Hoch, schnell – vorbei

Jagd auf getriebene Fasane in Dänemark

Als Klaas, seines Zeichens Deerhunter-Repräsentant für Deutschland und bekennender JAWINA-Fan, mich zu der großen Deerhunter-Fasanenjagd auf Schloss Schackenborg in Dänemark einlädt, beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. Ich kann meine Flintenschießkünste nämlich durchaus realistisch einschätzen: Dass ich regelmäßig Gelegenheit hatte, auf Fasane und anderes Niederwild zu weidwerken, ist mindestens sechs, sieben Jahre her. Im schalenwildfixierten Brandenburg spielt die Flintenjagd einfach keine Rolle. Selbst in Revieren, in denen es gute Möglichkeiten gäbe, Enten oder Gänse zu bejagen, bleiben sie oft unbehelligt. Wegen ein paar Kleintieren in den Einständen rumballern? Den Brunftplatz beunruhigen? Nicht doch. Folglich rastet und rostet die Flinte seit Jahren im Waffenschrank vor sich hin – die Motivation, etwas so selten benötigtes zu üben, hält sich in Grenzen.

Feudale Kulisse: Schloss Schackenborg. Foto: SE

Es geht aber vor allem darum, das Team kennen zu lernen, eine gute Zeit und ein bisschen Spaß zu haben und eine ganz andere Jagdart und Jagdtradition aus erster Hand kennen zu lernen, gibt Klaas zu bedenken. Okay, überredet. Als wir dann am Abend vor der Jagd mit Deerhunter-Inhaber Lars Engel, Jagdgästen, Kunden und Medienleuten beim Italiener sitzen, weiß ich, dass meine Bedenken gerechtfertigt waren: Lars empfiehlt seinem Sohn, der von seinem Job auf der Tankstelle kommend zu uns stößt (das andere Kind des um Bodenständigkeit bemühten Vaters jobbt im Supermarkt), die einfachen, niedrigen Fasane doch fliegen zu lassen und nur die hohen, schnellen, schwierigen zu erlegen.

Im Jagdfieber-Modus: Lars Engel, Gastgeber und Inhaber von Deerhunter. Fotos: SE

Andere Gäste schwärmen von ihren Jagderlebnissen bei der Jagd auf „pfeilschnelle“ und „turmhohe“ Tauben, Moor- und Rothühner und überbieten sich mit absurden Highscores bei der Flugwildjagd. Etliche Tontauben-Cracks sitzen am Tisch, darunter ein ehemaliger Deutscher Meister im jagdlichen Schießen. „Mit dieser Flinte habe ich bei der letzten Jagd eine Rekordanzahl von Fasanen geschossen“, verrät Lars dem Mitjäger, der wie ich auf eine Leihflinte optiert hatte, „Es liegt also eine gewisse Verpflichtung auf dir, das möglichst zu toppen.“ „Okay, dann nehme ich eine andere“, sagt der Angesprochene lachend. Immerhin scheine ich nicht der einzige zu sein, der nicht vollstes Zutrauen zu seinen Schießkünsten hat.

Feldtreiben auf Gut Schackenborg: Die getriebenen Fasane kommen hoch, weit, schnell. Fotos: SE

Am nächsten Morgen geht es raus nach Schloss Schackenborg, das bis 2014 dem dänischen Prinzen Joachim als Wohnsitz diente. Das Schloss hat er bei seinem Auszug einer Stiftung übertragen, die umliegenden Wälder und Felder blieben in seinem Besitz. Die Jagd ist an den dänischen Unternehmer Christian Müller und seinen Kompagnon verpachtet. Auf zirka 9000 Fasane schätzt Christian den Bestand jetzt, mitten in der Saison. 5000 Fasane dürfen jährlich nachgezüchtet und ausgewildert werden.

