“Die Öffentlichkeit wird über die Situation in Afrika bewusst getäuscht”

Seit Samstag beraten Vertreter der 183 Unterzeichner des Washingtoner Artenschutzübereinkommens über den Handel mit wilden Tieren und Pflanzen (CITES) in Genf. Länder im südlichen Afrika wollen Handelsrestriktionen für Elfenbein, Nashorn und Jagdtrophäen lockern. Tierschützer sind dagegen. Im Interview mit dem Filmemacher und Biologen Dr. Klaus Sparwasser beleuchten CIC und DJV die Forderungen der südafrikanischen Länder an die Vertragsstaatenkonferenz.

Seit vergangenem Samstag tagt die 18. Vertragsstaatenkonferenz der Washingtoner Artenschutzübereinkunft (CITES) in Genf. Der Konferenz liegen Anträge einiger afrikanischer Länder zur Unterschutzstellung der Giraffe sowie zur Lockerung des Schutzstatus von Elefant und Nashorn vor. Tierrechtsorganisationen wie PRO WILDLIFE werben im Umfeld der Konferenz für den Totalschutz wildlebender Tiere. Der Internationale Rat zur Erhaltung des Wildes und der Jagd (CIC) in Deutschland und der Deutsche Jagdverband (DJV) betonen die Bedeutung nachhaltiger Nutzung durch Jagd für den Artenschutz. Der Biologe und Filmemacher Dr. Klaus Sparwasser kommt im Interview mit beiden Verbänden zu dem Schluss, dass die Öffentlichkeit bewusst über die Situation vor Ort getäuscht wird.

CIC/DJV: Lieber Dr. Sparwasser: Im Moment vergeht eigentlich – zumindest hier in Deutschland – kein Tag ohne Meldungen zu Elfenbeinfunden, illegalem Nashornhandel oder die Aufhebung des Jagdverbots in Botswana. Meines Wissens sind Sie gerade im südlichen Afrika, wo erwische ich Sie gerade?

Sparwasser: Ich bin hier in Simbabwe, in der Save Valley Conservancy am Ende einer langen Drehreise die uns durch Namibia, Botswana und schließlich hier nach Simbabwe geführt hat und auf der wir auch mit Naturschützern, Jägern und Einheimischen gesprochen haben.

Derzeit arbeiten wir an zwei Produktionen, in denen es im Wesentlichen um Elefanten geht. Eine davon wird im Dezember 2019 bei 3sat /ZDF ausgestrahlt. Diese behandelt im Wesentlichen die „Faszination Elfenbein“, von grauer Vorzeit bis in die Gegenwart, und wir berühren dabei auch die aktuelle Situation des hoch umstrittenen Handels mit Elfenbein und die Nachfrage, die dafür im fernen Osten und besonders in China besteht.

Würden Sie uns kurz ein paar Takte zu sich selber verraten?

Ich bin Biologe und Filmemacher und habe bisher vorwiegend für das deutsche Fernsehen und internationale Festivals produziert. Vor zwei Jahren haben wir zusammen mit meinem südafrikanischen Freund und Partner Phillip Hattingh die Southern Cross Films gegründet, die sich schwerpunktmäßig kritisch mit Naturschutzthemen auseinandersetzt. Es ist ziemlich leicht, sich fernab des Geschehens in klimatisierten Büros in Deutschland oder Europa Strategien darüber auszudenken, wie Afrika mit seinen Wildtieren umgehen soll, doch die Situation vor Ort und vor allem die Bedürfnisse, die die Menschen in Afrika an Naturschutz stellen, unterscheidet sich von unserer westlichen Moral-Ethik doch ganz erheblich.

Mit den Erfahrungen, die Sie in den vergangenen Jahren haben sammeln können – wie nehmen sie die Berichterstattung hierzulande wahr?

Das Fortbestehen des Problems dient in erster Linie dem Geschäftsmodell vieler NGOs, die den Gedanken einer nachhaltigen Nutzung von Wildtieren strikt ablehnen. Dummerweise sind jedoch gerade die afrikanischen Länder im Naturschutz besonders erfolgreich, die zu mindestens eine teilweise nachhaltige Nutzung erlauben. Natürlich sind manche Konzepte zu hinterfragen, doch solange die lokale Bevölkerung von den Wildtieren, die ja im Grunde ihnen gehören, keinen ökonomischen Vorteile hat, sind alle Verbots-Konzepte zum Scheitern verurteilt. Darin steckt eine gehörige Portion alten Kolonialdenkens und eine gewisse Überheblichkeit der westlichen Nationen, die nach wie vor Afrika als eine Art Spielplatz unsere gesättigten Industrie-Zivilisation sehen.

