Bündnis für Wald und Wild verabschiedet Erfurter Erklärung

Stärkung von Hegegemeinschaften und des Muttertierschutzes bei der Rotwildbejagung gefordert

Am 1. September fand in Erfurt das vom Bündnis für Wald und Wild e.V. veranstaltete Symposium “Artgerechte Wildbewirtschaftung in der heutigen Kulturlandschaft” statt. Nach zwei Fachvorträgen – Karl-Heinz Müller sprach über die Rolle der Hegegeminschaften, Dr. Christine Miller stellte wissenschaftliche Erkenntnisse zur Abhängigkeit von Rotkälbern von den Elterntieren vor – verabschiedeten die Anwesenden die Erfurter Erklärung. Die Erfurter Erklärung wird die Grundlage für das weitere Agieren des Bündnisses für Wald und Wild zu den Themen Hegegemeinschaften und Muttertierschutz sein, wie auf der Internetseite des Bündnisses angekündigt wird. “Immer häufiger wird in Forstkreisen der Grundsatz „Wald vor Wild“ propagiert und umgesetzt”, heißt es in der Erfurter Erklärung. “Dabei übersieht man, dass sich Wald und Wild nicht im Konflikt miteinander befinden. Vielmehr sind sie zum Spielball zwischen den wirtschaftlichen Interessen des Menschen und den biologischen Grundbedürfnissen des Wildes geworden.”

Die Unterzeichner fordern eine deutliche Stärkung der Hegegemeinschaften, da nur diese eine “großflächige, jagdgebietsübergreifende, nachhaltige, tierschutzgerechte und populationssteuernde Bewirtschaftung der Wildtierbestände” gewährleisteten. Die Hegegeminschaften seien daher von den Landesregierungen “politisch zu stärken, finanziell zu unterstützen und mit entsprechenden Kompetenzen sowie Mitteln zu deren Durchsetzung auszustatten.” Die Mitgliedschaft in Hegegemeinschaften müsse verpflichtend sein.

Muttertierschutz bei der Rotwildbejagung

“Rotwildkälber bedürfen der Führung durch ihre Mutter bis zum nächsten Frühjahr”, stellt die Erfurter Erklärung klar: “Ein Kalb ist dem unmittelbaren Tod preisgegeben, wenn es seine Mutter verliert, solange es gesäugt wird; dem langsamen Tod und anhaltendem Leiden, wenn es seine Mutter verliert, bevor es deren Führung nicht mehr bedarf.” Der grundgesetzliche Schutz vor vermeidbarem Leiden gelte für alle Tiere, egal ob Haus-, Nutz- oder Wildtiere, heißt es weiter. Der Gesetzgeber kenne keinerlei „Abwägung“ nach der der Tierschutz „hintenan stehen“ müsse, um wirtschaftliche oder vorgeblich landeskulturelle Ziele in Wald und Feld zu erreichen.

Daraus ergibt sich zwingend:

– Ein Alttier darf nur dann erlegt werden, wenn absolut sicher ist, dass es kein Kalb (mehr) führt. Bei Drückjagden trennen sich Muttertier und Kalb regelmäßig, ein einzeln anwechselndes Alttier gilt daher immer als „führend“ und darf nicht erlegt werden.

– Sobald ein Jagdleiter einzeln anwechselnde Alttiere bei Bewegungsjagden zur Erlegung freigibt, fordert er die Schützen damit mehr oder weniger zum Begehen einer Straftat auf.

– Zerrüttete Sozialstrukturen, Unterschreiten von artspezifischen Mindestdichten, permanenter Jagddruck und Hetzjagden mit Hundemeuten erfüllen den Tatbestand von Tierquälerei und provozieren Wildschäden.

– Um den wildbiologischen Erfordernissen des wiederkäuenden Schalenwildes Rechnung zu tragen und damit Wildschäden zu minimieren, dürfen nach der Wintersonnenwende (21.12.) prinzipiell keinerlei Bewegungsjagden mehr durchgeführt werden. red.

Beitragsbild: Erfurter Erklärung (Screenshot, Ausschnitt)

9 Gedanken zu „Bündnis für Wald und Wild verabschiedet Erfurter Erklärung

    1. Wilhelm Bernstein

      Wenn wir es zulassen das Forst und Politik weiterhin das Rotwild ausrotten wollen ist es arm um uns und unser Wild bestellt. Darum weiter so BEW!

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  1. Ralf Huhnstock

    Es sollte nicht nur Plicht sondern auch Bedürfnis sein, diese Erklärung zu bejahen, da wir (Jäger) uns sonst nicht nur in Misskredit der Öffentlichkeit bringen, in welcher wir ja schon lange auf Grund der Jagdpraktiken stehen. Auch machen wir uns der Aasjägerei mitschuldig.
    Jeder weidgerechte Jäger müsste sich ernsthaft gehalten sehen, diese Erklärung zu bestätigen.
    Persönlich bin ich sehr froh im BWW mitwirken zu dürfen, da ich in ihm die ethisch und moralisch gefestigten Grundsätze der deutschen Weidgerechtigkeit klar und deutlich vertreten sehe.

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  2. Alexander Jehmlich

    Die Standpunkte der Erfurter Erklärung kann ich nur lobend unterstützen. Wichtig ist, dass diese Standpunkte, wonach echte Waidgenossen sowieso schon handeln, wissenschaftlich belegt sind, sodass gegenüber Politik und sonstigen Entscheidungsträgern einwandfrei argumentiert werden kann. Die Erkenntnisse von Frau Dr. Miller und Herrn Müller sind somit von höchster Bedeutung bzw. Wichtigkeit!
    Des weiteren muss sachlich nüchtern und mit hoher wissenschaftlicher Qualität nachgewiesen werden, dass die auftragsbezogene und somit an Zielen vorher schon festgeschriebene Forschung, welche zum Beispiel auch teilweise von oberen Jagdbehörden betrieben und angestrebt wird, nicht das Mittel der Wahl sein darf um schwierige Sachverhalte zu lösen.
    Das BWW hat dahingehend schon einiges erreicht und darf nicht müde werden die fachliche Diskussion sachlich nüchtern weiterzuführen.
    Weiter so.
    Waidmannsheil!

