ASP – wie gut vorbereitet sind wir wirklich?

Teil 2: Gefährliche Versäumnisse

Im ersten Teil dieses Beitrags hatten wir die Qualität der ASP-Prävention und -Prophylaxe hierzulande anhand der simplen Fragestellung nach geeigneten Desinfektionsmaßnahmen überprüfen wollen – und ein erschreckendes Ausmaß an Ahnungs- und Konzeptlosigkeit offengelegt.

Als größter Risikofaktor für eine sprunghafte Ausbreitung der ASP gilt bekanntlich nicht das Wildschwein, sondern der Mensch. Zum Beispiel in Gestalt des osteuropäischen Fernfahrers oder Wanderarbeiters, der aus infizierten Schweinen zubereitete Wurst mitführt, genüsslich auf einem Autobahnparkplatz seine Mahlzeit einnimmt und die Reste im Gebüsch entsorgt. Dort entdecken Wildschweine bei einer routinemäßigen Kontrolle des Parkplatzrandes auf verwertbare Hinterlassenschaften die leckeren Wurstbrote – und die Katastrophe ist da.

Dass das keine unbegründete These ist, wird überdeutlich bei der Betrachtung der animierten Grafik “ASP-Ausbreitung seit 2007” auf der Internetseite des Friedrich-Löffler-Institus (FLI), die zugleich einen anschaulichen Eindruck von der Dynamik der Ausbreitung der ASP vermittelt.

Es ist erschreckend zu sehen, wie sich die ASP, ausgehend von einem Seuchenherd in Georgien über Russland ausbreitet – und zwar entlang der Straße, die über Rostow am Don und Woronesch nach Moskau und St. Petersburg führt. Es handelt sich um die Hauptverkehrsader M-4, wovon man sich leicht überzeugen kann, wenn man den gleichen Kartenausschnitt z.B. auf Google Maps betrachtet. Von Moskau und St. Petersburg erfolgt die weitere Ausbreitung über Weißrussland und das Baltikum, ebenfalls dem Verlauf der wichtigsten Straßenverbindungen folgend – und weitet sich dann geradezu explosionsartig zu einem Flächenbrand aus.

So weit, so bekannt. Es ist offensichtlich, dass den Verkehrswegen bei der ASP-Prophylaxe besondere Bedeutung zukommt. Schauen wir uns einmal an, wie es mit der Umsetzung aussieht:

Bei einem Tagesseminar des Bundesverbands der beamteten Tierärzte, das Dr. Ulf Hohmann von den rheinland-pfälzischen Landesforsten am 22.3. in Hannover zum Thema „Afrikanische Schweinepest (ASP) – Praktische Vorbereitung auf den Ernstfall – Krisenmanagement“ hielt, zeigte Hohmann alarmierende Bilder von den Zuständen auf dem Ständenhof, einem “bei Fernfahrern aus dem Baltikum und Polen” beliebten Parkplatz an der B10 in Rheinland-Pfalz: Offene, überquellende, leicht umzustoßende Mülltonnen, kein Zaun zum angrenzenden Wald, Schwarzwild-Wühlschäden unmittelbar neben dem Parkplatz im Sichtbereich der parkenden LKW. In einer Bilderserie (leider nicht für die Veröffentlichung freigegeben, ein Bild daraus ist hier zu sehen) dokumentiert Dr. Hohmann auch den zeitlichen Ablauf der ergriffenen Maßnahmen:

7.12.2017 Bundeverkehrsministerium weist Länder darauf hin, dass Rastplätze zu zäunen Müllbehälter zu verankern, zu verdeckeln und regelmäßig zu leeren sind.

10.1.2018 Landesverkehrsverwaltung RLP erfasst Risikorastplätze und Arbeitsbedarf

19.1.2018 Landesverkehrsverwaltung legt Maßnahmenkatalog vor: Fokus Beschilderung und Erhöhung des Leerungsturnus Ständenhof an der B 10 als Risikobereich erkannt (30 – 40 osteuropäische LKW).

11.2. Keine Maßnahmen umgesetzt. Beschwerde an Ministerium. Dort Hinweis auf privaten Betreiber, Zuständig sei KV

9.3. Beschilderung erfolgt. Sonst keine Maßnahmen. Beschwerde an Ministerium Hinweis auf privaten Betreiber

Erneute Kontrolle 21.3. Keine Änderung – Schwarzwildwühlschäden neben LKW”

Monate nach der Erfassung der Risikoparkplätze durch die Landesverkehrsverwaltung RLP war – von einem mittlerweile aufgestellten Hinweisschild abgesehen – also keine Besserung der Zustände zu verzeichnen.