Wer jetzt glaubt, dass es sich dabei um fette, nahezu flugunfähige Zuchtviecher handelt, die kurz vor der Jagd aus der Kiste gekippt und von Treibern durch kräftige Bürzeltritte überhaupt erst in Flugwild verwandelt werden – der täuscht sich. Zum einen gibt es auf Schackenborg einige hundert Hennen, die draußen brüten und erfolgreich ihre Brut großziehen. Das beweist übrigens, dass das Biotop stimmt und die Prädatoren erfolgreich in Schach gehalten werden, wovon dann auch diverse andere, nicht jagdbare Arten profitieren.

Perfekt organisiert: Hundeführer und Jagdhelfer beim Aufbruch zur Jagd. Fotos: SE

Die zusätzlich benötigten Fasane werden in riesigen, naturnahen Auswilderungsvolieren gehalten und schon Anfang des Jahres ausgewildert. Die sind also „quasi wild“ und können auch richtig fliegen – was ich, wie man sehen wird, bestätigen kann. Wer kritisiert, dass Tiere speziell für die Jagd gezüchtet werden, sollte bedenken, dass die Fasane auf Schackenborg nicht nur ein längeres, sondern auch ein artgerechteres und sehr wahrscheinlich deutlich schöneres Leben haben, als ihre gefiederten Kollegen in der industriellen Geflügelmast.

Beeindruckende Hundearbeit: Fast jedem Schützen ist eines der hervorragend eingearbeiteten Gespanne zugeordnet.

Nach dem Frühstück und einer ausführlichen Sicherheitsbelehrung geht es raus ins Revier. Freigegeben sind Fasane – Hähne und Hennen – sowie Schnepfen.

Der Anblick meiner Mitjäger raubt mir die letzten Illusionen: Gewandet in klassisch elegante Tweedanzüge tragen sie englisch geschäftete Schmuckstücke von Flinten über den Schultern. Meine vom harten Leben als Leihflinte gezeichnete russische Baikal – die einzige, die zu deinen Orang-Utan-Armen passt, wie Klaas mit jener erfrischenden Direktheit anzumerken beliebte, die wir an Norddeutschen so schätzen – stellt die perfekte Versinnbildlichung meines Außenseitertums dar.

Feine Flinten…

… prägen das Bild.

Die meisten Jagdgäste sind hervorragende Flintenschützen und passionierte Flugwildjäger. Fotos: SE

Das erste Treiben ist ein Feldtreiben. Bei dieser Gelegenheit wird mir der wesentliche Unterschied zwischen der dänischen und der mir bis dato bekannten Art der Fasanenjagd klar: Was ich kenne und durchaus schätze, das ist die Fasanenjagd mit Vorstehhunden, bei der die Hunde die Fasane suchen und vorstehen. Der Jäger tritt an den Hund heran, der Fasan streicht ab – und ist, langsam und in einer meist ziemlich berechenbaren Bahn aufsteigend, ein relativ leichtes Ziel. Hier auf Schackenborg, das sind getriebene Fasane. Die Treiber gehen, in die Hände klatschend, durch die Einstände und machen die Fasane hoch, mit der beabsichtigten Folge, dass die Fasane schon weitaus höher und schneller sind, wenn sie den Schützen kommen.

Hundearbeit auf höchstem Niveau. Foto: SE

Ich hatte mir ja schon gedacht, dass es schwierig für mich wird, aber nicht, dass es so schlimm sein würde. Die Fasane kommen angeschossen, jeder Anschlag ist mangels Übung anders und fühlt sich falsch an. Mir ist dunkel bewusst, dass diese Jagd nicht die passende Gelegenheit für Anschlag- und Trockenübungen darstellt, aber Fasan um Fasan zieht vorbei, und die Baikal bleibt zum Schweigen verdammt. Doch dann hält ein Fasan direkt auf mich zu und biegt etwa fünf Meter über und neben meinem Kopf in einem provokanten 90-Grad-Bogen Richtung Waldrand ab. Ich ziehe mit, drücke ab und – Volltreffer.

