Hannah hoch zehn

Gestern vor zehn Jahren wurde die Grundlage gelegt – oder vielmehr: geworfen – für eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen, eines der besten Geschäfte, das ich je getätigt habe. Gestern hatte mein Hund Geburtstag, den einzigen runden, den er wohl leider erleben wird: Hannah alias Hera vom Theelshof wurde zehn Jahre alt. Zehn Jahre – das ist länger, als die meisten Ehen heute halten und viel länger, als viele von uns es in ihren schalen Beziehungen oder stumpfsinnigen Jobs aushalten. Ein Jahrzehnt – das kann heißen fünfmal umziehen, sieben neue Autos kaufen und einmal den kompletten Freundeskreis austauschen. Der Hund bleibt. Merkwürdig, dass der von vielen Konstanten im Leben anscheinend unausweichlich hervorgerufene Überdruss ausgerechnet um die Vierbeiner einen Bogen macht.

Wer einen guten Hund hat, will in der Regel keinen anderen. Das übrigens beruht auf Gegenseitigkeit: Ein Hund, der einen guten Herrn hat, will auch keinen anderen. Wie der struppige Mischling des Obdachlosen, der mit seinem meist deutlich struppigeren Herrn Tag für Tag in bestem Einvernehmen auf der kratzigen Wolldecke in der Fußgängerzone sitzt, des zweifelhaften sozialen Status’ seines Herrn nicht achtend und nie ein Wort darüber verlierend, dass er den größeren Teil zum Gemeinschaftseinkommen beiträgt. Wobei sich die Frage stellt, warum das so ist: Wieso also der sich in ersichtlich besserem Pflege-, Gesundheits- und Ernährungszustand befindliche Hund – bzw. das Team, das er mit seinem abgekommenen Herrn bildet – die Freigebigkeit der Passanten stärker anstachelt, als der bedürftige Mensch allein.

Kopfhoerer_jawina

Foto: SE

Vermutlich liegt das daran, dass jenes Gespann zweier Streuner eben die Eigenschaft symbolisiert (die übliche Beziehung Herr und Hund sozusagen überspitzt darstellend), die Menschen seit eh und je am Hund preisen: Treue. Treue, verstanden in dem altertümlichen, umfassenderen Sinn der mittelhochdeutschen triuwe, im Sinn einer zwar freiwillig eingegangenen, darum aber um nichts weniger verbindlichen, “heiligen” Verpflichtung. Ein Konzept von Verbindlichkeit und unverbrüchlicher Selbstverpflichtung, das im menschlichen Umgang bekanntlich im Aussterben begriffen ist – und am Hund, der eigensinnig daran festhält, darum umso mehr geschätzt wird. Es ist eine Eigenschaft, der wir uns im Streben nach anderen Dingen – Effizienz, Selbstverwirklichung, Profitmaximierung, Lustgewinn – entschlagen haben, aber es rührt uns, sie an anderen zu sehen, weshalb wir sie mit einer milden Gabe gern belohnen. Menschen, die ihren alten Hund abschieben oder, weil er gerade nicht in eine veränderte Lebenssituation passt, ins Tierheim bringen, werden mit einer Vehemenz verurteilt, die angesichts der  grassierenden Toleranz gegenüber den abstrusesten Lebensentwürfen erstaunt – aber darauf zurückzuführen ist, dass dies als Verrat an jenem Konzept der Treue aufgefasst wird.

Down ueben

Down üben.
Foto: SE

Vielleicht ist das ein Ansatz, die besondere, überdrussfreie Beziehung, die wir zu unseren Viechern haben, zu erklären. Und den völlig unverhältnismäßigen Schmerz, wenn sie, immer viel zu früh, abtreten. Wobei bei einem Jagdhund ja immer noch das verbindende gemeinsame Interesse hinzukommt und die Erinnerung an unzählige gemeinsame Jagderlebnisse: An die Stücke, die der Hund dir gebracht hat, an die Stücke, die du ohne ihn nie gefunden hättest, vielleicht sogar daran, wie er dir den Hintern gerettet hat, weil er dazwischen gegangen ist, als der Keiler dich annehmen wollte. Es bleibt dabei: Das beste an der Jagd ist die Arbeit mit dem Hund. SE

IMG_7546_jawina_lores

Immer ein Lächeln auf den Lippen…
Foto:SE

 

3 Gedanken zu „Hannah hoch zehn

  1. Frank

    Hi Stephan,

    erstmal herzlichen Glückwunsch nachträglich – an Hannah zum Geburtstag und Dich zu dem gelungenen Text. Der Ansatz passt m. E. genau – triuwe!
    Denn erst dessen Verständnis erklärt dem kundigen Leser der Minne die Schärfe, der der “Tierheimliefertant” heute tatsächlich selbst im Vergleich zu
    den abstrusesten Lebensentwurf ausgesetzt ist trefflich.

    Aber was sind schon zehn? Dir und Hannah jedenfalls von Herzen noch einen ganzen Sack voller glücklicher weiterer Jahre!

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.