Brandenburg: Wolfsfake von links

In den letzten Wochen haben Wolfsfakes (JAWINA berichtete, siehe hier und hier) für Aufregung nicht nur in den Reihen der Jägerschaft gesorgt. Auf etwas subtilere Weise als in den vorgenannten Fällen trägt auch der Kreisverband der Linken in Teltow-Fläming (TF) zur Verbreitung von Falschinformationen zum Thema Wolf bei: Der Kreistagsabgeordnete Felix Thier ist Vorsitzender des Linken-Kreisverbands Teltow-Fläming, Mitglied des Landesvorstands der Linken und Mitglied des Kreistags-Ausschusses für Landwirtschaft und Umwelt in TF. Im Newsletter des Kreisverbands hat er sich mit dem Beitrag “Der Wolf gehört in unsere Region” zu Wort gemeldet, in dem es vor angeblich wissenschaftlich belegten Falschbehauptungen, Tatsachenverdrehungen und Fehlannahmen nur so wimmelt. Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel hat auf den Beitrag des Linken-Politikers mit einem – lesenswerten und wissenschaftlich fundierten – Brief geantwortet, den wir im folgenden im Wortlaut wiedergeben:

Sehr geehrter Herr Thier,

in „Einblicke“ Februar/März 2017 haben Sie einen Artikel zum Wolf in unserer Region publiziert. Obwohl ich im Kreis PM wohne, fühle ich mich als Jagdpächter im Kreis TF und ganz allgemein als Biologe angesprochen. Ich erlaube mir, Sie auf ein paar Ungereimtheiten in ihrem Artikel hinzuweisen.

Sie sagen „Die Beute reguliert den Jäger“ und nicht umgekehrt und bezeichnen das als Grundwissen aus dem Biologie-Unterricht. In der von Ihnen suggerierten Allgemeingültigkeit gilt dieser Satz keineswegs. Es gibt nicht viele Beispiele, wo die Beute den Jäger reguliert. Der Satz gilt nämlich nur, wenn der Prädator sich sehr selektiv auf eine Beuteart spezialisiert hat. Paradebeispiel dafür ist der kanadische Luchs (Lynx canadensis), der nahezu ausschließlich Schneehasen (Lepus americanus) erbeutet. Wenn die Schneehasenpopulation zurückgeht, geht auch die Luchspopulation zurück. Beim Wolf ist das ja anders, wie Sie selbst geschrieben haben. Der Wolf nimmt alles, was er einfach und in entsprechender Quantität erbeuten kann. Die von Ihnen genannte Präferenzliste Reh-Rotwild-Wildschein trifft selbstverständlich nur dort zu, wo die drei Arten in entsprechenden Abundanzen vorkommen und sonst keine „passenden“ Beutetiere. In unserer Region sieht das ganz anders aus.  Hier ist der Wolf gerade dabei, das Damwild auszurotten. Falls Sie meinen, das Damwild sei ja kein heimisches Wild, dann empfehle ich die gesetzliche Definition für heimische Tierarten zu Rate zu ziehen.

Der von Ihnen genannte Nahrungsbedarf ist in keiner Weise nachvollziehbar. Sie gehen für den einzelnen Wolf von 2,2 Stück Schalenwild pro Jahr auf 100 Hektar aus. Zunächst ist Schalenwild (Artiodactyla) nicht gleich Schalenwild. Ein lebender Rothirsch kann deutlich über 200 kg Körpermasse haben, ein lebendes Reh wohl kaum über 30 kg. Wenn Sie von 25000 Hektar Streifgebiet für ein Wolfsrudel mit acht Individuen ausgehen und Ihre gerade zitierten Angaben umrechnen, dann kommen Sie auf 550 Stück Schalenwild für jeden Wolf pro Jahr und damit bei acht Rudelmitgliedern auf 4400 Stück Schalenwild als Jahresbedarf für das Rudel. Da haben Sie sich ganz schön vergaloppiert! Rechnen Sie 3 kg Biomasse pro Tag und Wolf, dann kommen Sie auf einen Gesamtbedarf von 8760 kg Biomasse für ein Rudel pro Jahr. Nach Ihrer Rechnung, die jedem Naturliebhaber Angst einjagen muss, hat dann ein Stück Schalenwild nur etwa 2 kg Biomasse.

Dass die Wolfsdichte in einem Streifgebiet nicht unendlich zunehmen kann, ist sicher richtig. Nehmen wir an, der Wolf hat sich nahezu flächendeckend in Deutschland ausgebreitet, sprich alle Territorien für die nach Bundesamt für Naturschutz möglichen 440 Rudel sind gefüllt, wohin wandern dann die die Jungwölfe, wenn sie ihr Rudel verlassen? Das ist übrigens bald zu erwarten, da sich nach gegenwärtigem Kenntnisstand unsere Wolfspopulation alle drei Jahre verdoppelt.

Bedenken sollte man auch, dass der Wolf heute im dichtbesiedelten Mitteleuropa mit extrem hoher Verkehrswegedichte andere Habitatstrukturen vorfindet als vor zwei oder drei Jahrhunderten als er bei uns, übrigens im gesellschaftlichen Konsens, ausgerottet wurde. Insofern ist eine Diskussion darüber, ob der Wolf in dieses Mitteleuropa flächendeckend passt, durchaus legitim und sollte nicht im Überschwang der Gefühle abgewürgt werden. Unsere Welt ist durch die Ausbreitung des Wolfs nicht heiler geworden!

Ihre Aussage, nur die Hälfte der gemeldeten Wolfrisse sei dem Wolf zuzurechnen und die andere Hälfte Hunden, kann man kaum ernst nehmen. Wenn dem so wäre, hätte man vor Rückkehr des Wolfs von Rissen durch Hunde auch in nennenswertem Ausmaß hören müssen. Für den Staatssäckel ist es selbstverständlich angenehmer, wenn nicht jeder Riss von Vieh durch den Wolf entschädigt werden muss, weil „Wolfskundige“ möglicherweise doch nicht so kundig sind. Insgesamt kann ich Ihnen nur empfehlen vor weiteren Artikeln sorgfältiger zu recherchieren.

Die überwiegende Zahl von mir bekannten Jägern will und wird den Wolf übrigens nicht wieder ausrotten. Dass aber über kurz oder lang eine kontrollierte Bejagung des Wolfs kommen wird, hoffentlich nach dem Modell der drei Baltenrepubliken, scheint mir unausweichlich zu sein.

Meine Email an Sie werde ich auch anderen Jägern in unserer Region zur Kenntnis geben.

Mit freundlichem Gruß

Hans-Dieter Pfannenstiel

Beitragsbild: Headline des Artikels von Felix Thier im Newsletter des Linken-Kreisverbands TF (Bildschirmfoto, Ausschnitt).

Die Red. dankt Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel zur Genehmigung zur Veröffentlichung des Briefs!

 

 

Ein Gedanke zu „Brandenburg: Wolfsfake von links

  1. Joachim Orbach

    ” Als ich jung war, glaubte ich, ein Politiker müsse intelligent sein. Jetzt weiß ich, dass Intelligenz wenigstens nicht schadet.” ( Prof. Dr. Carlo Schmid, Völkerrechtler und einer der Väter unseres Grundgesetzes” ) Diese Worte sollte Herr Thier und so manch anderer Politiker einmal bedenken, bevor er weiteren Unsinn verkündet.

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