Alfred Brehm: Der Wolf

“Hier mal was zum Wolf von Alfred Brehm, alt, aber wahrscheinlich aus der Praxis”, schreibt Jawina-Leser AHe, dessen Anregung (danke nochmal dafür!) wir gerne aufnehmen: Im folgenden das Kapitel “Der Wolf” aus Brehms Tierleben von 1827:

Der Wolf ( Canis lupus) hat etwa die Gestalt eines großen, hochbeinigen, dürren Hundes, der den Schwanz hängen läßt, anstatt ihn aufgerollt zu tragen. Bei schärferer Vergleichung zeigen sich die Unterschiede namentlich in folgendem: Der Leib ist hager, der Bauch eingezogen; die Läufe sind klapperdürr und schmalpfotig; die langhaarige Lunte hängt bis auf die Fersen herab; die Schnauze scheint im Verhältnis zu dem dicken Kopfe gestreckt und spitzig; die breite Stirn fällt schief ab; die Seher stehen schief, die Lauscher immer aufrecht. Der Pelz ändert ab nach dem Klima der Länder, die der Wolf bewohnt, ebensowohl hinsichtlich des Haarwuchses wie bezüglich der Färbung. In den nördlichen Ländern ist die Behaarung lang, rauh und dicht, am längsten am Unterleibe und an den Schenkeln, buschig am Schwanze, dicht und aufrechtstehend am Halse und an den Seiten, in südlichen Gegenden im allgemeinen kürzer und rauher. Die Färbung ist gewöhnlich fahlgraugelb mit schwärzlicher Mischung, die an der Unterseite lichter, oft weißlichgrau erscheint. Im Sommer spielt die Gesamtfärbung mehr in das Rötliche, im Winter mehr in das Gelbliche, in nördlichen Ländern mehr in das Weiße, in südlichen mehr in das Schwärzliche. Die Stirne ist weißlichgrau, die Schnauze gelblichgrau, immer aber mit Schwarz gemischt; die Lippen sind weißlich, die Wangen gelblich und zuweilen undeutlich schwarz gestreift, die dichten Wollhaare fahlgrau. Hier und da kommt eine schwarze Spielart des Wolfes vor. Gebirgswölfe sind am allgemeinen groß und stark, Wölfe der Ebenen merklich kleiner und schwächer, keineswegs aber auch minder raub- oder angriffslustig. In Ungarn und Galizien unterscheidet man ganz allgemein den Rohr- und Waldwolf. Ersterer ist rötlichgrau, nicht stärker als ein mittelgroßer Vorstehhund, lebt meistens in zahlreichen Rotten beisammen und liebt ebene, sumpfige, nicht sehr waldreiche Gegenden; letzterer hat aschgraue Färbung, erreicht eine viel bedeutendere Größe als der Rohrwolf, schlägt sich nur während der Ranzzeit in größere Meuten zusammen, bildet außerdem Trupps von zwei bis fünf Stück und bevorzugt zusammenhängende Waldungen. Beide können wohl nur als Spielarten aufgefaßt werden, ebenso wie der in China hausende Tschango schwerlich als besondere Art sich bewähren dürfte. Ein ausgewachsener Wolf erreicht 1,6 Meter Leibeslänge, wovon 45 Zentimeter auf den Schwanz kommen; die Höhe am Widerriste beträgt etwa 66 Zentimeter. Die Wölfin unterscheidet sich von dem Wolfe durch etwas schwächeren Körperbau, spitzere Schnauze und dünneren Schwanz.

Noch heutigen Tages ist der Wolf weit verbreitet, so sehr auch sein Gebiet gegen frühere Zeiten beschränkt wurde. Er findet sich gegenwärtig noch fast in ganz Europa, wenn auch in den bevölkertsten Ländern dieses Erdteiles nur in den Hochgebirgen. In Spanien ist er in allen Gebirgen und selbst in den größeren Ebenen eine ständige Erscheinung, in Griechenland, Italien und Frankreich häufig genug, in der Schweiz seltener, im mittleren und nördlichen Deutschland wie in Großbritannien gänzlich ausgerottet worden, im Osten Europas gemein. Ungarn und Galizien, Kroatien, Krain, Serbien, Bosnien, die Donaufürstentümer, Polen, Rußland, Schweden, Norwegen und Lappland sind diejenigen Länder, in denen er jetzt noch in namhafter Menge auftritt. Auf Island und den Inseln des Mittelmeeres scheint er niemals vorgekommen, in den Atlasländern dagegen ebenfalls vorhanden zu sein. Außerdem verbreitet er sich über ganz Nordost- und Mittelasien und wird in Nordamerika durch einen ihm so nahestehenden Verwandten ersetzt, daß man auch den Westen der Erde in seinen Verbreitungskreis gezogen hat.

Die Alten kannten den Wolf genau. Viele griechische und römische Schriftsteller sprechen von ihm, einige nicht allein mit dem vollen Abscheu, den Isegrimm von jeher erregt hat, sondern auch bereits in geheimer Furcht vor ungeheuerlichen oder gespenstigen Eigenschaften des Tieres. In der altgermanischen Göttersage wird der Wolf, das Tier Wodans, eher geachtet als verabscheut.

Wolf_Brehm

Wolf. Illustration aus Brehms Tierleben, Band 4, Raubtiere: Hundeartige. Hyänen., Hamburg 1927 http://www.projekt.gutenberg.de/buch/-7675/1

Der Wolf wird zwar allmählich mehr und mehr zurückgedrängt; doch ist der letzte Tag seines Auftretens im gesitteten Europa anscheinend noch fern. Im achtzehnten Jahrhundert fehlte das schädliche Raubtier keinem größeren Waldgebiete unseres Vaterlandes, und auch im neunzehnten Jahrhundert sind hier nach amtlichen Angaben immerhin noch Tausende erlegt worden. Innerhalb der Grenzen Preußens wurden im Jahre 1819 noch eintausendundachtzig Stück geschossen. In Pommern allein wurden erlegt im Jahre 1800 hundertundachtzehn Stück, 1801 hundertundneun Stück, 1802 hundertundzwei, 1803 sechsundachtzig, 1804 hundertundzwölf, 1802 fünfundachtzig, 1806 sechsundsiebzig, 1807 zwölf, 1808 siebenunddreißig, 1809 dreiundvierzig. Sie wurden dann seltener, folgten jedoch im Jahre 1812 den sich aus Rußland zurückziehenden Franzosen und kamen nun wieder in sehr großer Menge vor: im Kösliner Regierungsbezirk wurden im Jahre 1816 bis 1817 hundertdreiundfünfzig Stück ausgelöst. Gegenwärtig sind sie sehr selten geworden; doch verlaufen sich alljährlich noch einzelne Wölfe aus Rußland nach Ost- und Westpreußen, in strengen Wintern auch nach Oberschlesien, unter Umständen bis tief in das Land. So trieben, laut Pagenstecher, im Jahre 1866 Wölfe im Odenwalde ihr Unwesen, bis es nach vielen vergeblichen Jagden endlich gelang, ihrer habhaft zu werden. Im ganzen Südosten Österreichs, zumal Ungarns und den dazu gehörigen slawischen Ländern, muß man allwinterlich mehr oder minder großartige Jagden veranstalten und sonstige Vertilgungsmittel anwenden, um den Wölfen zu steuern, hat aber in waldigen, dünnbevölkerten Gegenden bis heutigen Tages noch herzlich wenig auszurichten vermocht. Die Anzahl der Wölfe, die jährlich in Rußland erlegt und von den Behörden ausgelöst werden, ist nicht genau bekannt, jedenfalls aber eine sehr erhebliche Menge. Dasselbe ist in Norwegen und Schweden der Fall.

