Baden-Württemberg: Ein Drittel des Nationalparks Schwarzwald ist jetzt jagdfrei

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Der Nationalpark Schwarzwald hat ein Drittel seiner Fläche jagdfrei gestellt. Dazu erklärt die Nationalparkverwaltung: Das wichtigste Ziel eines Nationalparks – „Natur Natur sein lassen“ – muss auch für die großen Wildtiere, wie den Rothirsch, gelten. Dies stand im Nationalpark Schwarzwald von Anfang an fest. „Nach internationalen Kriterien für Nationalparks darf der Mensch auf Dreiviertel der Fläche nicht mehr eingreifen, also natürlich auch nicht mehr jagen“, sagt Friedrich Burghardt, Leiter des Wildtiermanagements im Schutzgebiet. Wie alle deutschen Nationalparks ist auch der im Schwarzwald ein sogenannter Entwicklungsnationalpark und hat noch bis zum 1. Januar 2044 Zeit, diese Forderung zu erfüllen.

„Wir liegen in einem sehr dicht besiedelten Gebiet, sodass wir in diesem Prozess natürlich viele Interessen, vor allem auch die Sorgen der Anrainer, berücksichtigen müssen“, erklärt Thomas Waldenspuhl, einer der beiden Nationalparkleiter. „Dies ist der Grund, warum wir nicht sofort die Jagd einstellen können, sondern uns diesem Ziel schrittweise nähern“, ergänzt Burghardt. In den vergangenen fünf Jahren hat er mit seinem Team umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen gemacht und begleitet. „Wir haben zum Beispiel die Bewegungen und Verhaltensweisen von Rothirschen satellitentelemetrisch untersucht“, berichtet er. Um mehr über Struktur und Höhe des Wildbestandes zu erfahren, gab es aufwändige genetische Untersuchungen.

Erster Schritt nach dem Konzept fürs Wildtiermanagement: 30 Prozent jagdfrei

Nach vielen Gesprächen, Abstimmungen und Diskussionen mit benachbarten Gemeinden, Kommunen und Waldbesitzern sowie Jagd- und Naturschutzverbänden, konnte der Nationalparkrat Ende 2018 das Kapitel Wildtiermanagement im Nationalparkplan verabschieden. Erster Schritt: „Ab 1. August dieses Jahres werden wir die Jagd auf 3000 Hektar, also ungefähr einem Drittel des Nationalparks einstellen“, sagt Friedrich Burghardt. Auf der übrigen Fläche (7000 Hektar) wird vorerst weiterhin gejagt, um die angrenzenden Wirtschaftswälder zu schützen. „Wir nehmen die Sorgen der Anrainer sehr ernst“, betont Burghardt.

„Mittelfristig wird schon dieser erste Schritt dazu führen, dass die Tiere weniger scheu werden“, sagt Burghardt. „Das bedeutet allerdings nicht unbedingt, dass unsere Gäste sofort mehr Rehe oder Hirsche sehen werden“, ergänzt Waldenspuhl. Das liegt unter anderem daran, dass es im Nationalpark Schwarzwald nur sehr wenige Bereiche, wie offene Wiesen, gibt, an denen Besucherinnen und Besucher die großen Wildtiere aus der Distanz beobachten können. „Wir sind aber gerade dabei einige solche Beobachtungsstellen einzurichten“, verrät Burghardt.

Uneingeschränkter Vorrang für Wildtiere

Auch unabhängig von diesen sichtbaren Effekten ist Burghardt die jagdfreie Zone ein absolutes Herzensanliegen. „Bisher haben wir in unserem reichen Bundesland keine großflächigenBereiche – außerhalb umzäunter Wildparks – in dem wir Hirsche, Rehe und Wildtiere vom Menschen unbehelligt leben lassen. Das ist eine der wichtigsten Aufgaben von Nationalparks: der Natur und damit auch den Tieren auf dieser relativ kleinen Fläche den uneingeschränkten Vorrang einzuräumen undsich nicht mehr einzumischen“, betont er.

