Wildgalgen und Bergehilfe: Kopfunter Aufbrechen im Revier

Aus Thüringen kommt eine Kombilösung zum Bergen schweren Wildes und dessen Aufbrechen kopfunter hängend – Bergehilfe und Wildgalgen in einem.

Ein Beitrag von Frank Martini

Die vor einer Dekade neu in Kraft getretenen Hygieneregeln für die Jagd haben zu einem Bewusstseinswandel geführt. Statt wie früher unsere Beute am Boden liegend aufzubrechen, sollen wir sie heute dazu kopfunter aufhängen. Und dabei vom bildhaften „Aufbrechen“ zugunsten einer älteren Technik, dem Ringeln, auf ein Öffnen des Schlosses möglichst verzichten. Beides bringt – abgesehen von unseren auch nicht jünger werdenden Bandscheiben – für die hygienische Wildbretgewinnung tatsächlich auch handfeste Vorteile: Was ich nicht öffne, kann auch kaum mit Keimen kontaminiert werden. Und beim Aufhängen des Stücks mit dem Kopf nach unten verlagert die Schwerkraft das Gescheide Richtung Kammer – das Risiko eines ungewollten Schnitts oder Stichs in die Verdauungsorgane wird so ebenfalls erheblich minimiert. Hinzu kommt die vom Gesetzgeber geforderte weitgehende Ausblutung des Wildkörpers in dieser Lage. Auch ohne dass man dazu kontaminationsträchtig mit der Messerspitze an den Brandadern herum schneidet, wie früher propagiert.

Wie bei allen theoretisch guten Ideen stellt sich für die Praxis die Frage, wie man solche Forderungen optimal umsetzt. Wer nicht die Möglichkeit hat oder wem die Wege zu lang erscheinen, sämtliches erlegte Wild abzufahren und zentral an der Wildkammer aufzubrechen, wird dies insbesondere beim auf dem Ansitz geschossenen leichteren Wild wie Rehen oder Frischlingen noch mit recht einfachen Hilfsmitteln zeitnah auch im Revier hinbekommen. Die Leiter der Kanzel bietet hinreichend Möglichkeit, die Beute einfach mit zwei Fleischerhaken kopfunter zu versorgen. Wie aber setzen wir dies in höchst unwegsamem Gelände weit abseits der nächsten Ansitzeinrichtung um? Bspw. auf der Pirsch oder einer Drückjagd vom Sitzstock aus? Für solche Situationen hat der Thüringer Oliver Piske eine Kombilösung entwickelt, die sich in unserem Test als zugstarke Bergehilfe und tragfähiger mobiler Wildgalgen gezeigt hat.

Herzstück „Kneifzange“

Wesentliches Element sind zwei über eine stabile Rändelschraube miteinander verbundene, sechs Millimeter starke Flächstähle, deren Silhouette entfernt an eine Kneifzange erinnert.

WIldgalgen System-Pro: Erinnert fern an eine Kneifzange. Foto: Frank Martini

Deren vordere Haken sind so angeschärft, dass man sie mit der Hebelkraft der hinter der Rändelschraube befindlichen Schenkellänge mühelos durch den Wurf einer starken Sau oder – wahlweise auch bei anderen Wildarten – den Unterkieferwinkel bringt. Im geschlossenen Zustand überlagern sich beide Zangenspitzen um ca. drei Zentimeter.

Mühelos: Der Wildgalgen wird angebracht. Foto: Frank Martini

Verriegelt werden sie in dieser Position mit dem Karabinerhaken des mitgelieferten Bergegurtes. Dazu weisen die gegenüberliegenden Hebelenden zwei Lochscheiben auf, deren innere Löcher bei geschlossener Zange genau übereinanderstehen. So gehen schwerere Stücke selbst beim Schleppen über Hindernisse nicht mehr verloren.