Der Wolf bewohnt einsame, stille Gegenden und Wildnisse, namentlich dichte, düstere Wälder, Brüche mit morastigen und trockenen Stellen, und im Süden die Steppen. In Mitteleuropa findet er sich nur in den Hochgebirgen; im Süden, Osten und Norden haust er in Waldungen aller Höhengürtel, selbst in nicht allzu großen Buschdickichten, auf Kaupen in Brüchen und Sümpfen, in Rohrwäldern, Maisfeldern, in Spanien sogar in Getreidefeldern, oft in geringer Nähe der Ortschaften. Diese meidet er überhaupt viel weniger, als man gewöhnlich annimmt, hütet sich nur, solange der Hunger es ihm irgendwie gestattet, sich sehr bemerklich zu machen. Wenn er nicht durch das Fortpflanzungsgeschäft gebunden wird, hält er sich selten längere Zeit an einem und demselben Orte auf, schweift vielmehr weit umher, verläßt eine Gegend tage- und wochenlang und kehrt dann wieder nach dem früheren Aufenthaltsorte zurück, um ihn von neuem abzujagen.

In dicht bevölkerten Gegenden zeigt er sich nur ausnahmsweise vor Einbruch der Dämmerung, in einsamen Wäldern dagegen wird er, wie der Fuchs unter ähnlichen Umständen, schon in den Nachmittagsstunden rege, schleicht und lungert umher und sieht, ob nichts für seinen ewig bellenden Magen abfalle. Während des Frühjahrs und Sommers lebt er einzeln, zu zweien, zu dreien, im Herbste in Familien, im Winter in mehr oder minder zahlreichen Meuten, je nachdem die Gegend ein Zusammenscharen größerer Rudel begünstigt oder nicht. Trifft man ihn zu zweien an, so hat man es in der Regel, im Frühjahre fast ausnahmslos, mit einem Paare zu tun; bei größeren Trupps pflegen männliche Wölfe zu überwiegen. Einmal geschart, treibt er alle Tagesgeschäfte gemeinschaftlich, unterstützt seine Mitwölfe und ruft diese nötigenfalls durch Geheul herbei. Gesellschaftlich treibt er sein Umherschweifen ebensogut, als wenn er einzeln lebt, folgt Gebirgszügen mehr als fünfzig Meilen weit, wandert über Ebenen von mehr als hundert Meilen Durchmesser, durchreist, von einem Walde zum anderen sich wendend, ganze Provinzen und tritt deshalb zuweilen urplötzlich in Gegenden auf, in denen man ihn längere Zeit, vielleicht Jahre nacheinander, nicht beobachtete.

Während andauernder Kriege zieht er den Heeren nach; so folgten in den Jahren 1812 und 1813 die vierbeinigen Raubmörder den Franzosen von Rußland her bis in die Rheinländer. Erwiesenermaßen durchmißt er bei seinen Jagd- und Wanderzügen Strecken von sechs bis zehn Meilen in einer einzigen Nacht. Nicht selten, im Winter bei tiefem Schnee ziemlich regelmäßig, bilden Wolfsgesellschaften lange Rotten, indem die einzelnen Tiere, wie die Indianer auf ihrem Kriegspfade, dicht hintereinander herlaufen und möglichst in dieselbe Spur treten, so daß es selbst für den Kundigen schwer wird, zu erkennen, aus wie vielen Stücken eine Meute besteht. Gegen Morgen bietet irgendein dichter Waldesteil der wandernden Räubergesellschaft Zuflucht; in der nächsten Nacht geht es weiter, bisweilen auch wieder zurück. Gegen das Frühjahr hin, nach der Ranzzeit, vereinzeln sich die Rudel, und die trächtige Wölfin sucht, nach bestimmten Versicherungen glaubwürdiger Jäger, meist in Gesellschaft eines Wolfes, ihren früheren oder einen ähnlichen Standort wieder auf, um zu wölfen und ihre Jungen zu erziehen.

Die Beweglichkeit des Wolfes bedingt großen Aufwand von Kraft, raschen Stoffwechsel und unverhältnismäßig bedeutenden Nahrungsverbrauch; der gefährliche Räuber fügt daher allerorten, wo er auftritt, dem ihm erreichbaren Getier empfindliche Verluste zu. Sein Lieblingswild bilden Haus- und größere Jagdtiere aller Arten, behaarte wie befiederte; doch begnügt er sich mit Kleingetier aller fünf Wirbelklassen, frißt selbst Kerbtiere und verschmäht ebenso verschiedene Pflanzenstoffe nicht. Der Schaden, den er durch seine Jagd anrichtet, würde, obschon immer bedeutend, so doch vielleicht zu ertragen sein, ließe er sich von seinem ungestümen Jagdeifer und ungezügelten Blutdurst nicht hinreißen, mehr zu würgen, als er zu seiner Ernährung bedarf. Hierdurch erst wird er zur Geisel für den Hirten und Jagdbesitzer, zum ingrimmig oder geradezu maßlos gehaßten Feinde von jedermann. Während des Sommers schadet er weniger als im Winter. Der Wald bietet ihm neben dem Wilde noch mancherlei andere Speise: Füchse, Igel, Mäuse, verschiedene Vögel und Kriechtiere, auch Pflanzenstoffe; von Haustieren fällt ihm daher jetzt höchstens Kleinvieh, das in der Nähe seines Aufenthaltsortes unbeaufsichtigt weidet, zur Beute.

