Buddy – Nachsuchen-Legende ohne Papiere

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Zu Buddy kam seine Besitzerin, wie man als Tierärztin mitunter halt zu irgendwelchen Viechern kommt: Seine ursprüngliche Eigentümerin war in Schwierigkeiten geraten, der Hund musste weg. Damit er nicht ins Tierheim muss, nahm ihn die Tierärztin – nennen wir sie Raffaela oder kurz R. – erst einmal auf. Eigentlich wollte sie den dominanten Rüden gar nicht behalten, sondern sich in Ruhe nach einem netten Zuhause für ihn umsehen. Aber Buddy verstand es, sie umzustimmen…

Kurz nach seiner Adoption – Buddy war ungefähr ein halbes Jahr alt – beschoss in R.s Revier ein Jäger ein Wildschwein, höchstwahrscheinlich ein Fehlschuss. R. sah sich den Anschuss an, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Buddy war dabei – und sah sich auch den Anschuss an: Höchst aufmerksam versenkte er die Nase in jedem einzelnen Trittsiegel und begann, ruhig und konzentriert die Gesundfährte (es war ein Fehlschuss) zu arbeiten. Niemand hatte vorher jemand irgendetwas in der Richtung – Übungsfährten, Futterschleppen – mit ihm geübt.

Buddys Abstammung und genaue Blutsmischung liegt weitgehend im Dunkel: Bekannt ist nur, dass die Hündin, die ihn 1999 wölfte, ein Golden Retriever war. R. vermutet, dass diese sich mit einem Staffordshire-Rüden oder etwas in der Art gepaart hatte. Dafür spricht nicht nur Buddys markante Kopfform, sondern auch seine infernalische Beißkraft, die es ihm ermöglichte, die Wirbelsäule eines heruntergezogenen Schmaltiers mit einem sauberem Knacks tierschutzgerecht und scheinbar mühelos zu brechen. Sogar ein starkes Rotwild-Alttier (!) mit einem Laufschuss zog Buddy einst bei einer Maisjagd herunter und hielt es fest, bis R. es abfangen konnte.

Kompromisslos: Was Buddy einmal runtergezogen hatte, ließ er nicht mehr los. Fotos: privat

R. erkannte Buddys Talent und begann, es gezielt zu fördern. In Niedersachsen legte das Gespann erfolgreich die Brauchbarkeitsprüfung ab und erarbeitete sich fortan einen legendären Ruf als Nachsuchen-Spezialteam für die schwierigen bis aussichtslosen Fälle.

Buddy – Spezialist für die schwierigen Fälle. Foto: privat

Ich erinnere mich noch sehr gut an die erste Nachsuche, bei der ich die beiden begleitet habe: R. hatte mich gefragt, ob ich mit meiner Kurzhaar-Hündin Hannah nicht mitkommen wolle. Ein zweiter schneller Hund wäre vermutlich sinnvoll, wenn es zur Hetze käme. Auf einer großen Drückjagd hatte ein Jagdgast ein Stück Damwild beschossen. Der Spießer hatte gezeichnet, um dann wie gesund abzuspringen. Am Anschuss reichlich Schweiß.

Ich weiß nicht mehr genau, wie viele Stunden und Kilometer genau wir hinter dem Damspießer her waren. Ich weiß nur noch, dass es sehr lange dauerte. Von da an habe ich mir immer sehr gründlich überlegt, ob ich R. bei Nachsuchen begleite und nur zugesagt, wenn ich bis zum späten Abend Zeit und auch am nächsten ganzen Tag noch frei hatte… Mehrmals kamen wir an das Stück, schnallten die Hunde zur Hetze, die auch einige Male kurz stellten. Aber das Stück stellte sich einfach nicht lange genug, um einen Fangschuss zu ermöglichen und setzte seine Flucht fort. Es war beeindruckend zu sehen, mit welcher Ruhe und Beharrlichkeit Buddy kilometerweit die Fährte ausbuchstabierte. “Warte, dich kriege ich”, schien seine gelassene Selbstgewissheit auszudrücken.