Verriegelung der Bergehilfe mit Karabinerhaken. Foto: Frank Martini

Um dies zu erleichtern, ist der Bergegurt auf etwa zwei Dritteln seiner Länge mit einem breiten stabilen Kreuzstich vernäht. So hat man die Gurtlast nicht nur über die Schultern hängen, sondern zusätzlich einen belastbaren „Handgriff“ im Schultergurt, mit dem man beim Überwinden von Hindernissen gut nachhelfen kann.

Abgeschleppt: Die Sau ist unverlierbar fixiert, der Gurt ermöglicht hohe Zugleistung mittels Körperkraft. Foto: Frank Martini

Diese Kreuznaht im Gurt hat aber noch eine weitere Funktion – durch sie kann man den rauen Corduragurt abrutschsicher um jeden auch dünneren Baum schlingen und so einen Fixpunkt für das Aufhängen des Stücks an beinahe jedem beliebigen Punkt im Busch schaffen.

Corduragurt – stabil und abrutschsicher. Foto: Frank Martini

Clevere Doppelfunktion

Dazu schlingt man einfach in Kopfhöhe – bei größeren Stücken auch etwas darüber – den Bergegurt einfach um einen Baumstamm und fädelt den Karabiner vor der Kreuznaht durch die Gurtschlinge hindurch. Da der Abstand vom Karabiner des Bergegurts bis zu dessen erwähnter Kreuznaht etwa 60 cm beträgt, eignen sich bereits „Stämmchen“ bis zu diesem Umfang für eine sichere Fixierung. Der Karabiner, der nun aus der Gurtschlaufe am Stamm lugt, bildet den Fixpunkt zum Aufhängen des Stücks. Hier kann man nun einen etwa vorhandenen oder auch den ebenfalls von Piske angebotenen Flaschenzug einhängen. Da man die Bergezange dafür zuvor gelöst hat, dreht man nun einfach die Rändelschraube, die deren beide Schenkel zusammenhält, heraus. Dank der ebenfalls etwa drei Zentimeter durchmessenden Rändelscheibe ist das problemlos ohne Werkzeug möglich.

Einhängen des Flaschenzugs. Foto: Frank Martini

Eingeschraubt wird sie nun in das Gewindeloch, das sich auf der gegenüberliegenden Seite vor den Lochscheiben der Flachstähle befindet. Eben noch Bergezange, lassen sich die beiden Schenkel nun wie ein Wildgalgen gegeneinander schwenken, und dank der vier Bohrungen in jeder Lochscheibe mit dem Karabiner des Flaschenzuges in beliebigen Öffnungswinkeln zwischen etwa 30 und 180 Grad – je nach Größe der Beute – fixieren. Bei maximaler Öffnung, also 180 Grad, liegt der Abstand zwischen den beiden Zangenenden, die nun als Haken fungieren, bei guten 40 cm.

Komfortabel: Flaschenzug mit integrierter Schot- bzw. Curryklemme. Foto: Frank Martini

Zum Hochziehen insbesondere schwererer Stücke seien nachdrücklich die von Piske ebenfalls angebotenen Flaschenzüge empfohlen. Übers Internet (www.wildgalgen.de) direkt vertrieben, lässt der Thüringer sie aus hochwertigen Rollen und Seilen aus dem Segelbedarf anfertigen – in gleich zwei Versionen! Bei der teureren Variante muss das Seilende des Flaschenzuges nicht mehr um einen anderen Baum zur Sicherung der Last geknotet werden, weil der Flaschenzug über eine effektive Seilrücklaufsperre, Seglern unter dem Begriff Schotklemme bekannt, verfügt.