Unter dem Wilde räumt er entsetzlich auf, reißt und versprengt Elche, Hirsche, Damhirsche, Rehe, und vernichtet fast alle Hasen seines Gebietes, greift dagegen größeres Hausvieh doch nur ausnahmsweise an. Manchmal begnügt er sich längere Zeit mit Ausübung der niedersten Jagd, folgt wie Islawin berichtet, den Zügen der Lemminge durch Hunderte von Wersten und nährt sich dann einzig und allein von diesen Wühlmäusen, sucht Eidechsen, Nattern und Frösche, und liest sich Maikäfer auf. Aas liebt er leidenschaftlich und macht da, wo er mit Vetter Luchs zusammenhaust, reinen Tisch auf dessen Schlachtplätzen. Ganz anders tritt er im Herbste und Winter auf. Jetzt umschleicht er das draußen weidende Vieh ununterbrochen und schont weder große noch kleine Herdentiere, die wehrhaften Pferde, Rinder und Schweine nur dann, wenn sie in geschlossenen Herden zusammengehen und er sich noch nicht in Meuten geschart hat.

Mit Beginn des Winters nähert er sich den Ortschaften mehr und mehr, kommt bis an die letzten Häuser von St. Petersburg, Moskau und anderer russischer Städte, dringt in die ungarischen und kroatischen Ortschaften ein, durchläuft selbst Städte von der Größe Agrams und treibt in kleineren Flecken und Dörfern regelrechte Jagd, zumal auf Hunde, die ein ihm sehr beliebtes Wild und im Winter die einzige in der Nähe der Dörfer leicht zu erlangende Beute sind. Zwar verabsäumt er, wie ich in Kroatien erfuhr und in der »Gartenlaube« bereits mitgeteilt habe, keineswegs, auch eine andere Gelegenheit sich zunutze zu machen, schleicht sich ohne Bedenken in einen Stall ein, dessen Türe der Besitzer nicht gehörig verschlossen, springt sogar durch ein offenstehendes Fenster oder eine ihm erreichbare Luke in denselben und würgt, wenn er seinen Rückzug gedeckt sieht, alles vorhandene Kleinvieh ohne Gnade und Barmherzigkeit, in gleichsam blinder, unüberlegter Mordgier wie ein Tiger hausend; doch gehören Einbrüche des frechen Räubers in Viehställe immerhin zu den Seltenheiten, während alle Dorfbewohner der von ihm heimgesuchten Gegenden allwinterlich einen guten Teil ihrer Hunde einbüßen, ebenso wie der Wolfsjäger regelmäßig im Laufe des Sommers mehrere von seinen treuen Jagdgenossen verliert.

Jagt der Wolf in Meuten, so greift er auch Pferde und Rinder an, obgleich diese ihrer Haut sich zu wehren wissen. In Rußland erzählt man sich, wie Loewis mir mitteilt, daß hungrige Wolfsmeuten sogar den Bären anfallen und nach heftigem Kampfe schließlich bewältigen sollen; ob etwas Wahres an dieser unglaublich scheinenden Erzählung ist, lasse ich billig dahin gestellt sein. So viel ist sicher, daß der Wolf auf alles Lebende Jagd macht, das er bewältigen zu können glaubt. Immer und überall aber hütet er sich so lange wie irgend möglich, mit dem Menschen sich einzulassen. Die schauerlichen Geschichten, die in unseren Büchern erzählt und von unserer Einbildungskraft bestens ausgeschmückt werden, beruhen zum allergeringsten Teil auf Wahrheit. Daß eine vom Hunger gepeinigte, blindwütende Wolfsmeute auch einen Menschen überfällt, niederreißt, tötet und auffrißt, kann leider nicht in Abrede gestellt werden; so schlimm aber wie man sich die Gefahren vorstellt, die den Menschen in von Wölfen bewohnten Ländern bedrohen, ist die Sache bei weitem nicht. Ein wehrloses Kind, ein Weib, das zur Unzeit vor das Dorf sich wagt, mag in der Regel gefährdet sein; ein Mann, und wenn er auch nur mit einem Knüppel bewaffnet wäre, ist es nur in seltenen, durch Zusammentreffen ungünstiger Umstände herbeigeführten Fällen. Einzelne Wölfe wagen sich schwerlich jemals an einen Erwachsenen, Trupps schon eher; vom Hunger gepeinigte Meuten können gefährlich werden.

Bei seinen Jagden verfährt der Wolf mit List und Schlauheit des Fuchses, von dessen Eigenschaften er gelegentlich auch noch eine andere, die Frechheit, an den Tag legt. Er nähert sich einer ausersehenen Beute mit äußerster Vorsicht, unter sorgfältiger Beachtung aller Jagdregeln, schleicht lautlos bis in möglichste Nähe an das Opfer heran, springt ihm mit einem geschickten Satze an die Kehle und reißt es nieder. An Wechseln lauert er stundenlang auf das Wild, gleichviel ob dasselbe ein Hirsch oder Reh oder in Dauriens Steppen ein in den Bau geschlüpftes Murmeltier ist; einer Fährte folgt er mit untrüglicher Sicherheit. Bei gemeinschaftlichen Jagden handelt er im Einverständnisse mit der übrigen Meute, indem ein Teil die Beute verfolgt, der andere ihr den Weg abzuschneiden und zu verlegen sucht. »Begegnen Wölfe«, schreibt mir Loewis, »in der Ebene einem Fuchse, so teilen sie sich sofort und suchen ihn zu umzingeln, während einige die Hetze aufnehmen. Meister Reineke ist dann gewöhnlich verloren, wird schnell gefaßt, noch schneller zerrissen und verschlungen.« Angesichts einer Herde bemühen sie sich, wie schon die Alten wußten, die Hunde wegzulocken, und fallen dann über die Schafe her. Gejagt, erhebt sich der Wolf, beim ersten Lautwerden der Rüden, um sich fortzustehlen, gibt aber genau darauf acht, wie viele Hunde ihm folgen, überfällt, wenn ein einzelner durch das Jagdfeuer verlockt wurde, von den übrigen sich zu trennen, diesen ohne weiteres und erwürgt ihn.

Aus vorstehenden Angaben geht zur Genüge hervor, wie schädlich der Wolf wird. Bei den Nomadenvölkern oder allen denen, die Viehzucht treiben, ist er entschieden der schlimmste aller Feinde. Es kommt vor, daß er die Viehzucht wirklich unmöglich macht. So wurde ein Versuch, das so nützliche Ren auch auf den südlichen Gebirgen Norwegens zu züchten oder in Herden zu halten, durch die Wölfe vereitelt. Man hatte Rentiere aus Lappland gebracht und der Obhut einiger Lappen übergeben, die ihrem Amte so gut vorstanden, daß nach wenigen Jahren die Herden von Hunderten auf Tausende gewachsen waren. Mit der Vermehrung der Rentiere nahm aber die Zahl der Wölfe derart überhand, daß man zuletzt gezwungen wurde, die Rentiere teils zu töten, teils verwildern zu lassen, um nur die Plage wieder los zu werden. In der russischen Provinz Livland wurden im Jahre 1823 bei den Behörden als den Wölfen zur Beute gefallene Tiere angemeldet: 15182 Schafe, 1807 Rinder, 1841 Pferde, 3270 Lämmer und Ziegen, 4190 Schweine, 703 Hunde und 1873 Gänse und Hühner.

