Auf Markhor in Tadschikistan: Vom Segen der Trophäenjagd

Oder: Warum es eine gute und nutzbringende Sache sein kann, sogar exotische Rote-Liste-Arten wegen ihrer Trophäe zu erlegen.

Um halb vier Uhr früh sind die knorrigen Äste und Holzstücke in dem aus ein paar Blechen und Winkeln zusammengeschweißten Ofen längst heruntergebrannt. Es ist ziemlich frisch in dem Zimmer der Schutzhütte, fröstelnd ziehe ich Jacke und Schuhe an. Draußen zeichnen sich die Gipfel des Pamirgebirges, karg, schroff, eher einschüchternd und bedrohlich als einfach nur schön, gegen den Sternenhimmel ab. Im Tal, nur einen Steinwurf entfernt, rauscht der Pjandsch, der Grenzfluss zu Afghanistan. Jürgen wartet schon, der lange Lauf der 8x68S ragt über seinem Rücken hervor. Reifen knirschen, Lichtkegel tanzen, das Fahrzeug, das uns ins Jagdgebiet bringen wird, quält sich den steilen Schotterweg empor. Nach einer etwa halbstündigen Fahrt auf dem Pamir Highway sind wir da. Am Vorabend haben die tadschikischen Guides bei unserer abendlichen Pirschfahrt hier einen guten Markhor ausgemacht.

Jürgens Markhor. Foto: SE

Denn darum sind wir hier: Acht Lizenzen für Buchara-Schraubenziegen (Buchara bzw. Bukhara-Markhor, Capra falconeri heptneri, das kh wird ausgesprochen wie das ch in lachen) wurden im Jahr 2017 weltweit versteigert. Eine der exklusiven und daher unter Trophäenjägern äußerst begehrten Lizenzen ging für 150.000 US-Dollar an den deutschen Jäger Jürgen S., den wir bei seiner Jagdreise in den Pamir begleiten dürfen. Jürgen ist schon zum zweiten Mal hier, im Schutzgebiet M-Sayod im Autonomen Oblast Gorno Badachschan (GBAO). Bei seinem ersten Besuch hier im Osten Tadschikistans hat er am wissenschaftlichen Monitoring des Buchara-Markhors teilgenommen: “Ich wollte sehen, ob man hier guten Gewissens einen Markhor schießen kann”, erklärt Jürgen. Ergebnis: Man kann. Er sah zahlreiche Einzeltiere und Herden, ein Eindruck, der sich bei dem jetzigen Besuch bestätigt.

Während des Probeschusses lugt ein junger Markhor vorsichtig über den Grat. Fotos: SE

Ergebnis des Probeschusses auf 300 Meter, der gleich am ersten Tag auf dem Gelände eines Militärpostens durchgeführt wurde.

Dass man in Tadschikistan wieder “guten Gewissens einen Markhor schießen” kann, ist ein gewaltiger Artenschutz-Erfolg, fast ein kleines Wunder. Anfang der Neunzigerjahre lebten weltweit nur noch knapp 700 Exemplare, von einigen lokalen Populationen in dem zersplitterten Verbreitungsgebiet waren nur noch weniger als 20 Stück übrig. Die internationale Naturschutzorganisation IUCN stufte den Buchara-Markhor als stark gefährdet ein, die Art war akut vom Aussterben bedroht. Und der Markhor wäre wohl ausgestorben, hätten einheimische Jäger und Stammesführer nicht gegengesteuert.

Blick von unserem Quartier auf den Pjandsch. Rechts vom Fluss ist Afghanistan. Foto: SE

Hauptproblem des Buchara-Markhors war die unkontrollierte Fleischjagd, man könnte auch sagen, Wilderei. Für viele der armen Dorfbewohner war dies die einzige Möglichkeit, ihrer Familie zu einer Fleischmahlzeit zu verhelfen. Die Jagd war zu diesem Zeitpunkt übrigens in Tadschikistan bis auf den streng reglementierten Abschuss von Problemraubtieren vollständig verboten. Aber da helfen die strengsten Verbote, Schutzgesetze und Strafen nichts – das Überleben lassen sich die Menschen nicht verbieten.