Dabei wissen die Menschen in Afrika sehr gut, wie sie mit ihren Ressourcen umzugehen haben, wenn man ihnen die Verantwortung dafür überlässt. Es gibt genug Projekte, die das gezeigt haben. Es ist tatsächlich zu hinterfragen, inwieweit nachhaltige Lösungen überhaupt erwünscht sind, oder ob es nicht viel mehr darum geht, ein erfolgreiches Geschäftsmodell für die Zukunft zu erhalten.

Dabei wird immer wieder kolportiert, dass die Jagd zum Beispiel für den Niedergang vieler Tierarten verantwortlich ist. Das ist ausgemachter Unsinn. Botswana zum Beispiel beherbergt nach der letzten offiziellen Zählung 130.000 Elefanten. Viele Experten gehen davon aus, dass diese Zahl aufgrund der Methodik weit höher liegen könnte. Als Botswana kürzlich ankündigte, das seit sechs Jahren bestehende Jagdverbot aufzuheben, ging ein Aufschrei um die Welt.

…der in hierzulande in den Medien nach wie vor akut und präsent ist. Aufgrund der Aufhebung des Verbots werden hierzulande sogar Aufrufe zum Tourismusboykott von Botswana laut. Sie sind selber kein Jäger. Wo ordnen Sie denn selber das Vorhaben der Regierung Botswanas ein, die Jagd jetzt auf Kommunal- und Staatsland wieder zu erlauben?

Gehen wir einmal davon aus, dass eine Quote für den Abschuss von Elefanten festgelegt würde, die zum Beispiel 500 Elefanten pro Jahr umfasste. Angesichts der Gesamtpopulation ist diese Zahl ein Witz. Das relativiert sich ein wenig, wenn nur starke, alte Bullen mit großen Trophäen herausgegriffen würden. Doch auf die Gesamtpopulation ist die Zahl von keiner Relevanz. Wenn Elefantenpopulation also irgendwo lokal bedroht sind, dann geschieht dies durch Wilderei. Wilderei hat mit kontrollierter Jagd nichts zu tun. Immerhin kommt ein Teil der Jagd-Einnahmen lokalen Dorfgemeinschaften zugute. Auch das Fleisch, was ein ganz wesentlicher Faktor ist, wird unter den Menschen verteilt. Wo dies geschieht, erhöht es den Lebensstandard der dort lebenden Menschen, und die haben nur wenig Anreiz sich mit Wilderei über Wasser zu halten. Wer also nachhaltige Nutzung verbieten will, schürt im Grunde damit genau das, was verhindert werden soll, nämlich das illegale Abschlachten von Tieren.

Natürlich muss es auch Kernzonen wie NPs geben, in denen keine nachhaltige Nutzung stattfindet. Doch selbst dort muss ein Wildtier-Management stattfinden. Selbst die größten Schutzgebiete gleichen heute ökologischen Inseln. Ihre umzäunten Flächen sind im Grunde zu klein, als dass sich Natur darin völlig unkontrolliert selbst regulieren könnte. Die Elefantenpopulationen Botswanas stehen bereits heute unter einem erhöhten Ernährungsstress und werden nur durch die Existenz unzähliger künstlicher Wasserstellen aufrechterhalten. Dies lässt sich an der Übernutzung früherer dichter Mopane-Wälder, die heute Mondlandschaften gleichen, nur allzu deutlich erkennen. Ein paar Jahre mit anhaltender Dürre in Folge, und die Elefantenpopulation dort kollabiert, mit tausenden verhungerten Elefanten und einem auf Jahrzehnte irreparablen Schaden für das gesamte Ökosystem.

Mondlandschaften durch Elefanten. Für uns hierzulande kaum vorstellbar. Die Hochglanzbroschüren der Reiseanbieter hingegen zeigen etwas andere Bilder…

Wir träumen alle von einem Paradies, in dem Mensch und Tier harmonisch miteinander leben, doch die Realität sieht nun mal anders aus, und dieser Tatsache sollten wir uns alle verantwortungsbewusst stellen. Dabei können westliche Länder beratend und auch finanziell zur Seite stehen, doch die Entscheidung darüber, wie Afrika seine Wildtiere managen will, sollte den Ländern überlassen bleiben, in denen diese Tiere vorkommen.

Ein aktueller Beitrag von Deutschlandfunk-Kultur – ich glaube die Autorin lebt selbst in Südafrika und hat für ihren Beitrag mehrere afrikanische Länder bereist- spricht unter anderem davon, dass sich Artenschutz für die Menschen lohnen muss. Wie sehen da ihre Vor-Ort-Erfahrungen aus?

