Gedanken zum Rotwildsymposium der Deutschen Wildtierstiftung in Baden-Baden

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel

Vorab zwei Feststellungen, die mir sicher keine dicke Mappe mit Dankschreiben von Seiten der Jägerschaft oder vom Gesetzgeber eintragen werden, deren Wahrheitsgehalt aber in der überwiegenden Mehrheit der Fälle jeder unvoreingenommenen Überprüfung standhält. Es gibt kaum eine andere Wildart, bei der Jagdneid und Revieregoismus in der Jägerschaft so ausgeprägt sind wie beim Rotwild.

1. Der größte Feind des Rotwildes ist der Jäger selbst!

Er

  • pachtet Reviere, deren Größe weit unterhalb der Streifgebietsgröße des Rothirschs liegt und betrachtet das dort vorkommende Rotwild als sein Eigentum.
  • versucht mit allen Mitteln, das Wild im eigenen Revierchen zu halten, damit der dicke Hirsch eben an der eigenen Trophäenwand landet und nicht an der des Nachbarn.
  • scheidet lieber aus einer Rotwild-Hegegemeinschaft oder aus einem Einstandsgebiet aus, damit er dann im „rotwildfreien Gebiet“ jedes Stück Rotwild unter Feuer nehmen kann.
  • sorgt durch die illegale Erlegung sog. „Kofferraumhirsche“ oder durch „Postkartenabschüsse“ weiblichen Wildes für ständig wachsende Populationen, die zudem noch ein extrem in Richtung weiblich verschobenes Geschlechterverhältnis haben.
  • macht die Trophäe männlichen Wildes unter Missachtung wildbiologischer und genetischer Erkenntnisse zum Maß aller Dinge bei der Rotwildbewirtschaftung.
  • lässt Hirsche durch übermäßige Abschüsse junger und mittelalter Stücke nicht in biologisch notwendiger Zahl alt werden.
  • scheucht Rotwild auch noch im Januar durch Bewegungsjagden auf, obwohl es sich bereits im winterlichen Energiesparmodus befindet und wundert sich dann über steigende Schälschäden.

2. Jagdgesetze und –verordnungen sind in vielen Bundesländern extrem rotwildfeindlich!

Sie sorgen dafür, dass

  • Rotwild in Einstandsgebieten eingesperrt wird. Das Verlassen dieser Gebiete hat oft automatisch die Todesstrafe zur Folge. Extreme Negativbeispiele sind Baden-Württemberg und Bayern.
  • Rotwild im Winter in Gatter eingesperrt wird, dort gefüttert werden muss und es dort auch totgeschossen wird. Das ist angeblich notwendig um Wildschäden im Wald zu verhindern.
  • Hirsche in Abschussplänen noch nach „Güteklassen“ aus der Mottenkiste freigegeben werden und nicht nach Altersklassen, wie es biologisch sinnvoll ist.
  • Rotwild unter vollständiger Verkennung seiner ökologischen Bedeutung oft nur noch als Rindenfresser und damit Waldvernichter gesehen wird.

Eine zentrale Rolle spielte bei dem Rotwildsymposium, das die Überschrift „Der Hirsch als Naturschützer“ trug, die Uneinigkeit der Verantwortlichen der großen Naturschutzflächen hinsichtlich der Schutzziele und im Umgang mit ihren Zielen bzw. deren Verwirklichung. Einerseits ist Prozessschutz angesagt (Stichwort „Natur Natur sein lassen“) andererseits sollen „Pflege- und Entwicklungspläne“ einen bestimmten Zustand der Natur herstellen. Dabei stehen stets menschliche Vorstellungen im Vordergrund, auch wenn sich die Verantwortlichen das oft selber nicht klar machen.

