Dürfen Hundeführer ihren Jagdhund gegen Wolfsangriffe verteidigen?

Die Tötung einer Bracke auf einem sächsischen Truppenübungsplatz hat die Frage aufgeworfen, wie die Rechtslage ist, wenn man seinem von einem Wolf angegriffenen Hund zu Hilfe kommen muss. In Schweden, bekanntlich ein EU-Land, in dem Wölfe dem selben strengen Schutzstatus unterliegen wie in Deutschland, ist die Sache in vorbildlicher Eindeutigkeit geregelt: In § 28 der schwedischen Jagdverordnung heißt es dazu: Greift ein Raubtier wie Bär, Wolf, Vielfraß oder Luchs Haustiere an, oder besteht vernünftiger Grund zu der Annahme, dass ein solcher Angriff bevorsteht, so dürfen geeignete Maßnahmen ergriffen werden, das Raubtier zu vergrämen. [Om något av rovdjuren björn, varg, järv eller lo angriper tamdjur eller om det finns skälig anledning att befara ett sådant angrepp, får åtgärder vidtas för att skrämma bort rovdjuret.]

Vergleichbare Regelungen für Deutschland gibt es bislang nur in der Brandenburger Wolfsverordnung, in deren § 1 die Vergrämung von Wölfen geregelt wird.  Demnach dürfen Wölfe, „die sich Weidetierbeständen, die nach den Vorgaben der „Mindeststandards beim Schutz von Weidetierbeständen vor Wolfsübergriffen“ des brandenburgischen Wolfsmanagements geschützt sind, bis auf weniger als 30 Meter annähern, mit dazu geeigneten Methoden und Geräten nach Maßgabe der §§ 3, 4 Absatz 1 und 5 vertrieben werden, sofern die Wölfe hierdurch nicht ernsthaft verletzt werden.“

Die Tötung eines Problemwolfs setzt jedoch einen entsprechenden behördlichen Beschluss voraus. Doch welches Recht hat ein Hundeführer, der seinem von einem Wolf angegriffenen Jagdhund zu Hilfe kommt?

Klar ist, dass man in dieser Situation nicht abwarten, einen Bericht an die Jagd- und Naturschutzbehörde verfassen und einen Problemwolfsabschuss beantragen kann.

Die Vergrämung des Wolfs “ohne diesen ernsthaft zu verletzen”, dürfte nicht nur in Brandenburg unproblematisch sein. Doch was, wenn der Wolf sich nicht vergrämen lässt oder dies im Hinblick auf die eigene Sicherheit zu riskant erscheint? Was, wenn nur ein gezielter Schuss auf den Wolf das Leben des Hundes rettet?

“Hier ist man in Deutschland im Bereich des § 34 Strafgesetzbuch“, erklärt der Berliner Rechtsanwalt und Justiziar des Landesjagdverbands Brandenburg (LJVB), Jens Ole Sendke. Dieser lautet: “Wer in einer gegenwärtigen, nicht anders abwendbaren Gefahr für Leben, Leib, Freiheit, Ehre, Eigentum oder ein anderes Rechtsgut eine Tat begeht, um die Gefahr von sich oder einem anderen abzuwenden, handelt nicht rechtswidrig, wenn bei Abwägung der widerstreitenden Interessen, namentlich der betroffenen Rechtsgüter und des Grades der ihnen drohenden Gefahren, das geschützte Interesse das beeinträchtigte wesentlich überwiegt. Dies gilt jedoch nur, soweit die Tat ein angemessenes Mittel ist, die Gefahr abzuwenden.”

„Entscheidend ist dabei, dass das geschützte Rechtsgut das beeinträchtigte wesentlich überwiegen muss. Vordergründig erscheint es so, dass zwischen dem Eigentum des Hundeführer einerseits und dem Artenschutz andererseits abgewogen werden muss “, erläutert Sendke, “doch Artenschutz und Eigentum sind im Rahmen des Notstandsparagrafen keine vergleichbaren Rechtsgüter. Artenschutz ist gerade kein Individualrechtsgut wie z.B. Eigentum oder Leben. Das naturschutzrechtliche Tötungsverbot stellt nur ein individuelles Handlungsverbot dar. Beim Artenschutz geht es nicht um den absoluten Schutz eines Individuums, sondern lediglich um den Schutz der Population. Artenschutzaspekte sind deshalb in die Rechtgüterabwägung des § 34 StGB nicht einzubeziehen.”

Sendke hält es deswegen nicht für sehr wahrscheinlich, dass es in einem Fall nachweislicher Verteidigung eines Jagdhundes gegen einen Wolfsangriff zu einer Verurteilung kommt. Allerdings bedarf es einiger juristischer Klimmzüge.

