Die Wüste…

… LEBT!

Auf einem der zahlreichen Messestände der Adihex 2018, die dem jagdlichen und kulturellen Erbe der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) gewidmet sind, läuft ein Video: Auf den flimmernden Schwarzweiß-Aufnahmen ist zu sehen, wie junge Männer von einem primitiven Boot aus ins Meer springen. Durch ziemlich selbstgeknüpft aussehende Stricke mit den Schaluppen verbunden, tauchen sie ohne Sauerstoffflaschen oder sonstige Tauchausrüstung auf den Meeresgrund nach Muscheln. Man muss sich klar machen, dass diese Dokumentarfilme über die Perlentaucher im Arabischen Golf in den Fünfziger- oder Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts entstanden sind, um zu begreifen, welchen ungeheuren Wandel diese Gesellschaft in unfassbar kurzer Zeit erfolgreich bewältigt hat.

“Das war ein Beduinenstamm, der in einfachen Hütten am Strand gelebt hat, ” erklärt Dr. Dalia Abu Samra-Rohte von der Deutsch-Emiratischen Industrie und Handelskammer (AHK) in einem Vortrag für die Teilnehmer dieser von der NürnbergMesse veranstalteten Reise. “Und die ältere Generation erinnert sich noch an das Leben vor dem Öl.” Man muss seiner Fantasie einiges abverlangen, um sich das vorzustellen, wenn man durch die gediegenen Marmorfluchten des futuristischen, flächendeckend klimatisierten Messezentrums wandelt und durch die Glasfassade auf die Skyline und die achtspurigen Highways schaut. “Der Sommer ist hart in Abu Dhabi”, seufzt Dr. Samra-Rothe, “Da friert man die ganze Zeit.” Was natürlich nicht am Wetter liegt – bei 42 Grad und einer gefühlten Luftfeuchtigkeit von 1000 Prozent erscheint Frieren als etwas Fernliegendes, irgendwie Irreales – sondern an den Klimaanlagen, die in jedes Hotel oder Taxi, aber auch in Shopping-Malls, Kongresszentren und Flughäfen einen Hauch von norwegischem Frühling zaubern.

Fotos: SE

Heute bereiten sich die Herrscher Abu Dhabis schon auf die Zeit nach dem Öl vor: Sie haben ein Super-Mega-Luxus-Shopping- und Wellnessparadies aus dem Wüstensand gestampft, eine Art Las Vegas mit arabischem Einschlag, das jedes Jahr Scharen von Touristen anlockt.

Totaler Luxus: Badewanne im Hyatt Capital Gate in Abu Dhabi.

Blick aus dem Hotelzimmer im 18. Stock…

… auf den Golf. “Das Hotelzimmer ist so groß wie eine Dreizimmer-Wohnung”, bemerkte ein Teilnehmer ohne sehr zu übertreiben.

Gigantische Summen fließen in die Entwicklung einer diversifizierten und nachhaltigen Wirtschaft: Digitalisierung, erneuerbare Energien, Gesundheitswesen, Bildungswesen, Technologie und Kultur werden von den Scheichs mit Vehemenz vorangetrieben.

Salukis wurden für die Jagd auf Gazellen, Hasen oder Füchse eingesetzt – dieser Hundeführer beteuert, dass dies heute noch so sei.

Auch die Jagd- und Reitsportmesse Adihex, die 2018 zum 16. Mal stattfindet, ist eine Initiative der Regierung. Zu den Veranstaltern gehören der Falknereiverband der Emirate (Emirates Falconers Club), die Umweltbehörde Abu Dhabi (Environment Agency – Abu Dhabi (EAD)), die Internationale Gesellschaft zum Schutz der Kragentrappe (International Fund for Houbara Conservation (IFHC)) sowie Tourismus- und Kulturbehörden. Hauptzweck der Adihex ist es dann auch laut Selbstdarstellung auf der Internetseite der Adihex, die nachhaltige Jagd sowie das natürliche und kulturelle Erbe Abu Dhabis zu fördern.