Im Großherzogtum Posen wurden im Jahre 1820 neunzehn Erwachsene und Kinder zerrissen, und doch hatte die Preußische Regierung in den vorhergehenden Jahren 4618 Taler Schußgeld für erlegte Wölfe bezahlt. Ein einziger Wolf, der sich, laut Kobell, bevor er getötet wurde, neun Jahre in der Gegend von Schliersee und Tegernsee umhertrieb, hat nach amtlichen Erhebungen während dieser Zeit gegen 1000 Schafe und viel Wildbret zerrissen, so daß der von ihm verursachte Schaden auf 8000 bis 10000 Gulden geschätzt wurde. Im Jagdwalde bei Temeswar, der eine Achtelmeile von der Festung entfernt liegt, rissen die Wölfe in einem Winter über 70 Rehe, in einem walachischen Grenzdorfe binnen zwei Monaten 31 Rinder und 3 Pferde, in der kroatischen Ortschaft Basma in einer Nacht 35 Schafe. Im Dorfe Suhaj in Kroatien trieb, laut mir gewordenem Berichte, am 8. Dezember 1871 der Hirt eine Herde Schafe auf die Weide und wurde hier von etwa sechzig Wölfen überfallen, die ihm 24 Schafe zerrissen und auffraßen: die übrigen zerstoben in alle Winde und nur ein Lamm kehrte zurück. Ähnliches geschieht aller Orten, wo diese Raubtiere hausen. In Lappland ist das Wort Friede gleichbedeutend mit Ruhe vor den Wölfen. Man kennt bloß einen Krieg, und dieser gilt gedachten Raubtieren, die das lebendige Besitztum der armen Nomaden des Nordens oft in der empfindlichsten Weise schädigen.

Es ist kein Wunder, wenn die gefährlichen Tiere, zumal da, wo sie in Menge auftreten, nicht bloß unter den Menschen, sondern auch unter den Tieren Angst und Schrecken verursachen. Die Pferde werden in hohem Grade unruhig, sobald sie einen Wolf wittern, die übrigen Haustiere, mit Ausnahme der Hunde, ergreifen die Flucht, wenn sie nur die geringste Wahrnehmung von ihrem Hauptfeinde erlangt haben. Für gute Hunde aber scheint es kein größeres Vergnügen zu geben als die Wolfsjagd, wie ja überhaupt die Hunde dadurch sich auszeichnen, daß sie gerade die gefährlichste Jagd am liebsten betreiben. Ein Hund, der auf eine Wolfsfährte gesetzt wird, vergißt alles, gerät in die namenloseste Wut und ruht nicht eher, als bis er seinen Feind am Kragen hat. Dann achtet er keine Verwundung, nicht einmal den Tod seiner Gefährten. Noch sterbend sucht er an dem Wolfe sich festzubeißen. Doch nehmen keineswegs alle Hunde eine Wolfsfährte auf; viele kehren im Gegenteil sofort um, wenn sie den verhaßten Wolf wittern. Die Größe der Rüden kommt weniger in Betracht als die Rasse oder Abstammung und die Schule, die sie durchgemacht haben. Kleine Kläffer sind nicht selten viel erbittertere Gegner des Raubtieres als große, nicht von dem nötigen Mute beseelte Beißer.

Auch andere Haustiere wissen sich gegen den Wolf zu verteidigen. »In den südrussischen Steppen«, sagt Kohl, »wohnen die Wölfe in selbst gegrabenen Höhlen, die oft klaftertief sind. Kaum sind sie irgendwo häufiger als in den waldigen und buschigen Ebenen der Ukraine und Kleinrußlands. Jede menschliche Wohnung ist dort eine wahre Festung gegen die Wölfe, und mit vier bis fünf Meter hohen Dornmauern umgeben. Diese Tiere umschleichen in der Nacht immerfort die Herden der russischen Steppen. Den Pferdeherden nahen sie sich mit Vorsicht, suchen einzelne Füllen wegzuschnappen, die sich zu weit von der Herde weggewagt haben, oder beschleichen auch einzelne Pferde, springen ihnen an die Gurgel und reißen sie nieder. Merken die übrigen Pferde den Wolf, so gehen sie ohne weiteres auf ihn zu und hauen, wenn er nicht weicht, mit den Vorderhufen auf ihn los, ja die Hengste packen ihn auch mit den Zähnen. Oft wird der Wolf schon auf den ersten Schlag erlegt, oft aber macht er eine schnelle Wendung, packt das angreifende Pferd an der Gurgel und reißt es zu Boden. Auch viele zugleich erscheinende Wölfe sind nicht imstande, eine Pferdeherde zum Weichen zu bringen, kommen im Gegenteil, wenn sie sich nicht bald zurückziehen, in Gefahr, umringt und erschlagen zu werden.

In ebenso mißliche Lage gerät Isegrim, wenn er versucht in den Waldungen Spaniens oder Kroatiens einen Schweinebraten sich zu holen. Ein vereinzeltes Schwein wird ihm vielleicht zur Beute; eine größere, geschlossene Herde dagegen bleibt, wie man mir in Spanien und Kroatien übereinstimmend versicherte, regelmäßig von Wölfen verschont, wird von diesen sogar ängstlich gemieden. Die tapferen Borstenträger stehen mutig ein für das wohl der Gesamtheit, alle für einen, und bearbeiten den bösen Wolf, der sich erfrechen sollte, unter ihnen einzufallen, mit den Hauzähnen so wacker, daß er alle Räubergelüste vergißt und nur daran denkt, sein aufs höchste bedrohtes Leben in Sicherheit zu bringen. Versäumt er den rechten Augenblick, so wird er von den erbosten Schweinen unbarmherzig niedergemacht und dann mit demselben Behagen verzehrt, den ein Schweinebraten bei ihm erwecken mag. So erklärt es sich, daß man da, wo Schweine im Walde weiden, fast nie einen Wolf spürt, und andererseits wird es verständlich, daß der Jäger, der mit seinen Hunden zufällig in die Nähe einer Schweineherde gerät, nicht minder ernste Gefahr läuft als die Wölfe. Denn die Schweine sehen in den Hunden so nahe Verwandte der von ihnen gefürchteten Raubtiere, daß sie sich ebenso gut auf jene stürzen wie auf diese und, einmal wütend geworden, auch den zum Schutze seiner treuen Gehilfen herbeieilenden Jäger nicht schonen. Selbst einzelne Schweine kämpfen auf Leben und Tod, ehe sie sich dem Wolfe ergeben.

