Bayern: Freispruch nach Kopfschuss

Ein Jäger, der einen Angreifer im Juli 2017 mit einem Kopfschuss aus seiner Glock Pistole ausschaltete, ist vom Landgericht Augsburg freigesprochen worden. Zuvor hatte der 42-jährige Jäger drei Monate in Untersuchungshaft verbracht und durfte nach seiner Freilassung bis zum Abschluss der Verfahrens Deutschland nicht verlassen, wofür er nun eine Entschädigung erhält.

Einem Bericht der Augsburger Allgemeinen zufolge kam es zu dem Vorfall, weil der 42-jährige nach Brasilien auswandern und zuvor seine Jagdwaffen verkaufen wollte. Er traf sich mit einem 19 Jahre alten vermeintlich erwerbsberechtigten Interessenten für seine Glock Pistole auf einem Autobahnparkplatz an der A8 bei Adelzhausen. Der Kaufinteressent hatte einen falschen Namen und eine Adresse genannt und gelogen, dass er eine Erwerbsberechtigung für die Pistole habe. Als der Verkäufer der Glock auf dem Parkplatz ausstieg, schoss der angebliche Kaufinteressent mit einer Armbrust auf ihn. Der Angreifer verfehlte sein Ziel, danach kam es zu einem Zweikampf. Während der Angreifer den auf dem Boden liegenden Jäger im Schwitzkasten hielt, gelang es letzterem, seine Glock aus der Hosentasche zu ziehen, das Magazin einzuführen und abzudrücken.

Das Geschoss trifft den 19-jährigen Angreifer in den Kopf und verletzt ihn schwer: Er verliert ein Auge, große Teile des Hirns sind zerstört, der Täter leidet seitdem an epileptischen Anfällen und kann sich zu dem Vorfall nicht äußern. Der 19-jährige wird den Rest seines Lebens ein Pflegefall bleiben. Seine Mutter, bei der er lebt, erklärte vor Gericht, dass er auch ohne den Vorfall auf Hilfe angewiesen wäre, da ihr Sohn verhaltensgestört und Autist sei.

Die Staatsanwaltschaft warf dem Schützen vor, nicht das mildeste Mittel zur Abwehr des Angriffs gewählt zu haben und forderte eine Bewährungsstrafe von 16 Monaten. Der Angeklagte sagte vor Gericht aus, dass er tatsächlich zunächst erwogen habe, den Angreifer von hinten in die Schulter zu schießen. Dies habe er aber unterlassen, um sich durch den Schuss nicht selbst zu gefährden. Der Richter am Landgericht verwies auf die Rechtsprechung, derzufolge ein Angegriffener bei seiner Verteidigung nicht das Risiko eines Fehlschlags eingehen müsse.

Beitragsbild: Glock Pistole. Foto: privat (JAWINA dankt)

14 Gedanken zu „Bayern: Freispruch nach Kopfschuss

  1. Anko

    Erstaunlich, dass bei diesem Sachverhalt

    a) die Staatsanwaltschaft überhaupt Anklage erhob,
    b) das Gericht diese Anklage sodann auch noch zuließ und
    c) die Untersuchungshaft wenn angeordnet dann auch noch so lange aufrecht erhalten blieb.

    Der Pflegefall-Armbrusttäter hatte immerhin die Befähigung, ohne Hilfe und somit offenbar mittels PKW selbstfahrend und bewaffnet zur Autobahnraststätte zu gelangen und zuvor hinreichend überzeugende Kaufverhandlungen zur Verabredung des Treffens zu führen. Aber Autismus, der bei ihm vorgelegen haben soll, hat viele Farbe, siehe nur den nach “Rainman” wohl prominentesten Autismusfall der medienversierten Klima-Greta.

