Artenschutz: Wildtierbestände in Kenia drastisch zurückgegangen

Giraffe, Gnu und Warzenschwein sind in Gefahr: In Kenia sind die Bestände an Wildtieren seit 1977 um durchschnittlich 68 Prozent gesunken, wie die Universität Hohenheim in einer Pressemitteilung feststellt. Zu diesem alarmierenden Ergebnis kommen Biostatistiker der Universität Hohenheim, heißt es in einer Pressemitteilung der Universität. Sie werten jahrzehntealte Datenbestände statistisch aus. Als Ursachen für die Misere haben sie Klimawandel, Viehhaltung, Bevölkerungswachstum und Versagen von Politik, Institutionen und Markt identifiziert. Jetzt mahnen sie dringenden Handlungsbedarf an. Rund 597.600 Euro Förderung erhält das Projekt von der EU. Es zählt damit zu den Schwergewichten der Forschung an der Universität Hohenheim. Was die Uni in der Pressemitteilung verschweigt: 1977 trat in Kenia ein umfangreiches Jagdverbot in Kraft.

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Afrikanische Wildhunde in Kenia | Bildquelle: Universität Hohenheim / Joseph Ogutu

Die Wildtiere in Kenia sind stärker gefährdet als bisher angenommen. Die Bestände sind in den letzten vier Jahrzehnten auf weniger als ein Drittel gesunken. „Dieser Rückgang hat sich in den letzten Jahren so verschärft, dass mittlerweile die Bestände einiger Arten bedroht sind“, stellt Prof. Dr. Hans-Peter Piepho vom Fachgebiet Biostatistik der Universität Hohenheim als erste Ergebnisse des Projektes fest. Sie wurden gerade in PLOS ONE veröffentlicht: http://dx.doi.org/10.1371/journal.pone.0163249.

Prof. Dr. Piepho untersucht gemeinsam mit Dr. Joseph Ogutu in einem laufenden EU-Projekt, wie sich die Populationen verändert haben und was die Ursachen für diese dramatische Entwicklung sind. „Wir suchen statistische Zusammenhänge zwischen dem Rückgang der Biodiversität und anderen Faktoren“, erklärt Dr. Ogutu.

Dazu führen die Biostatistiker keine eigenen Untersuchungen durch, sondern verwenden existierende Datensätze zu Wild- und Nutztierbeständen, Niederschlag, Temperatur, Bevölkerungsdichte und Landnutzungsänderungen.

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Geparden in Kenia | Bildquelle: Universität Hohenheim / Joseph Ogutu

Lange Datenreihen auf Papier

Natürlich liegen diese teilweise weit zurückliegenden Daten kaum in elektronischer Form vor. Etliche Male flog Dr. Ogutu nach Afrika, um in den Archiven zahlreicher Institute und Organisationen zu stöbern – und förderte große Stapel Akten zu Tage. Dieser Datenschatz ist bisher kaum ausgewertet.

Eine der wichtigsten Quellen der Forscher ist das Directorate of Resource Surveys and Remote Sensing of Kenya (DRSRS), das seit 1977 regelmäßig die Zahlen zu Wild- und Viehbeständen ermittelt. „Uns liegen mehr als 360 Erhebungen aus der Luft vor. 88 Prozent der Landesfläche haben sie abgedeckt und dabei die Tiere über 15 kg einbezogen“, erklärt Dr. Ogutu. „Alle anderen Tierarten sind zu klein für eine Erfassung vom Flugzeug aus.“

Ergänzt wird das Datenmaterial durch Bestandszahlen aus Tansania für die Serengeti und dem angrenzenden Ngorongoro-Krater, die bis in die 1960er-Jahre zurückreichen. „Aus Kenia liegen uns Klimadaten seit 1914 vor, 242 Wetterstationen in Tansania liefern Regen-Daten seit 1903“, zählt Dr. Ogutu auf. „Dazu kommen noch Satelliten-Daten der Vegetation seit 1982, Bevölkerungszahlen aus Kenia seit 1962, die Zahlen der Elefanten in Kenia seit 1958 und weitere Datensätze.“

All diese Daten aus der Vergangenheit wollen die Forscher statistisch verknüpfen – um so eine Vorhersage für die Entwicklung der Wildtier-Populationen in der Zukunft zu treffen.

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Löwin mit ihren Jungen in Kenia | Bildquelle: Universität Hohenheim / Joseph Ogutu

Weniger Wildtiere – mehr Nutztiere

Die höchsten Bestandsrückgänge zwischen 64 bis 88 Prozent seit 1977 haben die Forscher bei 14 Wildtier-Arten ermittelt, darunter Giraffe, Gnu, Wasserbock, Warzenschwein und Grevy-Zebra.

Im selben Zeitraum ist die Zahl der Hausrinder ebenfalls um 25 Prozent gesunken, aber die Zahl der Schafe und Ziegen (76 % Zuwachs), Kamele (13 %) und Esel (8 %) erheblich angestiegen. „Insgesamt gab es 1977 nur 3,5-mal so viele Nutz- wie Wildtiere, 2013 waren es achtmal so viele“, erklärt Dr. Ogutu.