In den Waldungen Andalusiens fand man, wie man nur an Ort und Stelle erzählte, eine starke Bache verendend zwischen zwei von ihr erlegten Wölfen. Nur die Schafe fügen sich mit der, gläubigen Seelen eigenen Ergebung willenlos in das Unvermeidliche. “Hat der Wolf bemerkt”, schildert Kohl weiter, “daß Schäfer und Hunde nicht zur Hand sind, so packt er das erste beste Schaf und reißt es nieder. Die übrigen fliehen zwei- bis dreihundert Schritte weit, drängen sich dicht zusammen und gaffen mit den dümmsten Augen der Welt nach dem Wolfe hin, bis er kommt und sich noch eins holt. Nun reißen sie wieder einige hundert Schritte aus und erwarten ihn abermals.” An die Rindviehherden wagt sich gewöhnlich kein Wolf, weil der ganze Schwarm sich gleich über ihn hermacht und ihn mit den Hörnern zu spießen sucht. Er trachtet nur darnach, abgesonderte Kälber oder auch Rinder zu erlegen, und springt diesen ebenso an die Kehle wie dem Pferde. Schwächere Haustiere sind verloren, wenn sie nicht rechtzeitig einen sicheren Zufluchtsort erreichen können, und der Wolf folgt ihnen auf seiner Jagd durch Sumpf und Moor, ja selbst durch das Wasser.

Der Wolf besitzt alle Begabungen und Eigenschaften des Hundes: dieselbe Kraft und Ausdauer, dieselbe Sinnesschärfe und denselben Verstand. Aber er ist einseitiger und erscheint weit unedler als der Hund, unzweifelhaft einzig und allein deshalb, weil ihm der erziehende Mensch fehlt. Sein Mut steht in gar keinem Verhältnisse zu seiner Kraft. So lange er nicht Hunger fühlt, ist er eines der feigsten und furchtsamsten Tiere, die es gibt. Er flieht dann nicht bloß vor Menschen und Hunden, vor einer Kuh oder einem Ziegenbocke, sondern auch vor einer Herde Schafe, sobald die Tiere sich zusammenrotten und ihre Köpfe gegen ihn richten. Hörnerklang und anderes Geräusch, das Klirren einer Kette, lautes Schreien usw. vertreibt ihn regelmäßig. In der Tierfabel wird er als tölpelhafter, täppischer Gesell dargestellt, der sich von Vetter Reineke fortwährend überlisten und betrügen läßt: dieses Bild entspricht der Wirklichkeit jedoch durchaus nicht. Der Wolf gibt dem Fuchse an Schlauheit, List, Verschlagenheit und Vorsicht nicht das geringste nach, übertrifft ihn womöglich noch in allen diesen Stücken. In der Regel benimmt er sich den Umständen angemessen, überlegt, bevor er handelt, und weiß auch in bedrängter Lage noch den rechten Ausweg zu finden. Eine Beute beschleicht er mit ebensoviel Vorsicht wie List; selbst gejagt, kommt er äußerst bedachtsam herangetrabt. Seine Sinne sind ebenso scharf wie die des zahmen Hundes, Geruch, Gehör und Gesicht gleich vortrefflich. Es wird behauptet, daß er nicht bloß spüre, sondern auch auf große Strecken hin wittere. Daß er leises Geräusch in bedeutender Entfernung vernimmt und zu deuten weiß, ist sicher. Ebenso versteht er genau, welchem Tiere eine Fährte angehört, die er zufällig auf seinen Streifereien gefunden hat. Er folgt dieser dann, ohne sich um andere zu kümmern. Seine elende Feigheit, seine List und die Schärfe seiner Sinne zeigt sich bei seinen Überfällen. Er ist dabei überaus vorsichtig und behutsam, um ja seine Freiheit und sein Leben nicht aufs Spiel zu setzen.

Niemals verläßt er seinen Hinterhalt, ohne vorher genau ausgespürt zu haben, daß er auch sicher sei. Mit größter Vorsicht vermeidet er jedes Geräusch bei seinem Zuge. Sein Argwohn sieht in jedem Stricke, jeder Öffnung, in jedem unbekannten Gegenstande eine Schlinge, eine Falle oder einen Hinterhalt. Deshalb vermeidet er es immer, durch ein offenes Tor in einen Hof einzudringen, falls er irgendwie über die Einfriedigung springen kann. Angebundene Tiere greift er ebenfalls nur im äußersten Notfalle an, jedenfalls weil er glaubt, daß sie als Köder für ihn hingestellt worden sind. Sieht er ein, daß ihm der Rückzug verschlossen ist, so kauert er sich selbst im Schafstalle feige in eine Ecke, ohne dem Vieh etwas zu Leide zu tun, und wartet angsterfüllt der Dinge, die da kommen sollen. Ganz ebenso ist sein Gebaren in anderen unangenehmen Lagen seines Lebens, beispielsweise in Fallgruben, die seinen eifrigen Jagden ein jähes Ende bereiteten. Er denkt hier nicht an Raub und Mord, vielmehr einzig und allein an Rettung. Der alte Geßner gibt nachstehenden Bericht Justinus Geblers mit folgenden Worten wieder:

“Es hat sich begäben als sein vatter, aus sonderbarem lust so er zu jagen hat, etliche graben, gruben vnd löcher in seinem acker bereitet hat, allerley gewild darinn zu fahen, daß aufs ein nacht drey vngleyche, widerwertige thier in sölchen graben gefallen. Erstlich ein alt weyb, so auß dem garten auff den abendt kraut, zibel, rüben hat wöllen holen: Ein Fuchs, Ein Wolff. Als nun ein yedes daz ort vnd statt behielt, dahin es gefallen, sich ein yedes die gantze nacht still hielt, one zweysel auß sorcht, obgleych der Wolff das grimmest vnder jenen war, hielt er sich doch in forcht still, thet niemants kein schaden, allein daß das weyb von forcht wägen, gantz graw, kraftloß vnd halb todt worden. Als morgens frü der vatter nach seiner gewonheit die gräben besichtiget, auß begird so er nach dem gewild hat, ersicht er den wunderbarlichen fang, erstaunet darob, spricht der frouwen zu, welche garnach todt, ein wenig zu jren selber kommen, springt als ein mannlicher, geherzter mann in den graben, ersticht den Wolsf, schlecht den Fuchs zu todt, tregt die frouwen halber todt mit hilff einer leiteren auff seinen armen auß dem graben, bringt sie widerumb zu hauß, verwunderet sich, daß söllich frässig, schädlich thier der frouwen vnd anderem gewild verschonet hat.”

