Böllernde Jugendliche gestellt: Jetzt spricht der Jäger

Am Mittwoch Abend erschien eine Polizeimeldung, derzufolge ein Jäger bei Rangsdorf böllernde Jugendliche mit Warnschüssen verschreckt habe (JAWINA berichtete). JAWINA hat mit dem Pächter des Reviers und dem Begehungsscheininhaber gesprochen, um deren Sicht der Dinge zu erfahren. Haarsträubend erscheint an der Geschichte, dass die Pressestelle der Polizei die Polizeimeldung in dieser Form unmittelbar nach dem Geschehen veröffentlicht hat, obwohl diese nur auf der Version der Jugendlichen beruht: Mit dem Jäger hat bis zum heutigen Tag (Samstag) nach eigener Aussage keiner gesprochen, es sei niemand an ihn herangetreten. Für eine Stellungnahme war bei der Polizei heute niemand zu erreichen.

Nach der übereinstimmenden Schilderung von Pächter und Begehungsscheininhaber ist letzterer am Mittwoch Abend zu einem Ansitz aufgebrochen. Es sei bereits dämmrig gewesen, leichter Nieselregen sorgte für bescheidene Sichtverhältnisse. Aber die Sauen machten Schaden, also raus auf Ansitz. Der Revierteil liegt im Naturschutzgebiet Rangsdorfer See, es herrsche “eigentlich” ein Betretungsverbot für die Allgemeinheit. Als der Begehungsscheininhaber die Kanzel bestieg, musste er feststellen, dass diese massiv beschädigt worden war: Bretter herausgeschlagen, Handlauf abgerissen, Fenster zerstört. Der Begehungsscheininhaber ruft den Pächter an, um ihm von den Zerstörungen zu berichten. Während des Telefonats fallen “hinter ihm”, wie er sagt, zwei Schüsse. Präziser ausgedrückt: Zwei laute Knallgeräusche, die er für Schüsse hält.

Der Pächter rät ihm: “Geh runter von der Kanzel, da bist du festgenagelt.” Der Begehungsscheininhaber befolgt diesen Rat. In der Annahme, im Revier seien Wilderer unterwegs, macht er sich auf, am Waldrand in der Nähe nach dem dort möglicherweise abgestellten Auto der Wilddiebe zu suchen. In Rangsdorf ist Wilderei, wie in vielen anderen stadtnahen Revieren in der Umgebung Berlins, kein so ungewöhnliches Vorkommnis. Fast alle Jäger im Berliner Speckgürtel berichten von gefundenen Kadavern, die mit Kleinkalibermunition beschossen wurden, auch die Rangsdorfer Jäger haben in der Vergangenheit schon Aas, verludertes Wild und auch einmal ein Stück Rehwild mit einem Pfeil durch den Träger entdeckt.

Eine Dreiviertelstunde nach den ersten zwei “Schüssen” befindet sich der Begehungsscheininhaber an einem Steig in der Nähe eines Kanals, als er aus einer Kanzel in 150 bis 200 Metern Entfernung heraus einen vermeintlichen Mündungsblitz sieht, gefolgt von einem Knall. Wieder ruft er den Pächter an, schlägt vor, die Polizei zu rufen: “Aber die Polizei kommt bei uns aus Teltow, bis die da sind dauert es”, erklärt der Pächter.” Außerdem erschien es ihm fraglich, ob die das abgelegene Gebiet rechtzeitig finden würden und nicht erst ankämen, wenn alles vorbei ist: “Ich komme raus”, sagte er daher und macht sich auf den Weg.