Pamir Highway. Foto: SE

Nach dem Vorbild eines sehr erfolgreichen Projekts zur Rettung der Suleiman-Schraubenziege (Capra falconeri jerdoni siehe auch hier) in Pakistan entwickelten die Tadschiken ein Naturschutzkonzept: Die traditionellen Jäger und Wilderer sollten die Jagd einstellen und im Gegenzug dafür als Jagdführer und Ranger eingestellt werden, damit sie ihre Familien ernähren können. Ein 560.000 Hektar großes Naturschutzgebiet wurde eingerichtet, eingeteilt in gemeindebasierte Schutzgebiete (Community-based Conservancies) unter weitgehend autonomer Selbstverwaltung der Menschen vor Ort.

Der Aufstieg beginnt

Auf bröckeligen Wegen im Pamir. Foto: SE

Als sich unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, beginnt der Aufstieg. Die Kletterei ist, obwohl wir uns hier noch nicht wirklich in großer Höhe befinden, nicht ganz ohne. Wege gibt es nicht, das bröckelige Gestein ist trügerisch, das Gehen auf den Geröllfeldern strengt den Ungeübten an. Die tadschikischen Guides schätzen die bergsteigerischen Qualitäten ihrer Jagdgäste schnell und sicher ein. Sie sind unaufdringlich, aber sofort zur Stelle, wenn jemand Hilfe braucht.

Markhor-Morgenansitz im Pamir. Foto: SE

Der Schwierigkeitsgrad dieser Bergjagd richtet sich zum einen nach den Wünschen und Vorstellungen des Jagdgasts (und dessen Fitness), aber auch nach der Wildart: Wir trafen in Dushanbe zwei amerikanische Jäger, Frank und Ron, die in M-Sayod Steinböcke gejagt haben: Das spielt sich in ganz anderen Höhen ab, als die Markhor-Jagd und ist eine echte Herausforderung: Man campiert tagelang im Hochgebirge in primitiven Unterschlupfen der Hirten und ist in schwierigstem Gelände ununterbrochen am Klettern und Pirschen.

Mit Packeseln im Hochgebirge: Ein paar Impressionen von der Steinbockjagd von Frank und Ron in Tadschikistan. Foto: Sadi Alidodov. Sadi begleitet gegen Bezahlung Jagdreisen als Fotograf. Seine Kontaktdaten: Sadi Alidodov, Ishkashim District, BGAO, Tajikistan, E-Mail: sadi.alidodov@gmail.com, Tel.: +992939009098

Unterkunft auf der Steinbock-Jagd. Foto: Sadi Alidodov.

“Das härteste, was ich je gemacht habe!” Frank neben einem Felsen mit Felsenzeichnungen von Steinböcken im Pamir. Foto: Sadi Alidodov.

Frank schleppt sich den Berg hoch. Foto: Sadi Alidodov.

Frank, der schon in der ganzen Welt gejagt hat, sagte: “Es war das härteste, was ich je gemacht habe.” Einen guten Eindruck von den Anforderungen der Bergjagd in Tadschikistan vermittelt dieses Video:

Nach strapaziösem Aufstieg erreichen wir ein kleines felsiges Plateau, wo wir, gut gedeckt hinter riesigen Gesteinsbrocken, in die gegenüberliegende Wand spähen können, in der wir am Vorabend den Markhor gesehen haben. Der größere Teil der Gruppe kauert im Wind- und Sichtschutz eines Felsens, nur die Spotter wechseln sich, dem eisigen Wind voll ausgesetzt, am Spektiv ab. Langsam setzt die Morgendämmerung ein. Da, aufgeregtes Tuscheln vom Spektiv: Der Markhor steigt herab, genau auf dem Wechsel, auf dem er erwartet wurde. Jürgen kriecht auf allen Vieren voran, bringt die 8×68 S in Stellung.

Mondlandschaft: Blick von unserem Ansitzort ins Tal. Foto: SE

Grandiose, unwirtliche Landschaft. Foto: SE

Jürgen klettert. Foto: SE

Karge Vegetation. Foto: SE

Doch heute ist Jürgen das Jagdglück nicht hold: Der Markhor folgt nicht dem Wechsel ins Tal, sondern biegt weit außerhalb der Reichweite der 8x68S in eine steinerne Rinne ein, wo er unseren Blicken entschwindet. So ist Jagd.

