Gut so: Jäger schießt zahmes Wildschwein

“Ende einer Haustier-Liebe” titelt die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ), um sich im Fortgang des Artikels noch ungehemmter in widerwärtig süßlich-sentimentaler (und durch und durch verlogener – wie viele Hausschweine werden in Niedersachsen nochmal pro Stunde geschlachtet?) Gefühligkeit zu sühlen: Vom “tragischen Ende” der “ungewöhnlichen Haustier-Liebe” ist die Rede, und selbstverständlich kommt auch ausgiebig die “todtraurige” Besitzerin” – bezeichnenderweise Tierheilpraktikerin – zu Wort, die die dreijährige Bache Lexa “genauso liebgehabt” habe, “wie alle anderen Tiere”, die sie hat. Zirka 60 sind es laut NOZ, die die Frau auf ihrem kleinen Hof hält. Jetzt eines weniger, denn ein Jäger hat die zahme Bache bei einem nächtlichen Freigang im Wald fachgerecht erlegt. Gut so! Seien wir ihm dankbar, dass er diese potenzielle Gefahr für die Allgemeinheit eliminiert hat, bevor etwas passiert ist.

Das Wildschwein habe bestimmt keine Warnweste angehabt, plagt sich der zuständige Förster auch noch mit einer Rechtfertigung ab. Er gehe davon aus, der Jäger habe nicht erkannt, dass es sich um ein Haustier handle. Wie auch? Ein Wildschwein IST kein Haustier, sondern per definitionem ein Wildtier, was sich sogar in seinem Namen: WILDschwein widerspiegelt. Angefahrene oder sonstwie verletzte Wildtiere “aufzupäppeln” und in Gefangeschaft jahrelang vor sich hinvegetieren zu lassen, ist in aller Regel tierschutzwidrig (Euthanasieverschleppung), die dahinter stehende Gutmenschen-Motivation fragwürdig bis pervers.

Eine 120-Kilo-Bache im Haus zu halten, ist nicht nur eine Sauerei (selbst Lexas Besitzerin räumt ein, dass das immerhin stubenreine Tier soviel Dreck ins Haus trage, dass man beim Putzen kaum hinterher kommt), sondern schlicht unverantwortlich. Auf die Frage der NOZ, ob ihr das Wildschwein jemals gefährlich geworden wäre, antwortet die Dame, dass die Sau “nie einen Angriff gestartet” habe, “der ausgelegt war, mich zu verletzen.“ Sie sei zwar schon mal wütend gerannt gekommen, um Grenzen auszutesten. Aber „als sie sah, dass ich die Obersau bin, war Ruhe.“ Sie habe sich jedenfalls immer sicher gefühlt. Die Gefühle der guten Frau gehen uns nichts an. Aber: Die Bache lief mit den Hunden frei im Dorf herum – und es dürfte wohl nur eine Frage der Zeit gewesen sein, bis das dominante Schwein mal ausgetestet hätte, ob alle Zweibeiner, die einem so begegnen, “Obersäue” sind. Und dann hält so ein 120-Kilo-Schwein bekannntlich so schnell nichts auf.

Leider war es ein Jagdpächter, der die Bache als verletzten Frischling bei der Tierheilpraktikerin abgeliefert hat. Warum hat er nicht einfach seinen Job als Jäger gemacht? Ist es sinnvoll, diese fragwürdigen Wildtier-Aufpäppeleien auch noch durch aktive Mithilfe zu fördern? Müssten wir unsere Mitmenschen nicht mit der gebotenen Brutalität (in der mehr Verständnis für das Wesen von Wildtieren steckt, als in der gesamten Großstädter-Sentimentalität der ganzen Welt zusammen) darüber aufklären, dass z.B. ein durch einen Verkehrsunfall verletztes und immobilisiertes Reh NICHT mit einer nach Mensch stinkenden Decke zugedeckt, angefasst, in den Kofferraum verbracht und im Gartenhäuschen kaserniert werden will?

Diese ganzen rührenden Tiergeschichten züchten Nachahmer heran und wecken Begehrlichkeiten. Die Tierheilpraktikerin hat auch schon angekündigt, dass sie nächstes Frühjahr “zwei neue Frischlinge aufziehen” will. Vielleicht klärt der Jagdpächter sie ja mal darüber auf, dass das den Straftatbestand der Jagdwilderei erfüllt? SE

