Gerissenes Fohlen: War es doch kein Wolf?

Unklare Beweislage wegen “starker Nutzung des Kadavers”

Der Islandpferde-Züchter Götz George, auf dessen Hof Ende Mai ein Fohlen mutmaßlich vom Wolf gerissen wurde, ist ein bedächtiger Mensch. Unmittelbar nach dem Vorfall gab er zu Protokoll, dass er dem Wolf keinen Vorwurf machen könne. Jetzt, nachdem ihm der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) in einem Schreiben lapidar mitgeteilt hat, dass er nicht die volle Entschädigung für das wertvolle Fohlen erhalten werde, äußert er sich ähnlich zurückhaltend: Er sei “etwas betreten, dass man das nicht anerkenne.” Angesichts der haarsträubenden Begründung des NLWKN würde manch anderer wohl weitaus drastischere Formulierungen wählen. Denn der Landesbetrieb verkündet, dass die “Todesursache des Fohlens aufgrund der starken Nutzung des Kadavers nicht mehr festgestellt werden” konnte. Sprich: Der Verursacher hat so viel von dem Fohlen gefressen, dass die kargen Überreste keine Rückschlüsse auf ihn erlauben. Eine Argumentationslinie, die das Wohlwollen von Tierhaltern gegenüber dem Wolf empfindlich schmälern dürfte.

In der Stellungnahme des NLWKN heißt es weiter:

“Es kommen auch eine Totgeburt oder eine Verletzung während der Geburt in Frage. (Gutachten Tierärztliche Hochschule Hannover: Der Teiltierkörper „wies spinale und leptomeningeale Blutungen auf. Die akuten Blutungen können im Rahmen eines traumatischen Insults, einer Asphyxie im Zuge des Geburtsvorganges oder in der Agonie entstanden sein.“)

Typische Hinweise auf den Wolf als Verursacher des Nutztierverlustes wurden nicht gefunden – weder Sichtungen, Fotos, Fährten, noch Losung im Umfeld. Des Weiteren wurde eine Beunruhigung der Herde nicht dokumentiert und es konnte weder ein Herdenschutzverhalten der anwesenden Esel noch eine Verteidigung des Fohlens durch die Stute nachgewiesen werden. Die festgestellten kleinen Hautverletzungen der Stute sind älteren Datums bzw. wolfsuntypisch.

Lediglich die Lage der Pferdeweide im Wolfsgebiet, die massive Verletzung der Knochen (insbesondere im Bereich des Unterkiefers und an den Rippen) sowie die intensive Nutzung des Kadavers in kurzer Zeit (ca. 18-22 Kg in 19 Stunden) sprechen für die Beteiligung großer Carnivoren, sind aber als Beweis für einen Wolfsriss nicht hinreichend.”

Die These, wildernde Hunde könnten das 25 Kilogramm schwere Fohlen innerhalb weniger Stunden bis auf den Kopf und ein Stück Wirbelsäule aufgfressen, hält Götz George für “an den Haaren herbei gezogen.” In einer kleinen Gemeinde wie Bispingen würde es kurz nach dem Aufgang der Bockjagd nicht unbemerkt bleiben, wenn ein Rudel wildernder Hunde durch den Wald streifen würde. Nicht unbemerkt geblieben ist George zufolge der Wolf: Ein Bautrupp, der zur Zeit auf seinem Hof tätig ist und Kabel verlegt, soll den Grauhund schon zweimal aus etwa 500 Meter Entfernung von den Koppeln gesehen haben.

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Wer war’s? Wolf oder Hund? Foto: privat, mit freundlicher Genehmigung.

Der Pferdezüchter hat die Gutachten der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo) und des Amtstierarztes studiert. Letzterer komme zu dem Schluss, dass ein Wolf durchaus als Verursacher in Frage käme, wenn man den Kadaver des Fohlens mit den Überresten gerissener Rehe und Hirsche vergleiche. “Und wenn die schreiben, die Verletzungen der Stute seinen nicht wolfstypisch – dann frage ich mich: Welchen Vergleich haben die denn?” Der Pathologe der TiHo habe ihm am Telefon gesagt: Von den Verletzungen der Stute hätte man Abstriche für den DNA-Nachweis nehmen müssen. Das sei jedoch versäumt worden.

