Elche jagen, um Karibus zu schützen?

Ein Team von Wildbiologen von der Universität Alberta in Kanada hat in einem Experiment die Wirksamkeit einer ungewöhnlichen Artenschutz-Taktik unter Beweis gestellt: In dem von Robert Serrouya​, Bruce N. McLellan, Harry van Oort, Garth Mowat, Stan Boutin im Online-Wissenschaftsjournal PeerJ veröffentlichten Aufsatz “Experimental moose reduction lowers wolf density and stops decline of endangered caribou” geht es um die gefährdete Population von Bergkaribus (Wildren, woodland caribou, Rangifer tarandus) in der kanadischen Provinz British Columbia. Der übliche Ansatz besteht darin, die Wolfspopulation in dem Gebiet zu bekämpfen, da Wölfe, wie andere Studien zeigten, jährlich 10 bis 15 Prozent einer Karibu-Population töten. Doch diese Maßnahmen zeigten jeweils nur einen saisonal und örtlich beschränkten Erfolg, vermutlich weil es gerade in den abgelegenen Regionen im Gebirgsregenwald, in denen das Wildren beheimatet ist, nicht möglich ist, die Wolfspopulation ausreichend stark zu dezimieren. Wolfsmanagement bekämpfe das Symptom, erklärte Studienautor Dr. Robert Serrouya gegenüber der New York Times, “wir haben versucht, die Ursache anzugehen.”

Die Ursache für den Rückgang der Karibu-Population sieht Serrouya in der Zuwanderung von Elchen, die in dem Gebirgshabitat ursprünglich nicht heimisch waren. Klimawandel, intensives Wolfsmanagement in anderen Gebieten und Holzeinschlag in den kanadischen Regenwäldern hätten die Elche dazu veranlasst, ihr Territorium auszudehnen. Den Elchen folgten die Wölfe – und diese rissen auch die Bergkaribus in Größenordnungen. Ursache für die Abnahme der Karibu-Population ist also nicht die Konkurrenz durch eine nicht heimische Art, die Elche, sondern der Import des Prädators Wolf durch den Zuzug der Elche, weshalb dieses Phänomen auch scheinbare Konkurrenz (apparent competition) genannt wird.

Die Lösung bestünde also darin, die Elche zu dezimieren, weil in der Folge auch die Wolfspopulation schrumpfen müsste. Um diese These zu erhärten, wurde in zwei Testgebieten die Elchjagd intensiviert, während dies in einem klimatisch und ökologisch ähnlichen, durch eine Bergkette jedoch isolierten Vergleichsgebiet unterblieb. Die Intensivierung der Bejagung wurde dadurch erreicht, dass die zuständigen kanadischen Jagdbehörden die Zahl der ausgegebenen Elch-Lizenzen verzehnfachten. Auf diese Weise gelang es, die Zahl der Elche in dem Gebiet von ca. 1700 auf nur mehr 300 bis 400 Individuen abzusenken. In der Folge verringerte sich auch die Zahl der Wölfe: Sie wanderten ab und hatten aufgrund des verknappten Nahrungsangebots weniger Nachkommen. Dies führte zu einer höheren Überlebensrate bei den Karibus und zu einer Stabilisierung der Population. In dem nicht intensiver bejagten Testgebiet blieb dieser Effekt aus, die Karibu-Population nahm weiter ab.

Dr. Serrouya gibt in der NY Times zu bedenken, dass verstärkte Elchbejagung allein nicht ausreicht, um die Bergkaribus zu retten: Ein kleines, bereits auf weiniger als 50 Tiere zusammengeschrumpftes Rudel stabilisierte sich nicht infolge der Maßnahme. Die Erklärung liegt vermutlich darin, dass Rudeltiere wie Karibus von der Wachsamkeit einer größeren Anzahl von Individuen in der Gruppe profitierten. Ist eine kritische Größe unterschritten, droht der Zusammenbruch der Population – ein Effekt, der bei der weiterhin intensiven Bejagung von Rot- und Damwild in den Wolfsgebieten hierzulande in Erwägung gezogen werden sollte.

Der Schutz der Karibu-Population erfordere einen vielfältigen und abgestimmten Ansatz, gab Dr. Serrouya zu bedenken, was wohl heißen soll, dass Maßnahmen (auch letale) zur Regulierung der Wolfspopulation auch künftig unverzichtbar sind. Dass man die Wölfe nicht abschießen müsse, “eine unbeliebte und daher in vielen Regionen aus politischen Erwägungen vermiedene Methode”, wie der Standard schreibt, dürfte daher eine etwas voreilige Schlussfolgerung sein. Auch auf die von der New York Times aufgeworfene fragwürdige (denn warum soll es besser sein, Elche zu töten, als Wölfe?) Frage : “You like caribou. You like wolves. How do you preserve one without killing the other?” (Sie mögen Karibus. Sie mögen Wölfe. Wie kann man die einen schützen ohne die anderen zu töten?), liefert die Studie kein Patentrezept als Antwort. Denn neben Abwanderung und niedrigerer Reproduktionsrate war ein weiterer Effekt für die Verkleinerung der Wolfspopulation verantwortlich: Hunger (starvation). Die Wölfe sterben folglich so oder so. Und ob langes Siechtum, gefolgt von einem langsamen Hungertod so viel angenehmer ist, als die Kugel eines Jägers, ist zumindest zweifelhaft. SE

Beitragsbild: Rentiere in Finnland (Archivbild). Foto: SE

 

Ein Gedanke zu „Elche jagen, um Karibus zu schützen?

  1. Grimbart

    Ein Zusammenbruch der Rot- oder Damwildpopulationen würde von so manchem radikalem Waldschützer doch nur begrüßt. Ich möchte aber nicht wissen wie hungrige Wölfe in einem dicht besiedelten Land wie Deutschland sich verhalten würden. Einfach so verhungern oder doch größere Risiken bei der Nahrungsbeschaffung eingehen?

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