Bemerkungen zu Hund-Wolf-Hybriden

Ein Beitrag von Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel

Granlund (2015) diskutiert die Frage der Hybridisierung ausführlich. Seiner Meinung nach handelt es sich bei den gegenwärtig in Deutschland lebenden Wölfen ausschließlich um Hybriden, was bedeutet, dass unsere Schutzmaßnahmen reinrassigen Wölfen eher schaden. Ähnlicher Meinung ist Geist (2016).

Boitani et al. (2015) halten geringe Akzeptanz, Lebensraumverlust durch Infrastrukturmaßnahmen, Verfolgung, Hybridisierung mit Hunden, schlechtes Management und Unfalltod für die wichtigsten Bedrohungen für den Wolf in Europa. Das hindert einen der Autoren dieser Arbeit nicht daran, sich so zur Hybridisierung zu äußern:

Zitat: „Für die deutschen Wölfe stellt sich das Hybridproblem nicht, weil es keine frei herumstreifenden Hunde gibt wie z. B. in Italien oder Griechenland. Wandernde Jungwölfe finden einen wölfischen Geschlechtspartner oder bleiben einsam. Dennoch ist ein intensives Monitoring der Wölfe auch aus der Sicht der Hybridenvermeidung eminent wichtig. Es gilt, den Anfängen zu wehren.“ (Wotschikowsky 2014).

Die Möglichkeit, dass aus dem Süden oder aus dem Osten zuwandernde Hybriden ihre Gene nach Deutschland mitbringen, wird anscheinend vollkommen ausgeblendet oder möglicherweise bewusst verschwiegen.

Botani weist 1983 auf die hohe Wahrscheinlichkeit der Wolf-Hund-Hybridisierung in Italien hin. Dort gibt es sehr viele verwilderte Haushunde in den Wolfsgebieten. Auch Randi et al. haben 2011 das hohe Risiko der der Einschleppung von Hundegenen in den Genpool der italienischen Wölfe betont. Noch 1999 fanden Vilá und Wayne einen geringen Hybridisierungsgrad italienischer Wölfe. 2014 haben Randi et al. dann für die von ihnen untersuchten italienische Wölfe festgestellt, dass die Frequenz von rückgekreuzten Individuen und solchen mit Introgressionen von Hundegenen inzwischen bei fast 90 Prozent liegt. Die Häufigkeit bei F1- und F2-Hybriden liegt bei über 12 Prozent. In Deutschland liegt der Fall insoweit anders, als es hier nicht annähernd so viele verwilderte Haushunde in der freien Natur gibt wie in Italien. Glaubt man jedoch den Zahlen des Landesumweltamtes Brandenburg (2019), dann gehen immerhin 22 Prozent der Risse von Weidevieh und Gehegewild auf das Konto von Hunden. Die Zahl möglicher Geschlechtspartner des Wolfs in Form von Haushunden scheint also auch bei uns nicht gegen Null zu gehen. Zudem gibt es ja dokumentierten Genaustausch zwischen den europäischen Subpopulationen des Wolfs (Landesumweltamt Brandenburg 2019), was die Wahrscheinlichkeit der Einschleppung von Hundegenen in unsere Subpopulation erhöht.

Die Frage nach Hybriden wird bei uns als nahezu bedeutungslos abgetan. Linnell und Boitani haben allerdings schon 2011 eine Schutzstrategie für den Wolf angemahnt, die konsequent nach Hybriden fahndet und dabei kostengünstige Monitoringverfahren nutzt. Es gibt auch außerhalb Italiens von Untersuchungen, die in Sachen Hybridisierung ein anderes Bild zeigen als das, was uns in Deutschland eingeredet wird. Für Spanien haben beispielsweise Godinho et al. (2011) häufiges Vorkommen von Hybridisierung anhand genetischer Merkmale festgestellt. Auch morphologisch-anatomische Merkmale deuten gelegentlich auf Hybridisierung hin. Ein Beispiel dafür ist das Vorhandensein einer Daumenkralle bei manchen “Wölfen” in der Toskana (Ciucci et al. 2011). Die Daumenkralle fehlt reinrassigen Wölfen, ist jedoch für große Hunderassen typisch.

2003 gab es bereits einen Fall der Hybridisierung Wolf-Hund in der Lausitz. Damals ist es nicht gelungen, alle Hybriden einzufangen, auch wenn das BMU anderes feststellt.

