Fette Beute(macher)

Oft geleugnet, jetzt bewiesen: Eine aktuelle amerikanische Studie zeigt, dass Hauskatzen entscheidenden Einfluss auf den Bruterfolg von Singvögeln ausüben.

Geschmeidige Muskeln und – dank üblicherweise reichlicher Fütterung – üppige Fettreserven, Vier-Pfoten-Antrieb, grünlich schimmernde, nachtsichttaugliche Augen, samtige Ballen, die lautloses Schleichen ermöglichen, doch aufgrund der ausfahrbaren, dolchartigen Krallen auch zum flinken Erklimmen von Nistbäumen und anderen Brutplätzen geeignet sind, dazu nadelspitze Zähne, auf denen sämtliche Bazillenarten des Universums siedeln – keine Frage: Aus Sicht des boshafterweise Katzendrossel (Graycatbird, dumetella carolinensis) getaufen Singvogels, stellt die gemeine Hauskatze (Felis catus) einen furchteinflößenden Gegner dar.

Eine jüngst veröffentlichte Studie geht der Frage nach, welche Faktoren den Bruterfolg der Sperlingsvögel in der Nähe menschlicher Siedlungen bestimmen. Dazu untersuchte ein Team um Anne Balogh von der Biologischen Fakultät der Towson University im US-Bundesstaat Maryland drei Stadtrandgebiete rund um Washington DC. Für Kulturfolger wie die Katzendrossel stellen dievon Eigenheimen mit weitläufigen Gärten geprägten Vororte durchaus brauchbare Lebensräume dar.

Chancen und Risiken

Die Katzendrosseln profitieren vom Rückgang mancher einheimischer Prädatoren, von einem erhöhten Nahrungsangebot (zum Teil durch Fütterungen), Nisthilfen und einem veränderten Mikroklima. Negativ könnten sich in Siedlungsnähe aber die mögliche Konkurrenz mit eingeführten Exoten, die Anwesenheit von Prädatoren wieeben Hauskatzen oder auch die möglicherweise höhere Belastung durch Umweltgifte auswirken. Um herauszufinden, wie diese gegensätzlichen Einflüsse auf die Fortpflanzungsrate auswirken, kartierten die Forscher die Nester der Katzendrosselpärchen im Untersuchungsgebiet und kontrollierten sie regelmäßig während der Brut- und Nestlingsphase. Der gewaltige technische Fortschritt in der Radiotelemetrie ermöglichte es, selbst die sehr kleinen Küken vor dem Flüggewerden zu besendern und die Überlebensquote in der riskanten Lebensphase nach dem Verlassen des elterlichen Nests zu bestimmen.

Prädation an erster Stelle

Die telemetrierten flüggen Jungvögel wurden überwacht, bis sie das Untersuchungsgebiet endgültig verließen – oder tot aufgefunden wurden. Zustand und Fundort der tot aufgefundenen Exemplare ermöglichten Rückschlüsse auf den verantwortlichen Beutegreifer. Zusätzlich versuchten die Biologen, Art und Dichte der Prädatoren im Untersuchungsgebiet zu erfassen, also zum Beispiel Grau- und Streifenhörnchen, Greifvögel, Eichelhäher, Krähen und, nicht zuletzt, Hauskatzen. Prädation ist der Studie zufolge für 79 Prozent der gesamten Mortalität des Katzendrossel-Nachwuchses verantwortlichAllein 47 Prozent (!) davon gehen auf das Konto von Hauskatzen – und das, obwohl nur in zwei von drei Untersuchungsgebieten freilaufende Katzen vorkamen.

Vor allem die gerade flügge gewordenen Jungvögel werden von Stubentigern gezehntet. In der ersten Woche nach Verlassen des Nests erregen die unerfahrenen Piepmätze durch lautes Betteln und die Fürsorge der Altvögel die Aufmerksamkeit von „Augenjägern“ wie es Hauskatzen sind, die entsprechend fette Beute machen. Die Folgen sind schwerwiegend: Nur in dem Gebiet, in dem während der Studie keine streunenden Mietzen angetroffenwurden, ist die Reproduktionsrate der Katzendrosseln hoch genug, um einen stabilen Bestand zu gewährleisten. In den beiden anderen Gebieten, wo Katzen häufig anzutreffen waren, schrumpfen die Bestände.

Feuer frei?

Hauskatzen üben einen überproportionalen Einfluss auf die Überlebensrate von Katzendrosseln in der „suburbanen Matrx“ aus, resümieren die Forscher: Katzen könnten als „subventionierte Prädatoren“ unnatürlich hohe Bestandsdichten erreichen, da sie im Gegensatz zu Wildtieren nicht der üblichen Limitierung durch begrenzte Nahrungsressourcen, Krankheiten und innerartliche Konkurrenz ausgesetzt seien. Was bedeuten solche alarmierenden Ergebnisse für die Inhaber hiesiger Niederwildreviere? Die Empfehlung, einen Vernichtungsfeldzug gegen marodierende Hauskatzen einzuleiten, werden wir nicht erteilen. Zu verheerend wirken sich ruchbar gewordene Haustierabschüsse auf das Image der Jägerschaft aus. Doch eines ist auch klar: Mit einem Verbot oder Verzicht auf den Jagdschutz, wird das Überleben für viele, von Fressfeinden umzingelte Arten noch schwerer. Auf die Einsicht der Tierhalter zu hoffen, dürfte vergeblich sein. Insofern: Harte Zeiten für Katzendrossel und Co. Stephan Elison

Studie: Anne L. Balogh, Thomas B. Ryder, Peter P. Marra, (2011), Population demography of Gray Catbirds in the suburban matrix, www.springerlink.com, Volltext-Download 34 Euro.