Die rätselhafte Vorliebe der Wölfe für Truppenübungsplätze

Die Lupinen Gesa Kluth und Ilka Reinhardt haben in Zusammenarbeit mit anderen verdienten Aktivisten (Bezeichnungen wie “Forscher” oder “Wissenschaftler” werden m.E. weder dem Anspruch, noch der tatsächlichen Tätigkeit dieser Personen vollumfänglich gerecht) ein interessantes Phänomen bei der Wiederbesiedlung Deutschlands durch Wölfe untersucht: Die rätselhafte Vorliebe der Wölfe für Truppenübungsplätze. Die ersten Wolfsterritorien in neu besiedelten Gebieten etablierten sich auf aktiv genutzten Truppenübungsplätzen (TrÜP) – oft in weiter Entfernung vom nächsten bekannten und reproduzierenden Wolfsrudel entfernt, stellen die Autoren der Studie “Military training areas facilitate the recolonization of wolves in Germany” fest. TrÜPe – und nicht etwa Naturschutzgebiete – dienten als Sprungbretter für die Wiederbesiedlung Deutschlands durch Wölfe, da sie die Ausbreitung in der Umgebung erleichterten.

Die ersten zwei Wolfsterritorien außerhalb des ursprünglichen Wiederbesiedlungsgebiets auf einem TrÜP in Sachsen etablierten sich mehr als 200 Kilometer entfernt – auf zwei TrÜPen, stellen die Autoren fest. In den folgenden Jahren seien weitere Wolfsterritorien in anderen deutschen Bundesstaaten begründet worden, jeweils weit entfernt vom nächsten reproduzierenden Rudel – und immer auf aktiv genutzten TrÜPen.

Zwar sei diese Form der sprunghaften Ausbreitung (jump expansion) bereits an Wolfspopulationen in anderen Ländern (Westpolen, Skandinavien) beobachtet worden, einzigartig an der Wiederbesiedlung Deutschlands durch Wölfe sei jedoch, das ausschließlich TrÜPe als Sprungbretter genutzt worden seien.

Hätten sich die Wölfe einmal auf einem TrÜP etabliert, so sei in der Folge eine Ausbreitung in Form einer Erweiterung des Streifgebiets zu beobachten gewesen (“Once wolves established territories and bred on MTAs a subsequent diffusion like range expansion around these initial colonization areas could also be observed.”).

Was an dieser “jump expansion” verwundert – und auch nicht zu Verschwörungstheorien neigende Mitmenschen misstrauisch stimmt und/oder an Kofferraumwölfe glauben lässt – , ist die Tatsache, dass die Wölfe jeweils völlig unverhofft auf den neuen TrÜPen auftauchten, ohne auf ihren hunderte von Kilometer langen Streifzügen durch dicht besiedelte Kulturlandschaft beobachtet zu werden, wie es bei der anschließenden “range expansion” ständig der Fall war und ist: Sie tauchen in Städten auf, hinterlassen gerissene Nutz– und Wildtiere, werden an Straßen und in Wohngebieten gefilmt und fotografiert, und von den unzähligen Wildkameras aufgenommen, die in den gut erschlossenen Revieren an Wildwechseln, Kirrungen und Fütterungen hängen – an Orten also, die aufgrund des regelmäßigen Vorkommens von Wild auch für durchziehende Wölfe von höchstem Interesse sind.

Die Studienautoren haben nun nach möglichen Gründen für dieses Phänomen gesucht und drei mögliche gefunden:

1) Bestimmte Habitateigenschaften der TrÜPe, was als Erklärung verneint wird, da sich die TrÜP nicht wesentlich (Waldanteil, Straßendichte) z.B. von Naturschutzgebieten unterscheiden und Wölfe Habitatgeneralisten sind.

2) Eine angeborene Vorliebe für bestimmte Habitattypen (natal Habitat preference) – mag eine Rolle spielen, ist aber unklar.

Und 3) Sterblichkeit durch menschliche Faktoren (anthropogenic mortality). Diese sei geringer als z.B. in den umgebenden Naturschutzgebieten, weil es weniger Verkehr und daher weniger tot gefahrene Wölfe gebe, vor allem aber, weil es dort keine Wilderei gebe, behaupten die Aktivisten. Wie bei diesem Autorenteam nicht anders zu erwarten, werden hier also schwerwiegende Vorwürfe gegen die Jägerschaft erhoben, und zwar auf äußerst dünner Fakten- und Beweislage.