Da haben die Schweden es besser: Denn in § 28 a der Jagdverordnung ist festgelegt, dass die genannten Raubtiere auch getötet werden dürfen, um Jagdhunde, die bei Bewegungsjagden eingesetzt werden, zu schützen. [28 a § Åtgärder enligt 28 § andra-fjärde styckena får även vidtas av annan som handlar på uppdrag av ägaren eller vårdaren för att skydda jakthund som används i jaktlag, tamdjur som befinner sig inom inhägnat område avsett för skötsel av tamdjuret eller vilt som hålls i vilthägn eller liknande anläggning enligt 41 a §.]

Vermutlich wird auch kein deutscher Jäger aufgrund von – gerade beim Wolf ja zudem überaus zweifelhaften – Artenschutzerwägungen dabei zusehen, wie Isegrim seinen Jagdhund verspeist, das erscheint schlicht unzumutbar. Von der Rechtssicherheit, die die schwedische Jagdverordnung schafft, können deutsche Jäger, Hundeführer und Weidetierhalter bislang nur träumen. SE

Beitragsbild: Ein Bild von einem Wolf. Foto: privat

 

 

11 Gedanken zu „Dürfen Hundeführer ihren Jagdhund gegen Wolfsangriffe verteidigen?

  1. Kr.-Itisch

    Ob hier §34 STGB., Notwehr oder Notstand seitens der Rechtsprechung angewendet wird, wage ich zu bezweifeln. Sind nicht schon oft genug sich selbst verteidigende Legal-Waffenbesitzer in Falle eines Einbruchs oder Ähnlichen für den Gebrauch ihrer Waffe verurteilt worden, selbst wenn ein ganz offensichtliche Notwehr-Situation vorgelegen hat? Wir sind heute soweit, dass jeder tote Wolf zu intensiven kriminaltechnischen Untersuchungen führt, die denen vom jedem Kapitalverbrechen in Nichts nachstehen. Hyper- oder besser übersensibel geht man damit um. Um mich vor dieser aufgegeilten Klientel behaupten zu können müsste ich außerdem ständig einen Zeugen dabeihaben. Erschösse ich einen Wolf in einer Notwehrsituation, weil er mich oder meinen Hund angreift, wie sollte ich das je beweisen. Und selbst wenn die Notwehrsituation zweifelsfrei vorliegt, die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Mittel kommt 100 prozentig. Und alle diese Abwägungen auch noch im Falle eines Angriffs zu treffen; bis dahin ist der Hund längst tot.

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  2. Ralf

    Und eine rege Diskussion schloss sich an…
    die auch nötig ist.
    Das Eigentum ist ein abzuwägendes Rechtsgut. Es zu schützen obliegt mir ganz alleine. Einen Zeugen dabeizuhaben ist natürlich optimal- bei der Jagd aber selten der Fall. Die Polizei hat teilweise Body-Cams, um Szenen später videografisch darstellen zu können. Der Jäger hat sowas (bislang noch) nicht. Auch wenn das bezogen auf mögliches Zusammentreffen mit militanten Jagdgegnern zu empfehlen wäre.
    Nun werden die Wölfe KTU-mäßig untersucht. Das ist der rechtsstattlichen Einstufung des hohen Schutzstatus der Wölfe geschuldet.

    Kr.-Itisch, Sie haben Recht, wenn Sie darstellen, dass die Frage der Verhältnismäßigkeit im Fall des Falles kommen wird. Das ist aber bei allen Notwehr- und Notstandsbetrachtungen so.
    Einen Umstand kann man als Notstandübender immer darstellen: Die Einsatzreichweite der verwendeten Waffenart.
    Die Einsatzreichweite von Waffen, aus denen Büchsenlanggeschosse verwendet werden, ist bekannt. Dagegen ist aber auch die Einsatzreichweite von Kurzwaffen bekannt und ein Indiz für eine geringe Distanz.
    Der bei der KTU nachzuvollziehende Einsatz der Kurzwaffe ist ein Indiz für den Beschuss auf kürzere Distanz, der erforderlich (rechtl. Definition: mildestes Mittel, kein milderes Mittel möglich) geworden sein könnte, um einen Wolf oder mehrere Wölfe (Kurzwaffen haben auch größere Schussfolgemöglichkeiten, die ich persönlich als Vorteil bezogen auf die Abwehrmöglichkeit ansehe) von sich oder seinem Hund abzuwehren. Die Dringlichkeit des Schießens kann durch den Einsatz der Kurzwaffe eher glaubhaft dargestellt werden, als durch das Schießen mit der Langwaffe (Ausnahme: mit Schrot lässt sich auch eher eine Dringlichkeit aufgrund der ausschließlichen Wirkungsweise auf kurze Distanz nachweisen).
    Die rechtliche Würdigung obliegt dann dem Strafrechtsverfahren, dass dann folgt.

