Der Geist des Altai

Galsan Tschinags tuwinische Geschichten

Dass es Galsan Tschinag und seine Bücher überhaupt gibt, ist fast schon ein kleines Wunder. Anfang der Vierziger Jahre wurde er im Altai-Gebirge geboren. Er gehört zum Stamm der Tuwa oder Tuwiner, deren Oberhaupt er heute ist. Tuwa, eine autonome Republik und Teil der Russischen Föderation, liegt im südlichsten Zipfel Sibiriens an der Grenze zur Mongolei. Der tuwinischen Tradition gemäß wuchs Galsan Tschinag als Nomade auf, zog mit dem Vieh von der Sommer- auf die Winterweide, ritt auf den kleinen, harten, zähen Pferden zur Jagd, lauschte abends in der Jurte den Gesängen der Schamanin. Aus dieser unendlich fernen und fremden Welt berichtet er – und das faszinierenderweise auf deutsch. So erhalten seine deutschsprachigen Leser eine eindringliche Schilderung des archaischen Lebens der Tuwiner aus erster Hand – und zugleich eine ziemlich präzise Vorstellung von der Härte einer wirklich “naturnahen” Existenz.

In “Der blaue Himmel” (eines seiner schönsten Bücher) beschreibt Galsan Tschinag seine Kindheit im Altai, in “Die graue Erde” seine Schulzeit während der “Kulturrevolution”. Die sowjetischen Kader versuchten, die Nomaden zur Sesshaftigkeit zu bekehren und führten die Schulpflicht ein. Das erzwang die aus ideologischen Gründen wohl ohnehin erwünschte Trennung der Kinder von den Eltern, da es unmöglich gewesen wäre, die Kinder aus den weit über den Altai verstreuten Jurten jeden Morgen mit dem Pferd zur Schule zu bringen. Sehr lebendige Stammestraditionen wie der Schamanismus wurden als rückständiger Aberglauben verboten und verfolgt – ein ziemliches Problem für den Jungen, der selbst Schamane werden wollte.

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Galsan Tschinag.
Foto: Monika Karlstetter

Doch letztlich verdanken sich diesem Konflikt Galsan Tschinags Bücher, denn ohne diesen hätte er wohl kaum von 1962 bis 68 im sozialistischen Bruderstaat DDR, genauer gesagt an der Karl-Marx-Universität in Leipzig, Germanistik studiert. Nach dem Abschluss arbeitete er zunächst als Deutschlehrer an der Nationaluniversität der Mongolei in Ulan Bator. Seit Anfang der Neunziger Jahre hat er mehr als dreißig Bücher – Romane, Erzählungen, Gedichte – geschrieben, die meisten auf deutsch.

Zum Einstieg in Werk und Welt Galsan Tschinags sei der im Münchner A1-Verlag erschienene Erzählband “Eine tuwinische Geschichte” empfohlen. In der Titelgeschichte bildet eine Wolfsjagd in der Altaisteppe die Rahmenhandlung für eine Jagd ganz anderer Art: Die unbarmherzige Verfolgung eines Deserteurs durch seine Stammesgenossen. Die Kurzgeschichte “Bisen” enthält eigentlich den ganzen Galsan Tschinag: Leben und Tod, Werden und Vergehen im Altai auf zehn Seiten. Wie ein Jagdfrevel auf einer Wolfsjagd die natürlich Ordnung durcheinander bringt und welche Folgen das hat, davon handelt die dritte Erzählung in dem Band: “Verspätetes Jagdglück”. Ein kurzer (und m.E. eher verzichtbarer) Text über Jenseitsvorstellungen, “Stimmen der Verwandelten”, beschließt den Band. Stephan Elison

Galsan Tschinag

Eine tuwinische Geschichte

A1 Verlag München

144 Seiten, gebunden, 16,90 Euro

ISBN 978-3-940666-34-5

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