Eine Tragödie vor unseren Augen

Aber an diesen erfolglosen Jagdtag werde ich noch oft zurückdenken wegen des Dramas, dessen Zeuge wir beim Abstieg wurden. Auf der anderen Seite des Flusses, in Afghanistan, sahen wir einen schmalen Pfad, der sich etwa auf halber Höhe eines Schotterhangs hinzog.

Ein schmaler Pfad windet sich den Hang hinauf. Foto: SE

Stellenweise von Geröll überschüttet, schien der Pfad zu enden, wo das Geröllfeld in eine Felsformation übergeht.

Der Pfad scheint an den Felsen zu enden. Foto: SE

Aber dieser Eindruck täuscht: Wenn man genau hinsieht, entdeckt man, wie der Pfad sich atemberaubend steil in Windungen bis nach oben auf den Bergkamm hochzieht. Dann entdeckten wir die kleine Karawane auf dem Pfad:

Einige Tragetiere und ihre Begleiter kämpfen sich den Geröllpfad hoch. Foto: SE

Ein Zug Maultiere, beladen mit vorsintflutlichen Packsätteln und leeren Säcken quälen sich den steilen Pfad empor, begleitet von drei zerbrechlich wirkenden menschlichen Gestalten. “Das sind Kinder”, erklärt Khalil Karimov, ein Wissenschaftler, der uns an diesem Tag als Dolmetscher begleitete. “Die sowas machen sind normalerweise elf bis höchstens dreizehn Jahre alt.” Sie ziehen auf die Hochebene, da oben, wo der Weg hinführt. Auf der Hochebene sind Getreidefelder, das Getreide wird dort auf prähistorische Weise mit Vieh gedroschen und muss nun ins Dorf transportiert werden.

Tragtiere und Hirten biegen in die unpassierbare erscheinende, fast senkrechte Passage ein und kämpfen sich Schritt für Schritt voran.

Die kleine Karawane in der steilen Passage. Foto: SE

Da passiert es: Eines der Tragtiere stürzt ab und zerschellt in bizarrer Lautlosigkeit tief unten im Fels. Eines der Kinder klettert hinterher, um wenigstens den Packsattel zu retten, der für diese Leute sehr wertvoll ist, so Khalil.

Am meisten beeindruckt einen vielleicht an dieser Reise genau das: Der Blick auf die andere Seite vom Pjandsch. Man fährt den Pamir Highway entlang und entdeckt auf afghanischer Seite eine seltsame Formation, auf den ersten Blick ein paar auffallend angeordnete Gesteinshaufen.

Seltsame Gesteinsformation? Foto: SE

Aber sieh mal genauer hin:

Afghanisches Dorf. Foto: SE

Dann siehst Du: Es ist ein afghanisches Dorf – und es ist bewohnt. Ein paar karge Felder, von Steinwällen umgeben. Da ist Vieh, da ist Feuerholz aufgestapelt, ab und zu entdeckt man Menschen oder sogar Autos:

Seltener Anblick hier: Autos. Foto: SE

Wenn du da abends um acht, von der Jagd kommend, vorbeifährst, ist es stockfinster, nirgends ein Licht und trotz der schneidenden Kälte steigt nirgendwo Rauch auf, vermutlich ist das kostbare Heizmaterial noch eisigeren Temperaturen vorbehalten.

Ein markiertes, aber noch nicht geräumtes Minenfeld in Afghanistan. Foto: SE

“Sie sind 400 Jahre zurück”, schätzt Khalil. “Mindestens. Leben wie im Mittelalter.” Der Blick auf die andere Seite des Flusses ermöglicht auch einen Ausblick darauf, wie es in Tadschikistan ohne das Markhor-Schutzprogramm aussehen würde: In all der Zeit ist auf afghanischer Seite auch nicht ein einziger Markhor zu entdecken. “Manchmal wechselt ein Markhor von uns auf die andere Seite”, berichtet Khalil, “Dann ist er sofort tot. Sie schießen auf alles, was sich bewegt. Einerseits bedauern wir das, andererseits freuen wir uns, weil sie so arm sind und dann wenigstens mal was zu essen haben.”

