Der Rothirsch als die „arme Sau“ unserer Wälder

Unter dem Titel „Der Rothirsch im Erzgebirge – Naturschützer oder Waldschädling?“ fand am 07.05.2019 in Schneeberg eine vom NABU Kreisverband Aue-Schwarzenberg e.V. organisierte Veranstaltung zur aktuellen Situation des letzten uns noch gebliebenen großen Pflanzenfressers statt. Ein Beitrag von Matthias Scheffler, Vorsitzender des Nabu-Kreisverbands Aue-Schwarzenberg.

Etwa 150 Gäste waren nach Schneeberg gekommen und erlebten einen langen, interessanten und aufgeregten Abend. „Von seiner Natur aus ist er ein Tier offener Landschaften und der Wald nur sein Lebensraum dritter Wahl. … Tatsächlich ist er darum ein bejammernswertes Geschöpf – eher eine arme Sau, mit der niemand tauschen möchte.“

Mit diesem Zitat von Wilhelm Bode aus dessen Buch „Hirsche“ begann Matthias Scheffler vom NABU Kreisverband Aue-Schwarzenberg e.V. den Abend und forderte einen (art)gerechteren Umgang mit dem Rotwild. In seiner Einführung stellte er seine Sicht auf die aktuelle Situation von Wald und Wild im Erzgebirge und die dabei hervor tretenden Konflikte zwischen den verschiedenen Interessengruppen dar. Außerdem zeigte er, welche Vorstellungen der NABU zur Zukunft unserer Wälder hat, in denen vor allem natürliche Entwicklungen eine größere Rolle spielen sollten als gegenwärtig.

Der Wildbiologe Professor Sven Herzog von der TU Dresden Außenstelle Tharandt stellte anhand verschiedener Forschungsergebnissen auf eine sehr anschauliche Weise dar, dass durch die Art der Bejagung und ein modernes Wildtiermanagement die Lebensweise des Rothirsches und die von ihm verursachten Schäden am Wald durchaus gut beeinflusst werden können, aber selbst einfach umzusetzende Dinge in die Praxis noch kaum Eingang gefunden haben. Er betonte ausdrücklich, dass die Höhe der Wildbestände nicht automatisch mit der Höhe der Wildschäden korreliert. Die Darstellung seiner telemetrischen Untersuchungen brachte neue Einblicke in die Lebensweise dieser hoch interessanten Tierart.

Wilhelm Bode, Forstwissenschaftler und Buchautor, führte in die Kulturgeschichte des Rothirsches ein und zeigte, dass diese Art – wie keine andere sonst – Spielball menschlicher Interessen war, schon immer zwischen den Fronten stand und auch heute noch dazu verurteilt ist, in ständiger Todesangst sein Leben zu fristen. Er forderte, diesem Zustand endlich ein Ende zu setzen und zeigte am Beispiel dreier Modellprojekte verschiedene Ansätze, wie der Weg dahin aussehen könnte. Ein Denken in „größeren Maßstäben“ sei dazu unabdingbar.

Es folgte eine teils sehr emotional geführte Diskussion, die aber zugleich deutlich machte, dass das Thema vielen am Herzen liegt. Und das ist doch eher ein gutes Zeichen.

Der Rothirsch – ein Vertriebener aus seinem „eigentlichen Reich“

Zur Veranstaltung wurde deutlich, dass tierethische Gesichtspunkte bei vielen Menschen eine zunehmende Rolle spielen und die Jagd der Zukunft nur Akzeptanz finden wird, wenn sie mit art- und tiergerechten Methoden durchgeführt wird.

Zukunftsvision: Tagaktives Rotwild im Offenland. Quelle: Jan Gläßer, Grießbach, naturfotoerzgebirge.de / Nabu Aue-Schwarzenberg

Alle drei Referenten wiesen darauf hin, dass das ganze Dilemma des Rothirsches eigentlich damit beginnt, dass diesem Tier sein ursprünglicher Lebensraum, das Offenland, und damit eine artgemäße Lebensweise weitgehend genommen wurde und es an der Zeit ist, nach Wegen zu suchen, ihm diese Räume wieder zu erschließen, zumindest in Teilen. Dabei müssen Dinge neu gedacht, neue Wege gegangen und auch Visionen entwickelt werden, die auf den ersten Blick träumerisch und unrealistisch erscheinen mögen. Der vom NABU ins Spiel gebrachte Schutzgebietsvorschlag „Grenzübergreifendes Biosphärenreservat ‚Oberes Westerzgebirge‘“ würde ein erster Schritt in diese Richtung sein. Der Rothirsch könnte als Symbol- und Leitart dabei dienen.

Die Gräben zwischen den verschiedenen Interessengruppen sind tief, von Konfliktlösungen ist man noch weit entfernt. Letztendlich muss man im Gespräch bleiben oder es wieder aufnehmen, wenn man zu zukunftsfähigen Lösungen kommen will, im Sinne des Waldes und der darin lebenden Tier- und Pflanzenwelt. Am Ende müssen Kompromisse gefunden werden, um für die Politik gangbare Wege aufzuzeigen und diese auch einzufordern. Ob dies gelingen kann und die Veranstaltung in Schneeberg ein erster Schritt dahin sein konnte, wird die Zukunft zeigen. Matthias Scheffler, Vorsitzender Nabu Kreisverband Aue-Schwarzenberg

Beitragsbild: Ein auf einer Drückjagd in einem staatlichen Forstbetrieb zusammengeschossenes Stück Rotwild. Foto: SE

2 Gedanken zu „Der Rothirsch als die „arme Sau“ unserer Wälder

  1. Zündelnerlaubt

    Es wird keine sinvollen Lösungen für irgendeine Art geben, solange den kommerziellen Aspekten der Naturnutzung Vorang eingeräumt wird. Erst wenn Natur auch als Lebensraum und überlebensnotwendige Ressource für die Menschheit als bedrohte Art gesehen wird, wird sich ggf. etwas ändern. Dabei ist es unerheblich, obe z.B. der Klimawandel menschlich Ursprung ist oder, nicht, solche Veränderungen im Habitat bedrohen auch uns als Art

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