    Aus dem Artikel der von der Anklage augescheinlich selbst irritierten Augsburger Allgemeinen:

    “Denn die Rechtsprechung verlangt, vom Bundesgerichtshof mehrfach bestätigt: Wer aus Notwehr handelt, darf nicht überreagieren, muss das mildeste Mittel anwenden, um seinen Gegner kampfunfähig zu machen. ”

    Das stimmt so nicht, nach ständiger Rechtsprechung auch des BGH darf sich der Angegriffene zur Beendigung effektivsten Verteidigungsmittels zur Beendigung des Angriffs bedienen. Nur bei gleichwirksamen Mitteln ist dem milderen der Vorzug zu geben.

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    1. Chris

      Selbst wenn‘s stimmt, sind die neunmalklugen Schreiberlinge doch eine Aussage schuldig, was die „mildeste“ Antwort gewesen wäre, auf einen derart massiven Angriff zu reagieren. Stuhlkreis bilden & ausdiskutieren?

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  2. Anko

    Den Tathergang findet man ausführlicher hier https://www.stadtzeitung.de/augsburg-sued/blaulicht/kopfschuss-an-der-autobahnkapelle-war-es-notwehr-d89783.html

    Zitat:

    “Es geschieht am 31. Juli 2017. Der Geschäftsmann, ein Münchner, dessen Frau und die zwei kleinen Kinder stehen kurz vor der Auswanderung nach Brasilien. Die Wohnung ist geräumt, am Abend hat sich der Mann noch verabredet: Er will seine Waffen, darunter eine Glock, verkaufen. Es ist ihm wichtig, dass alles legal zugeht. Deshalb hat er auch einen Versand abgelehnt, als ihm der angebliche Kaufinteressent auf e-gun.de plötzlich eine andere Lieferadresse nennt. Stattdessen verabredet er sich mit “Jürgen Graf” – der Name ist falsch, wie sich später herausstellt – an der Autobahnkapelle St. Salvator bei Adelzhausen. Und das Schicksal nimmt seinen Lauf.

    [Danke für den Hinweis, aber aus urheberrechtlichen Gründen gekürzt, bitte unter der verlinkten Quelle weiterlesen, admin.]

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  3. RK

    Der Beurteilung von Anko zum vermeintlich “mildesten Mittel” ist zuzustimmen. Das Notwehrrecht kennt keine Abwägung, allenfalls völlig unverhältnismäßige Handlungen werden sanktioniert (Lehrbuchbeispiel: Der Rentner im Rollstuhl schießt kirschenklauende Kinder mit der Schrotflinte aus dem Baum). Dass diese Anklage zugelassen wurde und auch unverhältnismäßig lange U-Haft angeordnet wurde, zeigt leider, dass unser “Rechtsstaat” oft nur noch gegenüber der autochthonen Bevölkerung mit Lust die Zähne zeigt. Bei wehrhaften anderen Gruppen von freundlichen Mitmenschen (“Isch weiss, wo dein Haus wohnt”) fallen die Sanktionen oft erstaunlich milde aus…

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    1. Titus von Unhold

      Das ist Unsinn! Ein Blick ins Gesetz erleichtert die Rechtsfindung:

      112 StPO: Die Untersuchungshaft darf gegen den Beschuldigten angeordnet werden, wenn er der Tat dringend verdächtig ist und ein Haftgrund besteht. […] in Haftgrund besteht, wenn auf Grund bestimmter Tatsachen bei Würdigung der Umstände des Einzelfalles die Gefahr besteht, daß der Beschuldigte sich dem Strafverfahren entziehen werde (Fluchtgefahr). Gegen den Beschuldigten, […] der einer Straftat nach den §§ 211, 212, 226, 306b oder 306c des Strafgesetzbuches […] dringend verdächtig ist, darf die Untersuchungshaft auch angeordnet werden, wenn ein Haftgrund nach Absatz 2 nicht besteht.

