Grabenkampf

Krrruunnckk!! Es war das hässlichste Geräusch, das ich je gehört habe. Irgendwie hatte ich nachts bei leichtem Nebel den von den Frontscheinwerfern des betagten Landy nur fahl (mit der Kraft der zwei Teelichter…) beleuchteten, mit rechtwinkligen Betonwänden ausgekleideten Entwässerungsgraben auf dem ehemaligen Rieselfeldgelände mit der rechten Fahrspur verwechselt. In der irrigen Annahme, vom Weg abgekommen zu sein, lenkte ich beherzt nach rechts. In den Graben. Jäh kippt das Fahrzeug zur Seite, mit dem eingangs zitierten Geräusch kratzt der Rahmen auf der Betonkante entlang. Der dumpfe Schlag, das war das rechte Vorderrad, das unsanft auf der gegenüberliegenden Grabenkante einschlug, womit jegliche Vor- und Seitwärtsbewegung des Fahrzeugs abrupt ein Ende fand. Nicht ging mehr. Wirklich nichts? Es ist schließlich ein Land Rover. Also Untersetzung und Diff-Sperre rein und mal gucken, ob wir hier aus eigener Kraft wieder rauskommen, immerhin stehen zwei Räder noch auf dem Weg. Krrrruuuiiiiick. Das war das zweithässlichste Geräusch.

Es (das Geräusch) überzeugte mich spontan, dass sämtliche Versuche, sich aus eigener Kraft zu befreien, den Schaden nur noch größer machen würden. Jetzt wäre es wohl das Beste, erstmal auszusteigen und sich ein Bild von der Lage zu verschaffen. Dass ich zum Zweck des Aussteigens die Fahrertür in Richtung des finsteren Nachthimmels stemmen musste, steigerte meine Vorfreude nicht. Schöne Scheiße. Nächste Woche sind vier Drückjagden, bei zwei davon bis du Ansteller, und ausgerechnet jetzt hast du den Landy gekillt, fluchte ich vor mich hin. Spätestens bei der Bergung würde der Vorderreifen platzen, die schöne Heavy-Duty-Wolf-Felge ist hinüber, vermutlich schert auch noch der Achsstummel ab, und was die Betonkante an der Fahrzeugunterseite angerichtet hat, war noch gar nicht abzusehen. So kalkulierte ich. Was tun? Meine ADAC-Plus-Mitgliedschaft konnte ich in der Pfeife rauchen, der Bauer mit seinem Frontlader würde zwar das Fahrzeug aus dem Graben hieven, es dabei aber unfehlbar schrotten. Also Kumpel Ole anrufen.

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Dumm gelaufen bzw. gefahren….
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“Äh, ja, sorry, ist spät, aber ich bräuchte mal Deine Hilfe…” Kichern. “Wo bist Du liegen geblieben?” “Es ist ernst, ich habe mein Auto in einen Betongraben gesetzt.” “Hmm, ich stelle mal ein paar Bergungsutensilien zusammen und komme raus. Was brauchen wir denn: HiLift Jack, Waffle Boards – soll ich den Greifzug auch mitbringen?” Im Lichtkegel der Taschenlampe betrachte ich mein gescheitertes Geländefahrzeug. “Ach lass, es ist alles sinnlos, ich fürchte, wir brauchen einen Kran zur Bergung…” Dann heißt es warten. So ein Mist. Ich wollte nur schauen, ob die Sauen auf den Wiesen zu Schaden gehen, der Bauer hatte mit Wildschaden gedroht. Jetzt wurde mir klar, dass diese ganzen Wildschadensregelungen eine einzige Fehlkonstruktion sind: Wir Jäger müssen für die Schäden an den Feldern der Bauern haften, der Bauer im Gegenzug aber nicht für die Schäden an meinem Land Rover. Total ungerecht. Ich hatte mit dem Fernglas über die Wiesen gespäht – und dabei ein paar dunkle Schatten entdeckt. Aufgehellt von Teelichtern. Ein paar Kids saßen da in der lauen Oktobernacht und feierten. Umso besser. Wenn die da waren, würden sich die Schweine nicht blicken lassen.

