Jagdpächter Wobke – ganz allein auf sich gestellt

Eine wahre Geschichte

„Heute könnte es was werden“, freut sich Jagdpächter Wobke. Die Erntemaschinen haben breite Schneisen in das Roggenfeld gedroschen, dazwischen, wo der Boden nach den ausgiebigen Regenfällen der letzten Zeit zu feucht war und die schweren Häcksler stecken zu bleiben drohten, stehen noch große Flächen des Deckung und Äsung bietenden Getreidemeers. Aber auf dem Weg zum Wassergraben müssten die Sauen an irgendeiner Stelle Schneisen queren, die gutes Schussfeld bieten. Wobke hat den Hochsitz an der Schonung bezogen, direkt an der Waldkante, mit gutem Blick über die rechte Seite des großen Getreideschlages. Die linke Seite hat Mitpächter Friese im Blick, der auf der hohen Leiter an der Grabenkante sitzt. Jetzt müssen die Sauen nur noch kommen.

Statt der Sauen kommt ein Anruf Frieses. Genervt geht Wobke ran. „Ist da Party bei Dir?“, fragt Friese, „Äh, wieso?“ „Da turnen lauter Männeken in bunten Klamotten durch den Wald, direkt neben deinem Sitz und machen ein riesen Hin und Her.“ „Ich seh nichts“, sagt Wobke, „die werden schon wieder abhauen“, und legt auf. Zehn Minuten später klingelt Frieses Handy: „Jetzt sehe ich es auch“, sagt Wobke. Mit der einen Hand hält er sich das Fernglas vors Auge, mit der anderen das Smartphone ans Ohr. „Das ist ja eine halbe Schulklasse.“ Aus seiner Stimme klingt diese tiefe Traurigkeit, eine unmittelbare Auswirkung der melancholischen Einsicht, dass die Chancen auf einen erfolgreichen Sauenansitz gerade auf null gesunken sind. Den zwei grellbunt gekleideten jungen Männern, die offenbar vorangegangen waren, um ein geeignetes Plätzchen auszukundschaften, folgen jetzt etliche weitere – auf Geländemotorrädern. Lautstark wird das Gepäck abgeladen, mehrere Kradfahrer urinieren erstmal gegen Bäume, um das Terrain nicht nur akustisch, sondern auch olfaktorisch in Beschlag zu nehmen. Bald sind sechs oder sieben Kuppelzelte am Waldrand aufgebaut, in der Mitte des Lagerplatzes brennt prasselnd und knackend ein stattliches Feuer.

Frieses Handy klingelt zum zweiten Mal. „Bei 36 Grad und Waldbrandstufe 5, die spinnen wohl“, ereifert sich Wobke. „Außerdem müssen die über die gesperrten Waldwege im Biosphärenreservat gefahren sein, und campen dürfen die hier auch nicht. Ich fahre da jetzt hin und sage denen, dass sie sich verpissen sollen.“ „Das lass man lieber“, mahnt Friese, „Die sind mindestens sechs bis zehn. Wenn die behaupten, du hast sie mit der Waffe bedroht und es steht Aussage gegen Aussage, bist du am Arsch. Sowas kannst du dir als Legalwaffenbesitzer nicht erlauben. Wenn, dann lass uns wenigstens gemeinsam hinfahren.“ „Du hast Recht“, sagt Wobke. „Lass uns erstmal hier an der Weide treffen, dann sehen wir weiter.“ Beide Weidmänner baumen ab. Der Ansitz ist beendet, bevor er richtig begonnen hatte.

Als Friese an dem Treffpunkt an der Weide ankommt, hat Wobke seine Meinung geändert. Das wilde Camp durchs Fernglas beobachtend, überlegt er: „Das sind mindestens zehn, zwölf Mann, und wer weiß, wie die drauf sind. Auch wenn wir da zu zweit hingehen, die können immer noch behaupten, wir hätten sie bedroht. Ist mir zu heiß. Du weißt ja, wie es Holgi ergangen ist, als er diesen Typen wegen seiner wildernden Hunde angesprochen hat. Der hat ihn auch angezeigt, und obwohl Holgi nicht mal seine Waffe dabei hatte, hätte er um ein Haar alles abgegeben.“ „Also, was willst du tun?“, fragt Friese. „Ich ruf den Dorfpolizisten an“, verkündet Wobke.