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  3. Waldläufer

    Super Veranstaltung! Gerade jetzt, wo Landesforsten und Politik die Hegegemeinschaften torpedieren und aushöhlen, ist es wichtig, endlich mal einen Pfahl einzuschlagen! Das Thema Muttertierschutz ist hoch aktuell- in Thüringen und Sachsen laufen ja schon wieder die ersten Drück- (Hetz-) Jagden in den Landeswäldern. Diskussionen mit den Verantwortlichen haben nichts gebracht, der Landesforst macht, was er will und führt die Politik am Nasenring durch die Manege! Jeder, der noch ein Gewissen gegenüber unseren Wildtieren hat, sollte zukünftig Strafanzeige gegen die Verantwortlichen erstatten!

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  4. mikka

    In der heutigen Kulturlandschaft hat verbeißendes Schalenwild leider nur noch sehr wenig Anwälte. Für das Engagement rund um eine artgerechte Jagd sei der Initiative BWW herzlich gedankt. Den vorangegangenen Kommentatoren möchte ich noch mitgeben, Wild als herrenlos zu betrachten. Sätze wie “unser Wild” schaffen nur Angriffspunkte, auch wenn es sicherlich in einem anderen Kontext gemeint war.
    Man kann jeden verantwortungsbewussten Jäger nur dazu ermutigen, sich nicht an tierschutzwidrigen Praktiken zu beteiligen!!!! Grabt doch einfach das Wasser ab! Zeigt Verstöße an! Den handelten und vielleicht auch verunsicherten Akteuren vor Ort bleibt nur zu wünschen, Ihr eigenes Spiegelbild ertragen zu können – darum hängt auch in den meisten Kühlzellen erst gar kein Spiegel, zumindest nicht in den staatlichen ;o).

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  5. G. Henning

    Die Veranstaltung von BWW war sehr gut . Weiter so! Diese Art von fachlicher Diskussion und Wissensvermittlung sollte weiter geführt werden.

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  6. Albrecht v Heimgerber

    So gut die Argumente sind, sich für einen geändete Bejagung auszusprechen und einzusetzen, darf man den Waldbesitzer als Eigentümer nicht vergessen, und sein legitimes Interesse daran, sein Eigentum vor (Wild)Schäden zu schützen. Auch das muss man bei aller Streitbarkeit dem Grundsatz nach erstmal akzeptieren.
    Auch und gleichwohl leider, sind die Wildschäden vielfach und zumeist durch falsche Jagdstrategie erst entstanden…

    Daher is es viel wichtiger daran zu arbeiten, die Schäden durch praxisorientierte, örtlich angepasste Jagdstartegien so zu minimieren oder gering zu halten, dass dem Eigentümer ( meist ist es ja Landeswald) gezeigt werden kann, wie auch Wild mit Wald funktioniert!

    Da im “Osten” diese Landes Zwangsmitgliedschaften unter den Kommunisten leider “Zwang” waren, so halten viele Grundeigentümer von einer “Zwangsmitgliedschaft in HG`S nichts. Bei dieser Forderung “springen viele ab” die sonst mit “zur Unterschrift schreiten” würden, Zwang bringt gar nichts. Zwang schürt Angst vor denen, die sich nicht um Wildschäden bemühen müssen weil ihre (nach der Wende erworbenen) “1000ha” zur jagdlcihen Spielwiese gehören und dies ohne Etragsziel.
    Mit der Forderrung nach “Zwang” ereicht man leider, das der BWW Gefahr läuft seine guten Argumente übertünchen lassen zu müssen und sich zugeneigte Politiker und Entscheider abwenden weil Zwangsmitgliedschaften ein No-Go sind und deren Unterstützung so sensibel sind, dass diese eben politische Karieren beenden können.

    Marketing in eigener Sache unter politischen Meinungsbildnern und Entscheidungsträgern muss bei dieser “lauten Forderung” zumindest nochmals überdacht werden.
    Jeder Jäger frage sich nun selbst und antworte aufrichtig, was er für die Zukunft der Jagd tut und was er dafür tut weiter jagen zu dürfen, besoners wenn er eben nicht Grundeigentümer ist und wie er nun die Jagd für zukünftig immer noch nachhaltige aber schadensarme und konfliktmindernde Jagd formen will, dann kommen wir weiter!

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    1. Jürgen Rosenbaum

      Lieber Albrecht von Heimgerber,

      die Meinung zur “Zwangsmitgliedschafts unter den Kommunisten in Osten diesen Landes” ist zu pauschal. Hier werden die Wechselverhältnisse verfälscht, denn die Pflichtmitgliedschaft von Revierinhabern in Hegegemeinschaften mit Rechtsstatus gerät gerade den Eigentümer an Grund und Boden zum Vorteil, weil unter einer gezielt-fachkompetenten und flächenmäßig angepassten Wildbewirtschaftung Schäden eher geringer zu halten sind, als durch den permanenten Druck wöchentlicher Bewegungsjagden querbeet der Landesforstbezirke. Dabei ist es gleich, ob sich dieses “Treiben” im Osten oder im Westen dieses Landes abspielt.

      MfG
      Jürgen Rosenbaum

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