Kragentrappen (Houbara). Die VAE engagieren sich stark für den Schutz der Vögel und haben ein Nachzuchtprogramm initiiert. Die Kragentrappe gilt als gefährdet – dafür ist neben dem Verlust der Lebensräume leider auch die intensive Beizjagd verantwortlich.

Jagd – das heißt hier vor allem: Falknerei.

Besonderer Beliebtheit erfreuen sich die aus Artenschutzgründen höchst problematischen Hybridfalken. Fotos: SE

Handel mit Beizvögeln en gros…

… et en detail.

Eule.

Adler.

Eine japanische Falknerin auf der Adihex.

Die Vorzüge der ausgestellten Vögel werden fachkundig erörtert…

… und wecken Begehrlichkeiten schon bei den jüngeren Messebesuchern.

Verkaufsverhandlungen – am zweiten Messetag war an vielen Blöcken bereits ein Verkauft-Schild angebracht.

Auch etliche der ausgestellten Kunstwerke sind von der Falknerei inspiriert…

… wie diese Greifvogel-Skulptur des nigerianischen Künstlers Collins Abinoro, die, hier gut zu erkennen, aus Löffeln gemacht ist. Fotos: SE

Auch ein Kunstwerk:

Traditioneller arabischer Dolch.

Griffstück aus Horn. Fünf verschiedene Gewerke arbeiten insgesamt 20 Tage an diesen Kostbarkeiten.

Zum traditionellen Outfit gehört der Dolch.

Ein anderes Projekt, das sich dem kulturellen Erbe der Araber widmet, ist die Reproduktion der klassischen Handschriften zur Falknerei. Das Original dieses Manuskripts aus dem Jahr 1559 liegt in der Forschungsbibliothek Gotha. Faszinierend: Auch das äußere Erscheinungsbild der Folianten wird nachgebildet.

Traditionelles Flechthandwerk.

Die diesjährige Adihex stand ganz im Zeichen des “Year of Zayed” zu Ehren von Scheich Zayid bin Sultan Al Nahyan, der 2018 seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Er war Emir von Abu Dhabi und erster Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Zayid gilt als die treibende Kraft hinter der Gründung der VAE, die Menschen in Abu Dhabi verehren ihn als Staatsgründer. “Scheich Zayid wird auch als “der Mann, der die Wüste grün machte” bezeichnet”, schreibt Wikipedia. “Das war eine Anspielung auf seine großen Investitionen in Projekte, die die harsche Wüstengegend ansprechender gestalten sollen. Zayid baute mit dem Geld aus den Ölexporten auch Institutionen wie Krankenhäuser, Schulen und Universitäten. Er ermöglichte den Bürgern der Vereinigten Arabischen Emirate kostenlosen Zugang dazu.”

Wenn man Scheich Zayids Verdienste angemessen würdigen will, muss man sich vergegenwärtigen, dass es etliche Länder gibt, die auch sehr reich an Bodenschätzen sind, aber in Misswirtschaft, Korruption und Elend versinken – das Ölland Venezuela ist vielleicht das drastischste Beispiel. In den VAE wurde hingegen, zumindest für die einheimische Bevölkerung, das Paradies auf Erden geschaffen. Die sozialen “benefits” für die Einwohner Abu Dhabis sind legendär: Du hast kein Haus? Der Staat baut dir eins. Dein altes Haus erscheint dir nicht mehr angemessen? Der Staat reißt es ab und baut dir ein neues… Nur ein Beispiel von vielen.