4 Gedanken zu „Gut so: Jäger schießt zahmes Wildschwein

  1. Frank M.

    Es ist m. E. noch viel schlimmer. Weil sowohl der NOZ-Bericht, wie sein Gegenstand nur ein weiteres Beispiel für den fortgeschrittenen urbanen brainwash ist, dessen Folgen Dinge wie die Jagd in den kommenden Jahrzehnten vollkommen abzuschaffen drohen. Denn was die gute Dame unter medialem Applaus und Mitgefühl zeigt, sagt ja klar, was “richtig und gut” ist – und was grundsätzlich “böse”.
    Gestern auf einer Jagd erzählt mir ein Hundeführer von einem bereits mehrere Jahre zurückliegenden Fall, den jemand ins Internet gestellt hatte und der sich zu Zeiten zugetragen haben muss, als NRW noch kein Landeshundegesetz, sondern nur eine entsprechende Verordnung hatte. Nach der ein HUND als gefährlich galt, der andere Tiere beißt oder gar tötet. Der Mann hatte den Hund auf seinem Grundstück schon mal freilaufen. So, wie dessen Nachbar seine Katzen – die gern mal aufs Hundegrundstück kamen auf ihren Streifzügen. Der naturkundige Leser ahnt bereits – irgendwann kam es zur finalen Begegnung beider Arten. Wohlgemerkt auf dem eingefriedeten Grundstück des Jägers. Der, von Anstand und Nachbarschaftsgeist beseelt, die mit der toten Katze sogleich bei seinem Nachbarn klingelte. Mit dem Ausdruck tiefsten Bedauerns und der Bereitschaft zum Schadenersatz – obschon er natürlich wisse, dass eine neue Katze natürlich die Trauer um die getötete erst allmählich würde lindern können. Und was geschah? Der Mann erhielt eine Anzeige! Verbunden mit der Auflage, seinen Hund außerhalb seines Grundstücks mit Hinweis auf die LandesVO als gefährlichen Hund nur noch mit Maulkorb führen zu dürfen. Mit Strafandrohung bei Verstoß. Einen ausgebildeten Jagdhund mit Maulkorb führen – auch auf der Jagd! Denn die finden i. d. R. ja nicht auf seinem Grundstück statt. Warum: Der Hund hatte schließlich getötet, also “böse”. Also “Tierschutz”! Kein Gedanke daran, ob das Führen eines Jagdhundes auf der Jagd mit Maulkorb nicht schon eine strafrechtsbewährte Tierquälerei sein könnte, mindestens aber ein Verstoß gegen eine artgerechte Haltung. Kein Gedanke daran, dass die Natur selbst Begegnungen einander unbekannter Hunde und Katzen als Kampf auf Leben und Tod angelegt hat. Bei dem Hunde schon mal erblinden, Nasenschwämme verlieren o. ä. – sofern ihre eigenen Anlagen als Räuber nicht inzwischen “eingeweicht und ausgebleicht” worden sind, was bei Jagdhunderassen ja nicht der Fall sein darf.
    Noch Fragen? Auch zum “Journalismus heute”. Mich wundern da permanent zunehmende Jagdrestriktionen ebenso wenig, wie abnehmende Auflagenzahlen vieler lokaler und regionaler Tageszeitungen…

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  2. Anna

    Wenn ein Jagdhund mein Haustier erlegt hätte, dann wäre ich genauso entsetzt gewesen, das ist doch völlig normal. Genauso schrecklich finde ich die Geschichte mit dem zahmen Wildschwein. Aber es gibt Menschen wie bspw. einige, geldgeile Bauern, die sehen Tiere nicht als Lebewesen mit Empfindungen und Seele, sondern für diese Menschen sind Tiere Gegenstände, die nichts wert sind, die einfach nur zur Verarbeitung dienen – Nutztiere. Aber warum hat der Mensch, nur weil er eine höhere Intelligenz besitzt die ihn befähigt alle anderen Lebewesen der Erde zu beherrschen, das Recht diesen Tieren das Leben zu nehmen oder sie zu züchten um es ihnen anschließend zu nehmen. Mit den Werkzeugen der Massenzucht erleiden die Tiere Höllenqualen, nur weil der Mensch es entscheidet. Ich finde das Foto von dem Wildschwein was auf der Internetseite präsentiert wird (oben) einfach goldig, auch wenn es ein wildes Tier ist. Und ich dachte schon ich sei auf einer Wildschweinfanseite gelandet, aber das ganze Gegenteil anscheinend.