“Wilderei spielt möglicherweise [!] eine größere Rolle, als wir schätzen [!], weil die meisten Wildereidelikte unentdeckt bleiben”, schreiben die Autoren. (“Poaching potentially plays a greater role than we estimate here because most poaching events remain undetected (cryptic poaching) (Liberg et al., 2011).”).

Es geht also, das ist festzuhalten, um Vermutungen und Schätzungen. Wie viele im Straßenverkehr getötete (mit weitem Abstand anthropogene Todesursachse No. 1) Wölfe unentdeckt bleiben, wird z.B. nicht problematisiert. Die tatsächliche Zahl der untersuchten illegalen Wolfsabschüsse (null auf Truppenübungsplätzen, sechs in Naturschutzgebieten und sechs in anderen Gebieten, also insgesamt 12 in 287 “Territoriumsjahren” und dann noch verteilt auf diverse Bundesländer, die Gesamtzahl aller bekannten illegalen Wolfstötungen seit der Wiederbesiedlung, also ca. 20 Jahren, beträgt 36 Tiere) ist viel zu gering, um statistisch signifikante Aussagen zu treffen – und erst recht, um die Vorliebe der Wölfe für TrÜPe damit zu erklären. Die angeblich so zahlreichen unentdeckten illegalen Abschüsse haben das exponentielle Anwachsen der Wolfspopulation von 2000 bis 2015 um jährlich 36 Prozent jedenfalls nicht verhindern können (Zahl stammt aus der Studie), was die Annahme einer großen Dunkelziffer außerordentlich unplausibel erscheinen lässt.

Als Erklärung für die postulierte geringere Wildereiquote wird die auf den TrÜPen praktizierte Regiejagd angeführt: “Auf den TrÜPen wird die Jagd von Bundesbehörden überwacht, die große Gebiete bewirtschaften, während Naturschutz- und andere gebiete in private Jagdreviere mit einer Minimalgröße von 75 bis 150 Hektar aufgeteilt sind. Das kann zu einer Situaltion führen, in der sich ein Wolfsrudel sein Gebiet mit mehr als 100 Jägern teilen muss, was diese Gebiete anfällig für Wilderei macht, selbst wenn die meisten Jäger nicht wildern.” [Alle Übersetzungen SE].

(“One key difference between MTAs and other areas, including PAs, is the hunting regime. In Germany, hunting on MTAs is supervised by federal authorities and is managed across large areas, whereas PAs and other areas usually are divided in private hunting grounds with a minimum size as small as 75–150 ha. This may lead to situations where a wolf pack shares its territory with more than 100 hunters which, in turn, make these territories more vulnerable to poaching even if most hunters do not poach.”)

Wieso es mdr “Wissen” heißt, wenn Behauptungen ungeprüft, unkritisch und unhinterfragt übernommen werden, wissen wir nicht. (Screenshot von der verlinkten mdr-Internetseite)

Beim MDR ist die Botschaft schon mal angekommen, “Sicherheit vor Jägern: Wölfe mögen Truppenübungsplätze” titelt der Sender: “Während auf Truppenübungsplätzen private Jägerei komplett verboten und das Bundesforstamt allein zuständig ist, sind Naturschutzgebiete oft in zahlreiche private Jagdreviere aufgeteilt. Dadurch ist die Gefahr hier größer, dass Wölfe illegal abgeschossen werden.”

Auch in Naturschutzgebieten führten die kleinteiligen Besitzverhältnisse angeblich dazu, dass “Meinungen und Haltungen” der Landeigentümer und Jäger beträchtlich differieren und so “mehr Gelegenheit zu illegalen Abschüssen böten, als auf strikt und einheitlich bewirtschafteten TrÜPen.

(“For many PAs, the hunting regime often follows the same small‐scale approach because landownership is often fragmented, including private lands (with the exception of national parks). Therefore, opinions and attitudes of land owners and hunters on protected and other areas may differ considerably leaving more opportunity for illegal killings than on strictly and uniformly managed MTAs.”)

Dies könnte [!] eine Erklärung sein für die geringere Quote an illegalen Abschüssen auf TrÜPen sein, mutmaßen die Autoren: “Wir glauben [!], es ist unwahrscheinlich [!], dass unsere Erkenntnisse auf die geringere Auffindensquote von Kadavern auf TrÜPen zurückzuführen ist.” Dies wird damit begründet, dass TrÜPe zwar für gesperrt sind, aber intensiv von Forst und Militär genutzt würden und dort diverse Umweltschutz- und Monitoringmaßnahmen stattfänden.