Nachdem er zur ersten Hetze auf den Damspießer geschnallt worden war, arbeitete er lange Zeit ohne Schweißriemen weiter – es war problemlos möglich, dem konzentriert suchenden Hund zu folgen. Es war spät und stockdunkel, als R. den Spießer vor dem stellenden Hund endlich zur Strecke brachte. Er hatte einen Streifschuss am Brustkern, den er vermutlich problemlos ausgeheilt hätte. Aber das weiß man ja meist erst, wenn man an dem erlegten Stück steht. Wir riefen die zuständige Revierförsterin an, damit sie uns aus dem abgelegenen Revierteil abholte.

Nach erfolgreicher Nachsuche quetschen sich die Beteiligten – im Bild zu sehen ein glücklicher Jagdgast, ein toter Damspießer und ein zufriedener Buddy – in den Dienstwagen der Revierförsterin. Foto: SE

Die allermeisten Jäger, Hunde- und Nachsuchenführer hatten überhaupt keine Probleme damit, mit dem nicht-JGHV-konformen Gespann zusammen zu arbeiten: Für sie zählt Leistung, nicht die Rasse oder die Länge der Ahnentafel oder die Mitgliedschaft in dem oder einem anderen Verein. So habe ich großen Respekt vor dem HS-Führer, langjähriges Mitglied im VH, der etliche gute Hunde ausgebildet und geführt hat, ein Nachsuchen-Profi durch und durch, dem kein Zacken aus der Krone brach, weil er eine Suche mit den Worten abbrach: “Holt R. und Buddy, hier brauchen wir ein Gespann, das der Fährte kilometerweit ohne jede Bestätigung folgt.” Er hatte bereits den halben Tag lang eine Rotwildfährte gearbeitet, aber es hatte die ganze Nacht in Strömen geregnet und es war kein Trittsiegel und kein Schweißtröpfchen mehr zu erkennen. Vielleicht hat er sich später ein bisschen geärgert, dass er zu diesem Zeitpunkt die Suche abgebrochen hat, denn das Stück lag ein paar hundert Meter weiter mausetot im Gebüsch.

Bestimmt 30 oder 40 Mal hat Buddy seiner Besitzerin den Allerwertesten gerettet. Nahm eine Sau R. an, so ging et kompromisslos dazwischen, sprang drauf und hielt sie mit seinen Hydraulikkiefern gepackt. Auf dem Foto hier war Buddy schon älter. Er blieb bis ins hohe Hundegreisenalter topfit und einsatzbereit. Foto: privat

Aber es gab auch andere: Einmal hatte R. nach einer Drückjagd mit Buddy ein Wildschwein nachgesucht, ich war mit meiner DK-Hündin Hannah dabei. Als es dunkel war und zudem in Strömen regnete, brachen wir die Suche ab, um morgen weiter zu suchen. Der Jagdgast, der das Schwein krank geschossen hatte, hatte inzwischen aber dafür gesorgt, dass am nächsten Tag “mit einem richtigen Hund” nachgesucht würde. Was sich dann ereignete, ist Jahre später immer noch heiterer Gesprächsstoff bei abendlichen Jägerrunden (übrigens gibt es für alles hier Gesagte etliche Zeugen…).

Der richtige Hund, ein HS hochoffiziöser Prominenz, entstieg in Begleitung seines ebenfalls hochoffizösen, von Kopf bis Fuß in edelste Spezial-Nachsuchen-Klamotten gewandet, am Nachmittag des nächsten Tages dem Auto. In dem Gebiet fand tagsüber eine weitere Jagd statt, weshalb erst gegen Abend mit der Suche begonnen werden konnte. Ein paar andere Jäger und Nachsuchenführer, darunter R. und Buddy, waren bereits vor Ort, um bei Bedarf einzuspringen. Der Premiumführer herrschte zur Begrüßung erstmal die Anwesenden – allesamt erfahrene Nachsuchen- und Hundeführer – an, gefälligst unverzüglich ihre Waffen ins Auto zu bringen: “Wenn hier einer meinen Hund totschießt, dann immer noch ich selbst.”