Lautes Dieselnageln kündigt das Nahen des Helfers an, zwei flutlichtartige Autoscheinwerfer tauchen den Feldweg in gleißendes Licht und ich beschließe, endlich das Licht an meinem Landy zu modifizieren – wenn er den heutigen Abend überlebt. Mit den Worten “Hätte ich mir schlimmer vorgestellt”, erklärt Ole die Ausnahme- zu einer Standardsituation und setzt den HiLift-Jack unter der Hecktraverse an. Die feiernden Kids haben eine Abordnung geschickt: Sie sind 16 oder 17, halten Bierflaschen in den Händen und fragen schüchtern: “Wir sind zu sechst, sollen wir helfen?” Klar, sollt ihr. Ole pumpt den Wagen mit dem HiLift-Jack hoch, wir schieben in Richtung Weg. Der Wagenheber kippt zur Seite, der Wagen kracht herunter, aber: Das Hinterrad steht zehn Zentimeter weiter Richtung Weg. Nach der dritten Wiederholung dieser Prozedur befindet sich das Hinterrad wieder auf dem Weg. Jetzt den HiLift-Jack unter die vordere Stoßstange (wie das wohl bei einem in Wagenfarbe lackierten Kunststoff-Stoßfänger funktioniert…), zur Seite drücken, krrrunnkk, das Ganz nochmal und kaum zehn Minuten später – ist das Auto geborgen.

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Grundzüge der Bergetechnik, demonstriert von Ole: Fzg. mittig mit HiLift-Jack anheben…

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… und in die gewünschte Richtung drücken. Der Wagenheber kippt weg, das Auto wird um einige Zentimeter in die gewünschte Richtung versetzt. Solange wiederholen, bis der angestrebte Erfolg erreicht ist.
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Es folgt die Schadensaufnahme: Wir stellen fest, dass die eine Spurstange in der Mitte hoch gebogen ist. Keine Ahnung, ob das jetzt erst passiert ist, dann müsste sie eigentlich auf der rechten Seite hochgebogen sein, aber da sind nicht mal Schleifspuren. Weiter ist nichts. Die verstärkte Flanke der Geländereifen hat den Betonkantenknuff klaglos weggesteckt und Felge und Achse vor Schaden bewahrt. Auto fährt geradeaus. Am nächsten Tag tausche ich vorsichtshalber die Spurstange (ca. 10 Euro) und spendiere bei der Gelegenheit einen neuen Spurstangenkopf in Originalteile-Qualität – Teile, die bei Landy-Freak Ole dankenswerter Weise lagermäßig vorhanden sind. Ersatzteile-Gesamtkosten (in England bestellt) inkl. Steuern und Versand: Ca. 30 Euro. SE

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Die Spurstange (das schwarze Rohr unter dem gelben Lenkungsdämpfer) ist leicht verbogen. Teilekosten: Ca. 10 Euro…
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3 Gedanken zu „Grabenkampf

  1. Joachim

    Ich hätte mich nicht gewundert, wenn während der Zeit, die der Retter bis zum Unglücksort gebraucht hat, einige Sauen auf ein fröhliches “Grüß Gott” vorbeigekommen wären. Einfach nur um zu schauen, was die in merkwürdigem Grün gekleideten und 2 Meilen gegen den Wind zu riechenden Zweibeiner nachts so auf den Feldern treiben 🙂

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  2. Peter

    Hallo Stefan, ist ja eine spannende Landybergungsgeschichte, bei der zum Glück nicht viel passiert ist! Gut ist, dass man Freunde hat, die zu jeder Tages-/Nachtzeit einsatzbereit sind, um zu helfen! Kleiner Tipp: mit LED-Leuchten nach vorne und zur Seite wär das nicht passiert! Ich weiß: “Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung!”
    Waidmannsheil, Peter

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