Besonders in Südafrika gibt es die Aussage „If it pays it stays.“ Man muss diesen Satz nicht mögen, und auch mir gefällt eine übermäßige starke Kommerzialisierung von Natur nur bedingt, doch solange wir in einer Welt kapitalistischer Staatssysteme leben, in denen es um Profit und Wettbewerb geht, ist dies die einzige kurz- bis mittelfristige Lösung, die ich zum Erhalt der Biodiversität in Afrika angesichts einer immer noch stetig wachsenden Bevölkerung sehe.

Momentan erwirtschaften die meisten ländlichen Gemeinden ihren Lebensunterhalt aus Ackerbau und Viehzucht. Nur wenn es gelingt, zumindest in den angrenzenden Landesteilen um Nationalparke und andere Schutzgebiete dies in eine Wildtier-Ökonomie umzuwandeln, die ihren Profit aus dem Erhalt von renaturierten zumindest Halb-Wildnisgebieten mit einer natürlichen Artenvielfalt rekrutiert, wird es langfristig gelingen, einen Rest von Natur in Afrika zu erhalten.

Vor wenigen Wochen fand in Simbabwe ein erster sogenannter Wildtier-Gipfel statt. Vertreter von insgesamt zwölf afrikanischen Staaten haben daran teilgenommen. Verbunden mit dem Ergebnis dieses Gipfels sind Forderungen nach einer Legalisierung des Elfenbeinhandels oder auch Legalisierung des Nashornhandels. Wie stehen Sie persönlich zu den Forderungen vornehmlich südafrikanischer Länder?

Ich glaube tatsächlich, dass über einen kontrollierten Handel mit Elfenbein neu nachgedacht werden sollte. Die Argumentation vieler NGOs, dass der dreimal, 1999, 2002 zuletzt und 2008 erfolgte Verkauf von weit über 100 Tonnen Elfenbein nach Japan und China den Druck auf afrikanische Elefanten erhöht hat, zieht nicht. Die Organisation TRAFFIC, die den globalen Handel mit bedrohten Arten überwacht, kam entgegen anderslautenden Berichten zu dem Ergebnis, dass ein Zusammenhang zwischen den Verkäufen und einem Anstieg der Wilderei nicht nachweisbar war. Diese “1-Off-Sales” haben zudem nichts mit einem kontrollierten Handel zu tun.

Dies bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass dafür Tausende von Elefanten abgeschlachtet werden. Elefantenpopulationen wachsen in freier Natur mit einer Rate zwischen 6 und 7 % pro Jahr. Dort, wo die Population stabil ist, sterben ebenso viele alte Tiere eines natürlichen Todes. Nicht alle davon tragen Elfenbein, doch damit existiert eine natürliche Quelle, aus der sich dieser Markt speisen kann.

Hinzu kommen die Depots in den Elefanten-Staaten im südlichen Afrika, die mit hunderten Tonnen Elfenbein randvoll sind. Der Erlös davon könnte nachhaltigen Naturschutzprojekten zugutekommen. Der Hinweis darauf, dass solche Konzepte in Afrika aufgrund der allgegenwärtigen Korruption verhindert würde, zieht in diesem Zusammenhang nicht. Die meisten NGOs (und Staatsmänner) arbeiten ja genau mit diesen Leuten zusammen. Die Verbrennung von 106 t Elfenbein und Rhinozeros-Horn in Kenia im Jahr 2016, ist dafür ein gutes Beispiel.

Elfenbein als legales Handelsgut wie Kaffee oder Zucker. Ich kann den Aufschrei von Organisationen wie PETA oder PRO WILDLIFE schon hören. Das widerspricht ja vollkommen dem Mainstream…

Gleiches gilt im Grunde für Nasenhorn. Der Nashorn-Züchter John Hume hat auf seiner Farm nahe Johannesburg rund 1.800 gut bewachte Nashörner stehen, darunter auch einige stärker gefährdete Spitzmaulnashörner, von denen es weltweit noch etwa 5.000 Tiere gibt. Im Abstand von zwei bis drei Jahren sägt er den Tieren das Horn ab. Das geschieht für die Tiere schmerzfrei. Rhino-Horn besteht wie unsere Fingernägel aus Keratin und wächst genauso nach. John Hume sieht sich als Artenschützer, für viele NGOs ist er das Böse schlechthin. Er sitzt auf einem Berg von Nashorn-Horn, das er aufgrund der internationalen Bestimmungen nicht verkaufen darf. In Südafrika sind in Gendatenbanken die DNA-Analysen von mehr als 20.000 Nashörnern gespeichert. Ein kontrollierter Handel mit der Möglichkeit der Rückverfolgung des Nasenhorns bis zum einzelnen Tier wäre also möglich. Selbst das Aufgebot schwer bewaffneter Anti-Wilderer-Einheiten hat im letzten Jahrzehnt dem Töten von Nashörnern wegen ihres Horns keinen Einhalt gebieten können. Ein regulierter Handel würde unter Umständen Abhilfe leisten. Wer Rhino-Horn legal erwerben kann, muss dafür keine Nashörner abschlachten. Die Frage, welche politischen und monetären Interessen es verhindern, dass dieser Weg zumindest versucht wird, scheint absolut berechtigt.

