“Ausgeburten ideologischer Denke”

Offener Brief von Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel an Norwich Rüße, Grünen-Abgeordneter in NRW

Sehr geehrter Herr Rüße,
am 18.03.2015 habe ich als Teilnehmer der Demonstration gegen das geplante sog. ökologische Jagdgesetz in Düsseldorf vor dem Landtag Ihre Ausführungen gehört. Ich muss Ihnen sagen, dass ich über Ihr darin zum Ausdruck kommendes Demokratieverständnis erschrocken war. Sie sprechen vom Recht der Parlamentarier Gesetze zu erlassen bzw. zu verändern. Das klang aus Ihrem Munde so, als könne der Gesetzgeber dies am Volk vorbei tun, wenn das Volk für die per se Gesetzeskraft besitzenden Argumente einiger Parlamentarier uneinsichtig ist. Ich halte das für eine unglaubliche, hoffentlich nur verbale Entgleisung. Der Gesetzgeber hat die Pflicht, Gesetze zu erlassen, aber doch bitte in Würdigung des Sachverstandes der Betroffenen!

Tierschutz und Naturschutz haben Sie in Ihren Äußerungen in einen künstlichen Gegensatz zur Jagd gestellt. Diesen Gegensatz gibt es nicht. Weshalb sind wohl nahezu alle Landesjagverbände als Naturschutzverbände anerkannt? Was insbesondere die Pflege von Lebensräumen angeht, können sich die nichtjagenden Naturschützer eine dicke Scheibe von den Aktivitäten der Jägerschaft abschneiden. Glücklicherweise wird das von anderen Parteien auch so anerkannt und gewürdigt.

Sie sprachen davon, dass die Erzeugung von Trophäen als Ziel der Jagd nicht akzeptabel sei. Kennen Sie denn einen Jäger, der so denkt? Offenbar ist Ihnen entgangen, dass beim Schalenwild (Paarhufer) meist der weibliche Streckenanteil überwiegt. Abgesehen davon ist es absolut legitim, einer Trophäe als Erinnerungsstück an die Jagd auf dieses Stück Wild die entsprechende Wertschätzung zukommen zu lassen. Trophäen sind, und darin stimmt unsere Jägerschaft überein, keine Selbstzweck der Jagd. Sie sind aber auch nicht das Teufelszeug, zu dem Sie sie abstempeln wollen.

Lassen Sie mich bitte ein paar weitere Gedanken zum Gesamtzusammenhang äußern:
Bei der Landtagswahl 2012 haben in Nordrhein-Westfalen 6,7% der Wahlberechtigten mit ihrer Zweitstimme die Grünen gewählt. Der von dieser Partei gestellte Minister will nun ein Jagdgesetz durchdrücken, das die Interessen und Rechte zigtausender Inhaber des Jagdrechts und Jagdausübender grob missachtet. Das Öko-Label des Gesetzentwurfs entpuppt sich bei genauem Hinsehen als ideologisch motiviert, wobei je nach Belieben durch unsinnige politische Vorgaben gegängelt wird oder an die Verantwortung der Jagdausübenden appelliert wird.
In einem mehrseitigen Papier wurden die „wichtigsten Fragen und Antworten“ zum Gesetzentwurf vorgestellt. Hier kann ich nur auf wenige Punkte dieses Papiers eingehen. Die aber zeigen, wohin die Reise gehen soll. Und man kann den Menschen auf dem Lande nur sagen: Stehen wir endlich dagegen auf!

Mit dem neuen Jagdgesetz soll auf den Wandel in vielen gesellschaftlichen Bereichen reagiert werden, wobei besonders auf Tierschutz als Verfassungsziel abgehoben wird. Der Tierschutz muss dafür herhalten, dass die Baujagd und Totfangfallen verboten werden sollen. Auch das vorgesehene Verbot der Ausbildung von Hunden an der lebenden und flugunfähig gemachten Ente fällt unter die Rubrik Tierschutz. Was mit den an-geschossenen Enten passiert, die von nicht entsprechend ausgebildeten Hunden nicht gefunden werden, schert Ihren Minister und seine Fraktion anscheinend nicht. Ich kann Ihnen nur dringend empfehlen, sich einmal eine entsprechende Hundeprüfung mit der lebenden Ente anzusehen oder auch eine Bauprüfung. Dann müsste Ihnen eigentlich sofort einleuchten, in welchem Zusammenhang die Hundeausbildung mit dem Tierschutz tatsächlich steht!

Wie ernst es Ihre Partei an anderer Stelle mit dem Tierschutz und mit dem nun weinerlich beklagten Verlust von wichtigen Lebensräumen nimmt, zeigen die Folgen der Energiewende. 2,6 Millionen Hektar Anbaufläche für Mais in Deutschland mit ihren dramatischen Folgen für die Biodiversität werden von Ihrer Partei, von deren Mitgliedern ich viele nur als selbsternannte Öko-Gurus bezeichnen kann, schlicht ausgeblendet. Dass jedes Jahr in Deutschland nach seriösen Schätzungen etwa 250.000 Fledermäuse von Windkraftanlagen ge-schreddert werden, was eine Artenschutzkatastrophe ersten Ranges darstellt, wird von Ihrer Partei weder unter dem Gesichtspunkt des Arten- noch des Tierschutzes thematisiert. Jagd bedroht heute nicht eine Tierart in unserem Lande!