Flurin Filli, ein Wissenschaftler, der auf langjährige Erfahrung im Schweizer Nationalpark zurückgreifen kann, hat es auf den Punkt gebracht: Es gibt weder beim Prozessschutz noch bei der Pflege oder Entwicklung eines Gebietes ein allgemeingültiges von der Natur vorgegebenes Ziel. Die Evolution hat auch kein allgemeingültiges Ziel. Evolution ist ein fortlaufender Prozess wechselseitiger Anpassungen. Insofern muss man sich endlich von der Vorstellung trennen, der Mensch könne und dürfe Ziele des Naturschutzes im weitesten Sinne definieren, es sei denn, Ziellosigkeit wird zur Maxime. Aber dann muss man eben auch jeden Zustand akzeptieren der sich ohne menschliches Zutun einstellt. Aber selbst Prozessschützer reinsten Wassers müssen sich zumindest in Mitteleuropa stets vor Augen halten, dass sich auch auf unseren größten Schutzgebieten auf Dauer keine Natur im ursprünglichen Sinne, also Natur ohne nennenswerte menschliche Einflüsse, entwickeln kann. Selbst im Etosha-Nationalpark mit knapp 23.000 km2 (230.0000 ha) müssen alle paar Jahre erhebliche Zahlen an Elefanten erlegt werden, weil sie sonst die Vegetation zu stark schädigen. Wie soll da beispielsweise im Nationalpark Hainich mit ca. 16.000 ha oder auf den Flächen der Stiftung Naturlandschaften Brandenburg mit wenigen Tausend ha vom Menschen unbeeinflusste Natur entstehen? Oostvaardersplassen in den Niederlanden hat deutlich gezeigt, wie katastrophal „Pflege und Entwicklung“ in die Hose gehen kann. Bezeichnend war auch die Diskussion während des Symposiums über Rotwild-Wintergatter in Bayern und die „Jagd“ im Gatter.

Es gibt große Naturparke in Baden-Württemberg, die unter dem Motto „Mehr Natur. Mehr erleben. Naturparke“ beworben werden, in denen die größte einheimische Säugetierart ausgesperrt ist. In allen Nationalparks, in denen Rotwild vorkommt, wird es auch bejagt, allerdings mit unterschiedlicher Intensität und nach unterschiedlichen Jagdmethoden. Es gibt noch nicht einmal bei den für Großschutzgebiete Verantwortlichen einen Konsens über Ziele und Strategien der Rotwildbejagung. Auffällig ist, dass es dem Rotwild überall dort, wo große Flächen in einer Hand sind, besser geht als im Rest der Republik. Und selbst wenn, wie auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr, das Areal vom Menschen intensiv genutzt wird, kann Rotwild tagaktiv werden, wenn vernünftig mit ihm umgegangen wird. Das betrifft auch ganz ausdrücklich die Bejagung. Die positiven Erfahrungen beispielsweise aus Grafenwöhr lassen sich deshalb nicht allgemein umsetzen, weil große Teile der Jägerschaft der jagdlichen Kleinstaaterei huldigen und sich gegenseitig aus lauter Jagdneid nicht trauen.

Insofern ist es wünschenswert, Rotwildeinstandsgebiete aufzulösen und dieser herrlichen Wildart die gleichen Freiheitsrechte einzuräumen wie Wolf, Waschbär, Marderhund und Co.. Durch Ausweisung von Ruhezonen mit jagdfreien Äsungsflächen lassen sich Wildschäden in akzeptablen Grenzen halten. Zudem kann Rotwild durch geeignete Besucherlenkung vom naturentfremdeten Publikum wieder als tagaktive Tierart bewundert werden.

Beispielhafte Bejagung des Rotwildes in Großschutzgebieten muss Vorbildcharakter haben und sich an wildbiologisch sinnvollen Vorgaben für Abschuss nach Geschlecht und Altersklasse orientieren. „Güteklassen“ gehören in die jagdliche Mottenkiste. Notwendig ist eine Jagdzeitverkürzung im Winter. Am 31. Dezember muss grundsätzlich die Jagdzeit auf wiederkäuendes Schalenwild beendet werden. Bewegungsjagden auf Wiederkäuer dürfen auf keinen Fall mehr nach Jahresende stattfinden.

Die Sinnhaftigkeit der Rotwildbejagung auf großen Flächen wird vor allem dadurch erreicht, dass Abschussplanung und Bejagung in einer Hand liegen. Insofern ist es besonders wichtig, die jagdliche Kleinstaaterei mit all ihren für das Wild negativen Seiten zu beenden. Dies kann wegen des Jagdneides und Revieregoismus in unseren gegenwärtigen Minirevierchen (gemessen an den Streifgebietsgrößen beim Rotwild von z. T. über 10.000 ha) nur durch eine rechtlich verbindliche gemeinsame Planung und Bejagung auf großer Fläche erreicht werden. Hegegemeinschaften sind leider nur zu oft reine Hirschabschussverteilungsgesellschaften. Es müsste also ein „Jagdplanungsrecht“ geben, wonach für Rotwild auf Populationsniveau bzw. auf mindestens 10.000 ha gemeinsame Abschusspläne aufgestellt werden müssen, die dann im Gruppenabschuss erfüllt werden. Dabei ist absolute Ehrlichkeit nach der Jagd eine unabdingbare Voraussetzung. HDP