Die Legalisierung von Elfenbein- und Nashornhandel wurde während des UN-Wildlife Summit in Simbabwe als Baustein eines funktionierenden zukünftigen Artenschutzmodells zumindest mal kontrovers diskutiert. Aber auch die „Trophäenjagd“ als legales Mittel zum Zweck. Tierrechtsorganisationen gehen erwartungsgemäß auf die Barrikaden. Ist es das Schreckgespenst „Trophäenjagd“?

Es geht ja nicht nur um Trophäenjagd. Es geht um nachhaltige Nutzung. Zu der gehören neben Ökotourismus und Fototourismus und dem Verkauf von überschüssigem Wild eben auch die Jagd. Wir sind in Sango auf der Save Valley Conservancy. Das 60.000 ha große Areal im Süden des Landes wurde 1993 von dem Hamburger Unternehmer Willy Pabst erworben. Zu dieser Zeit war es eine Rinderfarm, und auf der gesamten Fläche gab es weder Elefanten, noch Löwen, Wildhunde, Leoparden oder andere Wildtiere in nennenswerter Zahl. Innerhalb von 20 Jahren ist daraus ein Naturreservat entstanden, das 2.500 Elefanten, nahezu 100 Löwen und Leoparden und mehrere Rudel Afrikanischer Wildhunde beherbergt. Sango ist ein echtes Wildnisgebiet, das in seiner Artenzusammensetzung Nationalpark-Status aufweist. Zudem ernährt das Unternehmen direkt und indirekt etwa 1.300 Menschen aus den umliegenden Dörfern. Dies alles ermöglichen die Einnahmen aus dem Jagdtourismus. Es ist doch nicht entscheidend, mit was das Geld für Naturschutz erwirtschaftet wird, sondern was am Ende dabei herauskommt.

Mit welchen Wünschen respektive Forderungen treten Sie Ihre Heimreise nach Deutschland an?

Was ich mir wünsche, ist relativ einfach: Dass wir wegkommen von diesen emotionsgeladenen Diskussionen und einem mehr als fadenscheinigen institutionalisierten Naturschutz und dass wir gemeinsam an einer wirklichen Lösung des Problems arbeiten; eingedenk der Realität vor Ort, eine Lösung, die dann auch für die Zukunft trägt und zukünftigen Generationen von westlichen Touristen wie afrikanischen Einheimischen ermöglicht, zumindest einen Rest jener Wildnis zu erleben, die früher für ganz Afrika selbstverständlich war. Die Öffentlichkeit wird heute über die reale Situation in Afrika bewusst getäuscht, und ich sehe es als meine Aufgabe als Filmemacher an, daran etwas zu ändern.

Das Interview im Videoformat finden Sie hier.

Beitragsbild: Dr. Klaus Sparwasser: “Die Menschen in Afrika wissen sehr gut, wie sie mit ihren Ressourcen umzugehen haben, wenn man ihnen die Verantwortung dafür überlässt.” Quelle: Sparwasser/DJV

4 Gedanken zu „“Die Öffentlichkeit wird über die Situation in Afrika bewusst getäuscht”

  1. HF

    Danke für einen sehr informativen Artikel, der hoffentlich von vielen sogenannten “Naturschützern” auch gelesen und nicht überlesen wird.
    Aber die Arroganz des Naturschutzes in Deutschland (wir sind die größten und wir wissen alles) steht sogar über den Tatsachen in Afrika.
    Hoffentlich fährt mal irgendeiner dieser Naturschützer nach Afrika und informiert sich ideologiefrei von den dortigen Realitäten.

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  2. Carpe Diem.. jetzt erst recht

    Wie soll ein spendenwillieger Nabu-Enthusiast die afrikanische Problemstellung mit Wildtieren und deren nachhaltige Nutzung verinnerlichen, wenn er noch nicht einmal ansatzweise die nachhaltige Nutzung von Wildtieren in D versteht und akzeptiert? Es wird plakativ und verbal auf alles losgedroschen, wo das Wort Jagd drin vorkommt; denn ihre wahren Erleuchteten sitzen links von der Mitte und sind grün angestrichen. Wäre es keine politische Partei würde sie glatt als Sekte durchgehen.

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