Brandenburg: Selbstgenehmigender Antrag auf Schonzeitaufhebung für Rehböcke

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Mitte 2018 wurden Oberste Jagdbehörde (OJB) und Landesforst (LFB) im Brandenburger Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft (MLUL) zusammengelegt (JAWINA berichtete). Damals befürchteten Kritiker, dass damit “der Bock zum Gärtner” gemacht und einer rücksichtslosen Wald-vor-Wild-Politik der Weg geebnet werde – sie sollten Recht behalten, wie von der OJB dem LFB genehmigte Schonzeitaufhebungen für Rehböcke im Januar zeigen.

Mit einem Bescheid vom 21.12. 2018 gibt die OJB dem Antrag einer Brandenburger Oberförsterei auf Schonzeitaufhebung für Rehböcke auf Drückjagden im Januar statt. Nach bislang unbestätigten Informationen von JAWINA sollen sämtliche Brandenburger Oberförstereien von der OJB unter Androhung von Konsequenzen gedrängt worden sein, gleichlautende Anträge zu stellen. Die angeführten Begründungen für die Genehmigung lassen aufhorchen.

Aus dem Bescheid zur genehmigten Schonzeitaufhebung für Rehböcke im Januar der OJB. (Screenshot)

Weil der Landesforst so eine sachkundige Behörde ist, wird also ohne weiteres davon ausgegangen, dass übermäßige Wildschäden vorliegen und der Antrag somit gerechtfertigt ist. Eine sachliche Überprüfung findet offenbar nicht statt. Mit dieser Begründung müsste folglich künftig JEDEM Antrag dieser Art ohne weitere Prüfung stattgegeben werden, wenn er denn nur vom LFB gestellt wird. Hier wäre vielleicht zu erwägen, ob eine Behörde zwecks Entlastung der Steuerzahler nicht abgewickelt werden kann, die ihren Aufgaben in dieser Weise nicht nachzukommen gedenkt.

Im Ordnungsrecht muss dargelegt werden, dass eine Maßnahme – hier also die Schonzeitaufhebung für Rehböcke – überhaupt geeignet ist, den gewünschten Erfolg zu erzielen. Daran sind in diesem Fall durchaus Zweifel angebracht, die die OJB auf folgende Weise zu zerstreuen sucht:

Aus dem Bescheid zur genehmigten Schonzeitaufhebung für Rehböcke im Januar der OJB. (Screenshot)

Denn:

Aus dem Bescheid zur genehmigten Schonzeitaufhebung für Rehböcke im Januar der OJB. (Screenshot)

Wenn der Bestand an Rehböcken im Januar schon so stark abgeschöpft ist, dass die Wahrscheinlichkeit einen zu erlegen nur ein Drittel beträgt, dann ist die Aufhebung der Schonzeit für Rehböcke folglich gerade nicht das angemessene Mittel, um die angestrebte Senkung der angeblichen Verbissschäden zu erreichen, zumal die Maßnahme abgewogen werden müsste gegen andere vom Jagdgesetz vorgegebene Ziele wie ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis, was hier vollkommen vernachlässigt wird.

Weitere schwer wiegende Gesichtspunkte finden ebenso wenig Beachtung: Die Bejagung von Schalenwild durch Drückjagden im Januar ist unter Tierschutzaspekten höchst problematisch, weil Rot-, Reh- und Damwild ihren Stoffwechsel herunterfahren und auf Ruhe angewiesen sind. Dies wird durch die Länge der Tage gesteuert und ist nicht abhängig von der Witterung oder den Äsungsbedingungen. Werden die Tiere in dieser Zeit durch Bewegungsjagden beunruhigt, so erhöht sich der Energiebedarf, was durch erhöhte Nahrungsaufnahme ausgeglichen werden muss und in steigendem Verbiss resultiert.

Durch den erhöhten Jagddruck trauen sich die Tiere kaum noch aus den Dickungen, was dort die Schälschäden erhöht. Es ist mithin wissenschaftlich erwiesen, dass Bewegungsjagden im Januar kontraproduktiv im Hinblick auf Wildschäden sind. Folglich müsste die OJB zunächst darlegen, warum ein Betrieb mit Vorbildfunktion wie der LFB entgegen wissenschaftlichen Erkenntnissen überhaupt Drückjagden im Januar durchführt. Es wäre gerichtlich zu überprüfen, ob ein Bescheid rechtmäßig sein kann, der den Tierschutz derart gröblich außer Acht lässt.