Nur so könnten beispielsweise wissenschaftliche Erkenntnisse über das komplizierte Wirkungsgefüge von Pflanzen und Pflanzenfressern gewonnen werden. Der Schweizer Nationalpark, in dem jetzt seit 100 Jahren nicht mehr gejagt wird, habe dies vorgemacht. „Und nebenbei profitiert natürlich auch der Mensch, weil er in Nationalparks ein Gegengewicht zum Alltag finden kann, der nach ganz anderen Prinzipien funktioniert. Einen Ort der Ruhe und auch der Demut vor der eigenen Weisheit der Natur“, ergänzt Thomas Waldenspuhl.

Nationalpark als Übungsraum für anderen Umgang mit der Natur

Für Burghardt ist ein Nationalpark „ein Übungsraum für einen völlig anderen Umgang mit der Natur“. „Die großen Probleme der heutigen Zeit wie Klimawandel, Rohstoffknappheit und Artensterben werfen schließlich auch die Frage auf, ob der bisherige Umgang des Menschen mit der Natur ein tragfähiges Modell für die Zukunft unseres Planeten und der Menschheit sein kann“, erklärt er. Umso wichtiger sei es, alternative Modelle zu entwickeln. Die Erfahrungen mit den ersten jagdfreien Zonen im Nationalpark werden wissenschaftlich untersucht und fließen in die weiteren Schritte ein.

Hintergrund

Im Nationalparkplan, Betriebshandbuch des Nationalparks, gibt es ein eigenes Kapitel Wildtiermanagement, in dem der Umgang mit den großen Wildtieren Hirsch, Reh und Wildschwein, sowie ihren möglichen Beutegreifern Luchs und Wolf, geregelt ist. Der Nationalparkrat hat dem Konzept – Einstellung der Jagd auf Dreiviertel der Fläche in drei Schritten – Ende 2018 zugestimmt. Zweiter Schritt: bis zum Jahr 2030 wird im überwiegenden Teil, also auf mindestens 51 Prozent der Fläche, nicht mehr in die Wildtierpopulation eingegriffen; bis zum Jahr 2044 sollen dann 75 Prozent der Fläche (7500 ha) jagdfrei sein (dritter Schritt).

Die Umsetzung des Konzepts erfolgt in enger Abstimmung mit den benachbarten Gemeinden, Kommunen und Privatwaldbesitzern sowie Vereinen und Verbänden aus den Bereichen, Naturschutz, Jagd und Tourismus. Gleichzeitig entwickelt die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt eine Rotwildkonzeption für den gesamten Nordschwarzwald (zirka 100 000 Hektar). PM

Beitragsbild: Burghardt Friedrich zeigt die winzige jagdfreie Fläche (roter Strich) im Vergleich zur Landesfläche (blau). Quelle: Nationalpark Schwarzwald

4 Gedanken zu „Baden-Württemberg: Ein Drittel des Nationalparks Schwarzwald ist jetzt jagdfrei

  1. Klaus Lomnitz

    Wie verjüngt sich denn wohl die Weisstanne wenn Rot- und Rehwild nicht entsprechend stark bejagt werden? Der Bestand wird zunehmen…..

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  2. MH

    Schöne Einstände werden da geschaffen und für die umliegenden Reviere kommen dann die Probleme mit erhöhten Abschußforderungen, was dann den Teufelskreis von Verbiß und Schälschäden beschleunigt. Und wenn man bei den Verantwortlichen schließlich merkt, daß es ohne Jagd nicht geht, dann nennt man das wie in BaWü “Wildtiermanagement”. Aus einem anderen Nationalpark hörte ich gerüchteweise von Plänen, erlegtes, Pardon: gemanagtes Wild wegen fehlender Wege gar nicht mehr zu bergen und zu verwerten, sondern gleich in der Natur zu belassen.

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  3. Carpe Diem.. jetzt erst recht

    Dass im NP Nordschwarzwald die Jagd von Amts wegen eingestellt wird ist dem Umstand geschuldet, dass dort das Wild weitgehend abgeschossen wurde und keiner mehr jagen WILL, weil es vertane Zeit ist. Der eine Wolf, den´s dort zeitweise gab ist wegen Hungerödeme abgewandert.

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