    Ich hoffe, dass unsere Bundesregierung eine gesetzliche Regelung wie in Schweden schafft, bei der man den Verlust des Jagdscheines nicht befürchten muss!

    Aber bezogen auf die derzeitige Rechtslage ist meine persönliche Meinung:
    Es ist instinktives Handeln. Für mich wäre es keine Frage, ob ich auf einen Wolf schieße, der mich oder meinen Hund angreift. Das ist instinktives Handeln, das auch jeder Schutzmann hat, der angegriffen wird oder der einen Angriff von jemand anderem mit der Pistole abwehrt.
    Ja- anschließend werde ich Beschuldigter im Strafverfahren sein. Das ist der Rechtsstaatlichkeit unseres Landes geschuldet. Aus meiner Sicht ist mir aber persönlich wichtig, dass ich selbst heile aus dem Wald komme und auch mein Hund, der lange und zeitintensiv mit voller Hingabe ausgebildet wurde (mit auch gegenzurechnendem Geldwert: Stichwort Abwägung von Rechtsgütern) und der Teil der Familie geworden ist !

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    1. Grimbart

      Ich würde auch von der Schusswaffe Gebrauch machen, wenn mein Hund angegriffen wird. Dafür müsste ich nah ans Geschehen und evtl. sind dann schon Schmauchspuren vorhanden, die ein Indiz für die Notwehrsituation sein können.
      Zur Notwehr bei Einbrüchen. Sehr oft wurden die Schützen nicht verurteilt. Probleme bekommt man allerdings, wenn man auf Flüchtende schießt, aber selbst in einem solchen Fall gab es schon einen Freispruch. Der alte Mann hat sich dermaßen gefürchtet, dass er nicht mehr rational handeln konnte. Aber wie heißt es so schön:
      Vor Gericht und auf hoher See befindet man sich in Gottes Hand.

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      1. Jürgen

        Zuviel der Diskussion. Beim Jagen ist handeln gefordert. Wolf am Hund ist jagen in Bewegung, da muss Mann dicht ran (wie bei der kranken Sau). Schießen, schaufeln, schweigen.
        Es gibt in D zu viele Rechtsverdreher und Wolfsgutmenschen, als dass du nach solch einer Hunderettung noch normal weiterleben könntest.
        Zum Glück ist die Wolfsdichte in südlichen Teil von D überschaubar gering – noch.

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      2. Thomas

        Ich gehe mal davon aus, Sie haben schon mal zwei Hunde raufen gesehen? Nein, nicht, nun aus eigener Erfahrung kann ich ihnen vermitteln, dass
        a) zwei halbwegs gleich grosse Hunde (oder Hund + Wolf), wenn die sich schon in den Haaren haben ein einziges Knäuel bilden
        b) der unterlegene Hund, wenn kleiner als ein Wolf, schneller tötlich verwundet ist, als Sie die Waffe in Anschlag bringen können

        Wölfe sind ausgesprochen geschickte ‘Killer’. Sie haben nur eine Chance, wenn sie den Wolf erschiessen BEVOR es am Hund ist. Das beweisen sie dann als Notstand in einem Strafprozess! Ist der Wolf am Hund, können sie entscheiden, ob sie ihm helfen wollen. Was ich in jedem Fall tuen wuerde, auch wenn ich mich der Gefahr aussetze, mir selber einen einzufangen. Dazu braucht man einen Satz stählerne Eier. Das geht dann aber 100%-tig als Notstand durch…

        Tipp, Theorie: Kaempfende Hunde immer versuchen an den Hinterbeinen zu greifen und hochheben.
        Bei uns/mir ist das so geregelt, sehe ich den Wolf dichter als 50m am Camp, Hund, Kind stirbt er. Ueber dieser Reichweite, baller ich ihm nicht hinterher…

        Leider typisch fuer DE: Ein Problem schaffen, die Betroffenen im Regen stehen lassen, wenn sie sich dann wehren, kriminalisieren (zu Schuldigen machen).

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    1. admin Beitragsautor

      Es hängt in der Wohnstube eines Freundes, der es vor kurzem ersteigert hat. Ich frage ihn mal, ob eine leserliche Signatur zu finden ist. SE

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        1. admin Beitragsautor

          Gern geschehen. Es ist aber leider keine Signatur sichtbar, der Künstler ist also unbekannt. Ein Experte hat den Entstehungszeitraum auf 1840 bis 1850 geschätzt und vermutet, dass es sich um ein Werk aus einer niederländischen Schule handelt. Viele Grüße SE

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