Zitat: „In Deutschland wird seit einiger Zeit ein intensives, auch genetisches Monitoring der Wolfspopulation durchgeführt. Seit einem Hybridisierungsfall im Jahr 2003 – die Tiere sind seinerzeit allesamt der Natur entnommen worden – konnte in dem umfangreichen genetischen Probenmaterial, das von den Ländern erhoben wird, bis 2017 kein weiterer Nachweis für einen Wolfshybriden geführt werden. In Thüringen wurden 2018 drei Wolfshybride getötet. Das Thema Hybridisierung besitzt in Deutschland dennoch bisher nur eine kleine Relevanz.“

Bei der vom BMU erwähnten Hybridisierung in Thüringen auf dem Standortübungsplatz Ohrdruf sind nach wie vor zwei der ursprünglich sechs Hybriden in freier Wildbahn. Die Angaben des BMU über den Verbleib der Hybriden sowohl in der Lausitz als auch in Ohrdruf entsprechen nicht den Tatsachen. Man kann das nur als weiteren Versuch werten, abzuwiegeln und zu beschönigen, wenn es um den Wolf in Deutschland geht!

Auch in Estland und Lettland wurden ebenfalls Hund-Wolf-Hybriden molekulargenetisch nachgewiesen (Andersone et al. 2002, Hindrikson et al. 2012). In Lettland wurden dabei auch erstmals für Europa Nachkommen einer Haushündin und eines Wolfsrüden gefunden. Bei den bisher dokumentierten Hybridisierungsfällen waren Wolfsfähen von Hunderüden gedeckt worden. Da zwischen unseren Wölfen und den nordosteuropäischen ebenfalls Genaustausch besteht und unser Wolfsbestand ja größtenteils von Osteuropa seinen Ursprung genommen hat, ist die Ausbreitung von Hundegenen auch aus dieser Richtung denkbar.

Die Veröffentlichung aller in Deutschland am Wolf erhobenen genetischen Daten in einer allgemein zugänglichen Datenbank steht nach wie vor aus. Insofern ist es nicht verwunderlich, wenn diejenigen Aussagen zu Herkunft, Verwandtschaft und zum Hybridisierungsgrad unserer Wölfe oft in Zweifel gezogen werden, die unter Bezug auf diese genetischen Daten von Behörden und manchen Naturschutzverbänden gemacht werden.

Wenn unsere Wölfe, wie von einigen Wissenschaftlern durchaus diskutiert (siehe oben), ohnehin zu einem erheblichen Prozentsatz Hybriden sind, dann sind unsere Artenschutzmaßnahmen Artvernichtungsmaßnahmen. Zur Erhaltung der Art Canis lupus hilft dann nur entschlossenes Handeln, also Fang oder Erlegung aller Hybriden. Der Schutzstatus der FFH-Richtlinie und des Naturschutzgesetzes darf für Hybriden nicht gelten. Die offizielle Rechtslage ist allerdings nach Angaben des BMU (2019 b) eine andere.

Zitat: „Hybriden in den ersten vier Generationen unterliegen dem gleichen Schutzstatus wie Wölfe. Dies ergibt sich aus der Verordnung (EG) Nummer 1497/2003 zur Änderung der Verordnung (EG) Nummer 338/97 der Kommission des Rates über den Schutz von Exemplaren wild lebender Tier- und Pflanzenarten durch Überwachung des Handels. Der Wolfs ist im Anhang A der oben genannten Verordnung aufgeführt und damit gemäß § 10 Absatz 2 Nummer 11a) Bundesnaturschutzgesetz eine streng geschützte Art. Daraus ergibt sich, dass auch Hybriden dem Artenschutz unterliegen. Hybriden dürfen demnach im Rahmen der Jagdausübung nicht wie Hunde geschossen werden. Für ihr Entfernen aus der Natur bedarf es immer einer naturschutzrechtlichen Ausnahmegenehmigung nach Paragraph 45 Absatz 7 Nummer 2 Bundesnaturschutzgesetz. Dies ist aus Artenschutzsicht ausdrücklich zu begrüßen, da ansonsten die Gefahr bestünde, dass Wölfe als vermeintliche Hybriden geschossen werden.

