Ganz auf sich gestellt

IV. Internationale Erdhundetage Mecklenburg – wir begleiten ein Gespann auf einer Schweißprüfung ohne Richterbegleitung.

“Hier ist der Anschuss”, sagt Anstellerin und Fährtenlegerin Silke, “Und die Fluchtrichtung ist da so lang.” Silke deutet in den sanft ansteigenden lichten Buchenwald. Der Hundeführer legt seinen Teckel ab und untersucht gewissenhaft den Anschuss. Er wirkt prüfungsüblich angespannt, aber ruhig und konzentriert. Gehorsam liegt Glatthaarteckel Aik neben dem bereits abgedockten Schweißriemen am zugewiesenen Platz und versucht zu eräugen, was sein Herr da Interessantes am Waldboden entdeckt hat. Der Hundeführer erhebt sich, nimmt den Schweißriemen auf und sagt leise: “Such verwundt!” Aik bewindet bedächtig und gründlich den Anschuss. Schon legt er sich in den Riemen, das Gespann verschwindet in Fluchtrichtung des Stücks – beziehungsweise der getretenen und getupften Kunstfährte.

Erdhundetage Mecklenburg-Vorpommern 2014

Ein Gespann am Anschuss: Der Hundeführer legt die Schweißhalsung an, der Richter (im Hintergrund mit Fährtenlegerin Silke) protokolliert die Zeit.

“Das geht ja flott bei denen”, kommentiert der ebenfalls anwesende Richter. “Dann lasst uns mal machen, dass wir ans Stück kommen, sonst ist der noch vor uns da.” Wir, die Fährtenlegerin, der Richter und der Berichterstatter, fahren mit dem Auto an den Endpunkt der Fährte und machen es uns so gut es geht auf unseren Sitzstöcken bequem, gut versteckt im Gestrüpp in der Nähe des “Stücks”, einem Fetzen Rehdecke am Endpunkt der Fährte. 90 Minuten lang ist das Gespann jetzt auf sich allein gestellt, kein Richterteam wird das Gespann auf der 1000-Meter-Übernachtfährte begleiten: Wir sind auf einer Schweißprüfung ohne Richterbegleitung, die im Rahmen der IV. Internationalen Erdhundetage stattfand, veranstaltet von der Landesgruppe MV des Vereins für Jagdteckel (VJT) vom 11. bis 14. September in Revieren rund um Spornitz (Landkreis Ludwigslust-Parchim).

Erdhundetage Mecklenburg-Vorpommern 2014

Betty Weinreich vom VJT MV: “Die Schweißarbeit auf einer 1000m-Ubernachtfährte ohne Richterbegleitung ist für viele Gespanne die anspruchsvollste Aufgabe. Auf der Fährte waren fünf Verweiserblätter ausgelegt, die den Hundeführern nicht nur als „Wegweiser“ dienten, sondern auch die Fährtentreue der Hunde bei der Bewertung besonders honorieren sollte. Die Schweißfährten waren mit Rotwildschweiß getupft und mit den Schalen getreten. Dadurch, dass es keine Richterbegleitung gab, waren die Gespanne von Anfang an auf sich selbst gestellt. Dank unseres Hauptsponsors Tracker Inc. konnten die Fährten zunächst mit dem Tracker gelegt und die Arbeit der Gespanne dann auf dem Tablet verfolgt werden. Für die nicht arbeitenden Helfer waren das die spannendsten und schnelllebigsten 90 min., und für die Gespanne gab es bei der Auswertung wertvolle Hinweise. Auch für Schweißprüfungen mit Richterbegleitung ist das Fährtenlegen mit dem Tracker sinnvoll und äußerst hilfreich, da beim Legen die Mindestabstände eingehalten werden können und bei der Prüfung selbst z.B. Unsicherheiten über den Fährtenverlauf vermieden oder die Länge der Abweichungen genau festgestellt werden können.”

Die 2011 begründeten Internationalen Erdhundetage sollen die Zusammenarbeit zwischen den Erdhunderassen vertiefen: “In Zeiten, in denen gravierende Änderungen von jahrzehntelang bewährten jagdgesetzlichen Regelungen auf der Tagesordnung stehen, Hunde ohne Ahnentafeln für den Jagdbetrieb zugelassen werden und Aufrufe zur Zerstörung von Schliefenanlagen im Internet kursieren, müssen die Erdhundeleute einfach enger zusammenrücken, um sich gemeinsam sämtlich anstehenden Herausforderungen entgegenstellen zu können”, heißt es dazu auf der Internetseite des VJT MV. “Es geht uns auch darum, die Einsatzmöglichkeiten von Teckeln und Terriern aufzeigen: Oft werden die Erdhunderassen ja auf die Baujagd reduziert, obwohl sie vielseitig jagdlich einsetzbar sind”, ergänzt Teckelführerin Bettina Weinreich. Neben der Schweißprüfung dürfen die vierläufigen Teilnehmer an den Erdhundetagen ihr Können im Saugatter und der Schliefenanlage unter Beweis stellen.