An diese alte heitere Geschichte erinnerte auch eine andere, die mir in Kroatien erzählt wurde. Der Bauer Fundec im Dorfe Gratschetz fand mitten im Sommer zu seiner nicht geringen Verwunderung einen Wolf in der von ihm im Winter errichteten Wolfsgrube auf dem Boden sitzend. Ohne Waffen, wie er war, versuchte er das Raubtier mit einem rasch herbeigeholten Knüppel zu erschlagen, verlor dabei das Gleichgewicht, stürzte in die Grube hinab und kam hier auf Hände und Füße zu liegen. Noch ehe er sich aufgerichtet, hatte Isegrim den günstigen Augenblick ersehen, nicht um ihm an die Kehle, sondern um auf seinen Rücken zu springen und so das Freie zu gewinnen, während der Bauer lange Zeit sich abmühen mußte und nur mit Hilfe des besagten Knüppels überhaupt imstande war, aus der Grube herauszukommen.

Anders benimmt sich der Wolf, wenn ihn der quälende Hunger zur Jagd treibt. Dieser verändert das Betragen und läßt ihn Vorsicht und List ganz vergessen, stachelt aber seinen Mut an. Der hungrige Wolf ist geradezu tollkühn und fürchtet sich vor nichts mehr: es gibt für ihn kein Schreckmittel.

Bei älteren Wölfen beginnt die Ranzzeit Ende Dezember und währt bis Mitte Januar; bei jüngeren tritt sie erst Ende Januar ein und währt bis Mitte Februar. Die liebesbrünstigen Männchen kämpfen dann unter einander auf Tod und Leben um die Weibchen. Nach einer Trächtigkeitsdauer von drei- oder vierundsechzig Tagen, die also der unserer größeren Hunderassen genau entspricht, bringt die Wölfin an einem geschützten Plätzchen im tiefen Walde drei bis neun, gewöhnlich vier bis sechs Junge. In Kurland wählt sie, nach einer brieflichen Mitteilung des Kreisförsters Kade, zu ihrem Wochenbette erhabene, dicht mit Holz bestandene Stellen in den großen Morästen, die nicht leicht von Menschen oder Weidevieh betreten und von den Jägern Traden, d. h. Aufenthaltsorte der Wölfe, genannt werden; im Süden Europas wölft sie in selbstgegrabenen Löchern unter Baumwurzeln oder auch wohl in einem erweiterten Fuchs- und Dachsbaue. Die Jungen bleiben auffallend lange, nach den von Schöpff im Tiergarten zu Dresden gemachten Beobachtungen, einundzwanzig Tage, blind, wachsen anfänglich langsam, später sehr rasch, betragen sich ganz nach Art junger Hunde, spielen lustig miteinander und katzbalgen zuweilen unter lautem, auf weithin hörbarem Geheul und Gekläff. Die Wölfin behandelt sie mit aller Zärtlichkeit einer guten Hundemutter, beleckt und reinigt sie, säugt sie sehr lange, schafft reichliche, dem jeweiligen Stande des Wachstums entsprechende Nahrung für sie herbei, ist fortwährend ängstlich bestrebt, sie nicht zu verraten und trägt sie, wenn ihr Mißtrauen erregt wurde oder Gefahr droht, im Maule nach einem anderen ihr sicher dünkenden Ort. Die Jungen wachsen bis ins dritte Jahr und werden in diesem fortpflanzungsfähig. Das Alter, das sie überhaupt erreichen, dürfte sich auf zwölf bis fünfzehn Jahre belaufen. Viele mögen dem Hungertode erliegen; andere sterben an den vielen Krankheiten, denen die Hunde überhaupt ausgesetzt sind.

Durch vielfache Versuche ist es zur Genüge festgestellt, daß durch Paarung des Wolfs mit der Hündin oder des Hundes mit der Wölfin Blendlinge entstehen, die wiederum fruchtbare Junge erzeugen. Diese Bastarde halten nicht immer die Mitte zwischen Wolf und Hund, und auch die Jungen eines Wurfes sind sehr verschieden. In der Regel ähneln sie mehr dem Wolf als dem Hund, obwohl ebenso hundähnliche vorkommen. Ungeachtet aller Abneigung, die zwischen Wolf und Hund besteht, paaren sich beide, und zwar ebensowohl in der Gefangenschaft wie im Freien, ohne Zutun des Menschen. In galizischen Walddörfern stellt sich zuweilen ein Wolf als Mitbewerber bei einer läufischen Hündin ein, und ebenso sollen Hunde manchmal brünstigen Wölfinnen nachgehen.

Jung aufgezogene und verständig behandelte Wölfe werden sehr zahm und zeigen innige Anhänglichkeit zu ihrem Herrn. Cuvier berichtet von einem Wolf, der wie ein junger Hund aufgezogen worden war und nach erlangtem Wachstum von seinem Herrn dem Pflanzengarten geschenkt wurde. “Hier zeigte er sich einige Wochen lang ganz trostlos, fraß äußerst wenig und benahm sich vollkommen gleichgültig gegen seinen Wärter. Endlich aber faßte er eine Zuneigung zu denen, die um ihn waren und sich mit ihm beschäftigten, ja es schien, als hätte er seinen alten Herrn vergessen. Letzterer kehrte nach einer Abwesenheit von achtzehn Monaten nach Paris zurück. Der Wolf vernahm seine Stimme trotz dem geräuschvollen Gedränge und überließ sich, nachdem man ihn in Freiheit gesetzt hatte, Ausbrüchen der ungestümsten Freude. Er wurde hierauf von seinem Freunde getrennt, und von neuem war er wie das erste Mal tiefbetrübt. Nach dreijähriger Abwesenheit kam der Herr abermals nach Paris. Es war gegen Abend und der Käfig des Wolfs völlig geschlossen, so daß das Tier nicht sehen konnte, was außerhalb seines Kerkers vorging; allein sowie es die Stimme des nahenden Herrn vernahm, brach es in ängstliches Geheul aus, und sobald man die Tür des Käfigs geöffnet hatte, stürzte es auf seinen Freund los, sprang ihm auf die Schultern, leckte ihm das Gesicht und machte Miene, seine Wärter zu beißen, wenn diese versuchten, ihn wieder in sein Gefängnis zurückzuführen. Als ihn endlich sein Erzieher wieder verlassen, erkrankte er und verschmähte alle Nahrung. Seine Genesung verzögerte sich sehr lange; es war dann aber immer gefährlich für einen Fremden, sich ihm zu nähern.”

