Ab Juni werden in ganz Holland Graugänse mit CO2 vergast

Das Verfahren wird in Holland schon seit einigen Jahren praktiziert: Da die Bejagung von Graugänsen durch die extrem jagdfeindliche Politik des Landes verboten wurde, werden die während der Mauser flugunfähigen Graugänse eingesammelt und mit Kohlendioxid (CO2) vergast. War die Praxis bislang nur in einem 20-Kilometer-Radius rund um den Flughafen Schiphol erlaubt, um die Flugsischerheit zu gewährleisten, so wurde das Verfahren nun landesweit zugelassen. Das berichtet der Niederländische Jagd- und Grundbesitzerverband. Landesweit gibt es Protest von Tierschützern – die freilich auch gegen die Bejagung der Gänse sind – gegen die Vergasungsaktion. Die gewaltigen Schäden, die hunderttausende von Gänsen auf landwirtschaftlichen Flächen anrichten, machen eine Reduktion jedoch unumgänglich.

Bereits vor einiger Zeit haben wir ein Interview mit einem der profiliertesten deutschen Tierschützer, Prof. Dr. Jörg Luy, zum Thema Gänsevergasung geführt, das wir aus gegebenem Anlass im folgenden erstmals online publizieren:

Gänsetötung mit Kohlendioxid tierschutzwidrig?

Ist die in Holland praktizierte Tötung von Gänsen mit Kohlendioxid tierschutzwidrig? Ein Jawina-Gespräch mit Prof. Dr. Jörg Luy, Professor für Tierschutz und Ethik.

Jawina: Weil in Nord-Holland die Wildschäden durch Gänse untragbar werden, die Jagd auf sie aber verboten ist, werden viele tausend der in der Mauser flugunfähigen Tiere mit Netzen zusammengetrieben und mit Kohlendioxid (CO2) vergast – was ist von dieser Tötungsmethode zu halten?

Prof. Dr. Jörg Luy: Abgesehen von der diskussionswürdigen Frage, ob die Gänse überhaupt getötet werden sollten, wird Kohlendioxid insbesondere zur Tötung von Versuchstieren eingesetzt, vor allem deshalb, weil es eine ungefährliche und kostengünstige Methode ist, die aber EU-rechtlich in die Diskussion geraten ist. Denn Kohlendioxid löst Erstickungsgefühle aus, erhöht man aber die Konzentration, so reizt es die Schleimhäute. Eine angst- und schmerzlose Tötung ist damit nicht möglich. Die Betäubungswirkung von Kohlendioxid beruht auf der Veränderung des Blut-pH-Wertes – und es dauert nun mal eine Weile, bis diese eintritt. Diese Zeit lässt sich nicht als „Euthanasie“ im Sinne eines „schönen Todes“ bezeichnen“. Bei Gänsen und Enten dauert die Tötung mit Kohlendioxid aus bislang unverstandenen Gründen nochmals länger als bei Hühnern und damit einfach zu lange. Kohlendioxid ist also für Wassergeflügel keine gute Tötungsmethode.

Jawina: Ist das Einfangen der Wildgänse mit Netzen, der Transport und das Ausladen nicht beinahe noch problematischer.

Prof. Dr. Jörg Luy: Zumindest ebenfalls sehr problematisch, da würde ich Ihnen zustimmen. Gefangen, berührt und transportiert zu werden bedeutet für nicht domestizierte Wildtiere enormen Stress. Wenn es nur darum geht, die Gänse zu töten, dann besser ohne Transport. Die Tötung aus Rücksichtnahme auf Befindlichkeiten der Bevölkerung aus dem Blick zu räumen, ist ethisch zweitrangig gegenüber den Tierschutzbelangen.

Jawina: Die Bejagung der Gänse wäre also die bessere Methode?

Prof. Dr. Jörg Luy: Bei der Bejagung von Vögeln mit Schrot ergibt sich aus Sicht des Tierschutzes immer das Problem, das von Randschroten getroffene Vögel nicht getötet, sondern nur verletzt werden. Wenn sich das, etwa durch die Jagd mit Kugelwaffen ausschließen ließe, wäre Totschießen wahrscheinlich die bessere Alternative.

Zur Person: Prof. Dr. Jörg Luy war, als dieses Gespräch geführt wurde, Leiter des Instituts für Tierschutz und Tierverhalten im Fachbereich Veterinärmedizin an der Freien Universität Berlin. Er hatte die erste – und damals einzige interdisziplinäre Professur für Tierschutz und Ethik in Deutschland. Prof. Dr. Jörg Luy studierte Veterinärmedizin und Philosophie in Gießen und Berlin. Seine preisgekrönte Dissertation beschäftigt sich mit der „Tötungsfrage in der Tierschutzethik.”

Die Fragen stellte Stephan Elison

Beitragsbild: Graugänse (Copyright: SE)

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