Brandenburg: Bogenjagd in Stahnsdorf und Kleinmachnow?

In Stahnsdorf und Kleinmachnow, zwei Gemeinden im Berliner Speckgürtel, grassiert die Wildschweinplage. Ganze Rotte stürmen durch die Straßen und suchen Gärten, Parks, und Sportplätze heim. Die Bürgermeister der Vororte haben jetzt eine neue Idee, wie sie der Sauen Herr werden wollen: Mit Hilfe der Bogenjagd. Der Stahnsdorfer Bürgermeister Bernd Albers hat sich an das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) gewandt, um das Verbot der Bogenjagd für das Gemeindegebiet aufzuheben, berichtet die Märkische Allgemeine Zeitung (MAZ). Begründung laut MAZ: “Ein Gewehrschuss würde die Tiere vielleicht aufschrecken, Querschläger könnten Menschen verletzen. Innerorts sei die Jagd mit dem Gewehr ohnehin verboten.” Dazu ist anzumerken, dass “innerorts”, also in befriedeten Gebieten, die Jagd generell ruht – egal ob mit Falle, Pfeil und Bogen, ob mit oder ohne Gewehr – und dass die Bogenjagd in den sachlichen Verboten des § 19 Bundesjagdgesetz zusätzlich verboten ist. Die Chancen stünden jedoch gut, dass die Bogenjagd bewilligt wird, heißt es.

Über die Gegenargumente schweigen sich alle Beteiligten, vom Bürgermeister über den Jagdpächter bis zur MAZ aus. Dabei wiegen diese durchaus schwer:

Bei der Bogenjagd muss man wesentlich näher an die Beutetiere herankommen, als mit dem Gewehr – entsprechend sinkt die Erfolgsquote. Bogenjäger schätzen gerade diese erhöhte jagdliche Herausforderung, aber bei der Stadtjagd geht es in erster Linie um Effizienz, nicht um den Kick.

Die Tötungswirkung und damit die Tierschutzkonformität von Jagdpfeilen ist gerade bei suboptimalen Schüssen – vorsichtig ausgedrückt – umstritten. Eine Jagdzeitung, die vor einiger Zeit ein Video einer Bogenjagd auf Sauen veröffentlichte, musste sich massiver Kritik von Lesern (also Jägern) stellen, weil die getroffenen Tiere fast ausnahmslos noch weit flüchteten und teilweise laut klagten. Längere Fluchtstrecken sind in der Stadtjagd nicht akzeptabel.

Auch Pfeile können abgelenkt werden oder abprallen. Das ist im üblichen Einsatzgebiet – also zum Beispiel im Wald – kein so großes Problem, weil die Pfeile bei Fehlschüssen in den weichen Waldboden eindringen oder in Hindernissen wie Bäumen stecken bleiben. In der Stadt sieht das anders aus, wo Pfeile möglicherweise auf Asphalt, Beton oder Metall (Autos, Laternenmasten) treffen. Dabei ist auch zu bedenken, dass moderne Jagdbögen Pfeile mit hoher Energie verschießen, so dass auch starkes Wild glatt durchschossen wird.

Zu guter Letzt stellt sich die Frage, ob die Weigerung gewisser Vorstadtbewohner, ihre Gärten, Mülltonnen und Komposthaufen mit vernünftigen Zäunen zu sichern, einen hinreichenden Grund für eine Aufhebung jagdlicher Verbote darstellt. Von jedem Weidetierhalter wird verlangt, seine Weiden gegen Wölfe zu sichern – aber den Vorgarten wildschweinsicher (was vergleichsweise unaufwändig ist) einzuzäunen, ist den Leuten nicht zuzumuten? red.

Beitragsbild: Wühlschäden von Wildschweinen in einer Berliner Wohnanlage. Foto: SE

Die Red. dankt JAWINA-Leser JG für den Hinweis!

3 Gedanken zu „Brandenburg: Bogenjagd in Stahnsdorf und Kleinmachnow?

  1. Anko

    Mal ein paar Videos aus dem betroffenen Kleinmachnow:

    https://youtu.be/3L9gbkWGXbQ
    https://youtu.be/1fuN0vg1zvQ

    Irgendwo findet sich immer ein morscher Zaun, der dann Zugang zu leckeren Pflanzenzwiebeln, Komposthaufen, Rasenflächen gewährt. Das bekannt tagaktive und mir von Anwohnern als PLAGE geschilderte Auftreten der Sauen im Ort zeigt deutlich, dass sie dort vor allem die RUHE genießen. Dass dürfte sich schon mit wenigen Vergrämungsabschüssen von jetzt auf sofort korrigieren lassen. Erbärmlich, dass die Ortsverantwortlichen solche Zustände derart lang haben heranreifen lassen und nun mit abstrusen Bogenjagdwünschen Problemlösungswilen vortäuschen.

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  2. PH

    Den Beitrag von Anko möchte ich wie folgt richtig stellen:
    Richtig ist, dass die Sauen die einmal in die Gärten eingedrungen sind dort neben einem reichhaltigen Nahrungsangebot tatsächlich Ruhe geniessen, da die Jagd auf diesen Flächen aufgrund der gesetzlichen Jagdruhe im befriedeten Bezirk zu ruhen hat. Hier also grundsätzlich kein Jagdausübungsrecht vorliegt. Selbst wenn aber der Grundstückseigentümer eine Sondererlaubnis zur Bejagung beantragt hat und diese von der UJB genehmigt wird, ist eine Schussabagbe aufgrund der dichten Bebauung aus Sicherheitsgründen in der Regel nicht zu verantworten. Trotz der widrigen Umstände ist es uns in den letzten zehn Jahren gelungen die Streckenzahlen der UJB deutlich überzuerfüllen und wir haben bis heute an die tausend Sauen versorgt. Es ist also nicht richtig, dass wir diese Zustände haben heranwachsen lassen. Die aktuellen Zustände stehen im direkten Zusammenhang mit dem trockenen Sommer 2018. Verschiedene Rotten haben sich in den letzten Monaten im Ort fest eingeschoben. Wenn sich dies durch wenige Vergrämungsabschüsse korrigieren lassen würde, wäre das Problem keins. Die Zustände als erbärmlich zu bezeichnen möchte ich nicht weiter kommentieren, biete aber sachliche Aufklärungsabeit an. Die Jagd alleine kann das Problem nicht lösen, von daher arbeiten wir an einem Maßnahmenpapier und da steht ganz oben auf der Liste, dass das Nahrungsangebot aus dem Ort konsequent entfernt werden muss und weitere Maßnahmen umzusetzen sind um die Attraktivität der Ortslage für die Sauen herabzusetzen. Die Bogenjagd stellt eine Maßnahme von vielen da um die Population im Ort effektiver und sicherer zu reduzieren, sicherlich aber nicht die einzige. Zur Zeit wird auch das Thema Lebendfalle als weitere Maßnahme diskutiert. Uns weiterhin zu unterstellen, dass wir abstruse Wünsche äußern um einen Problemlösungswillen vorzutäuschen wird unserer Arbeit die wir in den letzten zehn Jahren in unserem Revier geleistet haben nicht gerecht. Hier würde ich mir mehr Sachlichkeit wünschen. Weidmannsheil!

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