Exakt die gleichen Zustände dokumentierte der Amtstierarzt Dr. Jens Bülthuis, Mitglied der ASP-Sachverständigengruppe Niedersachsen, bei einem Seminar zum Thema “ASP – praktische Vorbereitung auf den Ernstfall – Krisenmanagement” am 22. März 2018: Als Beispiel dient hier ein von osteuropäischen Truckern gern genutzter Parkplatz an der B213 im niedersächsischen Landkreis Cloppenburg:

Aus dem Vortrag von Dr. Jens Bülthuis, Foto: Hans-Gerd Dörrie (mit freundlicher Genehmigung)

Aus dem Vortrag von Dr. Jens Bülthuis, Foto: Hans-Gerd Dörrie (mit freundlicher Genehmigung)

Aus dem Vortrag von Dr. Jens Bülthuis, Foto: Hans-Gerd Dörrie (mit freundlicher Genehmigung)

Aus dem Vortrag von Dr. Jens Bülthuis, Foto: Hans-Gerd Dörrie (mit freundlicher Genehmigung)

Nach Einschätzung der von uns stichprobenartig befragten Behördenmitarbeiter und von Fernreisenden, hat sich an der Situation nach wir vor nicht allzu viel geändert:

Die Autobahnrastplätze sind zwar zum großen Teil gezäunt, die Zäune aber oft löchrig, angehoben, heruntergetreten oder in desolatem Zustand. An Land- und Bundesstraßen fehlen die Zäune, ebenso wie Mülleimer, die vorhandenen Mülleimer sind gegen den Zugriff (Deckel) oder das  Umwerfen (Verankerung) durch Wildschweine nicht geschützt. Ein Riesenproblem und “brandgefährlich” sind nach Einschätzung von Behördenmitarbeitern auch die zahlreichen “wilden” Parkplätze an Landstraßen, Autohöfen oder in Gewerbegebieten, die aufgrund der knappen Parkmöglichkeiten für LKW-Fahrer auf den Bundesautobahnen intensiv genutzt werden. Oft befinden sich diese Rastplätze in Ortsrandlage und werden auch von Schwarzwild auf Nahrungssuche frequentiert.

Hier werden i.d.R., obwohl diese Rastplätze den Behörden größtenteils bekannt sein dürften, keinerlei Maßnahmen umgesetzt, nicht einmal Hinweisschilder aufgestellt, wie Stichproben belegen:

Wilder, häufig benutzter Parkplatz an der viel (von osteuropäischen Fernfahrern) befahrenen B87, die Leipzig und Frankfurt/Oder verbindet. Keine Sperrung, kein Zaun, kein Mülleimer, kein Hinweisschild. Aufnahmedatum: 25.9.2018.

Entsorgte Essensreste. Fotos: SE

Dr. Bülthuis zufolge wird der volkswirtschaftliche Schaden im Fall eines ASP-Ausbruchs in Deutschland auf ca. 100 Milliarden Euro geschätzt, allein für Niedersachsen auf 4 bis 22 Milliarden Euro. Auf dem Spiel stehen die wirtschaftlichen Existenzen zahlreicher Schweinemastbetriebe, ihrer Zulieferer und Abnehmer. Im Seuchenfall müssten wahrscheinlich zigtausend, vielleicht hunderttausende Schweine gekeult werden, wie viele Wildschweine qualvoll an der Seuche verrecken würden, lässt sich seriös kaum abschätzen.

Schon längst hätten Reparaturtrupps die löchrigen Zäune an den Autobahnparkplätzen überprüfen und ggf. instandsetzen müssen. Schon längst hätten die Rastplätze an Landstraßen gezäunt und mit wildschweinsicheren Abfalleimern ausgestattet werden müssen. Zugleich müssten die Rastplätze überwacht werden und das wilde Entsorgen von Essensabfällen streng bestraft werden – das würde sich unter den noch immer über CB-Funk miteinander kommunizierenden Fernfahrern schnell herumsprechen. Natürlich bieten diese Maßnahmen keine hundertprozentige Sicherheit, letztlich muss sich nur einer nicht an die Regeln halten und sein Wurstbrot während der Fahrt aus dem Fenster werfen. Warum aber angesichts drohender Milliardenschäden nicht wenigstens versucht wird, vergleichsweise preiswerte, einfach umzusetzende und zugleich effektive Maßnahmen zur ASP-Prävention umzusetzen – es bleibt ein Rätsel. SE

Beitragsbild: “Gut vorbereitet” – Pressemitteilung des BMEL zur ASP (Screenshot)

Teil 1: Wie desinfiziert man einen Jagdhund?

 

Ein Gedanke zu „ASP – wie gut vorbereitet sind wir wirklich?

  1. RK

    Gelebte Verantwortungslosigkeit. Die Beamten sitzen teilweise (es gibt auch sehr Engagierte!) auf bequemen Stühlen, wer Aktivität zeigt, exponiert sich und handelt sich ggf. Kritik ein. Die Jäger und ihre Verbände sollten noch stärker auf die Problematik aufmerksam machen. Allerdings sind die meisten Jäger ehrenamtlich tätig und leben nicht von der Jagd (sondern stecken noch viel Geld und Zeitaufwand in die Tätigkeit). Wo ist die Interessenvertretung der Menschen, deren Broterwerb durch die ASP gefährdet ist?

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.