Fox und fertig!

Dschungel ist ein Dreck dagegen: Brombeeren und blickdichter Buchenjungwuchs überwuchern die von Orkan Lothar verwüstete Fläche. Durch das Dickicht, in dem die Rotten hausen, schlagen sich mit Handschuhen, Schutzbrillen und großkalibrigen Revolvern ausgerüstete Hundeführer und eine Schar tapferer Treiber. Schüsse und das zornige Kläffen der Foxterrier bilden die akustische Untermalung. JAWINA war dabei.

Keiler, Keiler!“, schreit einer, noch ziemlich weit weg, und wieder: „Keiler!“, schon viel näher. Der Ruf pflanzt sich durch die Treiberkette fort, peitscht die zuckenden Synapsen im Jägerhirn, und da: Ein massiger grauer Klumpen rast knackend und krachend genau an uns vorbei, gefolgt von drei, nein vier weißglühenden Kugelblitzen mit braunen und schwarzen Flecken drauf – Driemels Foxterrier.

IMG_6842

Eine Sau flitzt an uns vorbei. Foto: SE

Keine fünfzig Meter vor uns stellt sich der Basse seinen Verfolgern, der Schlachtenlärm – Kläffen, Klagen, Knurren – kündet von der Härte der Auseinandersetzung. Wir hetzen und hechten, stolpern und fluchen, während die Zweige uns wie Gerten ins Gesicht klatschen, die Dornen unsere Hände mit blutigem Gekritzel signieren und an den Kleidern kratzen und reißen – fünfzig Meter sind verdammt weit in dem dichten Zeug.

IMG_6821

Driemel weist Treiber ein. Foto: SE

Lothars Erbe

Das Revier, in dem wir jagen, liegt in der Nähe der badischen Gemeinde Neuried- Ichenheim, wenige Kilometer entfernt von der französischen Grenze. Eigentlich ist es ein Niederwildrevier: 350 Hektar sind bewaldet, der Rest ist Feld. Vor 30 Jahren hielt mit der Flurbereinigung der Maisanbau Einzug: „Seitdem haben wir hier mehr Sauen als Hasen“, sagt Horst Driemel, Foxterrier- Züchter und Bestätigter Jagdaufseher im Revier.

IMG_6920

Genau deswegen sind wir hier: Um die Foxel an den Sauen arbeiten zu sehen. Wir bejagen ein 110 Hektar großes Gebiet, das von Orkan Lothar anno 1999 plattgemacht wurde. Heute ist die Lotharfläche dicht überwuchert von Hainbuche und Roteiche, Brombeere und Elsbeere – ein ideales Rückzuggebiet für das Schwarzwild. Sieben Foxterrier kommen zum Einsatz: Fünf aus Driemels Glatthaar-Zwinger „vom Salmengrund“ und zwei aus dem Zwinger „vom Geroldseck“ von Driemels Jagdfreund Karl Männle, der auch mitjagt. Etwa 70 Schützen sind auf den schmalen Schneisen abgestellt, die das Dickicht durchziehen.

IMG_6903

Vor 19 Jahren führte Driemel seinen ersten Foxterrier: „Damals war die Ecke hier ein weißer Fleck, jetzt ist es eine Foxterrier-Hochburg.“ Ein Jagdgast hatte zwei Foxterrier zu einer Niederwildjagd mitgebracht. „Die apportierten sauber Kaninchen und Fasane und Füchse, die so groß waren wie sie selbst.“ Das gefiel Driemel. Aber es war mehr als das, es war Seelenverwandschaft: „Deine Hunde passen zu dir“, sagen Freunde, „Du bist auch ein Terrier.“ Als dann die Erfolge auf den Saujagden hinzukamen, wurde der Kreis der Foxterrier-Freunde und -Führer in der Umgebung schnell größer.

IMG_6982

Foxterrier sind vielseitig einsetzbar – etwa als Nackenrolle. Foto: SE

Driemel setzt seine Hunde richtig vielseitig ein: Stöbern, Schweiß, Apportieren zu Lande und im Wasser. Auch die Baujagd gehört zu ihren Aufgaben, aber nur im eigenen Revier, wo Baue und Schützen bekannt sind. „Mich stört die Disziplinlosigkeit, die oft die Hunde ausbaden müssen. Meist springt ja der Rüde zuerst. Wenn dann draußen rumgebrüllt wird, verlässt die Fähe den Bau nicht mehr und es gibt eine wüste Beißerei“, erklärt Driemel.