Erdhundetage Mecklenburg-Vorpommern 2014

Maria und Silke legen die Fährte.

Auf unseren auf Dauer nicht wirklich bequemen Sitzmöbeln am Endpunkt der Fährte wird uns inzwischen die Zeit lang. Fast eine Stunde ist vergangen, von Hund und Führer ist nichts zu sehen und zu hören. Sollte das Gespann von der Fährte abgekommen sein? Werden sie zum Stück finden? Noch haben sie Zeit. Die Schweißprüfung ohne Richterbegleitung ist sicherlich der anspruchsvollste Part der Prüfung. Dabei haben Silke und Maria, die wir am Vorabend der Prüfung beim Fährtenlegen begleitet haben, wirklich fair gearbeitet: Keine spitzwinkligen Haken, kein künstlich erschwerter Fährtenverlauf durch Brombeerverhaue und Sumpflöcher, keine falsche Sparsamkeit bei der erlaubten Schweißmenge (250 ml).

Erdhundetage Mecklenburg-Vorpommern 2014

Beim Fährtenlegen: Tracker in der Tasche, Verweiserblatt in der Hand.

Beim Fährtenlegen trug Maria ein Ortungshalsband des finnischen Hundeortungsspezialisten Tracker Inc. (der die Erdhundetage und diesen Beitrag sponsorte) in der Tasche.

Erdhundetage Mecklenburg-Vorpommern 2014

Erdhundetage Mecklenburg-Vorpommern 2014

Das Gerät zeichnete den Fährtenverlauf genau auf. Da auch die Hundeführer bei der Prüfung mit dem Tracker G500FI ausgestattet wurden, konnte die Prüfungsleitung live verfolgen, welchen Weg die Gespanne nehmen. Sowohl der Fährtenverlauf, als auch der von den Gespannen zurückgelegte Weg werden via Webtracking dauerhaft gespeichert, so können auch die Hundeführer nach der Prüfung ihre Arbeit auswerten.

Aik - nach 10 Minuten

Nach nur zehn Minuten hatte unser Gespann schon die Hälfte der rechten Fährte gearbeitet. Doch dann…

Für unser Gespann wird die Zeit langsam knapp: Nur noch eine knappe halbe Stunde bleibt Herrn und Hund, um ans Stück zu kommen. “Pssst!”, zischt der Richter und zeigt Richtung des Stücks: Tatsächlich – durch das Gestrüpp ist deutlich die orangefarbene Jacke des Hundeführers zu erkennen. Aber was ist das? “Der ist ja viel zu weit hinten.”, flüstert Silke. Stimmt. Und wirklich, er geht am Stück vorbei und verschwindet wieder im Dickicht. “Seltsam”, raunt der Richter, “Dabei sah das am Anschuss bei denen so gut aus.”  Einige Minuten später zieht das Gespann ein weiteres Mal an uns vorbei, diesmal gehen sie auf der Straße in unserem Rücken Richtung Anschuss zurück. “Er versucht, zurückzugreifen”, meint der Richter. “Der muss uns doch mitbekommen haben”, ist Silke überzeugt, “Außerdem hat er doch unsere Autos gesehen und kann sich denken, dass das Stück in der Nähe ist.” Offenbar ist bei dem so sicher wirkenden Paar etwas gründlich schief gelaufen. “Bin gespannt, wie nachher deren Track aussieht”, sage ich und alle nicken.

Aik - Ende

… kamen Sie von der Fährte ab – und weil der Führer kein Markierungsband ausgelegt hatte, fanden Sie in dem unbekannten Terrain nicht an einen bekannten Punkt der Fährte zurück. SIe irrten kilometerweit durch die Gegend, kreuzten die Nachbarfährte und die eigene und zogen zwei Mal haarscharf am Stück vorbei.

“Die Schweißprüfung ohne Richterbegleitung ist praxisorientierter als die mit Richterbegleitung”, meint Betty Weinreich. “Das Gespann ist auf sich gestellt, wie bei einer richtigen Nachsuche auch. Wenn ein erfahrener Hundeführer auf einer Schweißprüfung mit Richterbegleitung merkt, dass zwei der Richter stehen bleiben, dann weiß er doch schon, da stimmt etwas nicht. Ohne Richterbegleitung scheidet jede Art der Beeinflussung des Gespanns durch die Richter – im positiven wie im negativen Sinn – aus.” Ein weiterer Vorteil der Schweißprüfung ohne Richterbegleitung ist, dass sich der finanzielle und organisatorische Aufwand für die Veranstalter der Prüfung in Grenzen hält – einfach weil weniger Richter angefordert werden müssen.