Für Götz George steht eine Menge auf dem Spiel: Es geht nicht nur um das Fohlen, obwohl er auf ausgerechnet dieses Fohlen, ein Nachkomme des “zweifachen Fünfgang-Weltmeisters” (Islandpferde können außer Schritt, Trab und Galopp noch Tölt und Pass) und einer Prämienstute “besonders sehnsüchtig gewartet” habe. Er sieht die artgerechte Pferdehaltung in Gefahr. Doch wenn die Behörde sein totes Fohlen nicht als Wolfsriss anerkennt, wird er für die Schutzmaßnahmen keine Förderung erhalten.

Wenn alle Pferdehalter in den Wolfsgebieten Fördermittel für die wolfssichere Einzäunung ihrer Weiden und Koppeln beantragen, geht es um ganz andere Summen, als bei der Entschädigung für ein totes Fohlen im Wert von ca. 6000 Euro. Ist dies der Grund dafür, dass der NLWKN  dem Züchter zwar einerseits eine “Billigkeitsleistung” anbietet, sich aber hartnäckig weigert, einen Wolfsriss anzuerkennen?

Wir zitieren noch einmal das Schreiben des NLWKN an George:

“Gemäß der Richtlinie Wolf1 sind somit nicht die Voraussetzungen für die Gewährung einer Billigkeitsleistung gegeben.

Unter Würdigung der Gesamtumstände ist allerdings davon auszugehen, dass durch die starke Nutzung des Kadavers mögliche Hinweise auf den Wolf als einen möglichen Rissverursacher zerstört wurden und es deshalb nicht auszuschließen ist, dass ein Übergriff eines Wolfes auf das Islandfohlen stattgefunden hat. Aus diesem Grund bin ich in diesem besonderen Fall ausnahmsweise bereit, außerhalb der Richtlinie eine Billigkeitsleistung zu gewähren, die, weil die Voraussetzungen der Richtlinie nicht erfüllt sind, in Höhe von 50 % des Nutztierwertes und der Tierarztkosten zu bemessen ist. Dies setzt voraus, dass Sie den entstandenen Schaden nicht auf andere Weise erstattet bekommen, z.B. über einen Versicherungsschutz.”  SE

Beitragsbild: Die Überreste des gerissenen Fohlens. Copyright: privat

 

 

 

Ein Gedanke zu „Gerissenes Fohlen: War es doch kein Wolf?

  1. Tibor

    Und wenn ein Kind gerissen wurde, Islandfohlen durch Kind ersetzen, Tierarzt- durch Arzt ersetzen, Nutztierwert weglassen, Mensch hat ja keinen Buchwert, und diese Stellungnahme nehmen:

    Gemäß der Richtlinie Wolf1 sind somit nicht die Voraussetzungen für die Gewährung einer Billigkeitsleistung gegeben.

    Unter Würdigung der Gesamtumstände ist allerdings davon auszugehen, dass durch die starke Nutzung des Kadavers mögliche Hinweise auf den Wolf als einen möglichen Rissverursacher zerstört wurden und es deshalb nicht auszuschließen ist, dass ein Übergriff eines Wolfes auf das Islandfohlen stattgefunden hat. Aus diesem Grund bin ich in diesem besonderen Fall ausnahmsweise bereit, außerhalb der Richtlinie eine Billigkeitsleistung zu gewähren, die, weil die Voraussetzungen der Richtlinie nicht erfüllt sind, in Höhe von 50 % des Nutztierwertes und der Tierarztkosten zu bemessen ist. Dies setzt voraus, dass Sie den entstandenen Schaden nicht auf andere Weise erstattet bekommen, z.B. über einen Versicherungsschutz.

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