Das Verschwinden der grauen Geister

Karibus gehören zu den am meisten gefährdeten Tierarten Amerikas. Ihr größtes Problem: Der Wolf. Um die letzten Karibus zu retten, werden im Regierungsauftrag ganze Wolfsrudel abgeschossen. Ein Lehrstück über den Irrglauben, dass die Natur in von Menschen beeinflussten Habitaten alles selbst zum besten regelt.

In den Selkirk Mountains im Norden Idahos leben noch ungefähr zwölf Karibus. Sie sind hier, im Norden Idahos und im Süden der kanadischen Provinz British Columbia so selten, dass sie “graue Geister” genannt werden. Und die Existenz der amerikanischen Rentiere könnte sehr bald wahrhaft geisterhaft werden, denn ihr Aussterben scheint kaum noch zu verhindern sein, wie die New York Times in dem hervorragenden Artikel “America’s Gray Ghosts: The Disappearing Caribou” feststellt. Das größte Problem der Karibus ist Prädation, vor allem durch den Wolf, aber auch durch den amerikanischen Puma (Cougar), wie der für den Stamm der Kootenai tätige Biologe Norm Merz in der NYT erklärt. Die von den Wölfen ausgehende Gefahr für die schrumpfenden Karibu-Herden ist so groß, dass kanadische Regierungs-Scharfschützen von Hubschraubern aus ganze Wolfsrudel dezimieren. Mehr als tausend Wölfe wurden in den letzten zehn Jahren so abgeschossen. Für die Wölfe kein Problem, meinen Biologen: Die anpassungsfähigen Raubtiere halten der aggressiven Bejagung ohne weiteres stand.

In den arktischen Regionen Kanadas und Alaskas ziehen noch große Karibu-Herden durch die Tundra, doch die Vorkommen in BC und Idaho sind an ihren Lebensraum auf hochspezialisierte Weise angepasst: Die Herden im amerikanisch-kanadischen Grenzgebiet sind die letzten, die im Winter in die Hochlagen der Rocky Mountains ziehen, um sich von einer speziellen Flechte zu ernähren, die Old Man’s Beard, Altmännerbart, genannt wird. Arktische Karibus, die in den 80er Jahren zur Verstärkung der schwindenden Population in den Selkirk Mountains ausgewildert wurden, kannten diese Nahrungsquelle nicht: 18 von 19 Tieren starben.

Der dramatische Einbruch der Bergkaribu-Population hängt mit dieser speziellen Diät und Lebensweise zusammen. Und verantwortlich für das wahrscheinliche Aussterben der Karibus ist nicht der Wolf, sondern ein weit gefährlicheres Raubtier: Der Mensch. Über Jahrzehnte hinweg wurden die jahrhundertealten Zedern und Hemlocktannen, im Hochgebirge die Küsten- und Weißstammkiefern, auf denen die nahrhaften Flechten wachsen, in großflächigen Kahlschlägen dezimiert. Straßen- und Bergbau, Erdölförderung und Pipelines führten zu einer Fragmentierung des Siedlungsgebiets der Karibus. Von ihren Verwandten im hohen Norden sind sie abgeschnitten, ihre Nahrungsgrundlage ist gefährdet.

Auf den Kahlschlagflächen siedelten sich Pionierbaumarten an: Weiden und Birken, junges saftiges Grün, das Elche und Hirsche in Scharen anzog. Im Gefolge ihrer Beutetiere kamen die Wölfe. Seit 2009 ist ein steiler Anstieg der Wolfspopulation in Idaho, British Columbia und im Nordosten Washingtons zu verzeichnen. Der Zusammenbruch der Karibu-Population war die Folge.

Als wäre das alles nicht genug, haben Vereinigungen amerikanischer Schneemobil-Fahrer, die ihr bescheuertes Hobby gern in den Streifgebieten der Karibus ausüben möchten, durch Klagen und Petitionen erreicht, das die Schutzgebiete für die Karibus “auf die Größe einer Briefmarke” zusammengeschrumpft sind, wie ein Naturschützer in der NYT klagt: Die Regierungen scheinen die Karibu-Population bereits abgeschrieben zu haben.

“Für den Schutz von Wölfen und Bären geht jede Menge Geld drauf”, klagt ein Biologe vom Kalispel-Stamm: “Wo bleibt die Hilfe für diese charismatische Spezies?” SE

Beitragsbild: Karibu in den südlichen Selkirk Mountains. Foto: Steve Forrest, US Fish and Wildlife Service, veröffentlicht unter der Creative Commons Attribution 2.0 Generic Lizenz.

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