Buddy packt zu. Foto: privat

R. fragte, ob sie ihm mit Buddy hintergehen solle, um bei Bedarf einen weiteren Hund für die Hetze zu haben. “Das dürfte wohl kaum erforderlich sein”, antwortete der Premiumführer mit pikiertem, manche sagen gar, leicht angewiderten Blick auf den Mischlingsköter da. Also blieben alle brav bei ihren Autos, um den Maestro und sein sensibles Geschöpf nicht bei der Arbeit zu stören. Es kam, wie es kommen musste: Er suchte und suchte, griff zurück, ließ kreisen und bögeln: Sinnlos. Der Hund nahm die Fährte nicht an. Kann vorkommen, hat ja jeder mal einen schlechten Tag.

Da sei nichts zu machen, verkündete der Premiumführer, das Schwein hat nichts, jedenfalls sei es nicht zu bekommen, wenn das überhaupt die richtige Fährte sei. “Hmm, naja, dann probiere ich es nochmal”, sagte R. und holte Buddy aus dem Auto. “Was willst du da mit deinem, deinem… [der Premiumführer verkniff sich an dieser Stelle Bezeichnungen wie Dorfköter oder Promenadenmischung] ausrichten, wenn ich hier schon nicht weiterkomme”, schnaubte der Mann verächtlich.

Obwohl er kompromisslos scharf war und zahlreiche Stücke niedergezogen und abgewürgt hat, wurde der intelligente Hund höchst selten einmal geschlagen. Foto: privat

R. zuckte mit den Schultern, setzte Buddy an, versuchsweise, der die Fährte vom Vortag ohne Zögern wieder aufnahm. Wegen der Situation an den Autos war R. zunächst ohne Waffe und Lampe losgelaufen. Nach etwa anderthalb Kilometern kam sie an eine bürstendichte Dickung, der Hund lag im Riemen und wollte weiter. Langsam wurde es dunkel, die Sache wurde spannend. R. forderte Unterstützung an und bat die Leute an den Autos, ihr die Waffe und eine Lampe zu bringen. Der irgendwie schlecht gelaunt wirkende Premiumführer erschien, leuchtete den Hund an, statt die Fährte und moserte herum: “Das bringt hier doch nichts”, schmollte er und bemerkte, dass man so etwas übrigens tagsüber mache und nichts nachts und… Dann wurde auch R. einmal laut und es ging in Begleitung des nun verdrossen schweigenden Premiumführers weiter. Ein paar hundert Meter in der Dickung lag der Überläufer – verendet an einem Weidwundschuss. Der Premiumführer besaß die menschliche Größe, sich zum Abschied mit den Worten in sein Auto zu zwängen: “Ich steige jetzt einige Zentimeter kleiner wieder ein, als ich ausgestiegen bin…”

Buddy und sein designierter Nachfolger, der Dachsbrackerich Moppi, der im Alter von vier Jahren bei einer Hetze leider auf einem besseren Feldweg überfahren wurde. Foto: privat

Was spricht dagegen, Hunde wie Buddy auf der Jagd einzusetzen? Mir fällt nichts ein. Im Gegenteil: Wir brauchen doch leistungsstarke Hunde für die Jagd und speziell für die Nachsuche. Wenn es in erster Linie wirklich um Weidgerechtigkeit und Tierschutz geht (und nicht um die nicht unbedingt uneigennützigen Interessen von Hundevereinen), also darum, ein krank geschossenes Stück möglichst schnell und sicher zu erlösen, dann können uns gar nicht leisten, auf solche Ausnahmetalente zu verzichten.