      Damit besteht durch den bekannt gewordenen Umzug nach Brasilien nicht nur Fluchtgefahr, sondern aufgrund einer im Raum stehenden Straftat des Katalogs aus Absatz 3 des 112 StPO besteht sowieso ein Haftgrund. Und drei Monate U-Haft sind in Anbetracht dessen dass sie problemlos sechs Monate dauern kann, auch nicht unverhältnismäßig lang.

      Insbesondere sollte man bei der Bewertung bedenken dass der Sachverhalt wie er sich jetzt darstellt, sicher erst einmal ermittelt werden musste. Denn eigentlich kennt man bei der Anordnung der U-Haft als Haftrichter sicher auch nur den Sachverhalt dass ein Halbtoter und ein Angeschuldigter mit einer Waffe auf einem Autobahnparkplatz aufgegriffen wurden. Da sollte jeder für sich überlegen welchen Eindruck das auf ihn macht…

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      1. Anko

        Ich wundere mich bzgl. U-Haft primar über deren Dauer: Es gab einen Halbtoten, zwei Waffen und einen Schützen. Klar, da gehandelt werden muss. Nur so lange kann es nicht gedauert haben, die Beweislage zu gewichten und einzuschätzen, welcher Sachverhalt voraussichtlich mit/ ohne hinreichende Verurteilungswahrscheinlichkeit beweisbar sein wird. Tatort- und Spurensicherung und Auswertung dauern keine drei Monate. In dubio pro reo ist bis zum Beweis des Gegenteils der dem Beschuldigten günstigere Hergang anzunehmen. Das gilt in jeder Lage des Verfahrens und somit auch vor Anklageerhebung und insnesondere bereits bei U-Haftanordnung sowie bei der Entscheidung über deren Verlängerung. Wundern erlaubt.

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        1. Titus von Unhold

          Ob Schuldig oder nicht, spielt bei der U-Haft kaum eine Rolle, denn diese dient rein der Verfahrenssicherung. Eine kurze Onlinerecherche nach der durchschnittlichen Dauer von Ermittlungsverfahren brachte zu Tage dass diese in NRW über alle Gerichte hinweg ca. zwei Monate dauert und in BW bei Verfahren am AG vor der Schöffenkammer fünf Monate und bei Verfahren am LG vor der Großen Strafkammer rund sechs Monate. Das wird in Bayern nicht anders sein.

          Insbesondere wenn man als Ermittlungsbehörde will dass auch Kommunikationstechnik wie Computer und Smartphones beschlagnahmt und ausgewertet wird, zieht sich das schnell in die Länge. Denn für die drei Groschen des ÖD will kein IT-ler bei der Polizei arbeiten und so ist man auf externe Sachverständige angewiesen die tendenziell eher die lukrativen Aufträge der Wirtschaft priorisiert behandelt.

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  4. Ronbi

    Wie kommt man nur auf die Idee, auf einem Autobahnrastplatz, sich zu einem Waffenverkauf zu treffen?
    Andererseits muss der Besitzer der Glock artistische Fähigkeiten gehabt haben. Magazin in die Waffe und so.
    Trotzdem, richtig gehandelt, Daumen hoch.

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  5. Ralf

    Ich kann nur jedem, der eine seiner Waffen per persönlicher Abholung verkaufen will, dazu raten, sich im Vorfeld über die EWB des Käufers bei dessen Ordnungsamt zu erkundigen. Erspart Ärger.

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  6. Rübe

    Wundert sich hier keiner wie er ein geladenes Magazin in die Waffe schieben konnte, wenn doch Waffe und munition getrennt voneinander und im verschlossenem Behältniss zu transportieren sind?
    Abgesehen davon trozdem richtig verteidigt.

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    1. montero

      @Rübe: das hat nichts mit der Notwehr zu tun, muss ggf. gesondert betrachtet werden.
      Waffe und Muni dürfen in einem verschlossenen Behältnis. In der Waffe dürfen sich keine Patronen befinden.

      Die Verteidigung war geeignet den Angriff abzuwehren!

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