Baden-Württemberg: Nabu verschweigt NS-Vergangenheit der “Vogelmutter”

In einer skandalösen Jubelmeldung feiert der Nabu Baden-Württemberg Lina Hähnle als Gründerin des Deutschen Bunds für Vogelschutz (BfV), aus dem der Nabu hervorging. “NABU vor 120 Jahren in Stuttgart von mutiger Frau gegründet”, frohlockt der Verband auf seiner Internetseite und preist Lina Hähnle als “Naturschutz-Visionärin gegen “Schmuckvogelausrottung”, der es wichtig war, “den Verein auf eine breite gesellschaftliche Basis zu stellen”. Und weiter: “Der Mitgliedsbeitrag wurde auf 50 Pfennig im Jahr festgelegt, um jeder und jedem den Beitritt zu ermöglichen. Als wohlhabende Ehefrau des Reichstagsabgeordneten und Fabrikanten Hans Hähnle fuhr sie in der Eisenbahn oft in der sogenannten „Holzklasse“ (3. Klasse) mit, um mit den Menschen in Kontakt zu kommen.”

Kein Wort verliert der Nabu über die NS-Vergangenheit der Lina Hähnle, die (nachzulesen auf Wikipedia) nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten auf einer Mitgliederversammlung des Bundes im November 1933 „ein sieghaftes ‘Heil’ auf unseren Volkskanzler, der die Deutschen aus der Verbundenheit mit der Natur heraus gesunden lassen will”, ausbrachte. “Auch die Satzungsänderung des Verbandes 1934, nach der nur „deutsche Staatsbürger und Menschen artverwandten Blutes“ Mitglieder werden durften und Juden aus dem Verband ausgeschlossen wurden, fiel noch in ihre Amtszeit.”

Die von Hähnle angestrebte “breite gesellschaftliche Basis” schloss jüdische Mitbürger und andere Verfolgte des NS-Regimes also aus. Der “mutigen Frau” und einflussreichen Fabrikantentochter fehlte offenbar wie so vielen anderen die Courage, sich den Nazis entgegen zu stellen. Hähnle führte den aus der Gleichschaltung der Naturschutzverbände 1933 hervorgegangenen “Reichsbund für Vogelschutz” bis 1938. Sie sei “als Identifikationsfigur höchst ambivalent“, denn einerseits eine „starke Taktgeberin“ des frühen Naturschutzes”, andererseits eine “exponierte Trägerin der Anpassung” an das „autoritäre Regime“ des NS-Staates, konstatiert die Umwelthistorikerin Anna-Katharina Wöbse vorsichtig in der taz.

“Hähnle war sehr wohl sehr leistungsfähig, engagiert, progressiv. Aber ihr Ansatz war konservativ, autoritär, sie unterstützte den Nationalsozialismus und profitierte von ihm bewusst”, resümiert der Historiker Nils Franke im erwähnten taz-Beitrag.

Dass Naturschutz und Antisemitismus der Nazi-Zeit eine tiefere gemeinsame Wurzel aufweisen, beschreibt der Kulturwissenschaftler Friedemann Schmoll in der Welt: “Antisemitismus und Naturschutz finden sich beide in Abwehrhaltung zu ihrer Zeit. Und beide teilen eine Reihe konstitutiver Muster und Grundwerte. Die Verklärung ländlicher Daseinsformen ging einher mit tiefer Ablehnung urbaner Kulturen und eines entfesselten Kapitalismus. Das Pochen auf Gemüt und Intuition verband sich mit borniertem Anti-Intellektualismus … Die Utopie einer ,reinen’ Umwelt findet ihre Entsprechung in der Vorstellung einer judenreinen Welt.”

Der Beitrag in der taz ist von 2016, der in der Welt von 2003. Seit Jahrzehnten befassen sich Historiker und Kulturwissenschaftler mit der Aufarbeitung jenes speziellen Kapitels der deutschen Naturschutzbewegung. Während “Banken, Konzerne, Ärzteschaft, Justiz, nahezu alle Bereiche der westdeutschen Gesellschaft” über die Jahre zwischen 1933 und 1945 Rechenschaft ablegen mussten (Michael Miersch in der Welt) und die unrühmliche Vergangenheit mit Hilfe von Historikerkommissionen aufarbeiten ließen, meint ausgerechnet der Nabu, sich dieser Verantwortung weiterhin nicht stellen zu müssen. Möglicherweise, um auch weiterhin mit gutem Gewissen und von Selbstreflexion unbeschwert mit dem Finger auf andere zeigen zu können…

Die kritik- und distanzlose Huldigung für Reichsvogelmutter Lina Hähnle auf der Internetseite des Nabu Baden-Württemberg ist ein Skandal. Mit dieser beschämenden Haltung wird der Naturschutzverband seiner einflussreichen Stellung in der Gesellschaft nicht gerecht. SE

Beitragsbild: Headline der Jubelmeldung auf der Internetseite des Nabu Baden-Württemberg (Screenshot).

 

 

Ein Gedanke zu „Baden-Württemberg: Nabu verschweigt NS-Vergangenheit der “Vogelmutter”

  1. js

    Das sollte man dem ehemaligen Reichsbund für Vogelschutz mal vorhalten, wenn von dort mal wieder das Bundesjagdgesetz als “Nazigesetz” diffamiert wird, da es auf dem Reichsjagdgesetz basiert. Denn das Reichsjagdesetz von 1934 beruht auf der preußischen Tier- und Pflanzenschutzverordnung von 1929 des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Otto Braun, dem Nazisympathien kaum nachgesagt werden können. … im Gegensatz zum Reichsnaturschutzgesetz, das ein echtes Nazigesetz ist.

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