseln. Ich werde nicht zusehen, wie sie vor dem gefüllten Fressnapf verhungert. Sie wird immer wählerischer. Zuerst frisst sie mit Begeisterung Leber-Schonkost: Hähnchen mit Reis. Dann nur noch ohne Reis. Dann das Hähnchen nicht mehr roh, aber gebraten, dann auch gebraten nicht mehr, dafür gekocht. Andere Delikatessen werden aufgefahren, sie soll doch noch ein paar schöne Tage haben, feinstes Rindfleisch, Wild, Katzenfutter mit Fisch. Es funktioniert alles nur für kurze Zeit. Am Sonntag, ihrem letzten Tag, läuft sie noch zum Gartentor und bleibt davor stehen, will spazieren gehen, galoppiert über die Wiesen. Aber sie frisst nichts mehr. Kein Wiener Würstchen, kein Leckerli, kein Stück Käse. Ich weiß, morgen muss es sein.

Foto: SE

Die Entscheidung hat sie mir dann abgenommen. Nachts schmiss sie mich drei Mal raus, weil sie trinken wollte, so wie in den Wochen zuvor. Seit der Erkrankung trinkt sie sehr viel, und seltsamerweise will sie nur noch Regenwasser trinken, Leistungswasser wird hartnäckig verweigert. Also raus, die dünne Eisdecke vom Wassernapf entfernen, Hund saufen lassen, wieder rein. Nach dem dritten Durchgang dieser Prozedur lösche ich gegen 3 Uhr morgens wieder das Licht. Ich merke, wie Hannah jäh den Kopf hochwirft, zweimal kurz jifft – und sie ist tot.

Foto: SE

Als ich Hannah gerade einmal acht Wochen alt kaufte, hatte ich zuvor ein paar Jahre keinen Hund gehabt. Aus dem üblichen Grund: Nach dem letzten Abschied dieser Art hatte ich keine Lust mehr auf den Schmerz und die Tränen alle paar Jahre. Aber: Du ohne Hund, das geht ja gar nicht, du kommst mir vor wie der Mann ohne Schatten – so ging das die ganze Zeit. Und irgendwann hatten sie mich soweit. Vor 13,5 Jahren verbrachte ich den Großteil meiner Zeit auf Reiterhöfen. Da gab es so einen Pferdetierarzt, der die DKs vom Theelshof abführte. Wenn er im Sommer mit seinem VW-Bus auf den Hof fuhr, standen wegen der Hitze und der Hunde immer alle Fenster offen. Im Auto lagen immer mindestens drei Hunde und schnarchten. Steckte ein Fremder wie ich die Hand ins Auto, um die Hunde zu tätscheln, wechselten diese übergangslos von Tiefschlaf zu großer Hundefreude. Es war – neben ihrer Schönheit – vor allem diese extreme Gutmütigkeit, die mir an Marcels Hunden so gefiel.

Immer freundlich: Ein (uns unbekanntes) Kind schließt ziemlich stürmisch Freundschaft mit Hannah – auf die Gutmütigkeit der Hündin war immer 100%ig Verlass. Foto: SE

Und so hat Hannah in ihrem ganzen langen Hundeleben nicht einmal auch nur das geringste Anzeichen von Aggressivität einem Menschen gegenüber an den Tag gelegt – nicht gegenüber dem sie malträtierenden Tierarzt, und schon gar nicht gegenüber fremden Kindern, die ihr an den Ohren zogen und den Finger in die Nase steckten. Als Hannah ein Dreivierteljahr alt war, ging ich mit ihr eine Runde in einem belebten Berliner Hundeauslaufgebiet spazieren. Ein etwa fünf Jahre alter Junge riss sich von seinen Eltern los, stürmte auf Hannah zu und schlang ihr beide Arme fest um den Hals. Ich war zu verdattert, um irgendwas zu sagen, als seine Eltern auch schon anfingen, markerschütternd zu schreien. Verdutzt ob des unerwarteten Lärms ließ der Junge Hannah los und blickte sich fragend zu seinen Eltern um. Hannah schleckte ihm einmal freundschaftlich mit dem rosa Lappen durchs Gesicht, damit war der Fall für sie erledigt.

