Das übliche Geschrei

Ein Kommentar von Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel

Dem Vernehmen nach möchte ein prominenter Waldschützer bei der in Kürze anstehenden Sitzung des Landesjagbeirates Sachsen eine Veränderung der Rotwild-Jagdzeiten im Freistaat anregen. Derzeit kann Rotwild in Sachsen ab dem 1. August bejagt werden. Die Anregung des Waldschützers geht dahin, den Beginn der Jagdzeit auf Rotwild wie beim Rehwild bereits auf Mitte April festzusetzen.

Jagd- und Schonzeiten sind immer ein Kompromiss zwischen Biologie und Bedürfnissen des Wildes einerseits und Wünschen und Forderungen des Menschen, zumeist in Gestalt von Landwirt, Waldbauer oder Jäger, andererseits. Schonzeit für Rehwild und Rotwild vom 1. Februar bis zum 15. April hat diesen Namen allerdings nicht verdient und ist weder im Sinne des Wildes noch im Sinne des Waldbaus (sic!) ein vernünftiger Kompromiss. Das Gleiche gilt für Bewegungsjagden auf Rot- und Rehwild nach der Wintersonnenwende.

Es ist schon ein bisschen nervend, wenn man „olle Kamellen“ immer wieder aufwärmen muss. Aber gut . . . . : Kurz vor Weihnachten setzt beim Wiederkäuer, übrigens auch beim Schwarzwild, wenn auch in abgeschwächter Form, ein Umbau der Organe, eine Absenkung der Körpertemperatur und eine Drosselung der lokomotorischen Aktivität ein. Das alles wird von der Tageslänge (Licht) gesteuert und ist vollkommen unabhängig von der jeweiligen Witterung. Ziel ist es, so viel Energie wie möglich zu sparen. Wird das Wild in dieser Zeit durch den Jäger ständig aufgemüdet, wird sein Energiebedarf über das natürliche Maß hinaus steigen. Und fast Jeder kann sich leicht ausrechnen was die im Wald eingesperrte Offenlandart Cervus elaphus dann machen muss. Der zusätzliche Energiebedarf wird durch Schälen und Verbeißen gedeckt. Aha, sagt der wackere Waldschützer dann, Verbiss und Schäle sind so hoch, dass wir im Januar drei statt einer Drückjagd machen müssen. Jedem Viertklässler ist klar, hier setzt sich eine Eskalationsspirale in Gang. In viele Köpfe geht diese schlichte Einsicht aber anscheinend nicht hinein. Und geradezu zynisch ist das Argument, im Januar werde doch viel Strecke gemacht. Das ist ja nun wirklich ekelhaft, sich damit zu brüsten, ein winterklammes und kaum bewegliches Stück Rotwild im Januar auf der Drückjagd zu erlegt zu haben, pfui Deibel!

Wenn dann im Frühjahr der Energiesparmodus beendet wird, sucht das Wild gierig nach frischer Vegetation auf Wiesen in Wald und Offenland sowie an Wegrändern. Dort kann es auch kaum Schaden anrichten. Nun aber kommt der moderne Waldschützer und fängt Mitte April an, das Wild genau dort zu bejagen. Was machen Reh und Hirsch daraufhin? Sie verschwinden wieder im Wald und stillen dort ihren Hunger. Und wie bei einer Gebetsmühle erhebt der moderne Waldschützer gewohnheitsmäßig dann wieder sein übliches Geschrei: Die Wildschäden sind viel zu hoch, der Abschuss muss erhöht werden, die Jagdzeit muss verlängert werden. Unter dieser seltsamen Auslegung biologischer Zusammenhänger muss das Rotwild im Erzgebirge doch nun wirklich schon genug leiden.

Wie schön wäre es, wenn Wild und Wald vernünftig koexistieren könnten, wie es früher von gestandenen Waldbauern, die zugleich weidgerechte Jäger waren, praktiziert wurde. Es gibt auch heute noch Beispiele, wie das funktionieren kann. Ich war vor kurzem zu einer Drückjagd in Unterlüß bei Fa. Rheinmetall. Trotz hoher Rotwildbestände sprießt dort die Naturverjüngung wie die sprichwörtlichen Haare auf dem Hund, und man kann Rotwild am hellen Tag beobachten. Das Geheimnis? Weniger Jagddruck, kürzere Jagdzeit. Wenn man das Gegenteil proagiert und praktiziert, muss man sich nicht über die Folgen wundern. Dass insbesondere zur Verhütung von Wildschäden im Feld bereits im Frühsommer auch mal das eine oder andere Stück Rotwild auf Antrag erlegt werden muss, stellt einen vernünftigen Kompromiss dar. Gibt man die Jagd auf Spießer und Schmaltiere bereits ab 1. Mai generell frei, wie das in Brandenburg der Fall ist, erfüllen manche fortschrittlichen Revierinhaber sowohl in Privatrevieren wie beim Fiskus in wenigen Tagen oder Wochen den gesamten Abschuss in dieser Altersklasse. Im Herbst muss dann Nachschlag beantragt werden, damit wieder alles Wild bei der Bewegungsjagd frei ist. Ansprechen scheint ja heute nicht Jedermanns Ding zu sein.