Angeblich sind die vom Bundesjagdgesetz abweichenden Jagdzeiten durch wildbiologische Erkenntnisse untermauert. Die gnadenlose Verfolgung von Rehwild zum Beispiel in meinem Bundesland Brandenburg zeigt, wie doppelzüngig dabei argumentiert wird und in welchem Ausmaß Ihre Partei sich vor den Karren des Ökologischen Jagdvereins spannen lässt, der sich anscheinend einen schalenwildfreien Wald auf die Fahnen geschrieben hat. Dass unser stehender Holzvorrat stetig wächst und die Waldfläche in Deutschland sich in den letzten 50 Jahren um über eine Million Hektar vergrößert hat, wird vollständig ausgeblendet.

Die Ausbreitung von Neozoen soll zum Schutz der heimischen Fauna verhindert werden, weshalb z. B. der Mink richtigerweise jagdbare Art werden soll. Gleichzeitig wird der Abschuss streunender Katzen aus Tierschutzgründen verboten, weil: „zum Hauptbeutespektrum von Hauskatzen zählen nicht die Wildarten“. Das ist an Zynismus, vermutlich wegen der Enge des Denkschemas ungewollt, kaum zu überbieten, heißt es doch, die Bodenbrüter, die keine Wildarten sind, dürfen von Hauskatzen ruhig zu Millionen gefangen und gefressen werden. Das sind die Ausgeburten ideologischer Denke, die wissenschaftliche Befunde je nach eigenem Weltbild mal in die Entscheidungsfindung einbezieht oder auch vollständig ignoriert.

Unter dem Tierschutzaspekt ist auch eine andere Formulierung entlarvend: „Jägerinnen und Jäger, die zufällig an einem Wildunfall vorbeikommen und dort nicht jagdausübungsberechtigt sind, dürfen trotzdem das Wild erlösen, wenn es schwere Verletzungen hat. Das Euthanasiegebot des Tierschutzgesetzes wird in ein dürfen uminterpretiert. Und wir Jäger und Naturliebhaber sollen Minister Remmel anscheinend auch noch dankbar sein, dass wir das dürfen.
Zum Schluss noch ein Zitat aus der letzten Frage des Pamphlets: „Im Landesjagdgesetz wird der Landesvereinigung der Jäger das Recht eingeräumt, ihre Auffassung über die Grundsätze der Weidgerechtigkeit durch Anträge und Stellungnahmen zum Ausdruck zu bringen.“
Herzlichen Dank, Minister Remmel und Grüne Partei, dass die Jäger nun dank Ihres Jagdgesetzentwurfs auch der allgemeinen Meinungsfreiheit teilhaftig werden!

Unter den gegebenen Umständen müssen Sie sich nicht wundern, sehr geehrter Herr Rüße, wenn sich nahezu alle Akteure des ländlichen Raums, die jeden Tag draußen sind und Zusammenhänge in den spärlichen Resten von Natur täglich beobachten, nicht länger von Leuten aus Ihrer Partei sagen lassen wollen, was in Punkto Natur und Jagd zu geschehen hat. Auch die Landeigentümer als Inhaber des Jagdrechts werden nicht mehr nahezu tatenlos zusehen, wie sie Stück für Stück enteignet werden von einer Partei, die eine kleine und meist naturfremde Minderheit repräsentiert. Das hat sich am Mittwoch in Düsseldorf wohl sehr deutlich gezeigt, und Sie sollten sich darüber eigentlich nicht wundern.

Mit freundlichem Gruß
gez.
Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel

Beitragsbild: Copyright Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel

 

3 Gedanken zu „“Ausgeburten ideologischer Denke”

    1. FM

      Leider doch,

      was Prof. Pfannenstiel offenbar nicht wusste: Im Zuge der Diskussion hat der Landeshundeobamnn NRW für die Parlamentarier aller Landtagsfraktionen eine Infoveranstaltung abgehalten. Dabei wurde sowohl die Ausbildung eines Bauhundes in der Schliefenanlage, als auch die Hundearbeit hinter der lebenden Ente gezeigt.

      Alle Anwesenden hatten dabei nicht den Eindruck, dass diese Ausbildungsmethoden, sachgerecht ausgeübt, tierschutzrelevant wären.

      Lediglich der Adressat des offenen Briefs, N. Rüsse, soll von einer Teilnahme der Veranstaltung abgesehen rsp. sich vorzeitig verabschiedet haben mit den Worten: “Wird sowieso verboten.”

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  1. Anko

    Sauber. Das Schreiben wird das Oberstübchen des Adressaten zwar sicherlich nicht erreichen. Dafür hoffentlich diejenigen, die im Landtag NRW glücklicherweise noch mitzuentscheiden haben, ob es dort jemals ein Jagdgesetz des beanstandeten Inhalts geben wird.

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