ASP: Prof. Pfannenstiel fordert Biosicherheit statt Vernichtungskrieg

In einem Offenen Brief an den Linken-Kreistagsabgeordneten Thomas Singer kritisiert der Biologe Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel Forderungen nach der “Pille für die Sau” und schlägt wirksamere Maßnahmen gegen die Afrikanische Schweinepest vor. Im folgenden veröffentlichen wir den Offenen Brief im Wortlaut:

Pille für Wildschweine ?

Sehr geehrter Herr Singer,

alle Experten, auch die damit befassten Wissenschaftler des Friedrich-Loeffler-Instituts, sind sich über den Weg einig, den die Afrikanische Schweinepest (ASP) mit größter Wahrscheinlichkeit nach Deutschland nehmen wird. Der Mensch wird Vektor sein und nicht das Wildschwein. Allerdings wird die lokale Verbreitung der Seuche in Wildschweinbeständen durch hohe Individuendichten begünstigt. Insofern kommt dem Absenken von Wildschweinbeständen durchaus Bedeutung zu. Für Risiko und Wahrscheinlichkeit des Eintrags der Seuche nach Deutschland sind unsere Wildscheinbestände jedoch ohne Belang. Leider ist dieser Umstand in der Gesellschaft kaum bekannt. Auch Sie scheinen sich dieser Tatsache nicht bewusst zu sein.

Derzeit überschlagen sich Vorschläge von Bauern, Jagdverbänden, Ministerialbürokratie und anderer zur raschen und drastischen Absenkung von Wildschweinbeständen. Es geht dabei, um nur einige Beispiele zu nennen, um den Einsatz von Fallen (bisher in Brandenburg schon auf Antrag möglich), von Nachtzielgeräten (in Bayern lokal möglich, in Sachsen durch Jagdrechtsnovelle erlaubt), von Lampen (auch in Brandenburg bereits möglich) und höhere Jagdintensität. Damit soll die Einschleppung der Seuche nach Deutschland verhindert werden. Aus den eingangs genannten Gründen wird das Einschleppungsrisiko jedoch auch durch noch so erbarmungslose und tierschutzwidrige Bejagung nicht geringer!

Am 06.02.2018 musste man nun in der MAZ einen Artikel mit der Überschrift „Linke wollen Pille für Wildschweine“ lesen.

In diesem Zusammenhang möchte ich Sie und Ihre Fraktion auf einige Dinge aufmerksam machen. Infizierte Wildschweine sind noch ortstreuer als gesunde und sterben nahezu alle innerhalb weniger Tage. Ein ASP-krankes Wildschwein ist nicht in der Lage, die Seuche weit (mehrere Kilometer) zu verbreiten. Der ASP-Ausbruch im letzten Jahr in der Tschechischen Republik lag 400 km vom nächsten Ausbruch entfernt. Für diesen Ausbruch waren höchstwahrscheinlich achtlos entsorgte Lebensmittelreste mit infektiösem Material ursächlich, die von Beschäftigten einer Klinik aus der Ukraine mitgebracht worden waren. Kein ASP-krankes Schwein legt 400 km zurück!

Der ASP-Erreger ist unter verschiedensten Bedingungen sehr langlebig und bleibt entsprechend lange, beispielweise in Schlachterzeugnissen oder in Körperflüssigkeiten (auch in getrocknetem Zustand!), infektiös. Es ist deshalb in Anbetracht des angewachsenen Verkehrs aus unseren östlichen Nachbarländern wohl nur eine Frage der Zeit, bis die ASP bei uns eingeschleppt wird. Insofern muss unser Hauptaugenmerk auf die Erhöhung der Biosicherheit gerichtet sein. Es ist in keiner Weise zielführend, jetzt hier gegen das Schwarzwild einen gnadenlosen „Vernichtungskrieg“ zu führen. Keineswegs leugne ich die Notwendigkeit, unsere Wildschweinestände abzusenken, und ich bin schon seit Jahren einer der „Rufer in der Wüste“. Meine Appelle an Jagdverbände und Jägerschaft, aber auch Landwirte, sind jedoch leider allesamt ungehört verhallt.