Der Fasan zerspritzt zu einer amorphen Masse und noch lange, nachdem die entkernte Hülle des Vogels schlaff auf dem modderigen Erdboden aufgeschlagen ist, tänzeln seine Federn leise sich wiegend im Wind – ein farbenfrohes Bild. „Den hast du pulverisiert“, sagt Lars, „Ja, der ist Gulasch“, erwidere ich, und da ich mir jetzt nicht ganz sicher bin, ob das wirklich rein anerkennend gemeint war und nicht doch so etwas wie milder Tadel mitschwingt, verkneife ich mir zu beteuern, dass man auch diesen Fasan,vorausgesetzt, man verfügt über ein leistungsfähiges Metallsuchgerät, durchaus noch verwerten kann – etwa in Form einer feinen Pastetenfüllung.

Kleiner Imbiss mit aufmerksamen Zuschauern.

Das nächste Treiben ist ein Waldtreiben. Man steht in dichtem Gestrüpp, dicht umringt von kahlen Bäumen, Ästen und hohen Fichten, die nur winzige Sicht- und Schussfenster freilassen. Wie tieffliegende Düsenjäger zischen die Fasane zwischen Bäumen und Zweigen hindurch. Die passionierten Flugwildschützen stehen, die Flinten bereits im spitzen Winkel gen Himmel gerichtet da, um dann blitzschnell anzuschlagen und in Haltungen „kurz vor Hexenschuss“, wie ein Fotograf anmerkt, einen Über-Kopf-Fasan nach dem anderen aus der Atmosphäre zu pflücken.

Klaas beim Fasanenpflücken in einem Waldtreiben.

Game over für einen Fasan.

Pfeilschnelle Schnepfe.

Nichts für mich, entscheide ich und übergebe die Baikal Klaas, der damit in und auf meinen Namen – nach jedem Treiben sagen die Schützen an, was sie geschossen haben und die Ergebnisse werden namentlich zugeordnet in eine Tabelle eingetragen – noch 19 Fasane und eine Schnepfe erbeutet, so dass ich als wenn auch nicht herausragender, so doch recht passabler Flintenschütze in die Annalen von Gut Schackenborg eingehen werde – gewusst wie.

Lars‘ Schnepfe.

„Meine erste Schnepfe“, sagt Klaas stolz und dankbar und möglicherweise auch etwas unbedacht zu einem der Jagdhelfer, der daraufhin gleich auf Dänisch in die Runde brüllt, „Klaas hat seine erste Schnepfe geschossen!“, um ihm dann mit maliziösem Lächeln mitzuteilen, dass man da ein kleines Ritual habe, das ihm möglicherweise nicht so gefallen werde… Sichtlich beunruhigt versucht Klaas daraufhin, Erkundigungen über Ablauf und Inhalt des drohenden Rituals in Erfahrung zu bringen. Er ist sehr erleichtert, als er erfährt, dass hier auf Schackenborg nur die abgemilderte Version des alten Brauchs zelebriert wird: Der Erleger muss der Schnepfe, die ihm zu diesem Zweck auf einem silbernen Tablett gereicht wird, einen Kuss auf das Brustgefieder drücken. „Im Original küsst man die Schnepfe auf den Arsch, und dann drücken sie auf den Bauch, so dass…“ Lassen wir das.

Lars vollführt das Ritual.

Nachdem ich mich der Bürde Baikal entledigt habe, studiere ich den minutiös geplanten Ablauf dieser perfekt organisierten Jagd. Die Zahl der Jagdhelfer, Treiber und Hundeführer übersteigt die Zahl der Schützen deutlich. Jagdleiter Martin steht über Funk in Verbindung mit den Treiberwehren und dirigiert diese virtuos, so dass die Fasane ideal den Schützen kommen. Das für mich Faszinierendste aber ist die perfekte Hundearbeit.

Arbeitsfreude im Modder.

Zum Einsatz kommen fast ausschließlich Labrador-Retriever.

