Gelebte Esskultur

Jawina-Leserin SK hat uns (per WhatsApp) ein bemerkenswertes Urlaubsbild gesendet: Es zeigt die Auslage eines Feinkostgeschäfts auf La Rambla, dem berühmtesten Boulevard Barcelonas. Zu sehen sind darauf Fasane und Rothühner, Hasen und Kaninchen, sauber ausgenommen und aufgehängt, aber ansonsten mit Haut und Haaren und Federn – ein Schaufensterdekoration, die in einer deutschen Fußgängerzone mittlerweile wohl undenkbar ist.

Schade eigentlich. Denn es hat unbestreitbare Vorzüge, die wahre Herkunft von “Lebensmitteln tierischen Ursprungs” nicht zu verdrängen, wie hierzulande üblich: Zum Beispiel weil das unverfälschte rohe Produkt einen Zugang zur Ästhetik des Essens eröffnet – was ein in Polypropylen verpacktes Stück Fleisch auf einem Stück saugfähigem Vlies niemals leisten wird. Wieviel schöner ist ein Huhn, ein Fisch, ein Apfel, als eine Packung Hühnerfetzen oder Fischstäbchen, ein Glas Apfelmus. Auch ermöglicht das Urprodukt eine unmittelbare Qualitätskontrolle durch Inaugenscheinnahme und olfaktorische Überprüfung, wo das Fertigprodukt aus guten Gründen – Formfleisch, Analogkäse, künstliche Aromastoffe etc. pp. – täuscht und verschleiert. Ein Fasan in funktionstüchtigem, glänzendem Gefieder verrät viel über Aufzucht und Haltungsbedingungen, ebenso wie der zerrupfte, zerhackte Schnellmast-Broiler aus dem Hühner-KZ.

Dass es ein Geschäft gibt, in dem Fasane und Hasen unverarbeitet verkauft werden, lässt überdies auf ein bemerkenswert hohes Kochkunst-Niveau schließen. Denn das Geschäftsmodell setzt voraus, dass es genügend viele Käufer gibt, die sich auf die Verarbeitung und Zubereitung verstehen, die also z.B. ein Stück Wild rupfen, abbalgen, und zerwirken und zubereiten können. Das ist, wie jeder Wildbretverkäufer weiß, in unseren Breiten selbst unter professionellen Köchen mittlerweile eine Seltenheit.

Einen weiteren Hinweis auf das hohe Qualitätsbewusstsein liefert der Hinweis “auténtica de cacera” (authentisch von der Jagd) an den feilgebotenen Rothühnern (Perdiu roja): Die wissen da also, dass es einen bedeutenden Qualitätsunterschied zwischen einem Wildtier und dem Getier aus Gehege und Voliere gibt. Wenn das Wildbret-Marketing dieses Bewusstsein bei uns schaffen würde, wäre sehr viel erreicht. SE

Und weil es so schön ist, hier noch ein paar Impressionen vom Markt in Barcelona (Jawina dankt SK für die Bilder!):

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