Deutschland: Willkommen Bär?

BfN-Präsidentin Beate Jessel hält Wiederbesiedlung Deutschlands mit Braunbären für “sehr wahrscheinlich”

Die taz hat ein sehr lesenswertes Interview mit der Präsidentin des Bundeamts für Naturschutz, Beate Jessel, veröffentlicht. In dem Interview geht es um Umwelt- und Artenschutz in der industriellen Landwirtschaft, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und die Auswirkungen von EU-Subventionen. Jost Maurin, Redakteur für Wirtschaft und Umwelt bei der taz, merkt gegen Ende des Gesprächs an, dass auch die Weidehaltung von Vieh “eine gute Maßnahme für mehr Artenvielfalt” darstelle. Die von Jessel befürwortete Rückkehr großer Raubtiere nach Deutschland setze die Weidehaltung jedoch noch stärker unter Druck: “Wo soll das enden? Müssen wir auch mit dem Bären rechnen?” Darauf antwortet Jessel, ohne zunächst auf die Probleme der Weidetierhalter einzugehen, dass Bär und Wolf durch die Europäische Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie streng geschützt seien, “und zwar zu Recht.” Angesichts der Bärenpopulationen in Slowenien und Norditalien sei es “sehr wahrscheinlich”, dass Braunbären wieder nach Deutschland kämen.

Maurin wendet ein, dass auch Bären Weidetiere reißen und es in Bärenländern “schwere Übergriffe auf Menschen” gebe und will wissen, ob es gerechtfertigt sei, dieses Risiko einzugehen. Jessel antwortet, dass Schäfer und Bauern vom Staat halt “genug Geld bekommen” müssten, um ihre Tiere ” vor Übergriffen durch Wölfe oder dann eben Bären zu schützen”. Es gebe immer ein Restrisiko bei wilden Tieren, so Jessel weiter, doch müsse man dies “in Relation setzen zu anderen Gefahren, denen wir uns täglich aussetzen.” Man müsse sich nur anschauen, wie viele Menschen in Deutschland durch Wildschweine oder Haushunde verletzt würden oder zu Tode kommen, meint Jessel.

Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu “einer unangenehmen Begegnung mit einem Bären oder einem Wolf” komme, sei “ausgesprochen gering.” Wichtig sei konsequenter Herdenschutz in den betroffenen Gebieten, außerdem müsse die Bevölkerung aufgeklärt werden, “wie sie sich verhalten sollte.” Es gebe genügend Länder in Europa oder in Nordamerika, “wo nicht nur Wölfe, sondern auch Bären schon sehr lange mit Menschen koexistieren” stellt Jessel fest. Diese zeigten, “dass das möglich ist.”

Dass Koexistenz mit Bären in den genannten Regionen möglich ist, stimmt durchaus. Man sollte jedoch nicht verschweigen, dass diese weniger dicht besiedelt und in erheblich geringerem Maß durch Verkehrswege zerschnitten sind, was eine Wiederbesiedlung Deutschlands durch Braunbären zu einem Experiment mit ungewissem Ausgang macht. Eine Nachsuche beispielsweise auf einen bei einem Verkehrsunfall angefahrenen, schwerverletzten und entsprechend schlecht gelaunten Bären, dürfte eine interessante und spannende Herausforderung für alle Beteiligten darstellen. Hier sind die Befürworter einer Wiederbesiedlung Deutschlands mit Bären gefragt, sich nach entsprechender Schulung und mit speziell ausgebildeten Hunden für solche Einsätze zur Verfügung zu stellen.

In allen Bärenregionen kommt es zu schweren Zwischenfällen mit Bären, die massive Verletzungen oder den Tod der Angegriffenen zur Folge haben können. Ob die wissentliche Herbeiführung dieses Risikos “in einem dicht besiedelten Land, dessen politische Verfassung auf Menschenrechten und sozialstaatlicher Verantwortung beruht” (Frank N. Möller)  zu rechtfertigen ist, wäre zumindest zu diskutieren. Der erwähnte Frank N. Möller hat in seinem hervorragenden Buch auch deutlich gemacht, was von Abwägungen des von Großprädatoren ausgehenden Risikos und einem In-Relation-setzen “zu anderen Gefahren, denen wir uns täglich aussetzen” (Jessel) zu halten ist. Er zitiert einen Wolfsforscher mit der Aussage, dass es “um eine ethische Abwägung des Risikos [gehe], das Menschen tragen müssen, gegen den Wert des Schutzes der Wölfe” Frank N. Möller: “In klare Sprache übersetzt heißt das, dass eben ab und zu ein Mensch draufgehen muss, damit es in Europa Wölfe geben kann.” Für Braunbären in dicht besiedelten dürfte dies in noch höherem Maß gelten – dann sollte man es auch ehrlich und offen sagen und die (betroffene) Bevölkerung demokratisch entscheiden lassen, ob sie das Risiko tragen möchte oder nicht.

In vielen Bärenregionen, auch in Europa, wird der Bär bejagt, was die Scheu vor dem Menschen aufrecht erhält. In Amerika hat man, auch in Gebieten oder zu Zeiten, in denen Bären gesetzlich geschützt sind, das Recht, sich gegen angreifende Bären mit der Schusswaffe zu verteidigen.

Vielleicht sollte man daher vorsorglich über eine Lockerung des Waffengesetzes in den zukünftigen Bärengebieten nachdenken. Fairerweise ist es zum Beispiel sogar in den Nationalparks von Alaska gestattet, neben Bärenspray auch eine Feuerwaffe zum Selbstschutz zu tragen. Die Abteilung für Nationalparks und Freizeitaktivitäten (Division of Parks & Outdoor Recreation) beim Alaska Department of Natural Resources empfiehlt zum Beispiel eine Schrotflinte im Kaliber 12 oder einen Repetierer in .300. Win. Mag. SE

Die Red. dankt den JAWINA-Lesern RS und RK für deren Hinweise!

Beitragsbild: Braunbär in Alaska frisst Lachs. Autor: Steve Hillebrand, US Fish & Wildlife Service, National Digital Library, Quelle: Wikipedia

3 Gedanken zu „Deutschland: Willkommen Bär?

  1. Thomas

    …ich schlage vor, dass ihr all die Bekloppten Politiker fuer vier Wochen auf -unbegleitete- Survial Tour nach Northern Ontario oder Quebec schickt. Das wird billiger, als die ganzen Entschaedigungen in Deutschland zu zahlen. Der ein oder andere Politiker wird eventuell hier (in Canada) bleiben.

    Antworten
  2. Robin

    Ja die werte Frau Professor meint so vieles. Narrenfreiheit?
    Mit Luchsen funktioniert es nicht bei uns, mit Wölfen schon gar nicht.
    Und zu Bären fallen mir spontan die schweren Vorfälle in Italien ein.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar zu Thomas Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.