Immer gut gelaunt. Foto: SE

Auf einer Gartenparty waren etliche Eltern und Kinder geladen, die mit Hunden und Jagd wenig bis nichts zu tun hatten. Aus Rücksichtnahme auf diese sollten die zahlreichen anwesenden Hunde ausnahmsweise alle in den großen Auslauf gesperrt werden – mit dem Erfolg, dass fünf Minuten später alle Kinder ebenfalls in dem großen Auslauf waren. Ein geistig leicht behindertes Mädchen schnappte sich einen Kaninteckel und erteilte ihm einige denkwürdige Lektionen über Wesen und Wirkung der Zentrifugalkraft. Das ging irgendwann nicht mehr, die Dackelbesitzer ließen den Hund unauffällig im Auto verschwinden. Das Mädchen griff sich Hannah. Irgendwann tippte mir die Mutter des Kindes besorgt auf die Schulter: Du, das ist doch dein Hund. Geht das? Das kräftige Mädchen hielt Hannah am Halsband gepackt und rannte los. Stop. 180 Grad Kehrtwende und mit Volldampf in die Gegenrichtung. Dann im spitzen Winkel wieder zurück. Hannah lachte übers ganze Gesicht und schien zu sagen: Super, wohin jetzt? Mach dir keine Sorgen, sagte ich, sie findet’s toll…

Immer dabei: Hannah beim Campingurlaub in Schweden. Foto: SE

Wenn ich schon einen Jagdhund habe, dann mache ich auch einen Jagdschein, sagte ich mir. Mit der Idee hatte ich mich schon länger beschäftigt, Hannah gab den Ausschlag. Mit Marcels Hilfe begann ich die Ausbildung, und das war ein großes Vergnügen. Die Hündin ging mit solcher Arbeitsfreude, ja Arbeitswut zur Sache, es war so leicht, ihr etwas beizubringen, dass man oft den Eindruck hatte, man frischt nur etwas auf, was sie schon gelernt hat.

Immer mit Begeisterung bei der Sache. Hannah in jungen Jahren. Foto: SE

Ein Bild von einem Hund. Hannah mit drei Jahren. Foto: SE

Egal wie heiß die Sonne brannte oder wie eisekalt das Wasser war: Hannah war unermüdlich, man musste sie bremsen, sonst hätte sie gejagt bis zum Umfallen. Einmal, nach einem Arbeitseinsatz im Revier wollte ich, dass sie in den Lada Niva eines Freundes springt: Hopp rein! Sie guckte mich an, als wollte sie sagen, wie soll das gehen, da ist die Hecktür und die Deichsel des Anhängers im Weg. Dann rannte sie auch schon los, nahm Anlauf und sprang über den Anhänger und die Deichsel hinweg mit solchem Karacho in den Kofferraum, dass das ganze Gespann schaukelte und schlingerte. Irgendjemand zog die Augenbrauen hoch und stöhnte “Turbo-Hannah!” und sie hatte ihren Spitznamen weg. Vor der VGP dachte ich, nachdem ich Tabels Ausführungen über den Zwangsapport gelesen hatte, ich müsste Turbo-Hannah wenigstens einmal dazu bringen, das Apportel nicht voller Begeisterung zu bringen. Ich nahm also an einem heißen Sommertag das extraschwere Fuchsapportel und warf es, bis mir der Arm weh tat. Hannah brachte es mit wachsender Begeisterung. Ich wechselte den Arm und dachte, wenn sie wenigstens nicht mehr im Galopp, sondern im Trab zurückkommt, höre ich auf. Als sich beide Arme taub anfühlten und es langsam dunkel wurde, gab ich auf. Ich hatte das Gefühl, mich auf die Bringfreude der Hündin unbedingt verlassen zu können. War auch so, bald darauf führte sie mich als Erstlingsführer zum VGP-Suchensieg.