Die Wüste zum Blühen gebracht – Luxushotel in Abu Dhabi. Fotos: SE

Natürlich kommen diese Wohltaten nur Einheimischen zugute. “Die Staatsbürgerschaft Abu Dhabis wird nur äußerst selten an verdiente Ausländer vergeben”, berichtet Dr. Samra-Rothe, “Und dann natürlich ohne benefits: Es gibt die Staatsbürgerschaft in drei Klassen…” Dennoch zieht der Reichtum der Emirate Heerscharen von Arbeitern aus allen Weltgegenden an, die hier ein Einkommen finden: Inder, Pakistaner, Indonesier, aber auch Europäer. In den Hotels und bei den Fluggesellschaften arbeiten viele Russinnen und Ukrainerinnen.

87 Prozent der Einwohner mit Migrationshintergrund

Ja, richtig gelesen: Auf 13 Prozent Ureinwohner kommen 87 Prozent von Menschen mit Migrationshintergrund. In Abu Dhabi funktioniert das augenscheinlich ziemlich gut. Aber die Spielregeln sind knallhart. “Man kommt – abgesehen von touristischen Aufenthalten – nur ins Land, wenn man einen Job hat”, sagt Dr. Dalia Abu Samra-Rohte, “Verliert man den Job, hat man vier Wochen Zeit, sich einen neuen Job zu suchen oder das Land zu verlassen – auch wenn man 20 Jahre oder länger hier gelebt und gearbeitet hat.” Erreicht man das Pensionsalter – hat man vier Wochen Zeit, das Land zu verlassen. Auch die im Land aufgewachsenen Söhne von Beschäftigten müssen sich einen Job suchen oder ausreisen, sobald sie 18 Jahre alt sind. Der indische Schriftsteller Deepak Unnikrishnan hat im Guardian geschildert, wie es sich anfühlt, sich in einem Land zuhause zu fühlen, das nie Heimat werden kann. Lesenswert! Unnötig zu erwähnen: Wer sich etwas zuschulden kommen lässt, fliegt sofort raus und darf nie wieder einreisen.

Scheich Zayid war leidenschaftlicher Falkner…

Ein großer Messestand ist ganz dieser seiner Leidenschaft gewidmet.

Mohammed Al Khaaldi vom Emirates Falconer Club weiß manch abenteuerliche Jagdgeschichte zu erzählen. So hat er den auf den Bildern im Hintergrund zu sehenden Karakal “mit bloßen Händen” (er wickelte sich sein Tuch um die Hand und stürzte sich aus dem verfolgenden Geländewagen auf die Katze!) für Scheich Zayid gefangen. Der Karakal lebte dann noch lange in einem der Parks des Scheichs. Foto: SE

Lufthoheit auf Arabisch: Bei der Beizjagd kann es vorkommen, dass ein Adler versucht, sich den Beizvogel und seine Beute zu schnappen. Scheich Zayid greift ein…

Ein Bild von einem Herrscher…

Mit der prachtvollen Scheich-Zayid-Moschee…

… hat sich der Scheich ein Denkmal gesetzt. Fotos: SE

 

Die Lampe hat 30 Millionen Dollar gekostet, berichtet unser Guide ehrfürchtig…

… ebenso wie der Teppich, mit dem die gesamte Moschee ausgelegt ist. 1200 Frauen sollen im Iran zwei Jahre lang daran geknüpft haben.

Murano-Glas und Marmor: Die Baukosten sollen sich auf 1,5 Milliarden Dollar belaufen.

Floraler Wandschmuck.

Liebevolle…

… Details.

Exklusive Fliesenarbeiten.

Das ist der Eingang zur Herrentoilette…

Brunnen.

Waschgelegenheit (eine von vielen) für die vorgeschriebene Reinigung.

Wandschmuck auf dem Weg zu den Toiletten.

Am nächsten Reisetag ergab sich die Gelegenheit für Streifzüge über die Adihex auf eigene Faust:

In den abgelegeneren Messehallen herrscht Basaratmosphäre.

Es gibt alles…

… was man braucht…

… für ein stilvolles Picknick in der Wüste.

Auch zum Einbau in den Geländewagen.