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    1. admin Beitragsautor

      Ich glaube nicht, dass das etwas mit höherer Intelligenz zu tun hat. Und es greift zu kurz, alles auf die bösen, geldgeilen Landwirte zu schieben. Das ist nur das schnelle, bequeme Suchen & Finden eines Schuldigen, was einem die Auseinandersetzung mit komplexeren Zusammenhängen erspart. Der Fuchs frisst die Maus, der Adler den Fuchs, Der Grizzly oder Löwe den Menschen. Dass wir Menschen uns (meistens bzw. nicht mehr) nicht gegenseitig fressen, ist, wie alles Recht, letztlich ein Vertrag – und man verstrickt sich in ziemliche argumentative Schwierigkeiten, wenn man diesen Vertrag auf mehr oder minder alle Lebewesen ausdehnen will. Bei konsequenter Umsetzung dieser Idee müsste man dann “Krankenhäuser für kranke Kakerlaken” bauen (wie der Philosophieprofessor Ernst Tugendhat die Tierrechts-Konzeptionen seiner Schülerin Ursula Wolf zu kritisieren pflegte).
      Es ist eine Sache, ein Tier zu erbeuten, d.h. möglichst schnell und ohne vorherige Todesangst und Qualen (wir Jäger nennen das weidgerecht) zu töten, eine andere, einem Tier durch die Haltung jede Möglichkeit zu nehmen, das zu tun, “was es will”, wozu seine Instinkte es drängen: Wenn artgerechte Bewegung, Fortpflanzung oder Jungenaufzucht, und so gut wie jedes natürliche Sozialverhalten durch die Haltungsbedingungen unmöglich gemacht werden. Das bedeutet, ein wehrloses (es kann ja weder zustimmen oder ablehnen, noch etwas an seiner Situation ändern) Tier zu einer bestenfalls “unbefriedigenden”, schlimmstenfalls qualvollen Existenz zu verdammen. Man nimmt ihm das Leben, ohne es zu töten: Das ist pervers. Ebenso pervers sind dann aber (und aus den gleichen Gründen) Versuche, Wildtiere zu Haus- und Kuscheltieren umzufunktionieren: Das ist genau dasselbe entfremdete Dasein, nur einem anderen menschlichen Zweck (Kuscheltier statt Nahrungsgrundlage, verniedlicht statt verwertet) zuliebe! Die für den Verbraucher nicht zu kontrollierenden Haltungsbedingungen von Tieren in der industriellen Landwirtschaft sind ein starkes Argument für selbst erbeutetes, nachhaltig gewonnenes Wildbret von Tieren, die bis zum plötzlichen Tod ihr natürliches Leben leben konnten – und dessen Ende – ob durch den Wolf oder durch den Mensch – auch ein natürlicher Prozess ist. Das dürfte sich auch Mark Zuckerberg bei seinem Bison gedacht haben.
      Angesichts all des Fressens und Gefressen-Werdens, dass doch das Grundprinzip der gesamten Natur zu sein scheint, leuchtet mir nicht ein, warum ausgerechnet der Mensch nicht dürfen soll, was Fuchs und Adler und Wildschwein und Affe und alle anderen (außer reinen Pflanzenfressern) dürfen. Und mir scheint, dass jemand, der das Töten und Getötet-Werden so vehement ablehnt (ist das vielleicht Ideologie gewordene Todesfurcht?), letztlich das Leben ablehnt, denn Tod und Sterben, erbeuten und Beute sein sind ein Teil davon.
      Und noch etwas: Ich glaube, dass jeder Jäger, der sich auf vielen nächtlichen Ansitzen den Arsch abgefroren hat und nach erfolgloser Jagd trotzdem was Essbares im Kühlschrank vorfindet, größten Respekt vor Wildtieren, vor seinen Beutetieren hat. Denn die müssen ohne Daunenjacke, Zentralheizung und Federbett auskommen, und wenn der Fuchs nicht jeden Tag! etwas erbeutet, muss er hungern. Was das bedeutet, versteht der Jäger besser als andere. Und weil wir viel Zeit damit verbringen, Wildtiere zu beobachten, weil wir sie auf der Jagd sehr gut kennen lernen – stehen sie uns ziemlich nahe. Das mit dem “kill your darlings” ist ein Widerspuch – man muss wahrscheinlich gar nicht erst versuchen, das Nicht-Jägern zu erklären. Aber doch: In diesem Sinn ist das hier durchaus eine Wildschwein-Fanpage!

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  3. Klaus-Peter

    Halb Mensch halb Tier, das ist für mich nicht der Pionier, sondern ein völlig jagdgeiler Jäger.
    Jüngstes Beispiel. Ein zahmer weißer Hirsch ist in Malente aus einem Gehege ausgebüxt. Im Dodauer Forst wurde das Tier nun von einem Jäger erlegt. Was muss das für ein Mensch sein, der wissentlich so ein zahmes Tier einfach hinrichtet, um des Mammons willen.
    Was die Kommentatoren hier unterschlagen: Auch Wildtiere, wie Hirsche, werden in Gattern extra zur “Fleischgewinnung” gehalten.
    Da ist die “Jagd” natürlich auch für den schlechtesten Jäger ein tolles Ding.

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