Foto: SE

Foto: SE

Mit Hannah Fasane oder Enten zu jagen war ein ganz großes Vergnügen, und als ich sie vermehrt im Forst zum Stöbern einsetzen wollte, schauten sich die dortigen Stöberhundleute das – zunächst skeptisch wegen der hohen Läufe – an, um dann zu sagen, nur zu, die stöbert ja wie einer von unseren Hunden. Sie machte sehr ordentliche Nachsuchen und viele Jahre lang habe ich nach dem Stöbereinsatz auf Drückjagden noch ein paar Nachsuchen mit ihr gemacht, bei denen sie umso besser lief, weil sie sich vorher den Flitz aus den Beinen gelaufen hatte. Diese Vielseitigkeit auf hohem Niveau und die Fähigkeit, zwischen verschiedenen Jagdarten umzuschalten, begeisterten nicht nur mich. Viele sagen, so einen Hund kriegst du nicht wieder und ich fürchte, sie haben Recht.

Bei all dem war sie der denkbar beste liebenswürdigste Kamerad. Viele sagen, sie hatte bei dir auch das denkbar beste Hundeleben. Ich hoffe, sie würde das auch so sehen. SE

Gemütlicher Nachmittag: Ein gutes Buch, eine gute Tasse Tee, ein guter Hund… Foto: SE

 

22 Gedanken zu „Hannah ist tot

    1. Jürgen A.

      Lieber Stephan, lese heute nach längerem Grippe-Aus Deinen Nachruf auf Hannah. Es ist schmerzlich und ich teile Deine Gefühle als langjähriger Hundeführer. Stirbt ein treuer Jagdhund, geht mit ihm auch ein Stück eigenes Jägerleben vorbei. Was bleibt sind Bilder und die Erinnerung. Du bist aber noch jung und kannst einen Neuanfang mit einem Welpen wagen. Dazu wünsche ich Dir viel Waidmannsheil mit Ho Rüd Ho.

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  1. Torsten Gadow

    Das kann nur jemand schreiben, der Hunde wirklich L E B T !!! Meine Frau und ich waren zu Tränen gerührt beim lesen dieses so unbeschreiblichen Nachrufs! Wir beide sind Jungjäger, leben mit unseren 3 “Banditen” im Haus (und auf einem großen Hof)…….. – und es ist soooo schön! Wenn die Autorin/der Autor mag, können Sie gern unseren Namen und email-adresse dorthin weiterreichen………..

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  2. Anko

    Ein schöner und sicher würdiger Nachruf für Hannah, die ich zweimal beim jeweils erfolgreichen, gemeinsamen Sauenstöbern im Schilf erleben durfte. Sie hatte sicher ein gutes Jagdhundeleben!

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  3. Suzi Quattro

    Ein Freund hat mich auf diesen Nachruf aufmerksam gemacht.

    Mein Beileid von ganzem Herzen! Nur zu gut kann ich die Trauer nachempfinden.
    Was für ein schönes, erfülltes Hundeleben! Die Bilder sprechen Bände. Hannah -eine traumhafte DK-Hündin- wurde geliebt.

    Seit 7 Jahren selbst im Besitz eines DK kann ich all die beschriebenen Eigenschaften vollumfänglich unterschreiben. Beim Durchlesen des Textes habe ich mich gefragt, ob dort gerade mein Hund beschrieben wird: Menschen- und kinderfreundlicher geht kaum, Apport bis zum Umfallen (des Werfers), niemals schlecht gelaunt und ausgestattet mit einem on-off-Knopf: Draußen “on”, drinnen “off”. Der perfekte Hund.

    Ohne Dich zu kennen, wünsche ich Dir alles Gute. Ein Hund, der einen solchen Nachruf erhält, hatte ganz sicher ein wunderbares Leben.

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  4. ahe

    Hallo Stephan,

    mein Beileid.
    Hannah‘s Nachruf bringt eine Zeit in Erinnerung die uns und vor allem Dir keiner mehr nehmen kann. Das war es Wert!

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  5. MH

    Mein Beileid.

