Jagen für Landlust-Leser

Rezension Pauline de Bok: Beute

Pauline de Bok hat mit „Beute“ etwas geschafft, was viele für unwahrscheinlich bis unmöglich gehalten hätten. Mit einem Jagdbuch – einem Pro-Jagd-Buch, genauer gesagt – auf die Bestsellerlisten zu gelangen. Ich muss sagen, so hundertprozentig erschließt sich mir bei der Lektüre nicht, was den erstaunlichen Erfolg dieses Buchs ausmacht. Es ist ohne Frage gut geschrieben und liest sich leicht und locker, streckenweise durchaus genussvoll, weg. In fachlicher Hinsicht bietet es erfahrenen Weidmännern und -frauen wenig, das ist aber auch nicht der Anspruch des Buchs, das stellenweise erstaunlich konventionelle Jagdprosa und Naturschilderungen der sattsam belkannten Sorte – „Die Sonne versinkt hinter der doppelten Baumreihe in der Ferne, wo ein überwucherter Hohlweg verläuft…“ – aufbietet. Manche Kapitel könnten Überschriften-Klassiker tragen wie „Mein erster Rehbock“ oder „Meine erste Drückjagd“. Tun sie aber nicht, zum Glück. Jäger und Nichtjäger werden aber – möglicherweise mit einer Prise Neid – die Schilderungen der ländlichen Idylle lesen, die sich de Bok mit ihrem ausgebauten Kuhstall in Mecklenburg-Vorpommern geschaffen hat.

Wo sie vom Bett aus beobachten kann, wie das Damwild durch den Garten zieht, wo sie sich die Büchse schnappen und in ihrem Garten oder in dessen unmittelbarer Umgebung jagen kann. Vielleicht ist das das Geheimnis des Erfolgs: Dass de Bok Jagd und Jägerleben in eine ländliche Idylle einbettet, von der viele Städter und Nicht-Städter träumen: Jagen für Landlust-Leser sozusagen.

Dabei ist es beileibe nicht so, dass de Bok auf Kritik an einzelnen Aspekten der Jagd völlig verzichtet. So äußert sie sich missbilligend über die Trophäenjagd: „Zweitausendfünfhundert Euro, nur für eine Trophäe – und das Erlebnis. […] Für mich muss das nicht sein. […] Etwas anderes stört mich: Ein brunftiger Hirsch ist ungenießbar. Das ganze Tier – fünfundsiebzig bis einhundert Kilo – ist also, vom Geweih einmal abgesehen, Abfall.“

De Bok kritisiert die Jagd also völlig gefahrlos da, wo sie sich mit dem Mainstream einer Meinung weiß: Bei der Trophäenjagd. Meinetwegen, es gibt auch einiges zum Vorteil der Trophäenjagd zu sagen. Was mich stört: So allgemein, wie de Bok, ihre Kritik an der Trophäenjagd – in ihrem Beispiel auf Damschaufler – vorträgt, ist sie schlicht unzutreffend. So hat der Verf. dieser Zeilen schon etliche Brunfthirsche vom Rotwild genüsslich verspeist: Bei guten Schüssen und sauberer Verarbeitung kein Problem, niemand schmeckt, dass es ein brunftiges Stück war.

Fragwürdig auch ihre Schilderungen des Hundeeinsatzes auf Drückjagden. Die von den offenbar überscharfen Hunden in die Mangel genommenen Wildschweine quieken und grunzen, werden übelst zugerichtet: „[…], dass die Hunde den Sauen derart zusetzen dürfen, verstehe ich nicht“, schreibt de Bok. Dürfen sie übrigens nicht. Der geschilderte Hundeeinsatz ist klar tierschutzwidrig und unweidmännisch. Zucht und Ausbildung von Hunden z.B. im Schwarzwildgatter zielen darauf ab, überscharfe Hunde für die Jagd auszusondern.

Es ist höchst problematisch, was de Bok damit für ein Bild der Jagd vermittelt. In ihrem Bereich mag das so sein, es auf die Jagd allgemein zu übertragen, ist eine unzulässige Verallgemeinerung. Am krassesten ist das, wenn de Bok einen Jagdtag schildert, an dem gleich zehn (!) Hunde geschlagen werden: „…vier sind noch in der Tierklinik, zwei werden es höchstwahrscheinlich nicht schaffen, die übrigen wurden zusammengeflickt.“ Drei tote Hunde an einem Jagdtag sind zum Schluss zu beklagen, und de Bok schildert das entsetzt, aber mit einem gewissen Achselzucken: „Das sind Kollateralschäden, Unfälle mit Hunden sind nicht ungewöhnlich.“ Und an anderer Stelle: „So ist die Jagd…“. Nee, ist sie nicht, da täte ein Blick über den Tellerrand ganz gut.

Irritierend finde ich auch de Boks teilweise etwas sensationslüsterne Assoziationen, gleich zwei Mal ergeht sie sich darin, wie sie das Abschärfen eines Haupts an Köpfungen durch IS-Terroristen erinnert, ein wohliger gruseliger Kitzel für das Lesepublikum. Auch ihr Getue mit der gebraucht gekauften geschichtsträchtigen Waffe im alten Wehrmachtskaliber nervt, dass sie die Kanone dann in einem seltsamen Anfall auch noch auf ihren Lebensgefährten richtet, wundert einen schon fast nicht mehr.

Trotz einiger m.E. ärgerlicher Stellen ist das Buch aber dennoch lesenswert, eine nette Lektüre für Hochsitz oder Strand. SE

978-3-406-72112-0

Erschienen am 15. Februar 2018

272 S.

Gebunden

Beitragsbild: Cover von Pauline de Boks „Beute“. Quelle. C.H. Beck Verlag

 

 

Ein Gedanke zu „Jagen für Landlust-Leser

  1. Hans-Dieter Pfannenstiel

    Da ich das Buch nicht kenne und es nach dieser Rezension vermutlich auch nicht lesen werde, kann ich mich dazu nicht äußern. Ich stelle mir allerdings schon seit langem die Frage wie Bestsellerlisten gemacht werden.

    Antworten

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