Deutsche Ornithologen-Gesellschaft: Dramatischer Abwärtstrend bei Feldvögeln

Rückgang beim Rebhuhn seit 1992 um 89 Prozent, beim Kiebitz um 88 Prozent – intensive Landwirtschaft ist verantwortlich

Die Bestandsrückgänge von Rebhuhn, Kiebitz, Feldlerche und vielen weiteren Vogelarten der Agrarlandschaft halten nicht nur an, sie haben sich in den letzten Jahren sogar weiter beschleunigt. Dies geht aus der Analyse einer Fachgruppe der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft (DO-G) hervor, die gestern veröffentlicht wurde.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze in einer Pressemitteilung zum Thema: „Leider konnte der dramatische Abwärtstrend bei den Feldvögeln bislang nicht gestoppt werden. Es werden deutlich mehr Anstrengungen als bisher nötig sein, um gefährdete Vögel unserer Agrarlandschaften wirksam zu schützen. Dies wird nur dann gelingen, wenn wir die erheblichen finanziellen Mittel der EU-Agrarförderung endlich im Sinne eines Richtungswechsels für mehr Natur-, Umwelt- und Klimaschutz in unseren Agrarlandschaften nutzen.“

Die von der Fachgruppe „Vögel der Agrarlandschaft“ der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft (DO-G) erarbeitete Analyse berücksichtigt die neuesten Daten aus dem Vogelschutzbericht 2019 mit Bestandsdaten bis 2016, die das Bundesumweltministerium im Juli 2019 der EU übermittelt hat.

Aus der Gegenüberstellung der Kurzzeittrends der Vogelschutzberichte 2013 und 2019 geht hervor, dass die Zahl der abnehmenden und stark abnehmenden Agrarvogelarten von 55 % auf 68 % gestiegen ist, und dass wenige Arten im Bestand zunehmen. Dies bedeutet eine weitere massive Verschlechterung der Bestandssituation bei den Agrarvogelarten. Besonders betroffene Arten sind u. a. das Rebhuhn (89% Rückgang seit 1992), der Kiebitz (88% Rückgang) und Feldlerche (45% Rückgang).

Das Bundesumweltministerium lobt sich in der Pressemitteilung zum Thema ausgiebig selbst: “Mit dem Aktionsprogramm Insektenschutz hat die Bundesregierung selbst bereits wichtige Weichen gestellt, um Insekten in der Agrarlandschaft besser zu schützen”, erklärt Bundesumweltministerin Schulze: “Und was den Insekten hilft, hilft auch den Vögeln.”

Ministerin Schulze verschweigt, dass die Bundesregierung mit ihrer seit Jahrzehnten betriebenen verfehlten Agrarpolitik – etwa der durch die Förderung von nachwachsenden Rohstoffen und sogenannter Bionergie erst recht vorangetriebenen Vermaisung der Landschaft, um nur ein Beispiel zu nennen – das Problem zum Teil geschaffen und gründlich verschärft hat.

Die DO-G lässt jedenfalls keinen Zweifel daran, wer für die traurige Situation in der Agrarlandschaft verantwortlich ist: “Die bereits vielfach beschriebenen erheblichen Bestandsrückgänge der Vögel der Agrarlandschaft halten an oder haben sich seit 2007 weiter beschleunigt. Die wesentliche Ursache für die Bestandsrückgänge ist nachweislich die fortschreitende Intensivierung der Landwirtschaft insbesondere durch Pestizideinsatz, starke Düngung, Verlust von Landschaftselementen (vor allem Ackerbrachen), Einengung der Fruchtfolgen (Mais), Eutrophierung und Verlust von ökologisch wertvollem, gewachsenem artenreichem Dauergrünland”, so die DO-G. Und weiter: “Leider hat das in der laufenden Förderperiode der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU verankerte „Greening“ die vorab formulierten Anforderungen nicht erfüllt und die Situation der Agrarvögel nicht verbessert.”

Dabei stünden durchaus wirksame und in der Praxis erprobte Maßnahmen für die Förderung der Vögel der Agrarlandschaft zur Verfügung, so die DO-G: “Bisher fehlt aber die kontinuierliche und großflächige Umsetzung von hochwirksamen Maßnahmen. Aus fachlicher Sicht wird ein Flächenanteil geeigneter Maßnahmen von insgesamt 20 bis 25 % in Ackerbaugebieten und 25 bis 50 %in Grünlandgebieten als notwendig erachtet.