Zu diesem ganzen Argumentationsgang ist anzumerken: Das stimmt so einfach nicht. Es stimmt nicht, dass in den Bundesforsten die “private Jägerei komplett verboten” ist. Die Bundesforsten arbeiten intensiv mit privaten “Hobbyjägern” zusammen, sie vergeben z.B. Begehungsscheine und auf den großen Drückjagden im Herbst nehmen teilweise über hundert private Jäger teil. Wer illegal einen Wolf schießen – und ihn verschwinden lassen – will, kann das Im Staatsforst oder auf einem TrÜP so gut wie irgendwo anders tun. Ja, wer ortskundig und mit den Bedingungen vertraut ist, z.B. also weiß, welche Gebiete munitionsbelastet sind oder wann das Gelände wegen Schießbetriebs wochenlang gesperrt ist) findet auf einem militärisch genutzten Gelände bessere Möglichkeiten zur Kadaverentsorgung als irgendwo sonst.

Halten wir also fest: Hier wird aufgrund von Glaubenssätzen, Unterstellungen, Annahmen, Mutmaßungen, Schätzungen und sehr dünnem Zahlenmaterial ein Angriff gegen Jäger und das deutsche Reviersystem gefahren. Die eigentliche Fragestellung nach der “jump expansion” wird damit jedoch nicht geklärt: Die Studie liefert, wenn man ihr denn folgen will, vielleicht eine plausible Erklärung dafür, warum Wölfe sich auf TrÜPen wohlfühlen, sie erklärt aber NICHT, warum Wölfe diese bei ihrer Ausbreitung so scheinbar zielstrebig aufsuchten.

Da die Wölfe nicht wissen, wo der nächste aktiv genutzte TrÜP liegt, wäre zu erwarten, dass die Erkundung der Umgebung einem Zufallsmuster folgt (diffusion like range Expansion), bei dem auch Fehlgänge (z.B. in Innenstädte), “irrtümliche” und daher temporäre Besiedlung nur scheinbar geeigneter Habitate eher die Regel als die Ausnahme sein müssten. Außerdem müssten die Wölfe dabei aller Wahrscheinlichkeit nach sichtbar sein, also gefährtet, fotografiert, gefilmt, beobachtet werden, wie es bei der Ausbreitung um die TrÜPe herum ja auch der Fall ist. Dies alles erklärt die Studie entgegen ihrer Intention nicht, ja, vernebelt die eigentliche Fragestellung durch das durchsichtige Ablenkungsmanöver wohlfeiler, aber stets publikumswirksamer Jägerschelte.

Bleibt die Frage: Was soll das also? Der folgende Satz liefert Aufschluss:

“Wenn diese Gebiete aus der militärischen Nutzung genommen werden, sollte besondere Aufmerksamkeit darauf gerichtet werden, ihre Funktion als Refugien für den Artenschutz aufrecht zu erhalten. Große Teile ehemaliger und jetziger TrÜPe als Natura-2000-Gebiete zu listen ist ein erster Schritt, ihre Funktion für den Naturschutz zu erhalten. Wir empfehlen jedoch, dass strikte Jagdmanagement aufrecht zu erhalten, wenn TrÜPe inaktiv werden.”

(When these areas are taken out of military use, particular attention should be paid on how to maintain their function as refugia for species conservation (Cizek et al., 2013). The listing of large parts of current and former MTAs as Natura 2000 areas is a first step to preserve their conservation function. However, we recommend the strict hunting management for MTAs should continue after the sites become inactive.)

Damit dürfte klar sein, wessen Interessen hier bedient werden: Schamlos und unverfroren wird hier der Landnahme durch maßlos gefräßige Naturschutzorganisationen das Wort geredet, die danach gieren, sich die aus der Nutzung genommenen Gebiete einzuverleiben – am liebsten freilich auf dem Weg der eigentumsrechtlichen Übertragung durch Schenkung. Als vorgeschobene Begründung muss die angeblich durch diese alles andere als uneigennützigen Akteure gewährleistete Aufrechterhaltung eines flächendeckenden, strikten Jagdmanagements herhalten, eine Begründung, die es halt erfordert, dass Jäger und Grundstückseigentümer mit haltlosen und unbewiesenen Vorwürfen diffamiert werden. SE

Beitragsbild: Kofferraumwolf – das Beweisfoto. (Foto: privat)