In Bezug auf Biosicherheit halte ich folgende hier nur beispielhaft genannte Maßnahmen für dringend erforderlich:

1. An den östlichen Grenzübergangsstellen müssen Autofahrer in geeigneter Weise – nicht durch versteckte und kaum lesbare Hinweistäfelchen – auf die Gefahr der ASP-Einschleppung sowie auf alle Biosicherheitsmaßnahmen hingewiesen werden.

2. Das Verbringen von Fleisch und Fleischerzeugnissen aus Ländern, in denen ASP ausgebrochen ist, muss generell verboten werden. Stichprobenartige Kontrollen an den Grenzen sind notwendig.

3. Der Import von in Polen oder anderen östlichen Nachbarländern erlegten Wildschweinen muss sofort gestoppt werden.

4. An den aus Osten in unser Land führenden Autobahnen müssen schweinesichere Container zur Entsorgung von Essensresten der Fernfahrer aufgestellt werden. Autobahnparklätze müssen schweinesicher eingezäunt werden.

5. Fernfahrern aus östlichen Nachbarländern und Saisonarbeitern in der Landwirtschaft (Spargelstecher, Gurkenpflücker) gegenüber muss ein Verbot des Mitbringens von Schlachterzeugnissen aus ihren Heimatländern ausgesprochen werden. Das Verbot ist in geeigneter Weise zu kontrollieren.

6. Für Jäger aus Deutschland, die in östlichen Nachbarländern Wildschweine gejagt haben, müssen an den Grenzen Desinfektionseinrichtungen geschaffen werden. Das Mitbringen von Schwarten, Wildbret und Keilertrophäen darf nur mit entsprechendem Negativzeugnis einer Veterinärbehörde gestattet werden.

In dem oben angesprochenen Zeitungsartikel wird folgende Aussage gemacht: „Die Gesamtzahl von Wildschweinen in Potsdam-Mittelmark wird auf etwa 78.000 Stück gezählt.“ Eine Quelle für diese Zahl wird leider nicht genannt. Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass diese Zahl so weit von der Wirklichkeit entfernt ist, dass man schon fast darüber lachen könnte, wenn die Geschichte nicht so ernst wäre. Lassen Sie mich das kurz erklären.

Alle Wildbiologen in Europa sind sich darin einig, dass die jährliche Reproduktionsrate unserer Wildschweine je nach Gegebenheiten zwischen 100 und 300 Prozent des Ausgangsbestandes liegt. Legen Sie die Zahl 78.000 zu Grunde, dann würde sich diese Zahl selbst bei der geringsten Reproduktionsrate von 100 Prozent in einem Jahr auf 156.000 Schweine verdoppeln. Und wenn Sie nun die in dem Artikel ebenso genannte Zahl von 6128 im Jagdjahr 2016/17 im Kreis Potsdam Mittelmark erlegten Wildschweinen dazu in Relation setzen, erkennen Sie sofort welcher Unfug da in der Zeitung stand. Die tatsächliche Zahl der Wildschweine in Potsdam-Mittelmark ist also mindestens um den Faktor 10 geringer als die im Artikel genannte Zahl.

Die Reproduktion der Wildschweine ist übrigens heutzutage vor allem deshalb so hoch, weil wegen globaler Erwärmung die natürliche Frischlingsmortalität im Winter keinen Einfluss mehr auf die Bestände hat. Zudem treten wegen der Erwärmung und des Stickstoffeintrags aus der Luft (geschätzt 50 bis 100 kg/Jahr/Hektar) Vollmasten im Wald in immer kürzeren Abständen auf und liefern den Sauen unvorstellbare Fraßmengen. Auch die industrialisierte Landwirtschaft stellt den Sauen monatelang in der Feldflur, also außerhalb ihres angestammten Lebensraums Wald, riesige Fraßmengen und Deckung zur Verfügung. In den großen Schlägen entziehen sich die Sauen der Bejagung. Die meisten Landwirte weigern sich zudem, den Jägern beispielsweise durch das Anlegen von Bejagungsschneisen Jagdmöglichkeiten zu schaffen. Es kann deshalb nur Kopfschütteln hervorrufen, um es milde auszudrücken, wenn der Bauernverband jetzt den Abschuss von 70 Prozent des Schwarzwildes fordert. Kennt der Bauernverband den Schwarzwildbestand und weiß also, was wie viele Schweine 70 Prozent sind? Weiß der Bauernverband, wie viele Stunden Anwesenheit im Revier es erfordert, um eine Sau zu erlegen?