Hierzu gehören als Grundanforderungen die Erhaltung und Förderung von bestehenden Landschafts-elementen und von Dauergrünland sowie die Schaffung eines Verbund-Netzes von Lebensraumflächendurch ausreichend breite Pufferstreifen an Gewässern, Wald-und Feldrändern, flächige Ackerbrachen und Extensivgrünland auf zusammen mindestens zehn %der landwirtschaftlichen Fläche. Die Ausgestaltung der Grundanforderungen sollte so spezifiziert werden, dass sie eine größtmögliche Wirkung entfalten. Dies umfasst zum Beispiel Mindestgröße bzw. -breite, die Verwendung von geeignetem Saatgut und die Bearbeitungstermine. Diese Maßnahmensollten in die Bedingungen für den Erhalt von Direktzahlungen der ersten Säule („Konditionalität“) und als Teil der Anforderung der Erhaltungder Flächen in einem „guten landwirtschaftlichen und ökologischen Zustand“ (GLÖZ) integriert werden.”

Anzumahnen ist, dass bei den Bauern selbst endlich ein Umdenken stattfindet und die Landwirtschaft ihrer hohen Verantwortung für Natur- und Artenschutz gerecht wird. PM BMU/DO-G/SE

Beitragsbild: Früher ein Allerweltsvogel, heute selten: Rebhuhn. Autor: David Galavan, Quelle: Wikipedia. Veröffentlicht unter der Creative Commons Attribution 2.0 Generic Lizenz.

9 Gedanken zu „Deutsche Ornithologen-Gesellschaft: Dramatischer Abwärtstrend bei Feldvögeln

  1. mikka

    Schön das dieses Thema hier immer mal wieder Beachtung findet.
    Die Last der Verantwortung auf die Landwirte selbst zu schieben ist denke ich falsch. Ein Umdenken geht nur politisch und in Förderstrukturen, die an der Basis ankommen.
    Mit der derzeitigen Schwarzwildsituation werden die Bodenbrüter sicherlich auch ihre Probleme haben, aber auch das hängt eng an der “Vermaisung”.
    Wenn man zu guter Letzt noch sieht wie hier die Bevölkerung z.T. vorsätzlich mit dem Thema Wolf verdummt wird, der ja bekanntlich eine Zuwachsrate von 30% (jährlich!!!) hat und absolut keiner Habitatförderung bedarf, wird mir schlecht.
    BItte, Bitte liebe Politik, schaut doch mal auf genau die im Artikel genannten Arten, setzt sie als Leitarten des “ökologischen Feldbau” und schämt Euch für die täglichen Heucheleien.
    Auch die Jägerschaft muss natürlich beim Artenschutz mitziehen! auch wenn PETA Aktivisten gegen die Bejagung von Füchsen etc. demonstrieren, seit aktiv und helft mit. Auch hier kann man nur gemeinsam etwas erreichen.

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  2. Carpe Diem.. jetzt erst recht

    Die Agrarindustrie muss an die Kandare genommen werden. Für industrielle Viehvermehrung müssen Kläranlagen zwingend vorgeschrieben werden. Die Dreifelderwirtschaft ist zu fördern. Der Landverkauf an ausländische Agrarinvestoren ist zu stoppen,und, und, und. Das Bewusstsein, dass die Landwirtschaft das Land quasi nur “geliehen” bekam um darauf Lebensmittel herzustellen, muss den Bauern wieder verdeutlicht werden. Wenn aber der globale Preiskampf für Agrarprodukte so weiter geht, werden wir künftig unsere Bauern nur noch alimentieren. Dann vielleicht lässt sich das Land wieder zurückbauen wie wir es brauchen.

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  3. Zündelnerlaubt

    Die Landwirte waren doch gestern unterwegs um gegen die Hohen Auflagen und beschränkungen zu demonstrieren. Da nützt kein Anmahnen was, die sind mit ihrer Existenz beschäftigt ob nun tatsächlich gerechtfertigt oder nicht wissen die nur selbst.

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  4. Jäger aus Walhall

    Vielleicht ist zur intensiven Landwirtschaft auch ein fahrlässiges Prädatorenmanagement Schuld an der Misere. Ich Rede bei Prädatorenmanagement nicht explizit vom Grauhund. Ich stelle in meiner jagdlichen Umgebung fest, dass die Jagd auf Fuchs, Waschbär, Marderhund und co. immer weiter vernachlässigt wird.

    Prädatorenmanagement ist aktive Niederwildhege!