IMG_6867

Ohne Kurzwaffe geht es hier nicht: In dem dichten Gestrüpp wäre auch die führigste Nachsuchenbüchse ein Klotz am Bein. Foto: SE

Mit der Ausbildung seiner Hunde beginnt der Züchter bereits im Welpenalter. Spielerisch, ohne Druck und Zwang, aber mit Konsequenz werden Lektionen wie Gehorsam, Bei-Fuß-Gehen oder Ablegen geübt. „Foxterrier sind Spätentwickler beim Spurlaut, aber Frühentwickler beim Führer-Verarschen“, meint Driemel.

IMG_6840

Führer verarschen? Iiich? Foto: SE

Früh auf Sauen geprägt

Sobald die Junghunde anfangen, Interesse an Spuren und Fährten zu zeigen, ihre Nase einzusetzen, nimmt er sie angeleint oder auf dem Arm mit zur ersten Jagd. „Und wenn die erfahrenen Meutehunde eine Sau gestellt haben, lasse ich sie mit ran. Der erste Erfolg auf eine Sau prägt den Hund auf diese Wildart.“ Wie gut dieses Rezept funktioniert, zeigt sich, als wir beim Durchgehen ein Reh hochmachen. Kläffend stürmt Foxterrier-Dame Meike hinterher. „Pfui Reh!“, ruft ihr Hundeführer Björn hinterher: Meike wendet ab und kehrt zurück.

Die Gelassenheit, mit der die Foxe arbeiten, ist erstaunlich: Von der klischeehaften Hippeligkeit der Terrier ist nichts zu spüren. Neben Gehorsam, Schärfe und Arbeitsfreude der kleinen Racker begeistert auch ihre Führigkeit: Oft klemmt sich Driemel einfach einen Hund unter den Arm – die Leine nervt in dem dichten Zeug nur – um ihn bei Bedarf in die Schlacht werfen zu können. Etwa jetzt, als wir den vielstimmigen Standlaut vor uns anlaufen. Durchdringender Keilerdunst weht uns entgegen: Der Wind passt. Auf zehn Meter haben wir uns dem Kampfplatz genähert, als endlich Äste und Dornen einen Blick auf das Geschehen freigeben.

Showdown hinter Wurzelteller

Driemel zieht den Revolver. In dem Gestrüpp hier würde einen auch die führigste Nachsuchenbüchse extrem behindern. Die Kurzwaffe ist unter solchen Bedingungen schlicht unverzichtbar. Die meisten führen Revolver mit zwei bis vier Zoll langen Läufen in .357 Magnum im Hüft- oder Schulterholster. Fangriemen schützen zusätzlich vor Verlust. Die meisten Hundeführer hier verschießen moderne Hohlspitzmunition etwa von Geco, MagTech oder Hornady. „Damit hast du gute Wirkung, aber bei Treffern aufs Haupt oder Blatt in der Regel keine Splitter und keinen Ausschuss –die Gefährdung für die Hunde ist also minimal. Nur üben musst Du natürlich,damit du auch triffst.“

IMG_6883

Fangschuss – Erfahrung, Umsicht und spezielle Hohlspitzgeschosse verhindern, dass einer von Driemels Hunden dabei zu Schaden kommt. Foto: SE

Der krankgeschossene 90-kg-Keiler hat sich hinter einem der zahllosen hochstehenden Wurzelteller eingeschoben – ein Andenken an Lothar. Mit dem Revolver in der Hand pirscht Driemel sich an. Geschickt nutzt er die Deckung durch das Wurzelwerk aus. Die Terrier, wütend kläffend und immer wieder einen Ausfall wagend, beanspruchen die volle Aufmerksamkeit des Hauptschweins. Driemel lugt über den Rand des Wurzeltellers, wartet, bis der Kopf des Keilers frei und keiner der Hunde gefährdet ist. Der Schuss bricht, die Sau ist erlöst. Grimmig beuteln die Foxe ihren Widersacher – den Spaß haben sie sich verdient. Weniger spaßig gestaltet sich die Bergung des Bassen im bürstenartigen Unterwuchs.

18 Sauen, drei Rehe und vier Füchse liegen am Ende des Jagdtages auf der Strecke – Foxterrier sei Dank. Text, Fotos, Videos von Stephan Elison

IMG_7005

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.