Oculi

Am dritten Fastensonntag beginnt die Messe so: Oculi mei semper ad dominum: Meine Augen sind stets auf den Herrn gerichtet.

Oculi, da kommen sie, heißt entsprechend der Merkvers für heute, wobei unsere Augen früher ab diesem Tag jedoch absolut säkular vor allem auf die Schnepfen gerichtet waren. Ab jetzt ist also mit den nach Norden und Osten ziehenden Zugschnepfen zu rechnen und vor allem mit dem eigentlichen Schnepfenstrich. Der abendliche Strich wird allgemein dem Balzverhalten, dem Suchen der Schnepfenhähne nach Hennen zugerechnet. Nur wenige Hennen streichen abends; meist sitzen sie auf dem Boden und machen die Hähne mit leisen Rufen auf sich aufmerksam. Es gibt aber heute auch eine ganz andere Deutung. Doch dazu erst später mehr.

Die Waldschnepfe ist im gesamten nördlichen Waldgürtel Eurasiens verbreitet. Zum Überwintern ziehen die Vögel der nördlichen Populationen in südliche Gefilde. Die Witterung hat großen Einfluss darauf, wie viele Schnepfen ziehen und welchen Weg sie nehmen. In Westeuropa und auch bei uns gibt es aber auch sogenannte Lagerschnepfen, also solche, die ganzjährig hier bleiben. Dieses variable Zugverhalten, die fehlende Paarbindung und die heimliche Lebensweise machen Aussagen über die Höhe von Populationen schwierig und unsicher. Alleine in Russland schwanken die Angaben über den Gesamtbesatz zwischen fünf und 28 Millionen Exemplaren. Immerhin gehen einige Ornithologen von leicht steigenden Besätzen aus. Diese Zahlen stellen also weder die Jagd in Frage noch lassen sie ein Aussterben befürchten. Deutschland ist mit etwa 5 Prozent an der europäischen Jahresstrecke beteiligt.

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Oculi. Foto: Hans-Dieter Pfannenstiel

Ab Oculi bezogen die Schnepfenjäger etwa eine Stunde vor dem Dunkelwerden bevorzugt dort Position, wo erfahrungsgemäß der Strich zu erwarten ist. Das waren Bestandesränder, Baumreihen an Gräben oder Wegen und größere lichte Stellen in Laubholzbeständen. Man musste ja nach oben möglichst freies Beobachtungs- und Schussfeld haben. Die Stimmung an einem kühlen klaren Vorfrühlingsabend mit dem noch lange hellen Westhorizont übt einen einfach unbeschreiblichen Zauber aus. Gelegentlich sieht man ja bei dann auch anderes Wild, beispielsweise eine Bache, deren Frischlinge noch bei gutem Licht unruhig aus dem Kessel drängten oder den einen oder anderen Rehbock im Bast.

Nach und nach verstummt das vielstimmige abendliche Vogelkonzert, bis schließlich auch der letzte Sänger sich einen sicheren Schlafplatz sucht und schweigt. Und die folgende Stille ist oft das Signal, lässt den Adrenalinspiegel steigen. Genau zu dieser Zeit sieht man nämlich oft die ersten Schnepfen oder hört sie rufen. Jetzt heißt es aufpassen, die Flinte entsichern und in Voranschlag gehen, denn jederzeit kann ein Schnepfenhahn quorrend und puitzend angegaukelt kommen. Es versteht sich von selbst, dass ein guter Verlorenbringer mit auf dem Stand sein musste. Denn wenn man mal eine Schnepfe herunterholte, war sie ohne Hund in der Abenddämmerung kaum zu finden. Meist ging man aber ohne einen Schuss abgegeben zu haben nach Hause, dennoch von einem unbändigen Glücksgefühl erfüllt. Körper, Geist und Seele des Weidmanns waren in vollkommener Harmonie. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Könnte man doch nur heute dem wachsendem Stress und der Hast des Alltags auch so leicht diese kostenlose „Wellnessoase“ genießen. Mehr dazu am nächsten Sonntag Laetare. Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel

Beitragsbild: Waldstimmung zu Oculi. Bild: Hans-Dieter Pfannenstiel

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Oculi

Ein Gedanke zu „Oculi

  1. RK

    Herrlich. Ein stilvoller Text, der jagdliche Tradition, Kultur und Biologie ganzheitlich behandelt. Der Bezug auf Teile des Kirchenjahres ist v.a. im laizistischen Brandenburg interessant und bereichernd.

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