Zum Einsatz kommen ausschließlich Retriever, ein Golden Retriever war dabei, ansonsten Labrador Retriever, zum überwiegenden Teil schwarze. Fast jedem Schützen ist ein Gespann zugeordnet. Ich habe selten so hervorragend abgeführte Hunde gesehen: Die meisten folgen ihren Führern frei bei Fuß, während des Treibens, wenn die Fasane vor, neben und hinter den Hunden auf den Feldern, Wegen, Waldböden oder in Wassergräben  einschlagen, sitzen sie ohne Leine und Halsung neben ihren Führern und schauen sich alles ruhig und aufmerksam an.

Frei bei Fuß im Treiben – die hohe Schule.

Nach den Treiben schicken die Führer sie zum Apportieren los, und mit Feuereifer und sichtbarer Arbeitsfreude stürzen die Hunde dann los und bringen Stück um Stück. Mit gelegentlichen leisen Pfiffen und Handzeichen dirigieren die Hundeleute ihre Vierläufer, es gibt kein Geschrei, keine Gejaule und Geheule und erst recht keine Beißerei. Wirklich beeindruckend, die Dänen demonstrieren hier die ganz hohe Schule der jagdlichen Hundearbeit, es ist einfach ein Vergnügen, dabei zuzusehen.

Grabenkampf…

„Wir fangen schon mit acht Wochen an, die Welpen spielerisch an die Ausbildung heranzuführen“, erklärt Michael Spang von Seaside Gundogs, der mit zwei seiner schwarzen Labradors dabei war. „Aber auf eine Jagd wie diese kannst du sie erst mitnehmen, wenn sie zweieinhalb sind. Fängst du zu früh damit an, so werden sie zu wild und haben nicht diese Ruhe.“ Die Hundeführer werden übrigens nicht für den Einsatz ihrer Hunde bezahlt. Stattdessen gibt es zum Ende der Saison eine Jagd nur für sie.

Wiesen und Felder wechseln mit Altholzbeständen und Kahlschlägen mit dichtem Bewuchs – ein ideales Fasanen-Biotop.

Von nichts kommt nichts: Silo-Land-Rover zum Beschicken der Fütterungen.

Als das letzte Treiben abgeblasen ist, geht es zurück zum Jagdhaus. Der Wille zur Perfektion auf dieser Jagd offenbart sich noch beim Streckelegen: Akribisch werden die erlegten Fasane an einer gespannten Schnur ausgerichtet. 414 Fasane und sechs Schnepfen sind an diesem Jagdtag zur Strecke gekommen. Alle Vögel werden verarbeitet, das Fleisch spendet Lars einer wohltätigen Organisation, die Bedürftige zu Weihnachten mit einem opulenten Mal versorgt. So wird auch auf dieser Jagd ein hochwertiges Lebensmittel erzeugt. Vielleicht ist ja auch die Freude ein Argument, die die so geschaffene und kultivierte Art der Jagd den Jägern (und Hunden!) bereitet – wenn auch sicher kein Argument, dass misanthropische Tierfreunde anerkennen würden.

Dänische Akkuratesse: Perfekte Ausrichtung beim Streckelegen.

414 Fasane und sechs Schnepfen kamen zur Strecke. Fotos: SE

Aber sie ist da. Die Freude über den erfolgreichen Jagdtag belebt die Stimmung beim leckeren, vom Schackenborger Schlosskrug gelieferten Abendessen, ist spürbar in den Gesprächen, in denen die schwierigen Schüsse, die Herausforderungen an den anspruchsvollen Ständen noch einmal durchlebt und genossen werden und ist letztlich auch der Grund dafür, dass es diese Jagd gibt: „Wir machen das, weil ich Flugwild liebe“, bekennt Lars, „Flugwild – das ist für mich Jagd!“ SE

 

4 Gedanken zu „Hoch, schnell – vorbei

  1. RK

    Sehr schön – ist die Baikal mit den Orang-Utan-Armen eigentlich abgebildet? 😉 Das wäre vollkommene journalistische Transparenz!

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    1. admin Beitragsautor

      Die Baikal ja (mehrfach), die dazugehörigen Arme nicht. Wir wollen es ja nicht übertreiben mit der journalistischen Transparenz…

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