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    1. Ralf

      Prädatorenmanagement ist das Stichwort!
      Erhard Brütt mahnte einst in einem Vortrag einer JHV unserer Jägerschaft an, den Fuchs zu schießen, wann man ihn sieht.
      Es ist aber noch weit mehr zu tun. Ich möchte als Beispiel nur Elstern und Krähen anführen! Wer das systematische Wirken der Elstern morgens im Frühling beobachtet hat, der weiß, wovon ich schreibe.
      Und zumindest bei uns gibts mittlerweile ziemlich viele und teilweise breite Grünstreifen. Nur was nützen die, wenn die Prädatoren nicht kurz gehalten werden? Da kann die Landwirtschaft nichts für, sondern hier muss auch die Falle und der Bockdrilling zur Anwendung kommen!
      Und über den verhassten Abschuss von Katzen weit in der Pampa muss diskutiert werden! etc. etc. etc.

      Siehe:
      https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/voegel/gefaehrdungen/katzen/15537.html
      “…Das größte Problem für die Vögel stellen verwilderte Hauskatzen dar. Sie sind gezwungen, ihren Nahrungsbedarf außer über menschliche Abfälle praktisch komplett durch die Jagd auf Kleintiere zu decken. Wenn es gelänge, die Bestände verwilderter Hauskatzen zu reduzieren, hätte man das Problem sicherlich auf ein erträgliches Maß verringert…”

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    2. jochen

      Prädatorenmanagement ist einerseits viel Arbeit und auf der anderen Seite sind einem viele Werkzeuge aus der Hand genommen worden. Ich sage nicht, daß früher alles besser war, aber vieles war anders, zu den Zeiten, wo ein Förster ein Teckel in der einen und eine Tellereisen in der anderen Hand hatte. Egal wie engagiert man zur Sache geht, die Effizienz der Tollwut erreicht man nicht. Bei den Krähenvögeln ist der Zug komplett abgefahren, die bekommt man, mit den noch erlaubten Mitteln, auch nicht ansatzweise in den Griff. Das muß man mal klar sagen. Aber auch das alles ist nur ein Teil, vom verschwinden des NW, Lebensraum und Lebensbedingungen spielen eine herausragende Rolle, zusammen mit den steigenden Besätzen an Raubwild und Raubzeug.
      Die Landwirtschaft macht nur mit, wenn die Förderungen ausreichen und dafür ist wieder die Politik verantwortlich. Nachts da sitzen und ein paar Füchse zu erlegen, eine revierübergreifende Krähenjagd oder 10 Fallen im Revier ( die meist gar nicht fängisch gestellt sind) wird an der Gesamtsituation absolut nichts ändern. Höchstens punktuell, in besonders engagierten Revieren, für eine kleine Atempause fürs Niederwild sorgen.

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  5. Ronbi

    Wenn es keinen Lebensraum für Feldvögel gibt, nur Spuren von gigantomanischen Landmaschinen, dann gibt es auch keine Prädatoren.
    Füchse und Co. wären schon längst ausgestorben, wenn es nicht Großohr- und Kurzschwanzmäuse gäbe.

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  6. Zündelnerlaubt

    Dazu kommt auch, dass es den ein oder anderen Greif zuviel gibt, normalerweise müsste man den Artenschutz nach Bedarf auusrichten, das ist eider aber zu aufwendig

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  7. Andreas Wernke

    Also wir haben in diesem Jahr hier in der ganzen Jägerschaft und ich möchte Behaupten und den angrenzenden Bezirken mehr Niederwild denn je!
    Soviel dazu, dass die Landwirtschaft schuld an allem ist!!!
    Es sind auf einmal überall Störche, Austernfischer, Uferschnepfe usw…. Und ja auch ziemlich viele Insekten.
    Das ganz große Problem ist dass die ganzen Internetjäger usw doch gar nicht mehr wissen wie man ne Falle stellt oder vernünftig Prädatoren bekämpft. Und neine der Wolf ist hier ausnahmsweise mal nicht gemeint.
    Wenn ich mal in anderen Gegenden kommen, und ich bin jagdlich schon ziemlich viel unterwegs, dann sehen ich in den Revieren wo Schwarzwild usw vorhanden ist, doch sehr viel Raubwild.
    Das ist hier in den Niederwildregionen nicht der Fall, deswegen gibt es hier ja auch noch welches. Auch die Strecken der ersten Jagdtage bestätigen meine Aussage.

    Wenn nichts am Raubwild gemacht wir, hat das Niederwild und die Singvögel keine Chance!!!

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