Ähnliches wird in der schwedischen “Zeitschrift für Jäger und Naturforscher” von einer Jagdfreundin, Katharine Bedoire, erzählt: “Bei Gysinge lauste mein Mann im Jahre 1837 drei junge Wölfe, die eben das Vermögen, zu sehen, erhalten hatten. Ich wünschte, diese kleinen Geschöpfe einige Zeit behalten zu dürfen. Sie blieben ungefähr einen Monat beieinander und hatten während dieser Zeit ihre Wohnung in einer Gartenlaube. Sobald sie mich im Hofe rufen hörten: “Ihr Hündchen!” kamen sie mit Gebärden von Freude und Zutunlichkeit, die zum Verwundern waren. Nachdem ich sie gestreichelt und ihnen Futter gegeben hatte, kehrten sie wieder in den Garten zurück. Nach Verlauf eines Monats wurde das eine Männchen an den Gutsbesitzer von Uhr und das Weibchen an den Gutsbesitzer Thore Petree verschenkt. Da dasjenige, das wir selbst behielten, nun einsam und verlassen war, nahm es seine Zuflucht zu den Leuten des Gehöfts; meistens jedoch folgte es mir und meinem Gatten. Sonderbar war es, wie dieser Wolf zutraulich wurde, daß er sich, sobald wir zusammen ausgingen, neben uns legte, wo wir ruhten, aber nicht duldete, daß irgend jemand sich uns auf mehr als zwanzig Schritt nahte. Kam jemand näher, so knurrte er und wies die Zähne. Sowie ich nun auf ihn schalt, leckte er mir die Hände, behielt aber die Augen auf die Person gerichtet, die sich uns nähern wollte. Er ging in den Zimmern und in der Küche umher wie ein Hund, war den Kindern sehr zugetan, wollte sie lecken und mit ihnen spielen. Dies dauerte fort, bis er fünf Monat alt und bereits groß und stark war, und mein Mann beschloß, ihn anzubinden, aus Furcht, daß er bei seinen Spielen mit den Kindern dieselben mit seinen scharfen Klauen ritzen oder sie einmal blutend finden und dann Lust bekommen könnte, schlimmer mit ihnen zu verfahren. Indes ging er auch nachher noch oftmals mit mir, wenn ich einen Spaziergang machte. Er hatte seine Hütte bei der Eisenniederlage, und sobald im Winter Kohlenbauern kamen, kletterte er auf die Steinmauern hinauf, wedelte mit dem Schwänze und schrie laut, bis sie herzukamen und ihn streichelten. Hierbei war er jederzeit angelegentlich beschäftigt, ihre Taschen zu untersuchen, ob sie etwas bei sich hätten, was zum Fressen taugte. Die Bauern wurden dies so gewohnt, daß sie sich damit beschäftigten, Brotbissen bloß zu dem Zweck in ihre Rocktaschen zu stecken, um sie den Wolf darin suchen zu lassen. Dies verstand er denn auch recht gut, und verzehrte alles, was man ihm gab. Außerdem fraß er täglich drei Eimer Futter. Bemerkenswert war es auch, daß unsere Hunde anfingen, mit ihm aus dem Eimer zu fressen; kam aber irgend ein fremdes Tier und wollte die Speise mit ihm teilen, so wurde er wie unsinnig vor Zorn. Jedesmal, wenn er mich im Hose zu sehen bekam, trieb er ein arges Wesen, und sobald ich zur Hütte kam, richtete er sich auf die Hinterläufe empor, legte die Vorderpfoten auf meine Schultern und wollte mich in seiner Freude belecken. Sowie ich wieder von ihm ging, heulte er vor Leidwesen darüber. Wir hatten ihn ein Jahr lang; da er aber, als er ausgewachsen war, des Nachts arg heulte, so beschloß Bedoire, ihn totschießen zu lassen. Mit dem Wolf, den der Gutsbesitzer von Uhr erhielt, ereignete sich der merkwürdige Umstand, daß er mit einem der Jagdhunde seines Besitzers in derselben Hütte zusammenwohnte. Der Hund lag jede Nacht bei ihm, und sobald er Fleisch zu fressen bekam, vermochte er es niemals über sich, dasselbe ganz aufzuzehren, sondern trug es in die Hütte zum Wolf, der ihm dabei alle Zeit mit freundlicher Gebärde entgegenkam. Nicht selten geschah es, daß auch der Wolf seinen Freund auf dieselbe Weise belohnte.”

Zur Vertilgung des Wolfes gelten alle Mittel, Pulver und Blei ebenso gut wie das tückisch gestellte Gift, die verräterische Schlinge und Falle, der Knüppel und jede andere Waffe. Die meisten Wölfe werden gegenwärtig wohl mit Brechnuß und in der neueren Zeit hauptsächlich mit Strychnin, bekanntlich dem eigentlichen wirksamen Bestandteil der Brechnuß, getötet. Wenn im Winter die Nahrung zu mangeln beginnt, bereitet man ein getötetes Schaf zu und legt es aus. Das Tier wird abgestreift und das Gift in kleinen Mengen überall in das aufgeschnittene Fleisch eingestreut. Dann zieht man die Haut wieder darüber und wirft den Köder auf den bekannten Wechselstellen der Wölfe aus. Die Wirkung ist furchtbar. Kein Wolf frißt sich an einem derartig vergifteten Tiere satt, sondern bezahlt gewöhnlich schon in den ersten Minuten seine Freßgier mit dem Tode. Sobald er die Wirkung des Giftes verspürt, läßt er das Fleisch liegen und sucht sich durch die Flucht zu retten. Allein schon nach wenigen Schritten versagen die Glieder ihren Dienst. Furchtbare Krämpfe werfen ihn zu Boden. Der Kopf wird von den Zuckungen in das Genick zurückgeworfen, der Rachen weit ausgerissen, und in einem solchen Anfall endet das Tier sein Leben. Diese Vertilgungsart ist wohl die ergiebigste, weil der Wolf mit blinder Gier auf solches Fleisch stürzt! Strychnin soll jedoch, wie man in Kroatien behauptet, das Fell mehr oder weniger unbrauchbar machen, weil sich alle Haare lockern. Vorteilhaft sind auch die Fallgruben, etwa 3 Meter tiefe Löcher von ungefähr 2,5 Meter Durchmesser. Man überdeckt sie mit einem leichten Dach aus schmalen, biegsamen Zweigen, Moos und dergleichen, und bindet in ihrer Mitte einen Köder an. Damit der Wolf nicht Zeit habe, vorher lange Untersuchungen zu machen und ein des Weges kommender Mensch gesichert sei, wird die Grube mit einem hohen Zaun umgeben, über den jener, um zur Beute zu gelangen, mit einem Satz wegspringen muß. Am Tarainor wendet man Fallgruben vielfach an. “Zuerst”, schildert Radde, “kommen Raben und Rabenkrähen zum Köder, und diesen, die ihn umfliegen, folgt der Wolf. Er ist aber meist gewitzigt genug, um nicht ohne weiteres zum Köder zu laufen und dabei zu verunglücken, legt sich vielmehr an den Rand der ihm verderblichen Grube, scharrt mit den Pfoten das Verdeck derselben weg und wird erst mit der Zeit lüsterner nach dem Köder, den die Vögel schon tüchtig bearbeiten. Endlich entschließt er sich zum gewagten Sprung und fällt in die Grube. In dieser, so erzählen glaubwürdige Jäger, stellen sich alle Wölfe sehr listig an. Zwar toben und heulen sie zuerst viel, verstummen aber, wenn am nächsten Morgen der berittene Jäger, ihnen aus weithin vernehmbar, sich naht, suchen eine Ecke aus und stellen in ihr liegend sich tot. Auf sie geworfene Erde, Steinchen usw. lassen sie unbeachtet, und erst, wenn sie mit dem Arkan, einer zum Einfangen einzelner Pferde der Herden dienenden Stange mit Riemenschlingen, berührt werden, beginnt das Rasen, Beißen und Heulen wieder.”