Mir erschließt sich nicht, weshalb das Wild Kompetenzdefizite mancher Waldbauern und Jäger ausbaden muss! HDP

Beitragsbild: Mail von Prof. Dr. Michael Müller mit dem hier auf Anregung von JAWINA kommentierten Vorschlag. (Screenshot)

6 Gedanken zu „Das übliche Geschrei

  1. Edelmann

    Die Forstwirtschaft hat es bis heute geschafft, sich unter dem Begriff “Wald” zu tarnen.
    Jetzt mal unabhängig von der Wortherkunft (Forst/Wald), ist der Deutsche heute noch von der Diskussion ums Waldsterben geprägt
    und neigt dazu alles abzunicken, was den “Wald” schützt.
    Insofern ist auch die Redewendung “Wald vor Wild” falsch, “Forstholz vor Wild” klingt da schon anders.
    Ähnlich wie Randstreifen-Modelle in der Landwirtschaft sollte es auch “Wald”-Streifen und Offenlandstreifen (offene Landschaftselemente) in der Forstwirtschaft geben.

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  2. mikka

    Traurig, dass Länder über Jagdzeiten diskutieren, um ihre eigenen Bediensteten in die Schranken weisen zu müssen.
    Diese kompetenten und hochgeschulten Mitarbeiter könnten ja die von Prof. Dr. Pfannenstiel beschriebenen Abläufe einfach beachten und eben keine Jagd auch in der Jagdzeit machen… man glaubt es aber kaum, dieses hochgeschulte Personal kommt bei zusätzlich 50 cm Schnee im Januar mit dem Argument um die Ecke, es ist ja noch Jagdzeit, daher müssen wir jagen! (kein Witz, sondern tatsächlich wahr)…Vielleicht sollte man da ansetzten und mal paar schlaue Köpfe tauschen.

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  3. Waldläufer

    Man sollte sich vor Augen halten, was Prof. Dr. Müller in anderen Bundesländern in Bezug auf das Rehwild schon angerichtet hat. Nun also sind Sachsen und das Rotwild dran. Dabei ist es schon nahezu widerlich, wie er sich dem Staatsbetrieb Sachsenforst andient und versucht, mit pseudowissenschaftlichen Argumenten dessen Ideologien zu unterstützen. Was sind hierfür die Beweggründe? Reicht Sachsenforst demnächst wieder öffentliche Forschungsgelder aus, die sich Prof. Dr. Müller für seinen Lehrstuhl sichern will, oder hat er tatsächlich von Wildtierbiologie und -Ökologie keinerlei Ahnung? Sollte Letzteres der Fall sein, stellt sich die Frage, mit welcher Berechtigung Herr Prof. Dr. Müller in Tharandt Forststudenten unterrichtet. Gerade diese Studenten werden schließlich zukünftig in den Landesforsten tätig sein. Und gerade beim Staatsbetrieb Sachsenforst wird deutlich, wohin es führt, wenn den Mitarbeitern in Führungspositionen das nötige Rüstzeug fehlt!

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  4. Jürgen Rosenbaum

    Die Ausführengen von Prof. Dr. Pfannenstiel sind eine Denkschrift an die moderne, ökologische Forstwirtschaft und die schalenwildhassenden, zeitgemäß-modern jagenden Grünröcke in den bundesdeutschen Ländern!!!
    Die Ausführungen lassen sich aber auch ganz kurz zusammenfassen:
    Prof. Dr. Michael Müller, setzen, Note 6!
    Scheinbar kann man akademische Grade für vielfaches “Nicht wissen wollen” erhalten???

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  5. Loki Grimbart

    Also es muss derzeit ja ziemlich eisig zugehen auf der 2. Etage im Tharandter “Altbau”. Prof. Dr. Müller hat sein Büro direkt neben dem von Prof. Herzog, der ja im großen und ganzen genau die Meinung von Prof. Pfannenstiel abbildet. Ich habe selbst dort studiert und bei beiden gelernt. Diese Ansicht, die ja nun wirklich gegen jeglichen biologischen Grundlagen verstößt wirkt, aus Tharandt kommend, sehr befremdlich. Dem Sachsenforst muss Einhalt geboten werden, sonst sind gesunde, genetisch heterogene Rotwildbestände bald Geschichte. Aber da der Sachsenforst als Staat im Staate aggiert wird das schwer. Das ist über Generationen gewachsene Engstirnigkeit im eigenen Handeln. [Kommentar, gekürzt, admin.] Es besteht Handlungsbedarf, aber genau in die andere Richtung als sie Prof. Müller fordert!!!
    Waidmannsheil.

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    1. Jürgen Rosenbaum

      Tharandt hat eine historisch-traditionelle und bedeutende HS-Geschichte in Sachsen und von dort sind Generationen von weltweit anerkannten Forstleuten und Wildbiologen hervorgegangen!
      Mit Prof. Müller und seinesgleichen reiht sich die forstliche Fakultät der UNI Dresden mehr und mehr in die ökoforstinstrumentalisierten Koranschulen ala Weihenstephan, Göttingen u. a. ein.

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