Auch die zunehmende starke Nutzung des Rehwilds durch die anwachsende Wolfspopulation wird nicht in Erwägung gezogen.

Worum es wirklich geht, macht dieser Abschnitt deutlich:

Aus dem Bescheid zur genehmigten Schonzeitaufhebung für Rehböcke im Januar der OJB. (Screenshot)

Sie wollen nicht ansprechen, sondern auf jedes Reh schießen, was auf einer Drückjagd in Anblick kommt. Dabei ist zu bedenken, dass leichter, schneller und sicherer zwischen Bock und Ricke unterschieden werden kann, als zwischen Kitz und Ricke – insbesondere im Januar, wenn diese annähernd gleich stark sind. Wenn mit solcher Vehemenz darauf hingearbeitet wird, dass Rehwild auf Drückjagden nicht mehr angesprochen werden muss, so ist davon auszugehen, dass der Abschuss von jung vor alt zumindest billigend in Kauf genommen wird.

Fazit: Tierschutz – immerhin ein Staatsziel mit Verfassungsrang, woran hier wohl leider zu erinnern ist – und elementare jagdliche Zielvorgaben wie ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis werden von der Obersten Jagdbehörde in rechtlich und jagdethisch fragwürdiger Weise hintangestellt zugunsten einer Schalenwildbejagung, die längst zu rücksichtsloser Schädlingsbekämpfung zwecks Gewinnmaximierung im Staatsforst verkommen ist. SE

Beitragsbild: Bescheid der OJB zur Aufhebung der Schonzeit für Rehböcke im Januar. (Screenshot, bearbeitet)

9 Gedanken zu „Brandenburg: Selbstgenehmigender Antrag auf Schonzeitaufhebung für Rehböcke

  1. montero

    Ich habe seit vielen Jahren einen Begehungsschein in einer Oberförsterei in Brandenburg. Am 10. Januar wurde eine Drückjagd abgehalten, an der ich teilnahm. Rehböcke waren nicht frei. Dass Oberförstereien zu einem solchen Antrag gedrängt werden, wage ich zu bezweifeln.

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    1. admin Beitragsautor

      Wurde uns von verschiedenen Seiten unabhängig voneinander hinterbracht. Es sollen aber nicht alle OF der Aufforderung nachgekommen sein.

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    2. E. Hahlweg

      Wer im Januar an Drückjagden teilnimmt sollte sich schämen! Wer immer noch nicht kapiert hat, dass hier gegen geltenden Tierschutz verstoßen wird, sollte seinen Jagdschein besser abgeben.

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  2. Hans-Dieter Pfannenstiel

    Nun ist er auch für den letzten Zweifler zerplatzt, der schöne Schein vom jagdlichen der Vorbild des staatlichen Forstwesens. Die hässliche Fratze einer Förstergeneration wird weithin sichtbar, die ihr Forsthandwerk nur noch rudimentär beherrscht und ihr Versagen dem Wild anlastet.
    Wie heißt es in § 1 des Landesjagdgesetzes Brandenburg?
    “Wild ist ein wesentlicher Bestandteil der heimischen Natur. Es ist als unverzichtbarer Teil der natürlichen Umwelt in seinem Beziehungsgefüge zu bewahren. Der Schutz des jagdbaren Wildes und seiner Lebensräume ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.”
    Wann endlich bekommen wir eine Landesregierung, die ihre Ministerialbürokratie anhält, Gesetzestexte nicht als unnötigen Schnickschnack, sondern als verbindliche Handlungsvorgabe zu betrachten? Wann kehrt Minister Vogelsänger endlich mal mit dem eisernen Besen seinen Augiasstall aus, statt wildbiologisch weitgehend Unbedarften höchste Ämter anzuvertrauen?

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    1. montero

      Satz 1 und 2 des Kommentares von Prof. Pfannenstiel finde ich etwas polemisch. Letzendlich haben Revierleiter und auch die Leiter der Oberförstereien (meist Beamte des höheren Dienstes) genauso wie in anderen Behörden eine Gehorsamspflicht. Nur wenn Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Anordnung bestehen, muss der Beamte remonstrieren.