Hochwertige Lösung

Da Piskes Flaschenzüge über vier gleitgelagerte Hartkunststoffrollen verfügt, muss man zum Heraufziehen eines 100 Kilo schweren Stücks Wild nur 25 Kilo Zugkraft aufwenden. Durch die leichtgängigen Rollenelemente und das hochwertige Seil ist dies selbst ohne Handschuhe hakelfrei und mühelos zu bewerkstelligen. Die Flachstähle und selbst die Rändelschraube dieser Gebrauchsmuster geschützten Kombilösung lässt Piske in Kleinserie aus rostfreiem V2A-Stahl fertigen, die Karabinerhaken sind aus dem gleichen Material. Die hochwertige Materialauswahl und die saubere Verarbeitung erklären auch die auf den ersten Blick hoch erscheinenden Preise. Für die Kombination aus Bergehilfe und Wildgalgen rufen die Thüringer einschließlich dem gut zwei Meter langen Bergegurt mit Karabinerhaken 89 €uro auf.

Hang ‚em higher: Tadellose Funktion auch mit schweren Stücken. Foto: Frank Martini

Den Flaschenzug dazu gibt es wie erwähnt in zwei Versionen: mit und ohne Schotklemme. Die günstigere Variante ist für 79 €uro zu haben, für die mit Schotklemme verlangt Oliver Piske 119 €uro. Dafür gibt es bei beiden ein mit etwa zehn Metern Länge und acht Millimetern Durchmesser ausreichend starkes leichtlaufendes Seil, das am Schnittende mit einer Schrumpfhülse gegen Ausfransen versiegelt ist. Da diese Seile wie auch sämtliche Rollenteile aus dem Seglerbedarf stammen, sichern die Thüringer die jederzeitige Reparaturfähigkeit ihrer Flaschenzüge zu, sollte bspw. einmal eine gleitgelagerten Rollen eingelaufen sein. Die Metallschenkel des „Bergezangenwildgalgens“ sind ohnehin „unkaputtbar“. Das relativiert den scheinbar hohen Preis beider Teile – Material- und Verarbeitungsqualität vermitteln den Eindruck eines Ausrüstungsgegenstandes, den man ein einziges Mal kauft und dann für den Rest seines Jägerlebens ein potentes Hilfsmittel zum Bergen und kopfunter hängend Versorgen zur Hand hat, mit dem man auch allein bei selbst schwerer Beute fast mühelos fertig wird. Und das, ohne selbst allzu schwer daran zu tragen! Der „Bergewildgalgen“ bringt es einschließlich Gurt und Karabiner auf gerade mal gut 750 Gramm Gewicht, weitere gute 600 Gramm kommen für den Flaschenzug in der Ausführung mit der Rücklaufsperre hinzu.

Beitragsbild: Wildgalgen System-Pro (Quelle: Hersteller)

Text und Fotos: Frank Martini / www.wildhygiene.de

3 Gedanken zu „Wildgalgen und Bergehilfe: Kopfunter Aufbrechen im Revier

  1. Thomas

    Bis 100kg geht es auch hiermit: amazon.de/gp/product/B00F3V68EI/ref=oh_aui_detailpage_o00_s00?ie=UTF8&psc=1 – 40EUR
    Praktiziere ich seit diesem Mai…

    Wenn man allein unterwegs ist bekommt man hiermit fast alles aus dem Busch: amazon.de/Berger-Schr%C3%B6ter-Spillwinde-Kawasaki-31593/dp/B019ISJVDG/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1526647175&sr=8-1&keywords=spillwinde
    Praktizieren wir seit Jahren im kanadischen Busch fuer Elchwild…

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  2. Thomas

    P.S>
    Die ‚Thueringer Loesung‘ ist eine pfiffige Idee aus hochwertigen Material wie es scheint und damit sicherlich den hoeheren Preis wert!
    Es kann immer mal vorkommen, dass man auch mal ‚weich‘ trifft, dann wuenscht man sich das man so ein Teil dabei hat!

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  3. RK

    Ich habe den Wildgalgen und hatte ihn schon einmal im Einsatz (Rottier, ca. 80 kg aufgebrochen). Das Teil ist seinen Preis wert. Empfehlenswert.

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