Bis zu 146.000 illegal getötete Vögel pro Jahr in Deutschland?

Nabu erhebt Vorwürfe aufgrund äußerst dürftiger Datengrundlage

Bis zu 146.000 Vögel würden in Deutschland jährlich illegal getötet, behauptet der Nabu unter Berufung auf eine Studie der Vogelschutzorganisation BirdLife International. Angesichts der nun vorliegenden Zahlen fordert der NABU “ein verbessertes staatliches Monitoring illegaler Verfolgung und die Einrichtung von auf Artenschutzkriminalität spezialisierten Anlaufstellen für Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichte, wie sie bereits in Nordrhein-Westfalen existieren”, so der Nabu in einer Pressemitteilung zum Thema. Um die Fehlabschussrate bei der Wasservogeljagd zu verringern, sei überdies eine “artgenaue Berichtspflicht für geschossene Enten und Gänse und ein stichprobenhaftes Kontrollsystem der vorgenommenen Artbestimmungen unabdingbar.” Problem dabei: Der Nabu erhebt diese schwerwiegenden Vorwürfe insbesondere gegen die Jägerschaft aufgrund einer äußerst dürftigen Datengrundlage:

“Bei den deutschen Zahlen entfallen allein 50.000 bis 100.000 auf bei der Jagd versehentlich abgeschossene geschützte Wasservogelarten”, so der Nabu. Darauf wiesen “punktuelle Nachprüfungen geschossener Vögel hin.” Wie “hoch genau der Anteil geschützter Arten bei der Wasservogeljagd ist”, müsse “genauer untersucht werden”, wendet sogar der Nabu ein.

Mit Recht: Denn nach Informationen von JAWINA beruhen die Schätzungen in der BirdLife-Studie mit dem vielsagenden Titel “The Killing 2.0”, für die neben Nabu-Vogelexperte Lars Lachmann u.a. auch das Komitee gegen den Vogelmord verantwortlich zeichnet, auf einer einzigen Studie. Und diese eine Studie, “Der Einfluss extensiver Jagd auf den Wasservogelbestand an einem Brutplatz der Schnatterente in Süddeutschland” von Peter Linderoth, erschienen in “Wildforschung in Baden-Württemberg”, Bd. 6, beruft sich ihrerseits auf einen einzigen Fall, in dem ein einziger Jäger bei einer einzigen Jagd drei zur Jagdzeit geschonte bzw. geschützte Enten geschossen hat. Von diesem einen Fall werde dann auf ganz Deutschland hochgerechnet, berichtet ein mit der Studie und ihrem Zustandekommen vertrauter Insider. So erkläre sich auch die große Spannbreite der sog. “Schätzungen”, die von ca. 53.500 bis zum knapp Dreifachen reichen (146.000).

Drei Enten wurden auf einer Jagd illegal geschossen – von dieser mageren Datengrundlage aus wird auf ganz Deutschland hochgerechnet. Foto: Seite aus der Studie: “Der Einfluss extensiver Jagd auf den Wasservogelbestand an einem Brutplatz der Schnatterente in Süddeutschland” von Peter Linderoth.

Weil die auf diese Weise “ermittelten” Zahlen vermutlich noch nicht alarmistisch genug ausfielen, wurden zudem “auch Abschüsse außerhalb geltender Jagdzeiten oder beispielsweise mit in Feuchtgebieten verbotener Bleimunition […] in der Studie als illegal erfasst”, so der Nabu.

Alles nur “Schätzungen” – Grafik aus der BirdLife-Studie “The Killing 2.0”

Mit Wissenschaft haben diese Methoden freilich nichts zu tun. Da davon auszugehen ist, dass den Nabu-Experten bewusst ist, auf welche fragwürdiger Datengrundlage sie ihre Anschuldigungen erheben, sind diese Vorwürfe nicht nur als äußerst unseriös, sondern geradezu verlogen zu bezeichnen.

Ernsthaften Rufschaden muss der Nabu indes wohl nicht befürchten. Viel eher ist anzunehmen, dass Heerscharen unkritischer Journalisten die alarmistischen Anwürfe von BirdLife und Nabu unhinterfragt aufnehmen und weiter verbreiten. Schade eigentlich. SE

Beitragsbild: Studie “Der Einfluss extensiver Jagd auf den Wasservogelbestand an einem Brutplatz der Schnatterente in Süddeutschland” von Peter Linderoth. Foto: privat

 

2 Gedanken zu „Bis zu 146.000 illegal getötete Vögel pro Jahr in Deutschland?

  1. Hans-Dieter Pfannenstiel

    Der NABU initiiert gelegentlich Vogelzählungen, bei denen jeder Interessierte eine Stunde lang alle Piepmätze zählt, die in seinem Garten umherschwirren. Auf dieser verlässlichen Datengrundlage werden dann fundierte Stellungnahmen zum Zustand der deutschen Avifauna getroffen, dabei kann der urbanisierte Normalbürger vermutlich eine Blaumeise nicht von einer Kohlmeise unterscheiden. Ähnliche Qualität haben die nun begierig vom NABU mit süffisanter “Das haben wir ja schon immer gewusst”-Miene hervorgezauberten Zahlen zu illegalen Abschüssen von Vögeln. Wenn jedoch auf Grund einer Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen, die das Prädikat “wissenschaftlich” tatsächlich verdienen, Zahlen zu von freilaufenden Hauskatzen erbeuteten Vögeln vorgestellt werden, stellen Ökofantasten und Grüne diese als unseriös dar oder ignorieren sie bestenfalls. Man kann nur empfehlen, doch mal das Buch von Heribert Kalchreuter “Die Sache mit der Jagd” zu lesen und sich mal ernsthaft mit dem Phänomen der kompensatorischen Mortalität zu beschäftigen. Dann relativieren sich die drei nachgewiesenen illegalen Entenabschüsse doch gewaltig. Bevor man aus einem Furz eine 1000 kg-Bombe macht, sollte man mal das Gehirn einschalten. Erst wenn solche Zahlen seriös ermittelt bzw. geschätzt werden und wenn zudem nachgewiesen wird, dass damit ein Verlust für die betreffende Population verbunden ist, erst dann darf man ein solches Fass aufmachen. Das ist so ähnlich wie mit den Seeadlern, die angeblich durch Blei aus Jagdmunition in ihrem Bestand bedroht sind. Es gibt momentan mehr Seeadler bei uns als jemals zuvor. Die Seeadler, die tatsächlich an Bleivergiftung sterben, sind ohne Relevanz für den Artenschutz. Selbstverständlich muss aus Gründen des Tierschutzes versucht werden, Seeadler nicht mit Blei zu vergiften.
    Tja, der NABU und die Wissenschaft . . . . !

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  2. Grimbart

    Wische mir gerade die Tränen aus den Augenwinkeln. Stelle mir gerade vor wie viele Fürze man braucht um eine Tonne Gewicht zu erhalten. Schneller geht es natürlich, wenn immer ein wenig “Land” mitkommt.

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