Sonnenaufgang im Pamir. Foto: SE

2004 wurde das tadschikische Markhor-Schutzprojekt mit Unterstützung der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) ins Leben gerufen, seitdem hat sich der Markhor-Bestand vervielfacht. Auf 1901 Stück belief sich der von Experten der tadschikischen Akademie der Wissenschaften ermittelte Bestand in 2017, darunter ein gesunder Prozentsatz an reifen männlichen Tieren, so die Schutzorganisation H&CAT. 2014 konnte erstmals eine Lizenz zum Abschuss eines Buchara-Markhors versteigert werden, inzwischen sind es durchschnittlich sieben pro Jahr, die IUCN stuft den Markhor nun als “near threatened”, nicht mehr als “endangered” ein.

Die IUCN Gefährdungsstufen. Quelle: http://s3.amazonaws.com/iucnredlist-newcms/staging/public/attachments/3097/redlist_cats_crit_en.pdf

Wieviele Exemplare des Bukhara-Markhors geschossen werden können, hängt nicht nur vom Markhor-Bestand und dessen Zusammensetzung ab, sondern auch vom Bestand des Schneelöwen, der auf den Markhor als Beutetier angewiesen ist. Auch der Schneelöwe profitiert von der einträglichen Trophäenjagd auf den Markhor, die erwirtschafteten Gelder kommen auch seinem Schutz und dem Erhalt seiner Habitate zugute.

Vor allem aber ist der “sozio-ökonomische Nutzen” der Trophäenjagd in buchstäblich jedem Dorf in den Conservancies zu sehen und zu begreifen: Man sieht die schwarzen Kunststoffröhren, die Frischwasser aus den klaren Gebirgsbächen in die Dörfer leiten,

Für unsere Begriffe primitiv, aber besser als ohne. Durch Einnahmen aus der Trophäenjagd errichtete Trinkwasserversorgung. Foto: SE

wir fuhren durch ein neu gebautes Dorf, das als Ersatz für ein von einer Lawine verschüttetes Dorf neu errichtet worden war – zum wesentlichen Teil aus Geldern, die die Trophäenjagd ins Land gespült hat.

Das schmuckste Dorf in weitem Umkreis…

… errichtet mit Jägergeld. Fotos: SE

Glückliche – und gut ausgebildete – Kinder dank Trophäenjagd. Foto: SE

Eine nagelneue blitzsaubere Schule stand in dem Dorf, ein neues, auch als Schule genutztes Gemeindehaus in einem anderen Dorf.

Neues Gemeindehaus im Dorf Zighar. Foto: SE

Nicht zu vergessen die Menschen, die als Ranger, Jagdführer, Präparatoren durch die Jagd ein Auskommen finden.

Ranger (in der Tür) vor seiner Schutzhütte. Foto: SE

Auf einen Chai beim Ranger. Foto: SE

Darüberhinaus beteiligt sich die Markhor-Schutzorganisation Hunting and Conservation Alliance of Tajikistan (H&CAT) / Tajwildlife an der Ausbildung von Lehrern, stellt Lehrmittel zur Verfügung, unterstützt Studenten und investiert in die medizinische Versorgung vor Ort. Sie kaufen Kohle für die Dorfbevölkerung im Winter, von der Trophäenjagd profitieren diverse Gewerbetreibende vor Ort, von den kleinen Kaufläden bis zu Restaurants. Sogar ein Hotel ist im Bau.

Rohbau eines Hotels am Pjandsch. Foto: SE

Auch wenn nicht hundertprozentig nachzuvollziehen ist, wie die Gelder verteilt werden (einen Teil streicht die Landesregierung ein, einen anderen die Bezirksregierung, mindestens 60 Prozent sollen den Gemeinden vor Ort und dem Natur- und Artenschutz zugute kommen, mehr dazu hier): Wer will ernstlich etwas dagegen sagen, wenn für all diese Wohltaten ein paar wenige alte, männliche Tiere, die für den Arterhalt keine große Rolle mehr spielen und in einem der nächsten strengen Winter ohnehin elend eingehen würden, von einem Jäger erlegt werden?

Zwei (viel zu junge) Schraubenziegen. Foto: SE

Das bringt uns zum Thema zurück. Jürgen hat noch keinen Markhor gestreckt, schon ist von einem erneuten Aufenthalt die Rede, falls ihm diesmal kein Erfolg vergönnt ist. Die Bedingungen sind schwierig dieses Jahr: Kaum Schnee, dadurch ziehen die Markhor-Herden nicht so weit ins Tal wie sonst – und sie sind, perfekt getarnt durch ihr grau-braunes Fell, sehr schwer in dem ebenso gefärbten Fels auszumachen.