 

 

 

5 Gedanken zu „Die rätselhafte Vorliebe der Wölfe für Truppenübungsplätze

  1. Ralf

    Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, dass eine gewisse Methodik dahinter steckt. Wer wird (wieder einmal) davon finanziell profitieren? Jeweils vier Buchstaben.
    Das werden sicher Frau Schulze, Herr Flasbarth und co. regeln…
    For a better world

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  2. Ronbi

    Wie war das? Wölfe sind die modernen Panzerreiter, die das Volk fern halten sollen, damit der moderne Adel – Naturschutz Granden – die Natur für sich und das alleinige Betretungsrecht haben.
    Viele Wolfs-“forscher” wären ohne Wölfe arbeitslos und würden, wie andere studierte Biologen Taxi fahren.

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  3. kilalli

    Wenn man die in der “wissenschaftlichen” Arbeit veröffentlichte Verbreitungskarte über die Bodenübersichtskarte Deutschland legt, fällt auf, dass die Ausbreitung nach Nordwesten der Verteilung der Sandböden und sandigen Böden, also der ärmeren Böden, folgt. Die ertragsärmeren Sandböden sind bevorzugte Böden für Truppenübungsplätze, weil hier der Ertüchtigung der Soldaten weniger landwirtschaftlicher Wert geopfert werden muss. Die Verteilung der Truppenübungsplätze ist entsprechend ( https://www.google.com/maps/d/viewer?mid=1SxlqYXSTaEFxmWuog7_fnfaZV08&ll=51.36649818183654%2C10.565231499999982&z=6 ). Außerdem ist hier, von den Hotspots der Erholung abgesehen, nicht viel mehr los als Zuckerrübe, Kartoffel, Kiefernwald, und wieder von vorne. Sollte der Wolf bevorzugt die relativ ruhige, flache Steppe der Sandböden und trocken gelegten Moorböden zur Migration annehmen, stolpert er bei der Ausbreitung über kurz oder lang in alle norddeutschen TÜP hinein. Das sind die Hotspots des Nahrungsangebotes im Sandgürtel bis zur Nordseeküste. Ein Tier wandert in der Migrationsphase so lange (der Wolf dabei sehr lange Strecken am Stück), bis kein Faktor (Beunruhigung, Deckungsmangel, Nahrungsmangel, innerartliche Konkurrenz, ggf. fehlender Sexualpartner) ihn mehr weitertreibt. Also bleibt er in den TÜP hängen und vermehrt sich prächtig. Die durchschnittliche Welpenmortalität von ca. 30% durch Verhungern ist bekannt. Wo (noch) viel Nahrung ist, ist die Welpenmortalität geringer (bzw. nicht vorhanden), wo weniger Nahrung ist, ist sie größer. Auf den (noch) nahrungsgesegneten TÜP entstehen also überzählige Nachkommen, die von dort aus auf Wanderschaft gehen. Ich glaube, man muss weder den Kofferraum noch den Jäger in die Diskussion bringen, um das nachvollziehen zu können. Lasse mich aber gerne eines Besseren belehren!

    Ohnehin zeigt eine Grafik in der Originalarbeit ein exponentielles Wachstum der in Deutschland beheimateten Wölfe, dass nahe an der Obergrenze des Vermehrungspotentials der Art liegen dürfte. Den Jäger angesichts dieser Vermehrung als irgendwie relevanten Faktor einzubringen, auf den man reglementierend reagieren muss, um die Ausbreitung der Art zu gewährleisten, zeigt die Fadenscheinigkeit der Argumentation. Wieder einmal wird im Rahmen der verfolgten Strategie ein Popanz zur Feindbildpflege aufgebaut.

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  4. Ronbi

    Es war hochinteressant, zu beobachten, wie sich gestern – 19.02.19 – die Meldung, von TrÜPophilen Wölfen, durch die Medienlandschaft, von Spiegel bis Zeit, fraß.
    Herr Flashbart war mal für Biomethanol betriebene Fahrzeuge, jetzt nur noch Elektro. Und die EU ebenso. Was wiederum Augsburg mit seiner umweltfreundlichen Busflotte in Bedrängnis bringt. Gehört nicht zum Thema TrÜP-Wölfe, aber zum Thema Ökodiktatur.

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  5. Ralf

    Letzter Stand: Flasbarth will in die UN. Da kann er die Wolf-Weltpolitik mitbestimmen. For a better world (…and more money for NABU)

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