Auch Klimawandel bringt Wildtiere in Bedrängnis

Diese Entwicklung führen die Forscher auf den Klimawandel mit sinkenden Niederschlagsmengen, höheren Temperaturen und häufigeren Dürreperioden zurück. „Diese Veränderung wirkt sich stärker auf die von Rindern bevorzugten hohen Gräser aus als auf niedrige, die Schafe und Ziegen fressen“, so der Experte. „Daher verschieben sich die Nutztier-Bestände vor allem zu mehr Schafen und Ziegen.“

Doch die höheren Viehbestände führen zu Überweidung und Zerstückelung des Weidelandes. In Kombination mit dem rapiden Bevölkerungswachstum, wachsenden Siedlungen und einer Ausdehnung des Ackerlandes, bringt das die Wildtierbestände immer mehr in Bedrängnis.

Nicht-staatliche Schutzgebiete nützen auch den Menschen

Da etwa 70 Prozent der Wildtiere nicht im Naturpark leben, mahnen die Forscher ein Umdenken beim Wildtiermanagement an. „Bisher hat die Bevölkerung nur Nachteile durch die Wildtiere wie zerstörte Zäune oder Angriffe gegen Mensch und Nutztier“, meint Dr. Ogutu.

„Damit die Menschen von den Wildtieren profitieren, haben sich die sogenannten Conservancies bewährt – kleine, nicht staatliche Schutzgebiete außerhalb der Nationalparks“, erklärt der Experte.

Die Akzeptanz sei hier gegeben, da die Menschen für den Wildtierschutz in den Gebieten einen finanziellen Ausgleich erhalten und zudem auch vom Tourismus profitieren. „Conservancies bieten so einen direkten wirtschaftlichen Nutzen für die arme Landbevölkerung, dienen der Armutsbekämpfung und steigern erfolgreich die Zahl der Wildtiere.“

Mehr Zusammenarbeit im Naturschutz gefragt

Einen Rahmen biete zwar der Wildlife Conservation and Management Act von 2013, der grundsätzlich auf eine Beteiligung der Bevölkerung abziele. Doch nun müssten die verschiedenen Gesetze, Verordnungen und Richtlinien harmonisiert werden. „Das erfordert mehr Zusammenarbeit zwischen Behörden, Naturschutz-Organisationen, dem Privatsektor und den Gemeinden“, mahnt Dr. Ogutu an.

Die Viehzahlen müssen reguliert und dies auch überwacht werden. „Das ist wichtig, da manche Leute das Einkommen aus dem Naturschutz dafür verwenden, mehr Vieh zu kaufen“, erklärt der Forscher. Außerdem brauchen die Gemeinden Schulungen, um ihren neuen Aufgaben gerecht zu werden.

Politik muss Lebensräume der Tiere schützen

Als sinnvoll erachten die Wissenschaftler zudem, Bereiche für den Naturschutz und für die Weidewirtschaft abzugrenzen und so Wildtiere und ihre Lebensräume einschließlich ihrer Migrationsrouten zu schützen. „Dazu“, betont Dr. Ogutu, „ist eine wirksame Raumordnungspolitik künftig unumgänglich. Doch bisher hat die Politik in diesen Fragen versagt.“

In den kommenden Projekt-Jahren wollen die Wissenschaftler weitere Einflussgrößen untersuchen und die Ergebnisse verfeinern. „Wir haben noch etliche Datensätze vorliegen, die neue Erkenntnisse bringen können – etwa zur Vegetation und zu Feuerereignissen, zu den Populationen von Elefanten und Büffeln, zur Verteilung und Migration der Tiere und auch zu Siedlungen und Landnutzung.“

Hintergrund zum Projekt

AfricanBioServices ist ein Netzwerk von afrikanischen und europäischen Wissenschaftlern. Sie forschen gemeinsam am Projekt „Linking biodiversity, ecosystem functions and services in the Serengeti-Mara Region, East Africa: Drivers of change, causalities and sustainable management strategies”. Es startete am 1.9.2015 und läuft bis 31.8.2019. Die EU fördert das Projekt im Rahmen des Programms Horizont 2020 – an der Universität Hohenheim mit 597.600 Euro.

Hintergrund: Schwergewichte der Forschung

31,2 Millionen Euro an Drittmitteln akquirierten Wissenschaftler der Universität Hohenheim 2015 für Forschung und Lehre. In loser Folge präsentiert die Reihe „Schwergewichte der Forschung“ herausragende Forschungsprojekte mit einem finanziellen Volumen von mindestens 250.000 Euro bei den Experimentalwissenschaften bzw. 125.000 Euro bei den Sozial- und Gesellschaftswissenschaften. PM Uni Hohenheim/SE

Beitragsbild: Elefant in Kenia | Bildquelle: Universität Hohenheim / Joseph Ogutu

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