Israel: Wölfe attackieren Kinder

Auf Campingplätzen und in Gemeinden in der Judäischen Wüste ist es innerhalb von vier Monaten zu zehn Angriffen von Wölfen auf Kinder gekommen. Die seriöse israelische Tageszeitung Haaretz schildert einige dieser Vorfälle. So campten im Mai mehrere Leute, die zusammen zehn Zelte aufgestellt hatten, in der Nähe von Masada. Eine Frau hielt sich mit ihren anderthalb und drei Jahre alten Töchtern in einem Zelt auf, als ein Wolf in das Zelt schlich. Sie schrie und trat nach ihm, was den Wolf jedoch nicht zur Flucht veranlasste. Erst als auf ihr Geschrei hin mehrere andere Leute zusammenliefen, gelang es, den Wolf zu verscheuchen. Doch zwei Stunden später war er wieder da: Die Mutter hörte ihre Tochter, die fünf Schritte draußen vor dem Zelt spielte, schreien und rannte hinaus. Da sah sie ihr Kind am Boden liegen, der Wolf stand über dem Mädchen, beschnüffelte es. Sie schrie und rannte und packte ihre Tochter, die Bisswunden am Rücken davon trug: Der Wolf habe das Mädchen nicht angegriffen, er habe es packen und fortzerren wollen, um es zu fressen, sagt der Vater. Der Wolf habe sich die Kinder angesehen und sich das kleinste ausgesucht.

Neun ähnliche Vorfälle haben sich allein in den vier Monaten nach diesem zugetragen. Attackiert wurden immer Kinder, darunter einige Säuglinge. Ein kleines Mädchen lag abends beim Lagerfeuer auf dem Bauch ihres Vaters, als ein Wolf aus der Dunkelheit auftauchte und die Kleine schnappte. Im Juni spielte ein zweieinhalb Jahr altes Mädchchen vor dem Hotels des Kibbuz En Gedi auf dem Grass, als der Wolf angriff. Der Vater des Mädchens, dass Bisswunden an Bauch und Rücken davontrug, konnte den Wolf verscheuchen. Zwei weitere Kinder wurden in der En Gedi Field School oder an der Quelle attackiert. Wegen der Wachsamkeit der Eltern gingen diese Vorfälle glimpflich aus, meist kam es nur zu Kratzern und kleineren Bisswunden, die attackierten Kinder wurden in Krankenhäusern versorgt und erhielten vorsorglich Tollwutimpfungen.

Haaretz zitiert den Wolfsexperten Dr. Haim Berger, einen Biologen, der seine Doktorarbeit über das Verhalten von Rudeltieren, darunter Wölfe, geschrieben hat (und den Titel „Wolfsexperte“ folglich mit größerem Recht trägt als etliche der hiesigen sog. Experten). Berger bestätigt gegenüber Haaretz, dass die Wölfe nicht angriffen, um zu beißen, zu drohen, oder zu spielen, sondern weil sie die Kinder als Nahrung erbeuten wollten. Berger berichtet von einer „traumatischen Erfahrung“, die er selbst gemacht habe, als er mit seinen Kindern in der Wüste campte: Die Kinder wollten nicht im heißen Zelt schlafen, sondern lieber draußen. Nachts rief seine Tochter, dass da ein Wolf sei. Als Berger aus dem Zelt trat, stand der Wolf ganz in der Nähe und machte keine Anstalten, die Flucht zu ergreifen. „Wenn ein Wolf keine Angst vor dir hat, musst du Angst vor ihm haben“ sagt Berger, „Ein Wolf, der keine Angst hat, ist ein Wolf, der angreift.“

Es bestünde kein Zweifel, dass die Wölfe eine reale Gefahr darstellten, erklärt Berger, und wirft der Natur- und Nationalparkverwaltung vor, die Gefahr zu ignorieren und zu leugnen. EIn Sprecher der Nationalparkverwaltung wies diese Anschuldigung gegenüber Haaretz zurück: Man nehme das Problem ernst, stelle Schilder auf, die davor warnten, die Tiere zu füttern, Ranger wurden mit Paintball-Pistolen ausgestattet, die Chili-Kugeln verschießen, auffällige Wölfe würden eingefangen und „umerzogen“. Das Hauptproblem seien jedoch Wanderer, die die Wölfe fütterten.

Berger hingegen glaubt, dass die Wölfe einen langen Gewöhnungsprozess durchlaufen hätten, in dessen Verlauf sie nicht nur gelernt hätten, dass von Menschen keine Gefahr ausgeht, sondern auch, diese als Nahrungsquelle zu begreifen. Vor hundert Jahren hätte es kein Wolf gewagt, sich den Beduinen in der Wüste zu nähern. Berger fordert eine Reihe von Sofortmaßnahmen, um der Gefahr durch Wölfe zu begegnen: Warnschilder, striktes Fütterungsverbot, Ranger mit nicht-letalen Waffen müssten immer bereit stehen, um die Wölfe zu verscheuchen. Andere fordern den Abschuss der Wölfe.

Beitragsbild: Headline des zitierten und verlinkten Beitrags in Haaretz. (Bildschirmfoto, Ausschnitt)

Die Red. dankt JAWINA-Leser JG für den Hinweis!

Ein Gedanke zu „Israel: Wölfe attackieren Kinder

  1. Anko

    In der Zuspitzung zu letztlich Beute-Attacken zeigt sich das von einem Biologen und Wolfspraktiker schon lange beschriebene Stufenmuster der Eskalation:

    http://wolfeducationinternational.com/seven-stages-leading-to-a-wolf-attack-on-people/

    Stellt sich die Frage, ob, wann und welche Folgerungen man aus all dem in deutschen Amtsstuben ziehen wird. Gerade weil in unseren dicht wie nie besiedelten Landschaften inkl. vorgeblich menschenleerer Klassiker-Wolfsstandorte wie Truppenübungsplätze Gewöhnungseffekte seitens des Wolfs unvermeidlich und bereits jetzt Realität sind.

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