In volkreichen Gegenden bietet man die Mannschaft zu großartigen Treibjagden auf. Die Auffindung einer Wolfsspur war und ist das Zeichen zum Aufbruch ganzer Gemeinden. Die Schweizer Chronik erzählt: “Sobald man einen Wolf gewahr wird, schlecht man Sturm über ihn, alsdann empört sich eine ganze Landschaft zum Gejägt, bis er umgebracht oder vertrieben ist.” Jeder waffenfähige Mann war verpflichtet, und übte gern diese Pflicht, an der Wolfsjagd teilzunehmen. In den größeren Förstereien Polens, Posens, Ostpreußens, Litauens usw. hat man eigens zur Wolfsjagd breite Schneisen durch den Wald gehauen und diesen dadurch in kleinere Vierecke abgeteilt. Die drei Seiten eines solchen Vierecks, die unter dem Winde liegen, werden, sobald Wölfe gespürt worden sind, mit Schützen bestellt und aus der andern Seite die Treiber hineingeschickt. Gewöhnlich erscheint der Wolf schon nach dem ersten Lärm äußerst vorsichtig, meist langsam trabend, an der Schützenlinie, wo ihm ein schlimmer Empfang bereitet wird. Bei solchen Jagden gebrauchen bloß die ausgezeichnetsten Schützen die Kugel, die meisten andern Jäger laden ihre Doppelgewehre mit großen Schroten, sogenannten Posten, die man in Norwegen Wolfsschrote nennt, und schießen ihn damit, wenn sie ordentlich gezielt haben, regelmäßig zusammen.

In ganz anderer Weise jagen die Bewohner der russischen Steppen. Ihnen erscheint das Gewehr geradezu als Nebensache. Der aufgetriebene Wolf wird von den berittenen Jägern so lange verfolgt, bis er nicht mehr laufen kann, und dann totgeschlagen. Schon nach einer Jagd von ein Paar Stunden versagen ihm die Kräfte. Er stürzt, rafft sich von neuem zu verzweifelten Sätzen auf, schießt noch eine Strecke weiter vorwärts und gibt sich endlich verzweiflungsvoll seinen Verfolgern preis. Kohl erzählt, daß die Pferdehirten eine ganz außerordentliche Geschicklichkeit in der Wolfsjagd besitzen. Ihre ganze Waffe besteht aus einem Stock mit eisernem Knopfe. Diesen werfen sie dem gejagten Wolfe, selbst wenn ihr Pferd im schnellsten Lauf begriffen ist, mit solcher Kraft und Geschicklichkeit auf den Pelz, daß der Feind regelmäßig schwer getroffen niedersinkt.

In eigentümlicher Weise jagen die Lappen. Wie ich oben bemerkte, ist der Wolf für sie der Schrecken aller Schrecken, ich möchte sagen: ihr einziger Feind. Und wirklich bringt ihnen kein anderes Geschöpf so vielen Schaden wie er. Während des Sommers und auch mitten im Winter sind ihre Renntiere den Angriffen des Raubtiers preisgegeben, ohne daß sie viel dagegen tun könnten. Die meisten besitzen zwar das Feuergewehr und wissen es auch recht gut zu gebrauchen; allein die Jagd mit diesem ist bei weitem nicht so erfolgreich als eine andere, die sie ausüben. Sobald nämlich der erste Schnee gefallen ist und noch nicht jene feste Kruste erhalten hat, die er im Winter regelmäßig bekommt, machen sich die Männer zur Wolfsjagd auf. Ihre einzige Waffe besteht in einem langen Stock, an dem oben ein scharfschneidiges Messer angefügt wurde, so daß der Stock hierdurch zu einem Speer umgewandelt wird. An die Füße schnallen sie sich die langen Schneeschuhe, die ihnen ein sehr schnelles Fortkommen ermöglichen. Jetzt suchen sie den Wolf auf und verfolgen ihn laufend. Er muß bis an den Leib im Schnee waten, ermüdet bald und kann einem Skiläufer nicht entkommen. Der Verfolger nähert sich ihm mehr und mehr, und wenn er auf eine waldlose Ebene herausläuft, ist er verloren. Das Messer war anfänglich mit einer Hornscheide überdeckt; diese sitzt aber so locker auf, daß ein einziger Schlag auf das Fell des Wolfes genügt, sie abzuwerfen. Nunmehr bekommt das Raubtier so viele Stiche, als erforderlich sind, ihm seine Raublust für immer zu verleiden. Bei weitem die meisten Wolfsfelle, die aus Norwegen kommen, rühren von den Lappen her und wurden auf diese Weise erlangt.

Der größte Nutzen, den wir vom Wolf ziehen können, besteht in Erbeutung seines Winterfelles, das, wie bekannt, als gutes Pelzwerk vielfach angewendet wird. Die schönsten Felle kommen aus Schweden, Rußland, Polen und Frankreich. Alle Regierungen gewähren ein besonderes Schußgeld für den getöteten Wolf, gleichviel ob derselbe erschossen, erschlagen, gefangen oder vergiftet worden ist. In Norwegen z. B. beträgt dies heute noch beinahe ebensoviel, als das Fell wert ist. Die Felle werden um so mehr geschätzt, je weißer sie sind, und deshalb gelten die nördlichen immer mehr als die aus südlichen Ländern. Außer dem Pelz verwendet man aber auch die Haut hier und da zu Handschuhen, Pauken- und Trommelfellen. Das grobe Fleisch, das nicht einmal die Hunde fressen wollen, wird bloß von den Kalmücken und Tungusen gegessen.

Alfred Edmund Brehm (* 2. Februar 1829 in Unterrenthendorf, heute Renthendorf bei Neustadt an der Orla; † 11. November 1884 in Renthendorf) war ein deutscher Zoologe und Schriftsteller. Sein Name wurde durch den Buchtitel Brehms Tierleben zu einem Synonym für populärwissenschaftliche zoologische Literatur. (Quelle: Wikipedia)

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