Während der Begehungsscheininhaber auf das Eintreffen des Pächters wartet, nähern sich ihm aus der Richtung der Kanzel “zwei vermummte Gestalten” – sie trugen Kapuzenshirts, sogenannte Hoodies. Die beiden seien groß und kräftig gebaut gewesen, berichtet der Begehungsscheininhaber, es sei nicht zu erkennen gewesen, dass es sich um Jugendliche gehandelt habe. Auch, ob die beiden bewaffnet waren, habe er nicht erkennen können, da es inzwischen dunkel gewesen und sein Fernglas vom Nieselregen beschlagen gewesen sei. Als die beiden sich ihm bis auf dreißig Meter genähert haben, ruft er sie an: “Halt, stehenbleiben!” Als daraufhin keine Antwort und keine Reaktion erfolgt und die zwei Gestalten weiter auf ihn zulaufen, zieht der Begehungsscheininhaber die Kurzwaffen und gibt “zwei Warnschüsse in die Luft” ab. Damit hat er seinen Worten genügend Nachdruck verliehen, seiner Aufforderung, sich flach auf den Boden zu legen, kommen die Jugendlichen umgehend nach. Er habe die Situation als “sehr brisant” empfunden und durchaus Angst gehabt, sagt der Begehungsscheininhaber. Die Knallgeräusche aus der Kanzel habe er für Schüsse gehalten.

Erst als die beiden riefen: “Wir haben gar nichts getan!”, habe er an den Stimmen erkannt, dass es sich um Jugendliche gehandelt habe. Seine Pistole, mit der er zu keinem Zeitpunkt auf die beiden gezielt habe, habe er daraufhin unverzüglich wieder ins Holster gesteckt. Zu diesem Zeitpunkt traf der der Revierpächter ein. Er fragte die Jugendlichen nach ihren Namen, “Ausweise hatten sie nicht dabei.” Sie erklärten, Schüler eines Gymnasiums in der Nähe zu sein. Mit den Worten: “Haut ab, geht nach Hause”, habe er sie fortgeschickt, so der Pächter. Drei Stunden später habe die Polizei bei ihm angerufen.

Haben die beiden Waffen gehabt? “Ich habe sie nicht durchsucht”, antwortet der Pächter. Vier Kanzeln seien beschädigt worden, auf einigen habe man Reste der Böller gefunden, berichtet der Pächter. Es werde nun untersucht, ob es sich dabei auch um illegale Polenböller gehandelt habe. Die beiden wollen nun ihrerseits Anzeige wegen Sachbeschädigung und möglicher anderer Delikte erstatten.

Sowohl dem Pächter, mehr noch aber dem Begehungsscheininhaber ist die Aufregung über das Vorgefallene bei dem Telefonat drei Tage später deutlich anzumerken. Die Wilderei-Vorfälle in der Vergangenheit scheinen für eine gewisse Dünnhäutigkeit gesorgt zu haben. Es sei ein Abend gewesen, dunkel und regnerisch, an dem man Jäger nicht im Revier vermute, ein Abend, an dem Wilderer ihr Unwesen trieben, meint der Begehungsscheininhaber. Und berichtet von anderen Vorfällen: Von den zwei Gestalten, die nachts mit einer Taschenlampe durch das Naturschutzgebiet geschlichen seien, die Taschenlampe hätten die immer wieder an und ausgemacht, seien stehen geblieben. Als er sie angerufen habe, stehenzubleiben, habe es sich aber nur um ein Paar gehandelt, Mann und Frau, die sich verlaufen hätten. “Aber welcher normale Spaziergänger hat eine Taschenlampe dabei”, fragt der Begehungsscheininhaber. Und dann habe er wenige Tage nach dem Attentat von Paris einen Mann mit einer MP im Revier gesehen. Als er ihn gefragt habe, was er hier mache, sei noch einer mit einem Scharfschützengewehr mit Zweibein und ein weiterer mit einer Kalaschnikow hinzugekommen: Gotcha-Spieler mit Softair-Waffen, täuschend echt aussehenden Nachbildungen scharfer Waffen. Das sei doch nicht normal. SE

Beitragsbild: Angesägte und beschädigte Kanzel (Symbolbild). Foto: SE

 

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