Äh ja, guten Abend Frau…, hier ist Wobke aus…, könnte ich wohl mal ihren Mann… also es ist so…, dann kamen da…, Waldbrandstufe 5, Feuer, zwölf Mann…, ach so ja, verstehe, na dann, schönen Abend noch. „Was hat er gesagt?“ „Dass er Feierabend hat“, antwortet Wobke wütend, „War äußerst ungehalten um 21 Uhr noch mit dienstlichen Belangen belästigt zu werden. Der soll mir nochmal kommen, wenn er ein Wildschwein für die nächste Party braucht, oder wenn er nachts um drei anruft, weil ich nach einem Wildunfall wieder mal auf der Bundesstraße aufräumen soll! Meinte, das wäre ein klassischer Fall für die Schutzpolizei.“

Während des Telefonats mit der Polizeiwache in der ehemaligen Kreisstadt meint Friese verfolgen zu können, wie Wobke nicht nur immer einsilbiger wird, sondern seine Miene einen beunruhigenden Ausdruck annimmt, eine Mischung aus Fassungslosigkeit und Wut. „Die kommen nicht, haben sie gesagt“, japst Wobke nachdem er das Gespräch mit den Hütern von Ordnung und Sicherheit beendet hat. „Die haben gesagt, die haben nur einen Einsatzwagen für das gesamte Kreisgebiet, und der ist unterwegs. Sie wissen nicht, wann der zurück ist, und es warten noch ein paar wichtigere Fälle.“ „Ich habe das in der Lokalpostille gelesen, dass die nur ein Auto für den ganzen Kreis haben, aber ich habe es nicht glauben wollen“, stöhnt Friese. Kopfschüttelnd stehen die Männer im Wald. In dem Camp am Waldrand schlagen die Flammen des Lagerfeuers inzwischen drei Meter hoch.

„Einen habe ich noch“, ruft Wobke, „Den Förster, ist ja schließlich dem sein Wald.“ Doch auch dieser letzte in Frage kommende verbeamtete Vertreter der Obrigkeit, des staatlichen Gewaltmonopols ist eine nur eine weitere herbe Enttäuschung. Wie viele sind das, möchte der Forstbeamte wissen, um dann abzuwinken: „Nee, nee, den Stress tue ich mir nicht an, ich habe genug andere Probleme.“

Wobke ist pappesatt: „Wo leben wir eigentlich? Alles, was ich hier mache, ist erlaubt, und ich bezahle sogar noch dafür, alles, was die machen ist verboten, und ICH muss klein beigeben? Selbst darfst du nichts sagen oder machen, sonst wirst du gleich wie der letzte Verbrecher behandelt, und die Leute, die dafür bezahlt werden, es an deiner Stelle zu tun, wollen oder können nicht. Ein Haufen teurer Beamter, denen ihr Feierabend heilig ist, und ansonsten wollen sie keinen Stress, und das einzige Polizeiauto im ganzen Landkreis wird wahrscheinlich demnächst gegen ein Dienstfahrrad mit Dreigangschaltung ersetzt, damit wir noch mehr Geld in die nächste Runde Banken- und Eurorettung und wer weiß wohin noch pumpen können. Wofür zahle ich in diesem Kackstaat überhaupt noch Steuern?“

Aber dann, sich ein wenig befreit und erleichtert fühlend nach diesem fast schon aufwieglerischen Ausbruch, ja, und beinah schon peinlich berührt und erschrocken über sich selbst, über diese Andeutung von Auflehnung gegen die staatliche Ordnung, gegen Recht und Gesetz und Disziplin – schließlich ist Ruhe immer noch erste Bürgerspflicht – atmet Wobke tief durch und tut, was der gute, brave Deutsche in solchen Situationen halt tut: „Lass uns ein Bier trinken gehen.“ „Gute Idee“, sagt Friese, „aber vorher bringen wir noch die Waffen in den Waffenschrank.“ SE

Beitragsbild: Feuerstelle. Foto: SE

2 Gedanken zu „Jagdpächter Wobke – ganz allein auf sich gestellt

  1. HJ

    Solche Fälle sind in der Umgebung Potsdams Gang und Gäbe. Teilweise feiern bis zu 200 Leute in den Wäldern Parties. Da hilft nur die Feuerwehr zu rufen.

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  2. Anko

    Tipp fürs nächste mal: Feuerwehr informieren, akute Brandgefahr.
    Die treten dann schon die nötige Rettungskette los.

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