Aus Sicht des internationalen Artenschutzes sind Hybridisierungen zwischen Wildtierarten und ihren domestizierten Formen, in diesem Fall Wölfen und Haushunden, eindeutig unerwünscht und sollen unter allen Umständen vermieden werden. Wenn es bereits zu Hybridisierungen gekommen ist, gilt es daher, alle nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um eine weiterer Ausbreitung von Haushundgenen in der Wolfspopulation zu verhindern. Vorhandene Hybriden sollten so schnell wie möglich aus der Natur entnommen werden.“
Die vom BMU angemahnte Vorgehensweise beim Entfernen von Hybriden aus der Natur ist ein gutes Beispiel dafür, wie die um den Wolf herum entstandene Vielfalt von Rechtsvorschriften und die Unzahl von Organisationen, die sich offiziell und anderweitig um den Wolf kümmern, unser Jagdrecht aushöhlen. Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel

Beitragsbild: Ein Wolf. Oder? Foto: Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel

2 Gedanken zu „Bemerkungen zu Hund-Wolf-Hybriden

  1. A.Kry

    2012 kam zu Verpaarung einer Hündin mit dem Wolf in Polen, bei Kolberg , 2013 paarte sich derselbe Rüde mit einer Wölfin, um sich dann 2014 wieder einer anderen Hündin zuzuwenden ( besonders treuer Gatte war er scheinbar nicht) . Die beiden Hündinen begleiteten die ganze Zeit sein Rudel . Über die Nachkommen der Verpaarung von 2012 ist nichts bekannt . Die Welpen aus dem Wurf vom 2014 sind von der Dr Sabina Nowak, führender polnischen Wolfsexpertin ( Mitautorin meherer BfN Skripten) im Alter von 4-6 Wochen getötet worden. Dieselbe Expertin verhinderte vorher vorgeschlagene Eliminierung des gesamtes Rudels samt der Hündinen . Gegenwärtig sind in Polen 2 Hybridisierungsfälle bekannt . https://www.youtube.com/watch?v=3Kfh-ZQsPVA – wie die DNA Analyse von eiem dieser Tiere was in einem Autounfall umkam ergab, handelt es sich um Hybriden. Entname der verbleibenden 2-3 ( ?) ist praktisch und rechtlich de facto unmöglich. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie glücklich und zufrieden. 2018 kam es bei Bromberg / Bydgoszcz zu Verpaarung einer Hündin mit dem Wolf ( Fotos vom April 2018) . http://braclowiecka.pl/n/1/aktualnosci/5862/kolejne-przypadki-hybrydyzacji-psow-i-wilkow-w-polsce . 3 Welpen sind von der Dr Sabina Nowak, führender polnischen Wolfsexpertin ( Mitautorin meherer BfN Skripten) eingefangen und getötet worden. ( Die Dame scheint irgendwie Spass an Umgang mit Mischlingswelpen zu haben) . Da sich der Fang der übrigen, von insgesamt 7 Welpen, als zu schwirig – oder zu wenig einträglich ? – erwiesen hat, sollen sie von einigen ausgewählten Jägern entnommen werden . Was rechtlich ( fast ) korrekt ist aber praktisch irgendwie nicht ganz einfach. Die örtliche Naturschtzbehörde , die die Entname beaufsichtigt, verweist auf die zentrale Behörde auf die Anfrage, ob die Entnahme bereits erfolgt ist. Die zentrale Behörde verweist auf die örtliche Behörde bei der gleichen Anfrage . Und wenn sie nicht gestorben sind, dann werden sie noch lange , glücklich und zufrieden leben.

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  2. A.Kry

    PS. “In Lettland wurden dabei auch erstmals für Europa Nachkommen einer Haushündin und eines Wolfsrüden gefunden. Bei den bisher dokumentierten Hybridisierungsfällen waren Wolfsfähen von Hunderüden gedeckt worden.” Da muss ich dem Herrn Professor wiedersprechen – bei den zwei Beispielen aus Polen handelt es sich um Hündinen. Es muss auch einen dritten Vorfall irgendwo im Süden gegeben haben, aber der ist nicht recherchiert . Die Kinder von einer Liason einer Hündin mit einem wilden Wolf müssten ev. noch leben ( ???). Die führende polnische Wolfsexpertin Dr Sabina Nowak ( Mitautorin mehererer BfN Skripten ) hat m.W.N keine Kenntniss von diesem Vorfall gehabt und die Welpen überlebten ( in menschlicher Obhut). Bei dem Hybridisierungsfall von Goscino ( Kollberg ) wurde diese se.pl/wiadomosci/polska/wyapali-wilkopsy-zabili-wszystkie-aa-8uW7-FPx8-XSN5.html Wolfsdame – Hundedame – als Wolfshybride deklariert. Aus ganz pragmatischen Gründen. Die musste entnommen werden und die polnischen Naturschutzbhörden haben kein Recht den Abschuss von Hunden anzuweisen, durchzuführen. Also wurde aus dem weiblichen Tier ein Wolfshybride. Mit einem Stümmelschwanz. So einfach geht das, wenn kreative Wolfschützer am Werk sind.

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