Fake News? Gegenüber Meldungen über angebliches Wolfs-Opfer ist Misstrauen angebracht

Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell die Verbreitung von (Falsch-)Nachrichten in den sozialen Medien funktioniert: Aus drei völlig unterschiedlichen Ecken – mithin unabhängig voneinander – erreichte die JAWINA-Redaktion die Nachricht, dass in Polen angeblich ein erstes Todesopfer durch einen Wolfsangriff zu beklagen sei. Demnach soll ein 51 Jahre alter Jäger “in den frühen Morgenstunden” durch ein Rudel Wölfe attackiert und noch “am Tatort” seinen schweren Verletzungen erlegen sein. In den sozialen Netzwerken schlagen die Wellen entsprechend hoch, wozu auch beitrug, dass der Präsident des Landesjagdverbands Brandenburg (LJVB), Dr. Dirk-Henner Wellershoff, die offenbar noch unbestätigte Meldung über die Junge-Jäger-Whatsapp-Gruppe des LJVB, also über einen zumindest halboffiziellen Kanal, weiterverbreitet hat. Doch gegenüber der Meldung ist massives Misstrauen angebracht:

Das fängt damit an, dass die polnische Ortsbezeichnung gründlich falsch geschrieben ist: Eine Wojowotscja Lubuska gibt es nicht, das Online-Wörterbuch Leo.org findet zu keinem der Begriffe eine Übersetzung. Das deutet bereits darauf hin, dass die Nachricht keiner seriösen Quelle entstammt, sondern weitaus wahrscheinlicher einem von einigen Feierabendbieren umnebelten Gehirn.

wojowot

Falsch geschriebene Ortsbezeichnungen – leo.org kennt weder wojowotscja…

lubuska

… noch Lubuska.

Gemeint ist mit der nebulösen “Wojowtscja Lubuska” vermutlich die polnische Woiwodschaft Lebus, auf polnisch schreibt sich das “województwo lubuskie“.

Der nächste Schritt unserer kleinen Fake-News-Recherche bestand darin, die polnische Google-News-Seite mit den Worten “Wolf, Wölfe, Jäger, Opfer, Woiwodschaft Lebus” etc. in polnischer Übersetzung zu füttern. Ergebnis: Nichts. Nada. Niente. Aber das heißt natürlich nicht, dass an der Geschichte nichts dran sein muss, vielleicht sind die polnischen Medien ja auch alle von geheimnisvollen Mächten gleichgeschaltet und berichten über missliebige Ereignisse nicht – okay, lassen wir das.

Nächster Schritt: Ein Anruf beim Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz, die über alles im Zusammenhang mit Wölfen üblicherweise gut informiert und auch mit den polnischen Kollegen gut vernetzt sind. Ergebnis: Die freundliche Mitarbeiterin erfuhr durch dieses Telefonat erstmals von dem vermeintlichen Sachverhalt (sagte sie zumindest).

Fazit: Unsere akribische Recherche ist damit vorerst abgeschlossen, bis auf weiteres erscheinen Misstrauen und Vorsicht gegenüber dieser Meldung angebracht, bei der es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Fake News aka alternative Fakten handelt. Zumindest empfiehlt es sich, diese Auffassung beizubehalten, bis handfeste Beweise – Fotos, Polizeiberichte, Zeitungsartikel – vorliegen. Dass ein offizieller Vertreter des LJVB mit Behauptungen vorprescht, solange “Details” noch am Kommen sind, dürfte wenig dazu beitragen, den Ruf des LJVB als seriösen und ernst zu nehmenden Akteur zu festigen und verdient Kritik.

Details

Details kommen – wir sind gespannt…

Wenn es Neuigkeiten gibt, wenn die trauernden Hinterbliebenen des Wolfsopfers weinend im Fernsehen auftreten und Politiker bekräftigen, dass jetzt endlich etwas geschehen müsse, wenn wir einsehen müssen, dass Misstrauen und Skepsis hier gänzlich unangebracht waren – wir werden berichten. (Noch ein Hinweis für jenes norddeutsche Jagdmagazin, das dergleichen gerne als SENSATIONELLE TATSACHEN!! verkauft: Lasst euch von unserer Skepsis nicht abhalten!). SE

10 Gedanken zu „Fake News? Gegenüber Meldungen über angebliches Wolfs-Opfer ist Misstrauen angebracht

  1. Grimbart

    Mit solch unbestätigten Meldung gibt man sich der Lächerlichkeit preis und es ist Wasser auf die Mühlen der fanatischen Befürworter. Dann heisst es wieder, dass unnötig Panik gemacht wird.

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  2. Marco Freitag

    Meine polnische Kollegin hat auf polnischen Internetseiten gelesen, dass in dieser Wojewodschaft tatsächlich ein Jäger zu Tode gekommen ist, aber durch einen Unfall mit seiner eigenen Waffe. Von Wölfen ist dort garkeine Rede. Ist also eindeutig eine Falschmeldung.

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    1. Felix Ballach

      Oh mann,

      genau , irgendwann wird immer tewas passieren. Amatuer-Prophetismus ist angesagt. Ein wirklich intelligenter Kommentar zu einem wirklichen, ohne Ironie, guten Artikel. Du liesst wahtscheinlich auch eher `Jäger` nicht?

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  3. Ronald Braun

    Ich bekam die die erste Meldung (Gestern 23:30) aus einer Jagdschule, da hatte jemand gehört, das jemand erzählt hat, das er jemanden kennt dem man berichtet hat ….
    Muss ich weiter machen?
    Das schöne an den heutigen Möglichkeiten ist, man kann den Leuten alles erzählen, viel Glauben es und dann wird aus einerm Märchen eine “wahre” Geschichte!
    Ich will mir gar nicht vorstellen, wenn das bei den Gebr. Grimm schon möglich gewesen wäre!

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  4. janno

    Ich kann nur hoffen das diese Meldung nicht allzuviel durch Jäger verbreitet wird. Wir machen uns ja lächerlich. Gerade Jäger müssen bei derart sensiblen Themen besonders aufmerksam sein. Wir lassen ja auch den Finger gerade wenn keine EINDEUTIGE ANSPRACHE erfolgt ist….

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  5. Peter

    Panik ist sicherlich der falsche Ratgeber. Aber wir sollten auch nicht vergessen, den Blick für das wesentliche zu schärfen, was bei uns teilweise in den Revieren abläuft. Wir sollten uns schon mit dem Thema Wolf auseinandersetzen. Waidmannsheil

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  6. Hans-Dieter Pfannenstiel

    Hier wird doch wohl niemand auf die Idee kommen, der Präsident des Landesjagdverbandes Brandenburg e. V. gäbe sich der Lächerlichkeit preis???

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  7. Alexander Eichener

    Jeder kann mal daneben hauen – und sogar Verbandspräsidenten sind Menschen und benehmen sich auf Twitter (Trump) oder auf Whatsapp (Wellershoff) dann eben auch mal ganz menschlich. Das schließt Fehler und vorschnelle Handlungen mit ein.

    Und natürlich kann sich beim Schmunzeln über ein solch vorschnelles Handeln auch gerne an die eigene Nase fassen und sich fragen, inwieweit man selbst dazu neigt, Gerüchte ungeprüft weiterzugeben, sich wichtig zu machen, oder sogar selbst etwas hinzu zu erdichten. :-/

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