Verbissgutachten als Herrschaftsinstrument: Vockes Freuden

Der Präsident des Bayerischen Jagdverbandes, Prof. Dr. Jürgen Vocke, freut sich im Verbandsblatt Jagd in Bayern „besonders“ über das „Leitverbissprozent als maßgebliches Kriterium für die Beurteilung des Verbisses durch Schalenwild.“ „Unbegreiflich“ findet das Dr. Holger von Stetten, 2.Vorsitzender der Jagdschutz- und Jägerverein Freising, der Vocke in einem offenen Brief kritisiert.

Ein simples Gedankenspiel verdeutlicht jedem Laien, dass es zumindest sinnlos, vermutlich aber eher unredlich ist, bei der Erstellung von Verbissgutachten, wie in Bayern praktiziert, mit Verbissprozenten – genauer gesagt: „Leittriebsverbissprozenten“ zu operieren: Wenn ich einen Kiefernreinbestand habe, in dem drei Buchen stehen, von denen zwei verbissen sind, dann habe ich einen Verbiss von 66 Prozent. Eine Zahl, die nichts über die wahren Verhältnisse aussagt, aber hervorragend dazu geeignet ist, überhöhte Schalenwildbestände und in der Konsequenz die Erhöhung der Abschusszahlen zu postulieren.

Die im bayerischen Verfahren aufwändig erhobenen Daten sind wenig aussagekräftig, die daraus gezogenen Schlussfolgerungen folglich mehr als fragwürdig, zumal die Legitimität des simplen Rückschlusses von lokalen Verbissschäden auf überhöhte Schalenwildbestände höchst strittig ist. Der wahre Skandal ist aber die Intransparenz des Verfahrens, da die Herausgabe der unverschlüsselten Daten aus – vermutlich vorgeschobenen – Datenschutzgründen verweigert wird. Da nicht bekannt ist, auf welchen Flächen die angeblichen Verbissprozente ermittelt wurden, kann niemand die sogenannten Ergebnisse überprüfen. Damit widerspricht die Erstellung des Verbissgutachtens den Anforderungen, die an ein rechtstaatliches Verfahren zu stellen sind.

„Unbegreiflich“ erscheinen Dr. Holger von Stetten, 2.Vorsitzender der Jagdschutz- und Jägerverein Freising, vor diesem Hintergrund die Äußerungen des Präsidenten des Bayerischen Jadgverbandes, Prof. Dr. Jürgen Vocke. Im Editorial der Verbandszeitschrift „Jagd in Bayern“, Heft 6: bejubelt Vocke unter der Überschrift „Endlich klargestellt: Beim Verbiss zählt das Leittriebverbissprozent“, dass das „Leittriebverbissprozent“ nach dem Willen der Ministerialbürokratie „maßgebliches Kriterium für die Beurteilung des Verbisses durch Schalenwild“ sein soll.

„Seit 1986 müssen wir uns in Bayern ein in weiten Teilen fehlerhaftes Verbissgutachten gefallen lassen, das bis 2012 ausschließlich mit Verbissprozenten ohne entsprechende Bezugsgrößen argumentierte“, kommentiert Dr. von Stetten. „Prozentpunkte ohne Bezugsgröße haben aber einen Aussagewert von Null. Das wäre etwa vergleichbar mit einem Termin beim Notar zur Testamentseröffnung, bei dem die Amtsperson zu Ihnen nur sagt, Sie haben 15 Prozent geerbt, nehmen Sie das Erbe an?

Ist doch logisch, dass Sie vor der Entscheidung erst wissen wollen, auf was sich die 15 Prozent beziehen, im schlimmsten Fall sogar auf Außenstände. Nochmal, Verbissprozente ohne Bezugsgröße kann man vergessen. Noch grauenvoller wird es, wenn man Prozentpunkte in eine Zeitreihe stellt ohne die jeweiligen Bezugsgrößen zu benennen. Aus minus mal minus wird zwar mathematisch ein Plus. Aus zweimal falsch wird aber noch lange nicht richtig!

Bei Beschädigungsprozenten ist es also zwingend notwendig, die Vegetationsdichten als Bezugsgröße zu nennen. Nur so kann ein Urteil über die überlebensfähigen Pflanzen erhalten werden. Genau dieses Manko und viele weitere Unzulänglichkeiten thematisiere ich in zahlreichen Vorträgen in ganz Bayern nun schon seit 2002. Auch bei den Funktionären des BJV habe ich wiederholt versucht, den Sachverhalt klarzustellen. Einige haben es auch verstanden.

Wenn ich aber dann im Editorial des Präsidenten lese, dass er sich offensichtlich auch weiterhin mit Prozentwerten ohne Vegetationsdichten zufrieden gibt, ist es mir unbegreiflich. Das sollte nicht unwidersprochen bleiben und gab Anlass zu besagtem Brief.“

Die Problematik der Verbissgutachten ist auf den Internetseiten der Jägerschaft Freising und der Jagdagenda 21 ausführlich und mit großer Fachkompetenz dargestellt – ein Musterbeispiel jagdlicher Öffentlichkeitsarbeit.

