Wunschdenken und Wirklichkeit: Das Rotwild und der Wolf

Die Rückkehr des Wolfs wurde von Teilen der Forstpartie geradezu euphorisch begrüßt. Die Hoffnung war, dass der Wolf bei der Reduktion der verbeißenden Schädlinge fleißig mithelfen und Wildschäden minimieren würde. Inzwischen zeichnet sich ab, dass sich diese Hoffnungen nicht so ganz erfüllen werden. In den Wolfsgebieten schließt sich das Rotwild zu großen Angstrudeln zusammen, die schwer zu bejagen sind und in den Einständen massive Schälschäden verursachen, auch das Raumnutzungsverhalten des Rotwilds ändert sich durch die Anwesenheit des Wolfs. Ein Artikel in der Mai-Ausgabe der österreichischen Jagdzeitschrift „Anblick“ hat die Situation auf dem Truppenübungsplatz Allentsteig im niederösterreichischen Waldviertel analysiert.

Im Vorjahr ist erstmals ein Wolfspaar auf dem 16.000 Hektar großen Areal des Truppenübungsplatzes nachgewiesen worden, sieben Wölfe ziehen zur Zeit auf dem Platz ihre Fährte, wie Redakteur Stefan Maurer berichtet. Den Rudeln von Rot- und Muffelwild kommt auf dem Truppenübungsplatz – ähnlich wie etwa im bayerischen Grafenwöhr –  die wichtige Aufgabe zu, die für die Schießübungen benötigten Freiflächen offen zu halten. Mahd oder Beweidung kommen wegen der von Blindgängern ausgehenden Gefahr nicht in Frage. Doch seit der Wolf auf den Offenflächen jagt, zieht sich das Wild in den Wald zurück – und geht dort zu Schaden. Die Wiederbewaldung von Kahlflächen, die durch Sturm, Borkenkäferbefall oder Eisbruch verursacht wurden, sei „zunehmend unmöglich“, stellt Maurer fest.

Das Auftreten des Wolfs habe bereits im Vorjahr zu einer massiven Zunahme der Schälschäden in den Randbereichen des Truppenübungsplatzes geführt, der Druck habe dieses Jahr noch einmal stark zugenommen. Die Schäden führten dann dazu, dass der Druck auf das Rotwild nochmals verstärkt werde: Denn „der Wolf schält nicht“, so die Einschätzung der zuständigen Behörde. Die durch die Ausweichbewegungen des Rotwilds in den Randbereichen verursachten Schäden führen also zu einer Steigerung des Jagddrucks im Kerngebiet, wo außerdem noch der Wolf intensiv jagt: Auswertungen von Rissen ergaben, dass von Januar / Februar 2016 bis zum selben Zeitraum in diesem Jahr die Risstätigkeit um 800 Prozent zugenommen hat.

Enormer Fleischbedarf

Die Auswirkungen auf die Jagd sind schon jetzt, bei sieben Wölfen auf 16.000 Hektar, unübersehbar: Es zeichne sich ab, dass im Frühjahr wesentlich „weniger ungeführte Rotwildkälber, also Schmalstücke“ anzutreffen sind, während die Auswirkungen auf die Sauen – möglicherweise, weil noch genügend leichter erbeutendes Wild zur Verfügung steht – bislang weniger dramatisch sind. Dennoch hat sich im vergangenen Jagdjahr die Sauenstrecke auf dem Truppenübungsplatz halbiert. In guten Jahren sind in Allentsteig 250 Stück Muffelwild gestreckt worden, im Vorjahr waren es noch 17. Das Erlöschen der Muffelpopulation dürfte nach den Erfahrungen in deutschen Revieren folglich nur eine Frage der Zeit sein. Das Rotwild wird durch die Anwesenheit des Wolfs viel vorsichtiger, tritt vermehrt in Großrudeln auf, und ist damit weitaus schwerer zu bejagen. Es bleibt abzuwarten, wie sich das auf die Population und die Abschusszahlen auswirkt. In der Abschussplanung für die kommenden Jahre sind 150 Stück für den Wolf einkalkuliert.

Stefan Maurer rechnet vor, was der Wolf für den Jagdwert bedeutet: Die Wissenschaft gehe von einem Fleischbedarf von drei bis vier Kilogramm pro Wolf und Tag aus. Dies sei jedoch lediglich der Nettobedarf, da die Nutzungsrate extrem schlecht sei – die Überreste eines Risses bleiben einfach liegen – müssten eher sieben bis acht Kilogramm angesetzt werden. Das entspricht 13,5 Tonnen Wildbret im Jahr, was mit 35.000 bis 40.000 Euro zu veranschlagen sei. Da zudem die Vermarktung der begehrten Trophäen des Muffelwilds wegfällt, belaufe sich die Minderung des Jagdwerts durch sieben Wölfe bereits auf 60.000 Euro – wobei die sinkenden Pachteinnahmen für die Pirschbezirke in den Randbereichen noch nicht eingerechnet seien. Schon jetzt drängen Pächter darauf, die ausgehandelten Pachtpreise neu zu verhandeln. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis der sinkende Jagdwert sich in schwindenden Pachteinnahmen für Jagdgenossenschaften und Grundstückseigentümer auswirken wird. SE

Beitragsbild: Ein Rudel Rothirsche auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr. Foto: Berndt Fürstenberg pvt

Die Red. dankt den JAWINA-Lesern HDP für den Hinweis und BF für das Bild!

Die vollständige Version des Beitrags „Leoparden, Hirsche und der Wolf“ von Stefan Maurer ist auf der Internetseite des Anblicks online hier verfügbar.

 

 

Ein Gedanke zu „Wunschdenken und Wirklichkeit: Das Rotwild und der Wolf

  1. RK

    Auch hier zeigt sich, dass ideologische Überlegungen von links-grüner Seite in der Realität oft zerplatzen wie Seifenblasen. Genauso wenig wie ein Großteil der seit 2015 illegal nach Deutschland eingewanderten „Flüchtlinge“ in unsere Gesellschaft und das Sozialsystem fruchtbar „integriert“ werden wird können, wird der Wolf in unserer dicht besiedelten Kulturlandschaft den Wald vor dem ach so bösen Schalenwild schützen können.

    Es bleibt zu hoffen, dass die Thematik wissenschaftlich betrachtet wird und man aus diesen Erkenntnissen (Wolf erhöht die Schälschäden statt sie zu reduzieren) den Wolf ins Jagdrecht überführt und somit die Grundlage für eine scharfe Bejahung vergleichbar den skandinavischen Ländern schafft. Allein die scharfe Bejahung und eine wirksame Vergrämung werden sicherstellen, dass der Wolf auch den Menschen langfristig nicht als Beute erkennt (Testangriffe gab es ja wohl schon).

    Für mich und meinen Laienhorizont immer noch zu wenig im Fokus ist die Frage, inwieweit die bei uns in Deutschland aktuell vorhandenen Wölfe wirklich noch reinrassige Wölfe sind oder Hybriden…

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