Der Wolf und die Diskussionskultur

Ein Beitrag von Frank Martini

 Es scheint sich etwas zu bewegen in der Medienberichterstattung zum Thema Wolf. In den allgemeinen Publikumsmedien – sofern nicht von aktuellen Wolfsrissen getrieben – war das Tier bislang eher von einem positiven Tenor begleitet.

Das scheint sich allmählich zu drehen. Jüngstes Beispiel:  Mit einer Reportage von Reinhold Beckmann hat sich die ARD am Montag, den 07. September um 21.45 Uhr eine dreiviertel Stunde kritisch mit dem Thema auseinandergesetzt, was sich bereits im Sendungstitel “Die Angst vor den Wölfen – wieviel Wildnis vertragen wir?” niederschlug.

In dem sehenswerten Stück, dass derzeit noch in der Mediathek verfügbar ist, werden alle erdenklichen Aspekte beleuchtet. Neben betroffenen Schäfern und Landwirten kommen u. a. auch Jäger, darunter auch ein für einen Wolfsabschuss vorbestrafter, Angehörige eines wegen eines Wolfsbesuchs verunsicherten Waldkindergartens, einfache Bürger, Wolfsberater, selbst Minister und viele andere sowie selbstredend gleich zu Beginn des Beitrags die Tierpathologen des Instituts für Zoo- und Wildtierforschung IZW zu Wort. Ihnen wird gleich zu Beginn schon im Beitragsvorspann ein Wolfskadaver zur Obduktion angeliefert, hautnah ist Beckmann mit seinem Kamerateam dabei.

Bemerkenswert an den Einlassungen der IZW-Mitarbeiter, zu denen gleichsam als rotem Faden Beckmann im Verlauf seiner Reportage immer wieder zurückkehrt, ist ein O-Ton der Obduzentin Dr. Claudia Szentiks bei Minute 23’44:

“Wenn man ein gesundes funktionierendes ökologisches System haben möchte, gehört der Wolf, der Luchs und auch der Bär wieder hierher, denn die waren ursprünglich hier heimisch und wenn sie zurückkehren muss entsprechend auch dem Tier die Möglichkeit gegeben werden, dass es hier leben darf.”

Erstaunlich und verräterisch, mit welcher Chuzpe die immerhin promovierte Akademikerin den vor ihr liegenden Wolfskadaver missinterpretiert. Der, wie sich herausstellt, abgeschossene Wolf reicht nach ihrem Befund vollkommen für die implizite Tatsachenbehauptung aus, dass die Rückkehr des Wolfes nach Deutschland generell abgelehnt würde. Über die bereits im Reportagetitel gestellte Frage nicht nach dem “ob”, sondern nach dem “wieviel” Wildnis, geht sie damit vollkommen undifferenziert hinweg. Auch der zweite Teil ihrer Einlassung ist an wissenschaftlicher Differenziertheit kaum zu unterbieten. Klar, dass Wolf, Luchs und Bär “ursprünglich hier heimisch” waren…aber unter welchen Rahmenbedingungen etwa hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Landesfläche und Bevölkerungszahl, der Verteilung der Bevölkerung auf Städte und Land, schlicht die Lebensvoraussetzung in dem mit dem Wörtchen “waren” angesprochenen Zeitraum vor immerhin mehr als 100 Jahren (in Bezug zumindest auf Bären) lässt sie damit naiv außer Acht. Und mithin die sich aus vielen weiteren Teilen der Reportage ergebenden Fragen, wieviel Nähe dem Menschen zu den genannten Großprädatoren denn zuzumuten ist, ebenfalls. Denn die Besuche einzelner Wölfe etwa an einem Waldkindergarten oder in menschlichen Siedlungen oder die mangelnde Scheu gleich eines ganzen Rudels vor einem Landwirt auf seinem Traktor dürften der am Wolfsthema so Interessierten bei einem Bildungsstand, den man von einem Tierarzt gemeinhin wird erwarten dürfen, ja nicht verborgen geblieben sein.

Beckmann dafür geht diesen Fragen umso intensiver nach. Insofern ist schon dieser kurze Schnipsel seiner Reportage eines der zündenden Momente und eine wichtige dokumentarische Leistung. Zeigt er doch unkommentiert und ungefiltert die Einseitigkeit der Betrachtungsweise auch derer, die in der öffentlichen Diskussion um die Rückkehr des Wolfes umfassende Sachkenntnis und Ausgewogenheit nicht müde werden, lautstark für sich in Anspruch zu nehmen. Und die, wie im Falle der erwähnten Doktorin, dabei auch noch in öffentlichem Sold stehen!