Holstein2

Christoph Holstein.
Foto (Videostandbild): Tracker

Der Berliner HS-Führer Christoph Holstein nutzt Tracker zur Hundeortung auf Nachsuchen, ist aber skeptisch, was die Schweißprüfung ohne Richterbegleitung angeht: “Wer die Arbeit eines Gespanns beurteilen will, kann nicht nur danach gehen, ob die – womöglich mehr oder minder zufällig – innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens zum Stück finden. Wir wollen sehen: Wie arbeitet der Hund, wie ausgeprägt ist sein Fährtenwille, wie verhält er sich, wenn er von der Fährte mal abkommt, korrigiert er sich selbst und wie unterstützt, wie “liest” der Führer seinen Hund? Das lässt sich – zumindest wenn es um die Präzisionsarbeit von Schweißspezialisten wie den Hannoverschen Schweißhunden geht – nur auf der Schweißprüfung mit Richterbegleitung beurteilen.” Aus ähnlichen Gründen erkennt der Jagdgebrauchshundeverband (JGHV) Schweißprüfungen ohne Richterbegleitung nicht als Leistungsnachweis an. Dennoch bietet der Einsatz von Tracker Hundeortung auch auf Schweißprüfungen mit Richterbegleitung Vorteile: So kann die Prüfungsleitung den Gang der Nachsuchen auf einem großen Display, z.B. einem handlichen Tablet verfolgen, und die begleitenden Richter sehen die Fährte und ihre Position -ohne irgendwelche Markierungen an den Bäumen.

Erdhundetage Mecklenburg-Vorpommern 2014

Aufwändig: Vorbereitungen zum Fährtenlegen bzw. -tupfen und -treten.

Ein weiteres Mal taucht der Hundeführer jetzt aus Richtung Anschuss kommend in der Nähe des Stücks auf. Gespannt halten die verborgenen Zuschauer den Atem an. “Diesmal hat er’s!”, denken wir – aber nein, wieder läuft er, diesmal haarscharf, am Stück vorbei und verschwindet im Wald. Der Richter guckt auf die Uhr: “Tja, das war’s. Die Zeit ist um.” Unser so verheißungsvoll gestartetes Gespann hat nicht zum Stück gefunden. Er ist nicht allein. Von acht gestarteten Gespannen hat nur eins in der vorgeschriebenen Zeit die Arbeit beendet.

Erdhundetage Mecklenburg-Vorpommern 2014

Der Fährtenschuh wird klargemacht.

Erdhundetage Mecklenburg-Vorpommern 2014

Die Vorbereitungen findet dieser Teckel ziemlich spannend.

Nach der Prüfung umringen am Treffpunkt alle Tomas Slesar von Tracker, um von seinem Tablet die Wahrheit zu erfahren, sprich: Die Fährte und den vom Gespann zurückgelegten Weg zu vergleichen. Nicht jedem scheint zu gefallen, was er da sieht: “Das gibt’s ja nicht, ich glaube es nicht, unfassbar, ach du Scheiße, nein, ist das peinlich!” So und ähnlich lauten die eher harmloseren Kommentare.

Erdhundetage Mecklenburg-Vorpommern 2014

Tomas Slesar von Tracker, umringt von Hundeführern, die sich die aufgezeichneten und gespeicherten Prüfungs-Tracks auf seinem Tablet anschauen.

Das von uns begleitete Gespann hat aus dem einen Fährtenkilometer fünf gemacht. Dabei bestätigt die Trackaufzeichnung den guten Start des Teams: Nach zehn Minuten hatte das Gespann bereits die ersten 500 Meter der Fährte gearbeitet. Doch dann kam es dicke: Der Hund nahm offenbar eine Verleitung an, das Gespann kam von der Fährte ab. Und zwar ziemlich weit. In dem fremden Terrain fand der Hundeführer dann nicht zum letzten Verweiserpunkt zurück und irrte plan- und ziellos durch die Gegend. Herr und Hund kreuzten die Nachbarfährte, kreuzten die eigene Fährte, liefen einmal in 30, einmal in zehn (!) Meter Entfernung am Stück vorbei. “Warum hast Du nicht alle paar Meter Markierungsband ausgelegt?”, frage ich den Hundeführer. “Dann hättest Du doch zur Fährte zurück gefunden.” Er guckt mich beinahe verzweifelt an: “Überheblichkeit”, gesteht er. “Ich hatte es in der Tasche, da”, er nimmt das rot-weiße Band aus der Jackentasche. “Aber es ging so gut voran. dass ich dachte, Kinderspiel, das schaffen wir mit links – ein super ärgerlicher Anfängerfehler”, gibt er zerknirscht zu. Der Hundeführer lässt sich ein weiteres Mal seine Wandelgänge und Irrwege vorspielen. “Mir wird schlecht, da kriege ich ja Alpträume von”, stöhnt er, sichtlich leidend. Dann dreht er sich zum Berichterstatter um: “Du, das darf nie veröffentlicht werden!” “Klar”, sage ich, “Versprochen. Großes Journalistenehrenwort.”

Dr_Doolittle

Siegertyp: Dr. Doolittle aus dem Teckel-Zwinger “Vom Nis Puk Land” (www.teckel-vom-nis-puk-land.de), ist einer von nur zwei Hunden, der zum Stück fand.
Foto: privat

Dieser Beitrag wurde gesponsort von (Link zum Hersteller) Tracker.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.