Also für uns, nicht für die Tadschiken. Es ist frustrierend: Wir fahren mit dem Pick-Up durch die Gegend, einer der auf der Ladefläche mitfahrenden Jagdhelfer klopft aufs Dach. Er zeigt irgendwo in die Felswand: Da, Markhor. Die Tadschiken nicken und gucken und diskutieren, ob ein reifer Markhor dabei ist, während wir die Tiere, die sie mit bloßen Augen erspähten, nur mit Mühe und Anleitung ins Glas kriegen: “Siehst du den großen dreieckigen Felsen dort? Von dort geht ein Grasband nach links weg zu einer Geröllfeld und direkt darüber stehen sie.” Ich sehe sie nicht. Jürgen auch nicht. Zum Verzweifeln. Es hat etwas mit Übung zu tun, denn nach ein paar Tagen hier geht es besser. Aber wohl auch mit der überlegenen Sehkraft dieser noch nicht zivilisatorisch angekränkelten Gebirgsbewohner.

Da: Tadschiken sehen mit bloßen Augen, wofür unsereins ein Spektiv benötigt. Foto: SE

Khalil, der zur Zeit ein Zweitstudium der Wildbiologie in Wien absolviert, erzählt dazu eine erhellende Geschichte. In Wien merkte er auf einmal, dass mit seinen Augen etwas nicht stimmte und ging zum Augenarzt. Der hielt ihm eine Tafel mit Zeile für Zeile kleiner werdenden Zahlen und Buchstaben vor und forderte ihn auf, vorzulesen, was er sah. Und Khalil las vor. Alles. “Der Arzt packte seine Tafel weg und gab mir sinngemäß zu verstehen, dass ich seine kostbare Zeit nicht stehlen solle”, grinst Khalil: “Sie haben die beste Sehschärfe, die mir in 40 Jahren Praxis als Augenarzt vorgekommen ist. Mit ihren Augen ist alles in Ordnung.” War es übrigens nicht – Khalil hatte eine Bindehautentzündung, wie sich später herausstellte.

“Nicht lang schnacken, Kopf in den Nacken” passt auch zur Markhor-Jagd. Foto: SE

Tadschikistan ist ein muslimisches Land: Unser Fahrer…

… nutzt eine Unterbrechung für ein Gebet am Straßenrand. Fotos: SE

Davlatkhon Mulloerov, ein Ranger von H&CAT und äußerst erfahrener Jäger versteht sich auf perfekte Tarnung: https://tajwildlife.com/team/davlatkhon-mulloerov/

Endlich ergibt sich noch die Gelegenheit, auf einen guten Markhor zu Schuss zu kommen. Es ist ein weiter Schuss:

Aufgenommen ungefähr aus der Schussposition: Auf dem felsigen Grat zwischen den zwei kleinen Waldinseln (Pfeil) wechselte der Markhor hinüber. Foto: SE

Auf den Schuss hin sehe ich durch den Sucher der Kamera eine schnelle Bewegung oben im Fels. Wie die Gämsen huschen die tadschikischen Guides die Felsen hoch. Es wird bald dunkel, sie wollen möglichst schnell Gewissheit. Sie kommen zurück. Ohne Markhor. Aber sie haben Schweiß gefunden. Morgen wollen sie nachsuchen.

Für Jürgen folgt eine schlaflose Nacht und ein quälend langer Vormittag, ausgefüllt mit allen Martern des Wartens. Dann die erlösende Nachricht. Sie haben seinen Markhor gefunden. Er lag einige hundert Meter vom Anschuss entfernt in äußerst unzugänglichem Gelände im Wundbett. In der Hektik beim Schuss auf den Markhor war keine Zeit die Entfernung zu messen, die Guides hatten gesagt, es sind 350 Meter, Jürgen hatte die Absehenschnellverstellung am Zielfernohr entsprechend eingestellt. Am nächsten Tag messen wir nach: Es sind fast 400 Meter. Auf diese Entfernung fällt auch das Geschoss der 8x68S ganz schön ab, so dass der hoch angehaltene Schuss deutlich tiefer saß. “Alles ist gut, ich habe meinen Markhor!”, strahlt Jürgen.