    Wir mußten unsere Älteste vor Weihnachten begraben. Der Ablauf war fas identisch mit dem geschilderten.

    Wer selbst keinen Hund hat, wird nicht verstehen können, wie schlimm die Trennung ist.

    Der einzige Trost, den man sich erarbeiten kann, ist, seinem Hund das beste Leben ermöglicht zu haben, das er nur haben konnte.

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  6. Arnold Perlick

    Au Mann Stephan. Ein schwerer Gang der uns allen Hundeführern leider nur allzuoft bevorsteht. Einzig ein neuer Welpe schafft da Trost zu spenden.
    Fühl dich lieb umarmt.
    Grüße die Langedammer

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  7. Gottfried Schnurr

    Tief betroffen habe auch ich vom Tod Deiner lieben Hannah erfahren.

    Auch mein aufrichtiges Beileid zum Tod Deiner lieben Hannah, lieber Stephan!
    Sie wird auch mir sehr fehlen!

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  8. Jan Schöne

    Ein trauriger Anlass hat einen schönen Text entstehen lassen. Herzliches Beileid. Ich wünsche Ihnen eine angemessene Zeit guter Trauer und dass anschließend wieder ein Hund eine gute Heimat bei Ihnen findet.

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  9. Familie Fürstenberg

    Lieber Stephan, Ginger und unsere Familie werden Hannah sehr vermissen. Sie war ein toller Jagdhund und eine liebe und brave Begleiterin, die immer wusste in welcher Tasche die Leckerlies versteckt sind. Uns wird die feuchte Schnauze fehlen, die uns immer wieder aufgefordert hat aktiv zu werden. Deinen Hundenachruf finden wir sehr gelungen und ist eine schöne Erinnerung an Hannah. Deine Fürti’s und Ginger von der Exklave.

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    1. admin Beitragsautor

      Nochmal vielen Dank an alle, die ihre Anteilnahme – auch per Whatsapp, Mail und SMS – bekundet haben! SE

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  10. ELISON

    Lieber Stephan, von Deiner Mutter habe ich heute per Telefon von Hannahs Tod vor 14 Tagen erfahren und hier den Nachruf gelesen.. Wir fühlen mit Dir und wissen um den Schmerz, wenn ein treuer Begleiter nicht mehr Teil der Familie ist. Dabei spielt es keine Rolle, ob ein Hund, eine Katze oder ein Wellensittich stirbt. Ich habe mal von einem Landwirt vor sehr vielen Jahren einen Satz gehört, der dann für mich für alle Tiere galt, die zur Familie gehörten, oder auch im Freien lebten.
    ERST KOMMT DAS TIER, DANN DER MENSCH.
    Also vor dem Frühstück erst einmal den Fressnapf für Hund oder Katze füllen oder das Fettfutter und frische Wasser im Winter für die Singvögel bereitstellen, dann erst ist das eigene Frühstück zuzubereiten.
    Du bist noch jung und wir wünschen uns, dass bald wieder ein Vierbeiner den ‘Hauptgewinn’ erhält und bei Dir ein Hundeglück der besonderen Art findet.
    Hannelore und Norbert

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  11. Quade-Ruhs

    Lieber Stefan, jetzt erst mag ich diese Zeilen lesen, es hat lang gedauert. Fühl dich gedrückt. Mir stehen gerade die Tränen in den Augen. HRH liebste Hannah…
    Danke TurboHannah: Es waren bezaubernde Tage, welche wir mit unseren Hunden bei dir auf dem Hof verbringen durften und welch Tränen des Lachens du uns in die Augen getrieben hast, als du die Welt des Apportlns hast aufleben lassen, sowie das laute Diskutieren mit dem Stefan…
    Marco, Tina, Finn, Herrmann und deine Irma-Lotte

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    1. admin Beitragsautor

      Hey Tina,
      vielen Dank für Deine lieben Worte! Das war wirklich eine schöne Zeit, aber ist ja auch kein Wunder: Ihr seid die besten, liebenswertesten Gäste der Welt und hier immer willkommen, ob im Klappfix oder im Gästezimmer…

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