Beitragsbild: Nur ein toter Hirsch ist ein guter Hirsch? Es scheint Leute zu geben, die das so sehen… (Foto: SE)

2 Gedanken zu „Gedanken zum Rotwildsymposium der Deutschen Wildtierstiftung in Baden-Baden

  1. Joachim

    Ich will es mal sehr gewagt ausdrücken.
    Wir lügen uns doch von morgens bis abends in die eigene Tasche. Wir benutzen das „Gute“ um partikulare Interessen so zu umhüllen, dass deren Kern nicht mehr erkennbar ist.
    Sprache bestimmt das Denken. Und so reden wir in der Stadt, reden von Natur und stellen uns vor, dass es da draußen im Wald richtig ursprünglich zugeht. Wir machen gedanklich einen Unterschied zwischen uns, unseren Lebensumständen und der Natur. Das stimmt natürlich in gewisser Weise. Die Frage aber ist doch, was ist das für eine Natur , die uns da umgibt? Die Antwort ist, es ist eine Kulturlandschaft. Und das heißt nicht mehr und nicht weniger, als dass es sich um eine vom Menschen gestaltete und beeinflusste Landschaft handelt und zwar zu 100%.
    Als Säugetier und das ist der Mensch primär, merken wir intuitiv, dass wir Teil des Systemes sind und wir wissen, ist das System kaputt, bekommt das Säugetier Mensch ein Problem.
    Und so kommt es, dass wir uns Gedanken machen, wie wir das System erhalten können.
    Das ist alles schön und gut.
    Aber wir sollten so ehrlich sein und uns eingestehen, dass wir gar keine Natur im Sinne eines sich selbst überlassenen Systemes wollen, dessen Spielball letztlich auch der Mensch ist.
    Das ganze romantische Gerede von der Wildnis hört sofort auf, wenn die Wildschweine den Vorgarten verwüsten, die Mücke den Tod bringt, der Elefant unsere Ernte frisst und der Rhein im Wohnzimmer steht.
    Man schaue im Übrigen einfach mal in die Geschichtsbücher der letzten 2.000 Jahre, wenn man wissen will, ob Klimaveränderungen normal sind oder nicht.
    Was wir wollen, ist den Ist-Zustand auf Biegen und Brechen zu halten, weil er, wenigstens in unseren Breiten, so schön ist.
    Dabei blenden wir vollkommen aus, dass der Wandel das Normale ist und die Frage, was passiert eigentlich, wenn man der Natur sozusagen einen Stock in die Speichen klemmt und die Entwicklung anhält, stellen wir nicht, weil wir die Antwort nicht gebrauchen können.
    Wir wissen, dass das Aussterben von Arten Alltag ist. Wir wissen aber nicht, welche Art wann an der Reihe ist. Trotzdem versuchen wir jede Art am Aussterben zu hindern. Welche Auswirkungen hat es wohl, wenn eine Art bleibt, die sich eigentlich überholt hat?
    Was ich damit sagen will, warum sind wir nicht ehrlich und sagen, was wir wollen? Nämlich wie schon seit Menschen Gedenken, die Natur beeinflussen, im Zaum halten und nach unseren Vorstellungen gestalten, damit wir uns wohl fühlen.
    Dann könnten wir das Ganze vielleicht auch ohne Ideologie und Fanatismus diskutieren.
    Das Rotwild ist da ein hervorragendes Beispiel. Alle Beteiligten geben vor, nur das Beste für das Rotwild zu wollen.
    Der Forst hätte die Bestände gerne unten, weil das Rotwild den Wald auffrisst, der Jäger hätte es gerne üppig, weil die Bejagung so schön ist, die Verpächter hätten gerne möglichst kleine Reviere, weil dann die erzielbaren Pachtpreise höher sind, die Nationalparks hätten es gerne tagaktiv, wegen des Erlebniswertes. Und alle reden sie von Natur, alle sind irgendwie anerkannte Naturschützer und bei der nächsten Wahl entscheiden dann die Stimmen aus den Ballungszentren, weil da die meisten Wähler sitzen. Nur leider halten die den Hirsch für den Mann vom Reh. Aber eigentlich spielt das dann auch keine Rolle mehr.

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