Jürgen und sein Markhor, nach deutscher Jägersitte mit letztem Bissen. Foto: SE

Ich hatte Khalil am ersten Tag gefragt: “Was macht Ihr mit dem Fleisch, große Grillparty?” “Nein”, hatte der Wissenschaftler angewidert geantwortet: “Das kannst du nicht essen. Alter Markhor schmeckt nach Pisse. Wir lassen es draußen für die Wölfe und Schneeleoparden.” Nun – Theorie und Praxis fallen hier auseinander:

Der Markhor wird aufgebrochen und zerlegt, das Feuer auf dem Grill für das Markhor-Schaschlik brennt schon. Foto: SE

Nachdem der Markhor sorgfältig für das gewünschte Präparat gehäutet wurde, beginnen die Tadschiken das Fleisch zu zerteilen. Die Frage, was sie damit machen, wird hier anders beantwortet: “Das essen wir auf, es wird alles verwertet.” Der Jäger reibt sich den Bauch: “Lecker Markhor-Schaschlik!”

Markhor-Schaschlik vom Grill. Foto: SE

Auch für die Hunde fällt reichlich ab…

Die Tadschiken schneiden den Wachhunden die Ohren ab – wegen der Wölfe, sagen sie: “Wenn der Wolf den Hund erst bei den Ohren hat, ist er verloren!” Fotos: SE

150.000-Dollar-Kauknochen – diesem Welpen dürfte die schmerzhafte Prozedur noch bevorstehen. Foto: SE

Saubere Arbeit. Die Präparatoren verstehen ihr Handwerk. Foto: SE

Die Decken werden eingesalzen. Foto: SE

Zerwirken einmal anders: Die Tadschiken zerteilen den Wildkörper nicht wie wir es gewohnt sind, sondern in Vorder- und Hinterteil. So wird das Fleisch auch auf dem Großmarkt in der Hauptstadt Duschanbe angeboten. Foto: SE

Schaschlik ist bald fertig. Foto: SE

Ich habe es selbstverständlich probiert: Es schmeckt (zum Glück) nicht wie von Khalil vorhergesagt, nicht einmal nach Ziege. Es ist sehr kräftig geröstet und, vermutlich da keinerlei Fleischreifung stattgefunden hat und das Stück zudem hochbetagt war, ziemlich hart und zäh. Aber durchaus genießbar. Foto: SE

Knochen und Fell im Wert eines Ferrari – Markhor-Jagd ist eine eher exklusive Angelegenheit… Foto: SE

Nachdem es dann doch noch einen zünftigen Markhor-Grillabend gab, beschließen wir, am nächsten Tag gleich nach Duschanbe abzureisen. Der Wunsch, die Waschungen mit eiskaltem Gebirgsbachwasser gegen eine heiße Dusche im Hotel einzutauschen, ist groß…

Vielleicht noch ein paar Sätze zur Jagd in Tadschikistan und zur Sicherheitslage: Markhor-Jagd ist wegen der üppigen Lizenzgebühren sicherlich nicht etwas für jede/n. Es gibt aber viele weitere attraktive und fordernde Jagdmöglichkeiten in Tadschikistan: Wildschweine, Argali und die besonders strapaziöse Jagd auf den Steinbock – die mit Lizenzgebühren in Höhe von ca. 5000 Dollar vergleichsweise günstig ist – locken. Die Buchung für diese Reise erfolgte über die Firma FairHunt von Kurt Hofer. Die grandiose Landschaft, die Herausforderung im Hochgebirge zu jagen und nicht zuletzt die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Tadschiken werden dafür sorgen, dass die Reise ein unvergessliches Erlebnis und eine bleibende Erinnerung wird.

Die IUCN schreibt, wegen der Abgelegenheit, logistischer Probleme und dem Mangel an Sicherheit bleibe die Grenze zu Afghanistan schwer zu kontrollieren. Grenzübergreifende Wilderei beeinträchtige die Sicherheitslage für Wildhüter, Forscher, Touristen und legale Auslandsjäger (because of remoteness, logistical hurdles and lack of security, the international border in this area remains difficult to control.  Cross-border poaching affects the security situation for game wardens, researchers, tourists, and legal foreign hunters).