Aber auch auf der “Gegenseite” führt Beckmann Interviews, die die Werteverschiebung – um nicht Verschrobenheit zu sagen – in der Wolfsdiskussion deutlich werden lässt. Etwa auf einem Bauernhof im O-Ton des Jägers Ingo Rachner, der bei 27’27 einsetzt: “Stell’ Se sich mal een…een normalen Bürger vor, der jetzt ‘ne Krankheit hat, der geht zum Arzt, der Arzt sagt, Sie müssen zum MRT oder Sie müssen die Untersuchung hab’n. Dann sagt der hurra, ich mach’ das jetzt, dann meldet der sich an und wartet ‘n halbes Jahr bis er irgendwann ma’ untersucht wird. Der Wolf wird überfahr’n oder wird tot aufgefunden, innerhalb von 24 Stunden is’ der inner Charité und wird untersucht.” Und Beckmann und seine Redaktion lassen im unmittelbaren Anschluss daran – gleichsam als Korrektiv zu der unreflektierten Äußerung der Tierpathologin des IZW – den Jäger Norman Möhle mit folgender Klarstellung zu Wort kommen: “Wieviel Wölfe braucht das Land? Das ist eigentlich die entscheidende Frage. Es hat niemand was gegen den Wolf, aber in welcher Stückzahl?”, neuerlich ergänzt durch Rachner: “Das heißt nicht die Wölfe ausrotten, aber irgendwo begrenzen, ja, das is’ wichtig.”

Es ist das nicht wertende ungefilterte Zusammenführen verschiedenster Positionen und Aussagen, die Beckmanns Beitrag dokumentarischen Wert verleihen. Er verzichtet darauf, anzuprangern – selbst den wegen eines Wolfsabschusses vorbestraften Jäger in seinem ausführlichen Gespräch zu Beginn seiner Reportage. Und er stellt die richtigen Fragen. Bspw.: “Warum brauchen wir den Wolf in einer so durchorganisierten Gesellschaft?” (31’01), mit der er den niedersächsischen Umweltminister Stefan Wenzel konfrontiert. Ihn mit seinen Fragen scheinbar beiläufig gar zu dem Eingeständnis bringt, wir Menschen seien Teil des Ökosystems, Teil des Ganzen.

Immerhin! Das ministerielle Paradigma zumindest im Wolfsland Niedersachsen lautet also nicht “gute Natur, pöser Mensch”! Das ist doch mal ein – wenn auch bescheidener – Fortschritt! Und an Bescheidenheit mussten wir Jäger uns ja inzwischen gewöhnen. Und noch was lässt uns Beckmann aus dem Munde des Ministers hören: Der oberste Prädator sei der Mensch und nicht der Wolf. Auch wenn er – Achtung – sogleich die Frage stellt, ob der Mensch dieser Aufgabe genauso gut nachkommen könne, wie Canis lupus. Denn wir Menschen könnten, so Wenzel auf Nachfrage Beckmanns, nicht “selektiv entscheiden”, ob wir dem einen Tier ein Lebensrecht zugestünden und dem anderen nicht. Ob er diese Prämisse – auch hinsichtlich der Stückzahlen und Dichten – für die Schalenwildarten in seinen Landesforsten gelten lässt?

Der Facettenreichtum, den Beckmanns Reportage zumindest dem interessierten (dem wirklich sachkundigen sowieso!) Zuschauer bietet, lässt auf einen allmählich einsetzenden Wandel in der Diskussionskultur zum Thema Wolf im Besonderen sowie Wild und Jagd im Allgemeinen zumindest etwas hoffen. Allein das macht diese Reportage als zeitgenössisches Dokument sehenswert. FM

Beitragsbild: Bildschirmfoto vom Vorspann der Beckmann-Sendung, Copyright: GEZ

Ein Gedanke zu „Der Wolf und die Diskussionskultur

  1. Joachim Orbach

    Hallo Frank!

    Ein guter Artikel von Dir. Hoffentlich bewegt sich aber tatsächlich was in der sachlichen Medienberichterstattung die zu einer vernüftigen Meinungsbildung beitragen.
    Fakt ist: Wir können unsere dichtbesiedelte und gewachsende Kulturlandschaft nicht in die Landschaft von Alaska umwandeln -möge noch so mancher Truppenübungsplatz so ähnlich aussehen. Insbesondere muss bei uns Deutschland auch die Freilandhaltung von Nutztieren ohne Gatterzäune von 1,5 – 2 m Höhe ( einschl. Elektrozaun u. Herdenschutzhunde) möglich sein. Wieviel Wölfe vertragen wir daher in unserer Kulturlandschaft tatsächlich? Was geschieht, wenn die Wölfe zunehmend ihre Scheu vor der Menschen verlieren? Kinder und Haustiere im ländlichen Raum eingattern.

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