Ziemlich überzeugend, diese mobile Ausziehküche – auf der Oberseite kann man erforderlichenfalls schlafen. Fotos: SE

Kamelauktion – die versteigerten Kamelfohlen gingen für 30.000 Euro aufwärts weg.

Auch der traditionelle Stock gehört dazu…

… und ist ein unentbehrliches Accessoire bei den Tänzen der Wüstensöhne.

Das ist Oud…

… das beim Verbrennen in Räuchergefäßen wie diesen einen köstlichen Geruch verströmt. Es wird aus dem Holz des Adlerholzbaums gewonnen, das von einem bestimmten Pilz infiziert wurde. Ein Kilo kostet zwischen 10.000 und 40.000 Dirham (2500 bis 10.000 Euro).

Farbenfrohe Gebetsketten…

… finden reißenden Absatz. Fotos: SE

Für Falkner lohnt sich ein Besuch schon wegen des riesigen Sortiments an – teilweise sehr preiswertem – Falknereibedarf.

Das darf auf einer Jagdmesse nicht fehlen.

Gut angenommen: Die Gebetsräume.

Dieser Truck…

… ist ein mobiles Beschussamt. Die auf der Messe gekauften Waffen können vor Ort dem amtlichen Beschuss unterzogen werden.

Klebrige Köstlichkeiten.

Wo wir schon bei Köstlichkeiten sind:

Unwiderstehlich: Ghazal al Banat.

Zum Abschluss ein besonderer Leckerbissen. Der Verf. steht nicht besonders auf Süßkram, aber DAS ist unwiderstehlich: Ghazal al Banat, ein Dessert, das wir in dem äußerst empfehlenswerten libanesischem Restaurant Abd el Wahab im Souk von Abu Dhabi serviert bekamen. Eine Art Zuckerwatte verhüllt einen Kern aus Vanilleeis, die Zuckerwatte besteht aber aus Karamel, daher nicht nur süß, sondern eben köstlich karamellig. In diesem Beitrag ist ein Video zu sehen, der zeigt, wie es gemacht wird.

Allein dafür schon hätte es sich gelohnt, nach Abu Dhabi zu kommen… SE

Beitragsbild: Ausflug in die Wüste. Fotos: SE

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2 Gedanken zu „Die Wüste…

  1. Ronbi

    Ist sehr rührend, der Bericht.
    Frage: Wo kommen alle die Greifvögel her, illegal aus aller Herren Länder? Besonders die Gerfalken, denen das Wüstenklima bestimmt nicht gefällt.
    Und noch etwas, fast nix von der ganzen Technik machen die Eingeborenen dort selbst.

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    1. admin Beitragsautor

      Danke! Ich glaube nicht, dass die hier gezeigten Greifvögel illegale Importe sind, wäre es so, würden sie bestimmt nicht öffentlich auf einer Messe wie dieser, die ja ausdrücklich auch Repräsentationszwecken dient, ausgestellt werden. Die VAE sind übrigens CITES-Mitgliedsstaat, dergleichen wäre also auch dort eindeutig illegal. Dass Wilderei und illegale Nestplünderung bei gefragten Greifvogelarten durchaus ein Problem darstellen, will ich damit aber nicht abstreiten. Viele Beizvögel stammen heute aus Zuchten, einige der Aussteller sind bekannte Zuchtfarmen. Bei etlichen der vermeintlichen Gerfalken dürfte es sich, wie gesagt, um Hybridfalken handeln.
      Dass Gerfalken und Wüstenklima eigentlich nicht zusammenpassen, stimmt allerdings nur zu sehr. Wikipedia schreibt (https://de.wikipedia.org/wiki/Gerfalke#Gerfalken_in_der_Falknerei_heute): “Durch ihre Hitzeanfälligkeit sind Gerfalken allerdings für die Falknerei im Nahen Osten ungeeignet. Sie gelten als „tuyur majlis“ (Wohnzimmer-Falken), die nur einen reinen Schauwert haben.” SE

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