Schließlich möchte ich keinesfalls verschweigen, dass auch Bejagungsfehler in diesem Zusammenhang genannt werden müssen. Wir Jäger unterschätzen die Schwarzwildbestände und die hohe Reproduktionsrate und erlegen zu wenige Frischlinge und zu wenige Überläuferbachen.

Die Überlegungen Ihrer Fraktion zum Einsatz von Kontrazeptiva für Wildschweine sind nun tatsächlich in keinster Weise sachdienlich und zielführend. Die vielen Wildschweine, die erlegt werden, sind gegenwärtig schon kaum an den Mann zu bringen. Wenn durch flankierende Maßnahmen, wie den Wegfall der Gebühr für die obligatorische Trichinenschau oder die Auslobung von Erlegungsprämien, noch mehr Sauen erlegt werden, wird der Wildbretmarkt zusammenbrechen. Einige Wildhändler bieten inzwischen den Jägern lediglich die kostenlose Entsorgung von erlegtem Schwarzwild an, und der Wildbretverbraucher wird sich über kurz oder lang von Schwarzwild fernhalten. Dabei ist gerade jetzt im Angesicht des Preisverfalls und der Tatsache, dass unser Land bisher ASP-frei ist, eine Kampagne zum Verzehr von Wildschweinefleisch angesagt. Da kann Ihre Fraktion eine Vorreiterrolle spielen.

Wir beklagen berechtigterweise den Einsatz von Hormonen und verschiedenen Arzneimitteln in der Landwirtschaft. Und in dieser Situation überlegen Sie, ob man Wildschweinen, einer frei lebenden Wildtierart, Kontrazeptiva „verordnen“ soll. Das ist, ich muss das so deutlich sagen, mit normalem Menschenverstand nicht nachzuvollziehen! Zudem ist anzumerken, dass es bisher keine wirklich ausgearbeitete Methode gibt, auf dem Niveau eines Landkreises oder gar eines ganzen Bundeslandes Wildschweinbestände über den Einsatz empfängnisverhütender Medikamente zu kontrollieren. Eine unspezifische Anwendung von Fraßködern scheidet ja wohl aus naheliegenden Gründen aus.

Bitte, sehr geehrter Herr Singer, überdenken Sie angesichts des hier dargelegten Sachverhalts Ihren Vorschlag in Ihrer Fraktion noch einmal.

Gern stehe ich bereit, falls Sie weitere Informationen zum Schwarzwild benötigen.

Mit freundlichem Gruß

gez. Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel

 

Ein Gedanke zu „ASP: Prof. Pfannenstiel fordert Biosicherheit statt Vernichtungskrieg

  1. Heinz Bökamp

    Bisher völlig ausgeblendet bei Verbreitung der ASP wird die Rolle des Militärs. Die NATO-Truppen bei ihren Manövern im Baltikum bewegen sich unter deutscher Führung genau in dem Gelände vor den Toren Russlands, wo die ASP seit einigen Jahren grassiert. Das von Kanzlerin Merkel organisierte, martialische Auftreten der Nato in Osteuropa wurde vom damaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier schon 2016 kritisiert.
    Panzer, Fahrzeuge, Truppen, Nahrung und Gerät kommen zwangsläufig in Kontakt mit infizierten Wildschweinen, bzw. deren Viren. Das ursprünglich aus Afrika stammende Virus hat seinen Verbreitungsweg ausgehend vom Schwarzen Meer über Georgien, Russland, dem Baltikum bis Polen und nach Tschechien genommen. Der Verbreitungsweg -so stellte ein Virologe fest- kann stets mit Armeestandorten in Verbindung gebracht werden.
    Vordringlich wäre daher beim sporadischen NATO-Truppenaustausch der beteiligten Westeuropäer sämtliches Gerät sorgfältig zu desinfizieren und Nahrung, Nahrungsreste kontrolliert zu entsorgen. Am besten und sichersten wäre es, diese Manöver insgesamt einzustellen.

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