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    2. c.k.

      Sehr geehrter Herr Professor Pfannenstiel, [Kommentar gekürzt. Wenn Sie hier persönliche Anschuldigungen erheben wollen, dann schlage ich vor, dass Sie hier unter ihrem (überprüften) Klarnamen auftreten, wie Prof. Pfannenstiel auch. Das erscheint mir als Gebot der Fairness. SE] Ich erlebe regelmäßig das Gegenteil zu Ihrer Aussage, dass in Forstverwaltungen wildbiologisch Unbedarfte unterwegs sind. Das fängt mit gut organisierten Jagden an, vom Anstellen bis zur konsequenten Durchführung von Nachsuchen, führt über die Anwendung der Intervalljagd, welche zu einer deutlichen Verringerung der Jagdzeiten führt bis hin zur Fortbildung der eigenen Jäger. Das Ergebnis lässt sich tatsächlich vielfach an gut entwickelten Waldverjüngungen sehen, welche, nach den letzten und sicher auch künftig zu erwartenden Katastrophen dringend in unseren Wäldern benötigt werden und zwar nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht. Rehe sind in diesen Revieren bisher nicht verschwunden sondern finden beste Lebensbedingungen vor, allerdings wird die Bejagung schwieriger und da sind wir wieder bei der Unbedarftheit. Nur von wem?

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    3. Jürgen Rosenbaum

      Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Pfannenstiel,
      ich stimme Ihnen vollumfänglich zu! Ihre Feststellung trifft aber nicht nur auf das Land Brandenburg zu; weitere Negativbeispiele gibt es in den Freistaafen Sachsen und Thüringen, wobei in Thüringen die jagdliche Hoheit beim Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft angesiedelt ist. Gleiches Zustände hinsichtlich der Drückjagdmethoden bis Ende Januar bzw. der Jagdzeit erfahren wir kürzlich aus Baden-Württemberg, hier explizit aus dem Hochschwarzwald.
      Da die persönliche Meinungsfreiheit ja nach wie vor ein noch hohes demokratisches Gut darstellt, erlaub ich die meinige hier öffentlich kundt zu tun; “vor fast 40 Jahren und auch bis Anfang des ersten Jahrzehntes des neuen Jahrhunderts war es mir eine Ehre anlässlich der Gesellschaftsjagden Seite an Seite mit Förstern zu jagen. Mit Einzug des ökologischen Jagdgedankens und der länderweisen Jagdgesetzesnovellen hat sich das in Gegenteil gewandelt. Heute würde ich es als Schande empfinden mit dieser Generation forstlicher Wildtierökologen jagen zu müssen, denn diese verkörpern nur noch forstlichen Kommerz und Wildtierhass.
      Mit freundlichen Grüßen
      & Waidmannsheil
      Jürgen Rosenbaum
      Lichte/Thüringen

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  3. Hans-Dieter Pfannenstiel

    Polemik ist ein persönlicher Angriff ohne Sachargumente. Die Sachargumente liegen aber seit langem klar auf dem Tisch, was den Umgang des Landesforstbetriebs in Brandenburg insbesondere mit Reh- und Rotwild angeht. Der Abschussplan für Rehwild und jede Mitwirkung der Jagdrechtsinhaber wurde abgeschafft. Die Jagdzeit auf den Rehbock wurde verlängert. Und das alles nur, damit auf der Drückjagd jedes Reh ohne Ansehen der Person totgeschossen werden kann. Angeblich frisst das Wild den Wad auf. Dieser Befund relativiert sich durch einen Blick auf die Ergebnisse der bundesweiten Waldinventur doch erheblich. Inzwischen sollte es auch beim ignorantesten Förster angekommen sein, dass Drückjagden im Januar genau die Wildschäden provozieren, die damit angeblich vermindert werden sollen. Dass die mundtot gemachten Förster an der Front das Maul halten müssen, weiß ich auch. Sowas gab´s doch früher schon mal, oder?

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  4. Ralf

    In den Vergangenen Jahrzehnten gab’s keine Drückjagden im Januar, oder? Ist das eine Modeerscheinung der letzten Jahre?

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