Wäre es nicht interessant zu sehen, ob einer wie Buddy seine herausragenden Eigenschaften vererbt? Es waren Experimente dieser Art, die die Jagdhundezucht begründet und vorangebracht haben. Für den JGHV und seine Groupies wäre das Teufelszeug, wer Hunde wie Buddy führt soll nach dem Willen der Vereinsmeier die Höchststrafe bekommen und sein Amt als Verbandsrichter verlieren. In meinem Augen macht das den JGHV unglaubwürdig. Es zeigt, worum es denen in Wirklichkeit geht. Leider hatte Buddy keinen Nachwuchs, vielleicht hätte ich einen der Welpen genommen…

Buddy mit Freunden. Foto: privat

Kein Züchter und kein Hundeverein muss die Konkurrenz durch die Buddys dieser Welt fürchten, weil ein solcher Ausnahmehund halt letztlich immer ein Zufallsprodukt bleibt. Aus gutem Grund hat sich R., als sie sich auf die Suche nach einem Nachfolger für Buddy machte, bei Jagdgebrauchshunden aus ordentlicher Zucht umgesehen, zunächst fiel die Wahl auf einen Dachsbrackenrüden, und als diesen sein trauriges Schicksal ereilt hatte, auf einen HS, mit dem R. bereits wieder zu Hochform aufgelaufen ist.

Buddy als alter Herr. Foto: SE

Buddy ist 2017 im biblischen Alter von fast 19 Jahren gestorben. Bis zum Schluss war er im Vollbesitz eines kräftigen, kaum Abnutzung zeigenden Gebisses, war bist fast ganz zum Schluss gesund und vital und bis zuletzt unbestritten der Chef in R.s kleiner Meute. Wir denken oft an die charismatische Hundepersönlichkeit und erinnern uns an seine außerordentlichen Leistungen auf der Fährte, wenn wir nach der Jagd zusammensitzen. SE

Beitragsbild: Buddy mit erfolgreich nachgesuchtem Hirsch. Foto: privat

5 Gedanken zu „Buddy – Nachsuchen-Legende ohne Papiere

  1. Hans-Dieter Pfannenstiel

    Es kann sich hier nur um fake news handeln! Ein Hund einer nicht vom JGHV anerkannten Rasse, ein Heinz 57 varieties, ein in freier Liebe gezeugter Dorfköter kann solche Leistungen einfach nicht bringen!
    Im Ernst, tolle Geschichte, die sich die JGHV-Päpste mal gründlich anschauen sollten. Wenn ab und an mal ein Buddy ins wohlbehütete Zuchtgeschehen des JGHV eingegriffen hätte, hätten wir heute bei einigen Rassen vermutlich weniger mit dem Verlust wertvoller Gene und weniger mit Erbkrankheiten zu tun. Auf welche zauberhafte Weise sollten sich denn sonst die vielen Rassen aus dem domestizierten Wolf heraus entwickelt haben?

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  2. Carpe Diem.. jetzt erst recht

    Schöne Geschichte und der Hund war sicher ein Genie. Nur Genies kann keiner züchten, das sind Zufallsprodukte, sonst wären wir ja alle Einsteins. Die Eltern von Buddy waren nach lesart FCI Hunde. Es ist wie überall, Hochbegabte brauchen mitunter einen Mentor und das war unzweifelhaft die Tierärztin, die das Potential von Buddy erkannt hatte. Egal bei welcher Hunderasse, es gilt bei einem Wurf, dass 20% der Welpen sehr gut, 50% brauchbar und 30% unbrauchbar sind. Es kommt auf den Hundeführer an, die Hundequalitäten zu erkennen und daraus was zu machen. Buddy´s sind Eintagsfliegen, das wissen auch die Leute vom JGHV und besonders die Züchter. Nur wäre es für´s Geschäft schlecht, das einzugestehen. Deshalb glauben alle Käufer von BGS + HS dass sie jetzt einen vorzüglichen Schweißhund gekauft haben. Die Praxis macht´s aber.

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  3. Ronbi

    Eine schöne Story in unserer überregulierten Welt, die zeigt, dass da noch was geht, wenn da ein Willi ist.
    In Hambutg sitzt ein gentechnisches Labor, das untersuchen kann, aus was solche Straßenkreuzer bestehen.
    Ich kann da nur sagen, mehr Mischlinge an die Front.

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