Ein paar Gedanken zur Jagdunfallsaison

Zwei vergleichsweise glimpflich verlaufene Fälle jagdlichen Fehlverhaltens erregen zur Zeit die Gemüter in der Schweiz: In Chur im Kanton Graubünden hat ein Jäger vom Gehweg aus auf Rehe in einem Weinberg geschossen, in Viscoprano im selben Kanton schoss ein Jäger auf ein Tier, das zwischen ihm und einem Fußballplatz vorbeizog – auf dem gerade eine Kinder-Mannschaft trainierte. Als besonderen Erweis seiner jagdlichen Qualifikation verfehlte der wackere Weidmann das Stück… Nicht glimpflich, sondern tragisch verlief ein Jagdunfall, bei dem ein Jäger im Tessin seinen besten Freund erschoss.

Wir haben, wie auch andere Jagdnationen, wahrlich keinen Grund, mit dem Finger auf die Schweizer Jäger zu zeigen: Ist nicht gerade im Prozess um den tödlichen Schuss eines Jägers auf eine 86-jährige Rentnerin das Urteil gesprochen worden? In NRW schießt sich ein Jäger in den Fuß, in Mecklenburg verletzt ein Jäger seinen Jagdfreund schwer, in Italien erschießt ein Jäger seinen Vater bei der Wildschweinjagd, in Baden-Württemberg ein Jäger seine 19-jährige Tochter.

Das sind nur einige Fälle aus den letzten Wochen – wer ein wenig recherchiert, findet leicht etliche weitere, zum Beispiel in den USA. Unfälle können passieren, auch bei der Jagd. Aber man kann leider nicht leugnen, dass bei den meisten dieser peinlichen bis tragischen Fälle menschliches Versagen völlig unzweifelhaft die Ursache war. Da werden elementare Sicherheitsvorschriften außer Acht gelassen, Waffen unsachgemäß entladen, geladen und entsichert transportiert und gelagert, es werden Stände verlassen und es wird munter auf ein Rascheln oder einen undeutlichen Schatten im Gestrüpp geschossen.

Warum nur? Das ist eine Frage, die sich auch Gian Andrea Accola im Nachrichtenportal Südostschweiz.ch stellt, der, wie er bekennt, “einer Familie mit großer Jagdbegeisterung und -Tradition” entstammt. Ist es blinde Beutegier, Konkurrenzdruck, eine wohl als krankhaft zu bezeichnende “Wird-schon-gutgehen-Mentalität”? Eigentlich ist das Warum nicht die entscheidende Frage, meint Accola: “Denn absolut nichts rechtfertigt es, Unbeteiligte bei der Ausübung der Jagd auch nur ansatzweise zu gefährden.” Wenn es doch geschehe, habe es nichts mit Unfällen oder Pech zu tun, sondern “nur mit Egoismus, Habsucht und Dummheit.”

“Dummheit insbesondere deshalb, weil die Jagd in der öffentlichen Kritik steht”, wie Accola schreibt und wir alle wissen: “Wie kann man als einzelner Jäger alle politischen Debatten um die Jagd ausblenden und all jenen Jägern, die sich seit Jahrzehnten keinen einzigen Fehltritt erlaubt haben und sich äußerst sorgfältig an die Vorschriften und die weidmännische Tradition halten, so bereitwillig, rücksichtslos und aus reinem Egoismus heraus derart in den Rücken fallen?”, fragt er und kritisiert Egoismus und Angebertum und appelliert an den Verstand der jagenden Zunft.

Ich weiß nicht, ob das der richtige Ansatz ist. Aber dass jeder dieser Unfälle, jedes dieser Vorkommnisse zum Nachteil von Jäger und Legalwaffenbesitzern ausschlägt, dürfte ziemlich unstrittig sein. Deshalb müssen wir Jäger uns dieser Diskussion stellen – und endlich anfangen, für Ordnung in den eigenen Reihen zu sorgen.

Ich – und wahrscheinlich auch etliche andere jagdaktive Leser – könnte von etlichen haarsträubend leichtsinnigen und gefährlichen Schussabgaben durch Mitjäger allein in den letzten ein bis zwei Drück- und Erntejagdsaisons berichten. Die Verursacher dieser teils hochristkanten – und dazu oft noch völlig sinnlosen Schüsse , 250 Meter stehend freihändig auf eine hochflüchtige Sau in Richtung Straße z.B. –  sind oft langjährige Jagdscheininhaber und sicherlich nicht dümmer als der Bevölkerungsdurchschnitt, eher im Gegenteil. Aber wenn die Sauen aus dem Mais brechen, scheinen bei einigen einfach die Sicherungen durchzubrennen.