Das Auswärtige Amt schreibt in den “landesspezifischen Sicherheitshinweisen” zu Tadschikistan:

“Aufgrund von verstärkten und voraussichtlich andauernden Kampfhandlungen im Großraum Faizabad (Afghanische Provinz Badachschan) wird bis auf weiteres von Reisen in den tadschikischen Grenzbezirk Ischkaschim (Autonomer Oblast Gorno Badachshan) abgeraten.” (Ziemlich genau da in dem Autonomen Oblast waren wir.)

“Zudem kann es an der Grenze zu Afghanistan vereinzelt zu Schusswechseln zwischen afghanischen Drogenschmugglern und Angehörigen der tadschikischen Grenztruppen und der Drogenkontrollbehörde kommen.

Fahrten nahe der Grenze zu Afghanistan sollten nur nach vorheriger Information über die aktuelle Sicherheitslage und unter größtmöglicher Umsicht durchgeführt werden. Es wird dringend davor gewarnt, die unzureichend demarkierte und bisweilen ungesicherte afghanisch-tadschikische Grenze illegal zu überschreiten, um z.B. auf afghanischem Territorium Fotos für Soziale Netzwerke zu erstellen […].

Reisen in den Autonomen Oblast Gorno Badachshan (GBAO)/Bergtourismus im Pamir-Gebirge:
Die Notwendigkeit von Reisen in den Autonomen Oblast Gorno Badachshan (GBAO) ist gut zu überlegen; Reisen sind gut zu planen. Im Falle eines Unfalls oder einer sonstigen Notsituation kann aufgrund der schlechten Infrastruktur und der nicht flächendeckend gesicherten medizinischen Versorgung Hilfe – auch konsularischer Art – häufig nicht zeitnah oder nicht internationalen Standards entsprechend erfolgen. Viele Bergrouten sind nicht oder nur langsam per Kfz passierbar, der Zugang ist auch für ausländische Diplomaten nur mit mehrtägiger Vorlaufzeit möglich.

Im Pamir-Gebirge können zahlreiche Herausforderungen auftreten. Mit plötzlichen Wetterumschwüngen, Erdbeben, Erdrutschen und Minustemperaturen auch im Sommer ist zu rechnen. Mobile Geräte haben zum Teil nur sehr eingeschränkten Empfang (stimmt!), daher ist die Verwendung von Satellitentelefonen zu empfehlen. Reisen sollten nur mit lokalen, ortskundigen Führern erfolgen.

Im Falle einer Evakuierung oder sogar Luftrettung können Rettungsflugzeuge aus Deutschland/Europa die Flugplätze in Khorog und Murghab nicht anfliegen, so dass ein inländischer Flug (üblicherweise mit nicht medizinisch ausgestattetem Fluggerät) aus GBAO in die Hauptstadt Duschanbe erforderlich werden kann. Die Kosten für solche Flüge können 20.000 Euro übersteigen und sind nicht immer durch Reisekrankenversicherungen abgedeckt. Reisenden wird dringend empfohlen, die Frage zur Deckung und Modalitäten für eine solche tadschikisch-inländische Luftrettung vor Reiseantritt mit der Versicherung zu klären.”

Ich kann dem nur entgegenhalten, dass wir uns die ganze Zeit vollkommen wohl und sicher gefühlt haben. Weder die Haus- noch die Zimmertüren waren abschließbar:

Weder Schloss, noch Riegel: Haustür unserer Unterkunft. Foto: SE

Das ist aber selbstverständlich nur ein subjektiver Eindruck. SE

Beitragsbild: Jürgen mit tadschikischen Helfern und Guides und seinem Markhor. Foto: SE

JAWINA dankt Jürgen S. und H&CAT/Tajwildlife.com, die uns die Teilnahme an dieser Reise ermöglicht haben.

5 Gedanken zu „Auf Markhor in Tadschikistan: Vom Segen der Trophäenjagd

  1. Grimbart

    Dem kann ich mich nur anschließen. Leider wird dieser Bericht nicht von den Leuten gelesen, die es sollten. Der positive Effekt der Trophäenjagd für die lokale Bevölkerung wird in der öffentlichen Diskussion so gut wie gar nicht gewürdigt.

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