Den Brief Dr. Holger von Stettens an Prof. Dr. Jürgen Vocke geben wir im Folgenden im Wortlaut wieder:

Dr. Holger v. Stetten

2.Vorsitzender Jagdschutz- und Jägerverein Freising

Sehr geehrter Herr Präsident Prof. Dr. Vocke,

im Editorial der Jagd in Bayern (JiB 6/2017) schreiben Sie im letzten Absatz wörtlich:

Zitat Anfang

„Endlich klargestellt: Beim Verbiss zählt das Leittriebverbissprozent

Motivation unterdessen von der Forstpolitik: Nach jahrelangen Auseinandersetzungen ums Forstliche Gutachten freut uns eine Aussage des zuständigen Ministerialbeamten im bayerischen Landwirtschaftsministerium besonders: „Maßgebliches Kriterium für die Beurteilung des Verbisses durch Schalenwild ist das Leittriebverbissprozent.“ Vielen Dank für die Klarstellung – wir nehmen Sie beim Wort!“

Zitat Ende

Durch eine mehr als fünfzehnjährige Aufklärungsarbeit der Jagdbasis in ganz Bayern wurde immerhin bei nicht wenigen Jägern beiderlei Geschlechts ein Problembewusstsein bezüglich der Verbissprozente erreicht, wenn versucht wird, uns mit nackten Prozentpunkten ohne Bezugsgröße abzuspeisen. Wir alle haben doch schon längst verstanden, was wir von schieren Prozentpunkten zu halten haben – nämlich nichts. Dieses Verständnis hätte ich mir auch an allerhöchster Stelle gewünscht. Das gilt sowohl für die Jagd, als auch für das Privatleben.

Nun freuen Sie Sich in der JiB, dass ein Ministerialbeamter das Leittriebverbissprozent als maßgebliches Kriterium ansieht und bedanken Sich auch noch dafür. Aber mit Verlaub, bitte wo bleiben hier die Vegetationsdichten? Sind diese auch weiterhin unerheblich? Soll also wiederum nur nach dem Verbissprozent abgeurteilt werden? Der einzige Unterschied zu früher scheint doch zu sein, dass man womöglich zumindest offiziell das Seitentriebverbissprozent nicht mehr erwähnen will. Ob es tatsächlich keine Rolle mehr spielen wird, bleibt ungeklärt.

Stellen Sie Sich vor, im nächsten Gutachten werden uns wieder nur Zeitreihen von Prozentpunkten serviert, ohne diese in Relation zur Bezugsgröße (hier die Vegetationsdichten) zu setzen, dann vielleicht nur noch bezogen auf das Leittriebverbissprozent und nicht mehr zusätzlich bezogen auf das Seitentriebverbissporzent. Dadurch würde doch die Absurdität des ganzen Gutachtens keineswegs geringer.

Vermutlich wird auch in der neuen Arbeitsanweisung zur Verbissaufnahme 2018 der Seitentriebverbiss aufzunehmen sein und dann ist schließlich die Katze erneut aus dem Sack. Gutgläubigkeit, im Sinn von so schlimm wird es schon nicht werden, hilf hier leider nicht weiter. Denken Sie nur an die Gesetzesinitiative „Wald Vor Wild“ von 2005. War Ihnen damals auch schon klar, zu welchem Totschlagargument im wahren Sinn des Wortes dieser Satz missbraucht werden wird?

Aus meiner Sicht jedenfalls hat Ihnen und uns die Ministerialbürokratie mit der Zusage zum Leittriebverbissprozent ein faules Ei ins Nest gelegt, aus dem zu gegebener Zeit ein Monster schlüpfen wird, das uns bei den künftigen Verbissgutachten am Nasenring beliebig vorführen wird. Und dann wird es wieder heißen, was wollen Sie denn, Sie haben doch zugestimmt und für gut befunden?

„Principiis obsta, sero medicina paratur“ (Widerstehe im Anfang, zu spät wird sonst das Heilmittel bereitet). Damit hat Ovid offensichtlich schon den Bayerischen Wahnsinn der Verbissgutachten vorhergesehen?!

Glauben Sie mir, gegenüber der Ministerialbürokratie und dem Minister ist ein Höchstmaß an Misstrauen angebracht. Ein normal überlegender Mensch kann gar nicht so hinterkünftig denken, wie dort gehandelt wird.

Abschließend sei noch bemerkt, dass wir die Vokabel Verbiss aus unserem Wortschatz verbannen und nur noch von Beschädigungen sprechen sollten. Dieter Immekus hat hinlänglich geklärt und wissenschaftlich nachgewiesen, dass der Automatismus von Verbiss = Schalenwild keineswegs zutrifft.

Mit freundlichen Grüßen

Holger v. Stetten

Beitragsbild: Eichen- und Kiefern-Naturverjüngung. Foto: SE

 

2 Gedanken zu „Verbissgutachten als Herrschaftsinstrument: Vockes Freuden

  1. Benjamin

    Ich muss bei diesem Artikel an den Harz denken. Dort soll der Abschuss auf Rotwild bereits im August stattfinden- und nicht, wie eigentlich nach Bundesjagdrecht, ab September.
    Durch den zusätzlichen Jagddruck (die Kälber werden noch gesäugt) hält sich das Rotwild von den Freiflächen fern und drückt sich in den Bestand. Was sollen sie da äsen? Da wird geschält. Auf diese Sommerschäle wird dann verwiesen, um ein Argument für die Abschusszahlenerhöhung zu haben. Ich finde dies ein wenig fragwürdig.
    Und der Borkenkäfer kann machen, was er will…

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  2. Paul

    je mehr ich darüber lese, desto stärker wird meine Vermutung,das “ SCHILDA “ doch wohl zu Bayern gehört haben muß !!??!!

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