Was alle diese Fälle gemeinsam haben, ist eines: Es gab in keinem einzigen Fall eine ernsthafte Sanktion. Dass mal einer vor die versammelte Jagdcorona gerufen und zurechtgewiesen worden wäre – ich habe es noch nie erlebt. Selbst schwerste Verstöße, wenn in Richtung der nahen Treiber oder anderer Schützen geflakt wurde und Mitjäger schon die Kugeln oder Abpraller pfeifen hörten, wurden mit dezentem Schweigen übergangen. Und auf der nächsten Jagd sieht man die gleichen bekannten Hochrisiko-Kandidaten wieder. Bis es mal einen erwischt. SE

Beitragsbild: “Denn absolut nichts rechtfertigt es, Unbeteiligte bei der Ausübung der Jagd auch nur ansatzweise zu gefährden.” Gian Andrea Accola (Ansitzjagd, Symbolbild, Foto: SE)

 

5 Gedanken zu „Ein paar Gedanken zur Jagdunfallsaison

  1. Zündelnerlaubt

    100%ige Zustimmung, dennoch gesetz dem Fall man selbst meldet einen unsachgemäß, Hinterland gefährdenden abgegebenen Schuß der Jagdleitung. Man wird der Nestbeschmutzer sein und 9 von 10 Fällen derjenige sein der nicht mehr eingeladen wird, da KUmpel Heinz sonst immer zuverlässig ist. Niemand will derjenige sein der die Jagdkameraden anschwärzt und man lebt in Jagerei auch von dem Vertrauen und dem Wohlwollen der Jagdgemeinschaft um einen herum.
    Ich glaube die allgemeine Sensibilität ist noch nicht da und die Jägerschaft ist noch damit beschäftigt eher ihren Besitzstand gegen die Jagdkritiker zu verteidigen, als auch mal selbstkritisch das eigene Handeln bezgl. der Sicherheit zu betrachten.

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  2. Carpe Diem.. jetzt erst recht

    Es gilt “ist die Kugel aus dem Lauf, hält kein Teufel sie mehr auf!”. Die Jagdunfälle alle in einen Topf zu werfen ist wie der Vergleich von Äpfel und Birnen, das ist mir zu einfach. Im Ausland wird deutlich anders gewaidwerkt als in unserem Reviersystem. Haarsträubende Beispiele der Saujagd sind bei youtube genug zu sehen. Wer im eigenen Revier pirscht, weiß in der Regel wenn noch Waffenträger unterwegs sind. Die zitierten Jagdunfälle sind a.G. von Unachtsamkeit, Unüberlegtheit, Schussgeilheit entstanden. Hier in D sind diese Unfälle m.E. durch Senioren verursacht und das läßt aufmerken.
    Früher, d.h. vor 1970 war der Jagdschein recht einfach zu erwerben, da war der Prüfungsanspruch gering. Das hat sich mit den Jahren verändert und heute sind die Prüfungsanforderung an einem Punkt angekommen, wo man zu recht von “grünem Abitur” spricht. Das mag nicht in jedem Bundesland so sein. Insbesondere der sog. aktuelle Schießnachweiß wird vielerorts bei Bewegungsjagden gefordert. Das ist noch kein qualifizierter Nachweis aber ein richtiger Schritt in die richtige Richtung. Wenn sich die Alten aber nicht auf dem Schießstand sehen lassen ist das kein Beweis ihrer Schießfertigkeit sondern genau das Gegenteil. Hier muß dran gearbeitet werden. Ich hatte es hier schon mal gesagt, kein Stück Wild ist es Wert einen Schuss zu wagen, der Andere ruiniert und dann auch über mich nur Leid und Schande bringt. Das läßt sich aber nicht verordnen, das ist u.a. die ethische Einstellung zur Jagd und Charaktersache.

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    1. Zündelnerlaubt

      Ich hab mich das auch schon gefragt, oder wird einfach mehr berichtet?
      Da gibt´s doch von der BG bestimmt ne Statistik

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  3. Kr.-Itisch

    Wahrscheinlich sind die Zahlen sogar rückläufig. Durch die ständige mediale Präsenz scheint es uns nur so, dass „ständig“ was passiert. Im Falle von Unfällen mit Waffen (Jagd, Sport oder Anderes) hüpfen die Medien, auch die Jagdmedien, immer gleich drauf. Würde mit gleicher Intensität von Unfällen im Beruf oder im Privaten berichtet, hätten wir nichts mehr anderes zu lesen.

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